PolitikDie Rhetorik der Macht

Über weniges regen sich die Medien derzeit mehr auf als über Peer Steinbrücks Interviews. Sollte er vielleicht lieber reden wie die Kanzlerin? von 

Zu den Vorwürfen, die man dem Kanzlerkandidaten der SPD Peer Steinbrück in den Medien macht, gehört sein ungeschickter Umgang mit den Medien. Steinbrück habe, wie der Spiegel in seiner aktuellen Titelgeschichte noch einmal herausstellt, »den Eindruck« erweckt, sich ein besseres Einkommen verschaffen zu wollen, da er in einem Interview darauf hingewiesen habe, dass das Kanzlergehalt verhältnismäßig niedrig sei. Nun hatte Peer Steinbrück keineswegs gesagt, dass er aufgrund eines finanziellen Vorteils Bundeskanzler werden möchte, er hatte vielmehr stets das Gegenteil behauptet, zum Beispiel im November in der Bild am Sonntag: »Meine Bewerbung um die Kanzlerkandidatur zeigt, dass mir dieses politische Engagement wichtiger ist als Geld. Denn sonst würde ich mehr verdienen, wie ja jetzt jedermann weiß.« Das weiß natürlich auch jeder politische Kommentator, genauso wie er allerdings auch weiß: Darauf kommt es gar nicht an. Es kommt nicht in erster Linie auf die Aussage selbst an, es kommt darauf an, ob sich aus der Aussage ein zweifelhafter Eindruck ableiten lässt, der zu einer öffentlichkeitswirksamen Erzählung taugt. Die Erzählung lautet: Ausgerechnet ein Kanzlerkandidat der SPD, der für seine Vorträge hohe Honorare kassierte, hinterlässt den Eindruck, sich über sein mögliches zukünftiges Gehalt zu beschweren. Nach Steinbrücks Vorgeschichte, so der Spiegel, »wirkte es seltsam«, dass Steinbrück auf das Kanzlergehalt zu sprechen gekommen sei. Seltsam ist allerdings auch, dass die seltsame Wirkung einer Aussage ein Politikum sein soll.

Genau besehen, lässt sich aus den Steinbrückschen Interviewsätzen vor allem ableiten, dass er sich den Medienmechanismus nicht zu eigen machen möchte, wonach schon der mögliche Eindruck, den eine Aussage hinterlässt, diese sogleich zu einer kritikwürdigen macht. Eine kluge Antwort im Pingpongspiel eines journalistischen Interviews ist heute eine tautologische oder möglichst selbstverständliche, aus der sich, wenn überhaupt, nur indirekt etwas ableiten lässt. In diesem Sinne kluge Antworten kennt man gut von der Bundeskanzlerin. Nur einige allzu typische Beispiele aus den vergangenen Monaten: Am 2. Mai beantwortete Angela Merkel in der Welt die Frage, welche Bedeutung die Landtagswahl in Schleswig-Holstein für sie und die CDU habe, folgendermaßen: »Jede Landtagswahl ist wichtig, weil sie darüber entscheidet, welche Politik in einem Bundesland zum Tragen kommt (...).« Am 3. Mai wurde sie von der Hamburger Morgenpost gefragt, ob sie zur Fußballeuropameisterschaft in die Ukraine fahre: »Ich habe noch keine Reisepläne zu Spielen der EM gemacht, weder nach Polen noch in die Ukraine, so etwas entscheide ich immer kurzfristig (...).« Am 2. Dezember wurde sie in der Bild am Sonntag gefragt, welche Position die Union zur steuerlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare mit Eheleuten habe: »Der Parteitag ist der richtige Ort für eine solche Entscheidung (...).« Wie ernst nimmt sie ihren Herausforderer Peer Steinbrück? »Ich habe immer jeden meiner Konkurrenten und Herausforderer ernst genommen und respektiert (...).«

