Warum hat Sigmar Gabriel so lange gewartet, diese Geschichte einmal öffentlich zu erzählen? Immerhin, und das ist für einen Politiker keine Nebensache, war sein Vater ein Nazi, nicht bloß im Krieg, er war es bis zuletzt. Und er war es privat, als Ehemann und als Vater.

Sigmar Gabriel, der Politiker und Sozialdemokrat, ist ohne diese Seite seiner Biografie nicht ganz zu verstehen, und vielleicht haben die schlechten persönlichen Umfragewerte, hat auch sein Image als Siggi Pop, als der Unstete und Unseriöse, damit zu tun, dass die Öffentlichkeit und die Leute diesen Mann nicht richtig entziffern können. Nicht zuletzt ist Gabriels Leben nicht nur gezeichnet von einer schweren Kindheit und einem in Wut erstarrten Vater, es handelt auch vom Überleben, wieder und wieder von Rettungen, von der Treue zu seiner Mutter und von politischen Überzeugungen, die tief in seiner Biografie wurzeln.

Dabei hätte es für Sigmar Gabriel konkrete Anlässe gegeben, sich zu erklären. Denn sein Vater, Walter Gabriel, ging vor zwei Jahren selbst an die Öffentlichkeit. In einer rechtsradikalen Zeitung erschien eine Homestory über ihn – mit dieser Botschaft: Liebenswerter, kranker Vater wird von kaltherzigem Sohn im Stich gelassen. Nebst ergreifendem Foto. Kurz darauf vermeldete die Hamburger Morgenpost: "Gabriel lässt todkranken Vater allein." Sigmar Gabriel hat sich nicht gewehrt. Er blieb zu diesem Thema wortkarg. Dachte er, dass eine Biografie, die auch von seinen Wunden erzählt, in der Öffentlichkeit hämisch aufgenommen würde? Fürchtete er, dass die politischen Auswirkungen unkontrollierbar wären? Andererseits: Zu schweigen bleibt auch nicht ohne Wirkung. Ein enger Freund sagt heute: "Die Geschichte hat einfach gefehlt."

Der fast Neunzigjährige will nachweisen, dass seine Tochter nicht von ihm sei

Am 12. Juni vergangenen Jahres starb Walter Gabriel und hinterließ seinem Sohn einen ganzen Keller voll mit Akten, Karteikästen, Vertriebenenpostillen, rechtsextremen Zeitschriften und revisionistischen Büchern. Aber auch voller Briefe, in denen er seine geschiedene Ehefrau, Sigmars Mutter, beschimpfte; dazu Dokumente über die Scheidung, über Unterhaltsforderungen und über den endlosen Sorgerechtsstreit um den kleinen Sigmar. All das traf den heute 53 Jahre alten Mann mit Wucht. Jetzt beginnt er, zu erzählen und etwas von seiner Vergangenheit zu zeigen.

"Gabriel, Sigmar", steht oben links auf einer DIN-A5-Karteikarte; es folgt die Adresse, darunter, fein säuberlich, eine Liste von Pamphleten, die der Vater dem Sohn im Laufe der Jahre geschickt hat. Wir sitzen in einem Magdeburger Restaurant, und Sigmar Gabriel liest vor, was sein Vater da eingetragen hat: "Sterben die Deutschen aus?", "Keine Gaskammern/Holocaust-Legende", "Wer ist Bonhoeffer wirklich?" und so fort. Er hat auch ein 400 Seiten starkes Buch aus dem Keller seines Vaters mitgebracht, Der Auschwitz-Mythos. Schlägt man es auf, entdeckt man unzählige akkurat mit dem Lineal gezogene Unterstreichungen. Hatte der Vater viele solcher Bücher? Hunderte, sagt Gabriel, und alle sind durchgearbeitet.

Draußen steht sein Dienstwagen, im Kofferraum die Kiste mit den Karteikarten, aus der auch die mit "Gabriel, Sigmar" stammt. Die Kiste ist etwa einen Meter lang, es müssen an die zweitausend Karten sein. Alles Menschen, die Walter Gabriel mit rechtsradikalem Gedankengut bombardiert hat. Auch Klaus-Uwe Benneter, der ehemalige Juso-Chef, war ein Adressat.

Das nächste Treffen findet bei Gabriel zu Hause statt. Er wohnt mit seiner Frau Anke und der kleinen Tochter Marie in einem bescheidenen Haus am Rande seiner Heimatstadt Goslar: kleiner Garten, Blick auf den Harz. Auch hier geht es wieder in den Keller. Da stehen einige Pappkartons mit Akten und losen Zeitschriften des Vaters. Wieder finden sich auf jeder Zeitungsseite die Unterstreichungen, und wenn man alles zusammennimmt – die aufwendige Lektüre, die unzähligen Briefe und Flugblätter, die Walter Gabriel in alle Welt verschickt hat –, dann ergibt sich das Bild eines Mannes, der in den dreißig Jahren nach seiner Pensionierung als Beamter und Staatsdiener ein Fulltime-Nazi war. Ein Bürokrat der eigenen Rache, ein Vertriebener, der nie in einem Zuhause ankam.