Aber Walter Gabriel kämpfte noch an einer zweiten Front – gegen seine Familie. Er bekriegte Gabriels Mutter, seine Schwester und Sigmar selbst. Bis zuletzt wollte er recht behalten, der Mutter die Schuld an der Trennung zuschieben. Er wehrte sich mit allen Mitteln dagegen, für den Jungen Unterhalt zu zahlen. Und als vor ein paar Jahren die gesetzlichen Regelungen für Vaterschaftstests gelockert wurden, strengte der fast 90-Jährige die Durchsetzung eines DNA-Tests gegen die eigene Tochter an. Er wollte ein halbes Jahrhundert später nachweisen, dass seine Tochter nicht von ihm sei. Aber sie war es.

Walter Gabriel war ein Revisionist der deutschen Geschichte und der eigenen Familiengeschichte. Und nun sitzt sein Sohn auf all den papiernen Zeugnissen dieses Vaterlebens, das ihm so fern ist und doch all die Jahre auf ihn gewartet hat. Einen Teil der Akten hat er geschreddert, einen anderen an den Verfassungsschutz weitergereicht, und einiges steht eben in diesem Keller. Und einen ganz kleinen Teil, einen blauen Schnellhefter und ein paar Familienfotos, hat er jetzt heraufgeholt. Sie liegen auf dem Wohnzimmertisch. Eines der Fotos zeigt Walter Gabriel als jungen Mann, am Revers trägt er das Parteiabzeichen der NSDAP. Doch war er mit Jahrgang 1921 zu jung, um als Zivilist viel verbrochen haben zu können; als Soldat wiederum kam er wegen einer Kinderlähmung ohnehin nicht infrage.

Erst mit 18 Jahren hat Sigmar Gabriel erfahren, dass sein Vater ein Nazi gewesen war – und es geblieben ist. Da war Sigmar gerade bei der Bundeswehr. Der Vater bat ihn um einen Besuch, aber in Uniform bitte. Obwohl die beiden zu dem Zeitpunkt kaum noch Kontakt hatten, tat er dem Alten den Gefallen. Und entdeckte dabei im Bücherschrank einschlägige Literatur. Deshalb also die Uniform. Nach dieser Begegnung brach der Kontakt zwischen den beiden zwanzig Jahre lang ab. Nicht nur wegen der tiefen politischen Differenzen. Denn das Schlimmste war da längst geschehen. Und es hatte nichts mit Ideologie zu tun. Was war das, Herr Gabriel?

Was nun folgt, ist weniger ein Dialog als ein Selbstgespräch. Draußen dämmert es, auf dem Tisch wird der Tee in der Kanne kalt, Sigmar Gabriel sitzt ruhig in seinem Stuhl und erzählt.

Sigmar ist drei Jahre alt, als die Eltern sich trennen. Der Vater sagt, die Mutter könne die deutlich ältere Schwester gern behalten, der Sohn aber bleibe bei ihm. Ein sieben Jahre währender Sorgerechtsstreit beginnt. Während dieser Zeit lebt Sigmar gezwungenermaßen bei seinem Vater, die Mutter muss sich sogar das Besuchsrecht mit einem Sitzstreik im Gericht erkämpfen. Der Sohn wird immer wieder vom Familienrichter vernommen, von Kinderpsychologen befragt, zu wem er denn nun wolle. Gabriel sagt heute, dass die Antwort so klar war wie nichts sonst in seinem Leben: zur Mama. Aber er konnte es nicht sagen. Er brachte es einfach nicht über die Lippen.

Er bleibt also beim Vater und bei dessen Mutter. Sigmar Gabriel kann sich kaum daran erinnern, was in den sieben Jahren dieses Zusammenlebens geschah. Aber der Augenblick, in dem er, der Dreijährige, vor dem Haus steht und die drei Treppenstufen zur Haustür hochklettern soll und nicht will, ist ihm unvergesslich. Erinnern kann er sich auch noch an Strafen. Die Großmutter droht ihm regelmäßig: Wehe, wenn der Vater nach Hause kommt. Davor hatte Sigmar immer am meisten Angst, vor der Stunde dieser Rückkehr. Und tatsächlich bekam der Junge oft Prügel. Zehn Pfennig werden ihm von seinen fünfzig Pfennig Taschengeld abgezogen, wenn er die neue Frau des Vaters nicht "Mutti" nennt, eine Anrede, die doch ein Verrat an seiner leiblichen Mutter ist. Einmal kommt Sigmar mit einer unerwünschten Schulnote nach Hause. Zur Strafe sammelt der Vater alles Spielzeug des Jungen ein und verschenkt es an einen Kindergarten. Einzig einen Teddy hat er übersehen. Den Teddy, den Sigmars Mutter ihm auf dem Goslarer Schützenfest geschenkt hatte und mit dem er jeden Abend dafür betete, endlich zu ihr zu dürfen.

Als Schüler muss Sigmar Gabriel häufig nach der Schule aufs Amt kommen, da arbeitet sein Vater, dort muss er auf dessen Feierabend warten. Er soll keine Gelegenheit bekommen, zu seiner Mutter zu flüchten. Als die innerhalb Goslars umzieht, fährt Sigmar verzweifelt mit dem Fahrrad umher, um ihre neue Wohnung zu finden. Er findet sie nicht. An solche Ereignisse kann Sigmar Gabriel sich genau erinnern, nicht jedoch an Weihnachtsfeste, auch an keinen einzigen Geburtstag aus dieser Zeit. Und es waren sieben. Auch nicht an eine Berührung, außer beim Strafen. Weder von seinem Vater noch von der Oma. Sigmar ist, so jedenfalls hat er es im Gedächtnis, ein kleiner Gefangener in dieser herrischen, spießigen Welt seines Vaters.

1969 erhält die Mutter letztinstanzlich doch noch das Sorgerecht für Sigmar. Deshalb entführt der Vater seinen Sohn nach Ahrensburg, einer kleinen Stadt bei Hamburg, wo er mit seiner neuen Frau hingezogen ist. Er schult den Sohn dort sogar ein und zwingt ihn, von einer Telefonzelle aus die Mutter anzurufen und sie zu bitten, erst mal beim Vater bleiben zu dürfen. Die Mutter sagt Nein. Später, im Jahr 2005, fährt Sigmar Gabriel noch einmal nach Ahrensburg und sucht dort vergeblich ebendiese Telefonzelle, bis ihm einfällt, dass es im Handy-Zeitalter kaum noch Telefonzellen gibt.