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In Angela Merkels Interviewantworten wird entweder auf ein zuständiges Gremium verwiesen (»Parteitag«), die Fragestellung bis zur Unkenntlichkeit ins Allgemeine verschoben (»Jede Landtagswahl ist wichtig...«, »Ich habe immer jeden meiner Konkurrenten...«), oder aber die Frage wird als noch gar nicht beantwortbar deklariert, da eine Entscheidung noch aussteht: »Ich habe noch keine Reisepläne...« Es gehört übrigens zum guten Ton der Medienkritik, derlei Politikeraussagen zu beanstanden – als zu glatt, zu strategisch, zu unauthentisch (das sei bei Wehner, Brandt, Kohl noch ganz anders gewesen und so weiter), was natürlich zu kurz greift: Bis zu einem gewissen Grad bleibt Politikern gar nichts anderes übrig, als ihre Botschaften formelhaft zu wiederholen, damit sie auch durchdringen.

Nun folgen Steinbrücks Interviewantworten keineswegs der gewohnten politischen Kommunikationsstrategie, sie meiden irritierenderweise die Trias aus Ablenkung (»Parteitag«), Verallgemeinerung (»Jede Landtagswahl«) und Verschiebung (»Reisepläne«). »Zählt Nähe zu den Menschen zu Ihren Stärken?«, wurde Peer Steinbrück am 8. Dezember in der Süddeutschen Zeitung gefragt. Antwort: »Ich bin offen, biedere mich aber nicht an. Ich rede auch im Alltag so, wie mir der Schnabel gewachsen ist.« Die Bild am Sonntag fragte ihn am 25. November: »Sie haben Angela Merkel aufgefordert, den Deutschen in Sachen Griechenland endlich die Wahrheit zu sagen. Was ist die volle Wahrheit?« Antwort Steinbrück: »Wir Deutsche müssen Opfer bringen für den Zusammenhalt Europas. Wir sind längst in einer Haftungsunion. Griechenland wird in den nächsten acht Jahren nicht auf die Kapitalmärkte zurückkehren und braucht daher Brücken. Für diese Brücken müssen wir sorgen, und das kostet Geld.« Im selben Interview wird Steinbrück nach der Agenda 2010 gefragt. Seine Antwort ist zweifellos auch hier unglatt und unstrategisch: »Es gab Fehler, auch von mir persönlich. Die Besteuerung der Kapitaleinkünfte ist bis heute zu niedrig (...) wir haben an manchen Stellschrauben, etwa der Leiharbeit, zu stark gedreht.« Am 19. Dezember wurde er im ZEIT-Interview gefragt: »Ist das Ihr Trick, dass Sie wirklich etwas sagen, wenn Sie etwas sagen?« Und er antwortet: »Das ist kein Trick. Dieses Geschwafel passt einfach nicht zu mir.«

Journalisten beklagen sowohl politische Nullaussagen als auch unkluge Antworten. Unkluge Antworten sind in der Regel konkrete Antworten auf konkrete Fragen. In einer stark regulierten Medienwelt mit all ihren Eigengesetzlichkeiten wiegen unkluge Antworten schwerer als »Geschwafel«. In Interviews, die von einem Beraterstab im Zuge der Autorisierung nach Anrüchigem oder Angreifbarem panisch durchforstet werden, sind inhaltliche Fauxpas offenbar so selten geworden, dass zur Skandalerzeugung vorzugsweise die Form herhalten muss, also der Eindruck, den eine Aussage auch nur erzeugen könnte (oder, siehe Wulff, der Lebensstil – auch eine Formfrage). Zur Lösung des Formproblems des Kandidaten wird deshalb dringend eine bessere Formberatung anempfohlen: Warum, so wird gefragt, hat Steinbrücks Sprecher die Sätze nicht einfach herausgestrichen? Das Politische ist zusammengeschrumpft auf die desillusionierende Frage, ob die Kommunikations- und Imageberater auch klug genug sind. Die Falle, die sich bei Interviews auftut, folgt dabei der Logik des Doublebinds: Sowohl die unkonkrete Beantwortung einer Frage ist unbefriedigend als auch die konkrete. Aber nur Letztere hat das Potenzial zum großen Aufreger. Vor allem natürlich dann, wenn es der Befragte auf undisziplinierte und zu Recht als unprofessionell kritisierte Grenzüberschreitungen der Rezeptionsgewohnheiten von Interviews anlegt wie Steinbrück, der damit kokettiert, zu reden, wie ihm »der Schnabel gewachsen ist«.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
    • khbk
    • 20. Januar 2013 16:30 Uhr
    3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/jp

  3. Steinbrücks unverblümte Sprache ist nicht das Problem. Ganz im Gegenteil, das ist sogar ziemlich sympatisch.

    Das Problem ist nicht das was er sagt, sondern das was er tut.

