Ägypten : Der gute Salafist

Warum ein fundamentalistischer Muslim einen Christen rettete.

Auch im postrevolutionären Ägypten geschehen noch Zeichen und Wunder. Wer hätte gedacht, dass ein Salafist seine schützende Hand über einen islamkritischen Christen halten würde? Das kam so: Der Blogger Maikel Nabil Sanad, 28, hatte es nach der Revolution gewagt, den ägyptischen Militärrat offen zu kritisieren. Er berichtete detailliert, wie Protestierende verhaftet und gefoltert wurden. Das hatte noch keiner gewagt. Ein Präzedenzfall. Entsprechender Druck lag auf dem Prozess, der vor einem Militärgericht abgehalten wurde. Der Blogger wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Nachdem Nabil Berufung eingelegt hatte, wurde er in die Kairoer Abbasseya-Psychiatrie eingewiesen – zur »Überprüfung seiner geistigen Gesundheit«.

Die Methode, kritische Geister für verrückt zu erklären, ist aus anderen Regimen wohlbekannt. Doch hier lief es nicht nach Plan. Die Psychiaterin und Menschenrechtsaktivistin Basma Abdel Asis bescheinigte Nabil »intakte geistige Gesundheit« und brachte eine internationale Medienkampagne ins Rollen. Und dann stieß zu der Gruppe von Ärzten, die sich für Nabil einsetzten, auch der angesehene Psychiater Ahmed El-Aghoury. El-Aghoury, 33, ist bekennender Salafist, mit langem gekräuseltem Bart – Nabil ist Christ, der in Ägypten provokativ fordert, die israelische Position solle gehört werden. Trotzdem wollte der strenggläubige Muslim den Christen retten.

»Man muss seine Meinung frei äußern dürfen«, sagte El-Aghoury. Wie sich Unfreiheit anfühlt, hatte er am eigenen Leib erfahren. Unter Mubarak wurde El-Aghoury wegen seines Glaubens ins Gefängnis geworfen. »Ich teile Maikels exzentrische Positionen nicht«, sagte er über den Blogger. »Aber darum geht es nicht.« Sondern? »Um den Rechtsstaat!«

Der »Rechtsstaat« der Salafisten ist die Theokratie. Im Gottesstaat aber soll die Scharia über den bloß »menschengemachten« Gesetzen stehen. Homosexualität gilt als schwere Sünde. Strenge Salafisten verlangen konsequente Geschlechtertrennung, verurteilen die westliche Lebensweise, propagieren drakonische Strafen. Ein Salafist, der sich mutig für die Rechte von Andersdenkenden einsetzt, ist ein Abweichler. Doch El-Aghoury versucht, das Unvereinbare zu vereinen. Demokratie sei gut – wenn sie zum Friedensschluss führe. Aufruhr, Protest, Straßenschlachten lehnt er aber als »unislamisch« ab. Die Kämpfe lähmten Ägypten und seien ein Nährboden für den Bürgerkrieg. Der Prophet Mohammed sei stets für Frieden im Volk eingetreten. Tatsächlich hat die salafistische »Licht«-Partei, die bei den Wahlen etwa ein Viertel der Stimmen bekam, zur Verfolgung Protestierender aufgerufen. – Reden erlaubt, Proteste verboten?

Theokratie und Schizophrenie liegen im neuen Ägypten nah beieinander. Schon zu Anfang der Revolution kursierte unter jungen Salafisten die Idee der »freiwilligen Zensur«: Kussszenen in Filmen würde man nicht gleich verbieten, sondern erst, nachdem man die Mehrheit der Bürger überzeugt habe. Gibt es das: liberalen Fundamentalismus? Harte Salafisten mit weichem Herz? El-Aghoury ist nicht untypisch für den gegenwärtigen Salafismus in Ägypten, der in allen Varianten von pazifistisch bis gewaltbereit schillert. Manche Salafisten rufen zum Züchtigen von Frauen auf oder verlangen, die Sphinx von Gizeh müsse verhüllt und Bikinis am Strand müssten verboten werden. Doch davon ist die Licht-Partei wieder abgerückt, um keine Touristen zu verprellen. Und soeben hat sich von der salafistischen Licht-Partei die salafistische »Heimat«-Partei abgespalten, die in behutsamem Maße »säkular« sein will.

Doch das Grundproblem des religiösen Fundamentalismus bleibt unüberwindlich. Der Staat soll dem Koran und den Prophetenüberlieferungen folgen. Liberale Neudeutungen wie etwa das internationale Netzwerk Musawah, das die islamischen Quellen feministisch auslegt, gelten als unzulässig. Maßgeblich sei allein die Ära des Propheten Mohammed, basta.

Die Salafisten werden sich dafür noch viel Kritik gefallen lassen müssen. Maikel Nabil, der aus der Psychiatrie und aus dem Militärgefängnis entlassen wurde, studiert nun in Deutschland. Dort bloggt und twittert er weiter. Er hat das Thema »politischer Islam« für sich entdeckt. Strenge Salafisten wollen, dass Deutschland Nabil an Ägypten ausliefert. Dort soll ihm wegen Gotteslästerung der Prozess gemacht werden.

