Valerija Balints Paprika haben mit dem bauchigen Gemüse in deutschen Supermärkten wenig zu tun, sie sind schmal, hin und wieder ein wenig verschrumpelt und sehen aus wie große Peperoni. Ihr Geschmack ist nicht süß und nicht scharf, einem frisch gekochten Gulasch geben sie eine kräftige, fast derbe Note. Nur eines ist ganz normal: Fein gemahlen hat ihr getrocknetes Pulver die typisch rote Paprikafarbe.

Fein gemahlen und mit einem anerkannten Öko-Zertifikat versehen, gelangen Valerija Balints Paprika aus dem Örtchen Telečka im Nordwesten der serbischen Vojvodina nach Deutschland: in die Biodosenwurst der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, in die Regale von Feinkost Käfer in München oder in die Läden des auf Traditionsgüter spezialisierten Händlers Manufactum. Valerija Balint und 16 weiteren Paprika-Anbauern in Telečka beschert das ein ansehnliches Einkommen, vergangenes Jahr waren es umgerechnet für alle Familien rund 160.000 Euro. »Viel mehr als das, was die meisten anderen Bauern hier haben«, sagt Balint.

Das ist ein rarer Erfolg in einem armen Land, und im Kleinen auch beispielhaft für das, was im Großen passieren könnte: dass mehr Produkte aus Serbien den europäischen Konsumenten erreichen, auf die europäischen Märkte gelangen und Teil der europäischen Wertschöpfungsketten werden – nicht nur Paprika, sondern auch Obst und Getreide, Kleidung und Stahl, Autoteile und Softwarelösungen. Dass die 7,3 Millionen Serben damit in der europäischen Völkerfamilie ankommen, zunächst wirtschaftlich, später aber auch politisch. Kurzum: dass aus Serbien, dem zentralen Land der Jugoslawienkriege, endlich eine ziemlich normale europäische Nation wird.

Deutsche helfen beim Aufbau von Ämtern, Kläranlagen, Energieleitungen

Aber wie dahin gelangen? Stellt man diese Frage der jungen Belgrader Ökonomin Ana Trbovich, spricht sie zunächst von den verlorenen Jahren: erst jenen bis 2000, als auf dem Balkan Krieg geführt und Serbien vom Westen sanktioniert und von der Nato bombardiert wurde, während sich Polen, Tschechien oder das Baltikum bereits auf den Weg nach Europa machten. Dann denen nach der Jahrtausendwende, die zwar Demokratie und ordentliche Wachstumsraten brachten, aber keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. 2009 schließlich, meint Trbovichs Kollege Mihail Arandarenko, sei auch Serbien von der europäischen Krise eingeholt worden. Das Wirtschaftswachstum kam zum Stillstand. Im vergangenen Jahr ist das serbische Sozialprodukt um 2 Prozent geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei unsäglichen 26 Prozent, mehr als die Hälfte der jungen Leute hat keinen Job, die Armut steigt. »Die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre war ein kompletter Fehlschlag«, urteilt Arandarenko.

Daran liegt es auch, dass nach demokratischen Wahlen im vergangenen Sommer ein hartleibiger Nationalist Präsident und ein ehemaliger Sprecher von Ex-Staatschef Slobodan Milošević Premierminister Serbiens wurde. Die neue Regierung fiel zunächst dadurch auf, dass sie sehr offen von der bevorstehenden Pleite des Landes sprach. Die zumindest scheint abgewendet: Der angekündigten Haushaltssanierung – das Defizit soll von über 6 auf zunächst 3,6 Prozent sinken – folgten milliardenschwere Verkäufe serbischer Schuldtitel auf den internationalen Finanzmärkten. Nun habe man wieder »genügend Liquidität«, um sich »selbst zu finanzieren«, sagt Serbiens Finanzminister Mlađan Dinkić.

Das ändert aber nichts an den grundlegenden Problemen des Landes. Trotz erster Erfolge im Kampf gegen die Korruption steht Serbien auf dem Korruptionsindex von Transparency International unter 183 Nationen noch immer auf Rang 80. Das World Economic Forum platziert den Balkanstaat bei der Beurteilung seiner wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit in der Nachbarschaft von Ägypten und Kambodscha. Die Möglichkeiten, als Unternehmer in Serbien tätig zu sein, seien nicht viel besser als die in Namibia, urteilt auch die Weltbank in ihrem Doing Business Report. Zusammengenommen sind das niederschmetternde Ergebnisse – und Zeichen dafür, dass die Serben zwölf Jahre nach Beginn der Demokratisierung weder sozial noch politisch noch ökonomisch sehr viel Boden gut gemacht haben. Die Wirtschaft seines Landes sei »zerbrochen, am Ende«, lautet das Diktum des Unternehmers Slobodan Vučićević.

Wie die meisten Mitglieder der serbischen Elite glaubt der Hotelier und Investor, der in den Wendejahren mit Kaffee und anderen Geschäften reich wurde, dass nur Europa Serbien aus seiner Misere führen kann. Aber während der ökonomisch nicht viel schlagkräftigere Nachbar Kroatien im Juni 2013 das 28. Mitglied der EU wird, warten die Serben noch immer darauf, auch nur den Status eines Beitrittskandidaten zu bekommen. Der alleine aber, findet Srđan Majstorović vom europäischen Integrationsamt der serbischen Regierung, könne zum Katalysator jener Reformen werden, die aus Serbien schließlich eine moderne Nation machten: die Europäische Union als Transformationsmotor.