    Die Kritik an Steinbrück basiert auf seinem oft fragwürdigen Handeln in der Vergangenheit. Und das kann man nicht wegreden.

    13 Leserempfehlungen
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    in NRW umhören, die nicht von den Sozialdemokraten direkt alimentiert wurden.

    NRW nach 50 Jahren verloren - dies war eine Meisterleistung, die Steinbrück mit Schröder glänzend gelöst haben!

    Kann da Spinndoktor nur beipflichten. Es ist nicht das was Steinbrück sagt, sondern das was er TUT. Und man kann zu Angela M. sagen, was man will. Das Tun ist bei ihr einfach ein anderes. Lustigerweise (da gleiches Thema zur gleichen Zeit) habe ich gestern etwas ausführlicher dazu etwas in meinem blog geschrieben.

    >> Das Problem ist nicht das was er sagt, sondern das was er tut. <<

    ... in der Aufgeregtheit über angebliche Aussagen, die so nie gefallen sind, leider unter.

    Es gab durchaus Ansatzpunkte für berechtigte Kritik - Millionenzahlungen an externe Dienstleister für das Abfassen von Gesetzestexten, um nur ein Beispiel zu nennen. Diese Vorgehensweise ist aber natürlich auch Usus bei der aktuellen Regierung, also müsste man die Praxis insgesamt beleuchten, statt den Scheinwerfer auf Steinbrück zu richten.

    Das ist das doppelt ärgerliche an der aktuellen Art der Berichterstattung: sie ist nicht nur einseitig, die wirklichen Themen fallen dabei auch noch unter den Tisch.

    • lonetal
    • 20. Januar 2013 19:08 Uhr

    Sie schreiben: "Die Kritik an Steinbrück basiert auf seinem oft fragwürdigen Handeln in der Vergangenheit.

    Zum einen stimmt das nicht. Die Kritik an Steinbrück geht immer um die so genannten Fettnäpfchen, also sein angeblichen verbalen Fehltritte in neuester Zeit.

    Sie schreiben; "Und das kann man nicht wegreden."

    Versucht er doch gar nicht:

    »Es gab Fehler, auch von mir persönlich. Die Besteuerung der Kapitaleinkünfte ist bis heute zu niedrig (...) wir haben an manchen Stellschrauben, etwa der Leiharbeit, zu stark gedreht."

    Ihr Beitrag ist ein typisches Beispiel dafür, wie Fakten ignoriert werden, weil man den Mann nicht mag und einem die Wirklichkeit nicht passt.

    • dacapo
    • 20. Januar 2013 22:35 Uhr

    Was wird denn in Sachen Steinbrück weggeredet? Ist nimmt doch kein Ende, der von Steinbrück hervorgerufene Weltuntergang. Lieber 10 Steinbrücks als 1 Merkel und 1 Rössler. Mal ganz davon abgesehen, welche Parteien man als Regierungsparteien möchte. Wer Frau Merkel zu einer nochmaligen Regierungszeit verhilft, nur weil der Steinbrück nicht passt (schlimm genug, weil man ja nach Typen in der Politik ruft), dem/der kann man nicht geholfen werden. Die Politik der aktuellen Regierung hat doch fast nur Schwund gemacht, aber kein Mensch beschwert sich mehr darüber. Alles schmeißt sich Steinbrück ran. Verrückte Stimmung in Deutschland. Den Deutschen kann man's nicht recht machen. Die Makel, die man bei Steinbrück gesucht und gefunden hat, kann man bei jeden noch lebenden, noch regierenden Politker/in finden. Aber schlimmer sind ja die Unterlassungen.