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Kommentare

63 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Den Begriff "Ureinwohner" für

Kopten geltend zu machen im Hinblick auf gesellschaftliche Privilegien, führt hier nicht weiter, meine ich.
Es müsste zumindest heißen "Nachfahren von Ureinwohnern". Und das müsste relatieviert werden mit "mögliche".
Ihre "Ureinwohner" selbst sind längst verstorben. Ihre Nachfahren können koptische Christen sein ebenso wie zum Islam assimilierte Bürger Ägyptens u.a. Es macht daher auch keinen Sinn, einerseits einen Minderheitenschutz für Kopten über das Prädikat "Ureinwohner" geltend zu machen und dazu die weltanschaulich-religiös-kulturelle Zuschreibung "Christen" gezielt auszublenden, aber demgegenüber eben allein eine solche Zuschreibung mit "Muslime" gegen die Mehrheit der Gesellschaft ins Feld zu führen.
Kopten als "Ureinwohnern" Ägyptens gingen andere voraus, ebenso wie Juden als Ureinwohnern Palästinas.
Wie Sie selbst schon mit einem Hinweis auf die unterschiedlichen Herrschaftszuordnungen in der ägyptischen Geschichte seit unserem Jahr 0 angedeutet haben, sind die kulturellen Verwerfungenn und Überlagerungen viel zu komplex, um da "Ureinwohner" herauszuschälen. Sie müssten da zumindest genetisch ermitteln und das liefe auf reinen Rassismus hinaus.
Ein über anderen stehendes Existenzrecht hat kein "Ureinwohner". Er ist längst gestorben. Eine herausragende Obhutspflicht gilt vor allem für die unschuldig geborenen Hilfsbedürftigen egal welcher Vorfahren, also Kinder.
Da hilft nur die Akzeptanz einer untereinander toleranten Multikulturalität im weitesten Sinne weiter.

Wer war zuerst da, wer kam von "außen" dazu ... Das sind hier

völlig haltlose Festlegungen als opportunistische Grundlage willkürlicher Herrschaftsansprüche.
Die "Christen" waren nirgends zuerst da und andererseits definiert der Koran z.B. eindeutig die jüdische und die christliche Religion als wesentliche Wurzeln, Vorläufer seiner eigenen Anschauung. So fordert er auch Respekt ihnen gegenüber, sofern ihre Anhänger nicht die Anhänger des Islam aggressiv bedrängen.
Wie der Koran dann ausgelegt, instrumentalisiert, gezielt falsch (oder unter Missachtung seines historischen Zusammenhangs) interpretiert wird, ist etwas anderes.
Aber wir kommen hier auch nicht weiter, wenn wir selbst Geschichte opportunistisch auslegen, z.B. je nach Gusto einen angeblichen Zustand, territoriale oder weltanschauliche Zuschreibung zu einem fiktiven Zeitpunkt der Geschichte als finale rechtliche Ausgangsbasis für allzeitliche Ansprüche einfordern wollen.
Dass im "Westen" jemand glaube, christliche Minderheiten in muslimisch dominierten Gesellschaften des "nahen" oder "mittleren Ostens" seien dort nach Muslimen eingewandert, höre ich zum ersten Mal von Ihnen. Ist wohl eher eine Projektion, die höchstens auf bildungsfreie Bürger zutrifft.
Und ebenso verhält es sich in muslimisch geprägten Gesellschaften zu diesem Thema. Dort wird den Christen aus religiösen Gründen, wegen fälschlicher Identifikation mit Kolonialherren, die unter "christlichem" Vorwand agierten, auch wegen politischer Instrumentalisierung zugesetzt - nicht wegen historischer Reihenfolgen.

Abwegig

Ich weiss nicht, worauf sich Ihre Behauptung gruendet, jemand wuerde im Ernst der absurden Vorstellung nachhaengen, die Kopten seien erst nach der arabischen Eroberung nach Aegypten eingewandert. Mir ist jedenfalls nie jemand begegnet, der historisch so ahnungslos war, so etwas zu behaupten weder in Europa noch in den arabischen Laendern (wo ich lange gelebt habe).

Ihre Aussage, wonach die aegyptischen Kopten eine aeltere Kultur haetten als moslemische Aegypter ist ungefaehr so erhellend wie wenn man sagen wuerde, deutsche Katholiken haetten eine aeltere Kultur als deutsche Protestanten. Auf Ihren Kulturbegriff, der mir ebenfalls reichlich abwegig zu sein scheint, will ich hier gar nicht weiter eingehen.

Das macht Hoffnung auf Bewegung und Abbau der Polarisierung. Und wenn die "archaischen" Momente der Sharia, Homosexuellenfeindlichkeit, Körperstrafen, verändert sind, kann man vielleicht auch mit ihr leben. So genau kenne ich die Regeln auch nicht.

Aber Mohammed war auch ein Pragmatiker, der die Verhandlung dem Krieg vorgezogen hat. Nur muss man als Partner auch wissen was man will, die eigenen Werte nicht ausser acht lassen und darf nicht "rumeiern".