    Die Kritik an Steinbrück basiert insbesondere auf seinem falschen Handeln in Regierungsverantwortung und falschen Weichenstellungen mit verheerenden Folgen für die deutschen Steuerzahler über Generationen hinweg, und er so tut, als wäre das alles allein auf Merkels Mist gewachsen:

    "Peer Steinbrück hat als Finanzminister die Finanzmärkte in Fortsetzung von Eichels Arbeit dereguliert und die Spekulation mit Vermögenswerten erleichtert; er ist zusammen mit der Bundeskanzlerin verantwortlich für eine extrem teure Bankenrettung, speziell von IKB, HRE, Commerzbank und einigen Landesbanken; er hat in der Konjunkturpolitik versagt und war maßgeblich an der systematisch betriebenen Verarmung der öffentlichen Körperschaften beteiligt. Dies alles wird zurzeit in einer massiven und vielfältigen Kampagne pro Steinbrück unter den Teppich gekehrt. Wenn Sie die professionelle Manipulation verstehen und analysieren wollen, dann sollten Sie diese Kampagne beobachten...."

    Wurde bereits 2010 hier ausführlich analysiert und begründet bilanziert:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=6777
    Zwar hat Steinbrück "die Euro-Krise nicht verursacht, aber einen wichtigen Beitrag geleistet, dass wir sie heute nicht lösen können."
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-peer-steinbrueck-und-...

    Nichts davon hat seine Aktualität verloren!
    Allgemein davon zu schwafeln, man habe auch "Fehler gemacht" und flotte Sprüche zu kloppen, reicht nicht!

  4. "Verschoben hat sich allerdings seit Luhmanns Beobachtungen offenkundig die Sensibilität für Verfehlungen" Ganz recht. Bloß, woran dürfte es liegen? Vielleicht an der Tatsache, daß sich das gesellschaftliche Klima geändert hat, daß ungünstige Entwicklungen den Menschen immer mehr als individuelle Verfehlung angerechnet und ihnen immer mehr Lasten aufgebürdet werden, und zwar genau von den Vertretern der politischen Klasse, der es dabei stets gelingt, ihre Selbstversorgung sicherzustellen? Was die Medien im konkreten Fall berechtigterweise aufgreifen, ist die mangelnde Sensibilität in vielen Aussagen, der man sehr wohl nicht ganz unbegründet - etliche politische Handlungen scheinen dies zu bestätigen - eine entsprechende Geisteshaltung zurechnet.

    4 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 20. Januar 2013 16:40 Uhr

    Schön, dass das Thema ´Rhetorik der Macht´ heißt.

    13 Leserempfehlungen
  5. 7. [...]

    Diesen Kommentar haben wir auf Ihren Wunsch hin entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte an unser dafür vorgesehenes Postfach community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ds

    Eine Leserempfehlung
  6. >> Unkluge Antworten sind in der Regel konkrete Antworten auf konkrete Fragen. <<

    ... Regel nicht, aber in der Medienwelt.

    Ich vermute, einige Medien versuchen, eine klare Botschaft an Steinbrück zu senden, die da lautet: "Du kannst sagen was Du willst, wir werden Dir einen Strick daraus drehen. Also lass es lieber."

    Die von mir vermutete Intention? Steinbrück auf Merkel-Niveau runterregeln - denn im direkten Vergleich kann sie ihm weder im Wort noch im Inhalt das Wasser reichen.

    >> Das aber würde über den Zustand der Medien, die sich derzeit wirtschaftlichem Druck und einer verschärften Aufmerksamkeitskonkurrenz ausgesetzt sehen, mehr aussagen als über das politische Personal. <<

    Wer wollte da widersprechen?

    8 Leserempfehlungen
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    sehen.

    Ich sehe hier eine Frau, die in Ihrer ganzen Lebensplanung nicht den schnellen Euro gemacht hat und dies auch nicht anstrebt.

    Und ich sehe jemanden, der alles einsackt was nicht festgenagelt ist!

    2008 in der Bankenkrise nahm ich der Kanzlerin ab, dass sie dies zum Wohle Deutschlands tat. Bei Herrn Steinbrück würde ich gerne wissen, ob bei der IKB Bank (mit Sicherheit nicht Systemrelevant) nicht auch sein Geld angelegt war!

    Ich traue diesem Mann nicht!

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