Euro-KriseNeue Bürger aus dem Süden

Die Krise zwingt Abertausende Spanier zum Auswandern. Österreich wird als Ziel immer beliebter. von Ricardo Domínguez

Sherezade Moñino zögert. »Ich aß... Schnitzel mit... Pommes«, sagt sie dann, und ihre Deutschlehrerin Ute Krogmann lächelt. Jeden Samstagmorgen kommt die 22-Jährige zum Deutschunterricht an das Madrider Goethe Institut. Dieses Mal erzählt sie von einem Besuch in Wien und ihrem Vorstellungsgespräch am Vienna Biocenter. Die Biologin will Spanien verlassen. Ihr Freund Alberto, ein studierter Sportlehrer, unterstützt sie dabei: Seine monotone Arbeit in einem Callcenter hat er gründlich satt. Sie wollen zusammenziehen und einen Arbeitsplatz finden, der ihrer Qualifikation entspricht. Gemeinsam wollen sie wie abertausend andere Spanier ihr Glück im Ausland suchen. Österreich wird in der Migrationswelle, welche die Wirtschaftskrise ausgelöst hat, immer mehr zu einem attraktiven Ziel.

Seit Januar 2011 hat fast eine Million Menschen Spanien verlassen. Zwar ist die Mehrheit davon Ausländer, die während der Zeit des großen Wirtschaftsbooms zum Arbeiten auf die iberische Halbinsel gekommen waren, doch es sind auch immer mehr Spanier darunter; laut Statistik 117.523 Personen, und viele von ihnen sind jung. Die Arbeitslosenrate in Spanien liegt bei 25 Prozent: Fast jeder zweite Jugendliche hat keine Arbeit. Mittlerweile hat sich die Empörung, die sich im Sommer bei den Massenprotesten an der Puerta del Sol entlud, in Resignation verwandelt – und in die Sehnsucht, ein Land zu verlassen, das den neuen Generationen immer weniger Möglichkeiten bieten kann. Fast alle haben wir Freunde oder Familienmitglieder, welche sich in diesen Tagen davongemacht haben. Und fast allen geht uns zumindest der Gedanke durch den Kopf, Spanien zu verlassen. Wohin?

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»Österreich ist die große Unbekannte in Europa, die im Schatten Deutschlands steht«, findet Sherezade, die gerade ihre Diplomarbeit in Molekularbiologie schreibt. »Aber Wien soll ja weltweit die Stadt mit der höchsten Lebensqualität sein«, fügt Alberto hinzu. Beide wussten so gut wie nichts über Österreich, bis Sherezade ihr Stipendium für eine Doktoratsstelle in Wien bekam. Zuvor hatte die Spanierin einige Österreicher während ihres Erasmus-Studienjahres in Manchester kennengelernt: »Die Österreicher sind freundliche und respektvolle Menschen, mediterraner als die Deutschen, und ihr soziales Bewusstsein kann sich mit dem der nordischen Ländern messen.« Eine Dissertation in Spanien kommt für sie nicht infrage: »Dann müsste ich an Projekten meiner Vorgesetzten arbeiten und mich für ein prekäres Gehalt ausbeuten lassen. In Österreich kriegt man einen anständigen Vertrag.«

Ricardo Domínguez

28, ist Journalist und Fremdenführer in Madrid.

Eine Kollegin von ihr müsse sich noch dafür bedanken, dass sie magere 400 Euro im Monat für mehr als 40 Wochenstunden Arbeit in einem renommierten Zentrum für Molekularbiologie erhält. Resignation und Empörung spiegeln sich in Sherezades Gesicht. »Wie viele Biologen hier derzeit wohl Pizza ausliefern?«, ätzt Alberto.

Die horrenden Arbeitslosenzahlen haben aber auch mit Fehlern im Bildungssystem zu tun. Eine neue Reform soll dabei helfen, die starken Bildungsunterschiede auszugleichen: zwischen jenen, die einen höheren Abschluss haben, und denen, die ihre Ausbildung frühzeitig abbrechen. Letztere wurden die Generation »ni-ni« (»weder noch«) getauft, weil sie weder studieren noch arbeiten. Genau diese Generation hat Spanien an die Spitze der europäischen Länder mit den meisten Schulabbrechern katapultiert. Jeder dritte Spanier zwischen 15 und 24 Jahren bricht laut einer Unesco-Studie seine sekundäre Ausbildung ab. Dem gegenüber stehen die Studenten: Sie investieren in lange Karrieren, ohne genau zu wissen, wozu das dienen könnte und ob es überhaupt zu etwas taugt. Im Oktober lag die Quote der arbeitslosen Akademiker bei 12,4 Prozent – im Vergleich zu rund 5,2 Prozent im EU-Durchschnitt. Theoretisch gewinnt man beim Studieren die Fähigkeit, mehr aus sich zu machen, doch in der Praxis ist es ein Tappen im Dunklen. Ich selbst schreibe diese Zeilen als Dienstleister – ohne großes Vertrauen in die Zukunft, den Blick längst auf Tätigkeitsbereiche mit mehr Sicherheit gerichtet. Ich bin sogar überzeugt, dass mein Uni-Abschluss in Journalismus mit jedem Tag, der verstreicht, an Wert verliert: Deshalb habe ich vor ein paar Monaten damit begonnen, nebenbei als Reiseführer für Touristen zu arbeiten. Ich habe Frau und Kind.

Nun hat auch Österreich sein Interesse an den spanischen Auswanderern entdeckt. In Schlüsselbereichen der Wirtschaft werden Fachkräfte und Ingenieure benötigt. Im Fremdenverkehr und Tourismus sind jedes Jahr zahlreiche Stellen zu besetzen. Laut Michael Spalek, dem Wirtschaftsdelegierten an der österreichischen Botschaft in Madrid, sind spanische Fachkräfte im Ausland gefragt. Vergangenen Herbst hatte das Außenhandelsbüro in Madrid im Rahmen der Aktion »Technology Wizards« 13 österreichische Unternehmen mit spanischen Ingenieuren zusammengebracht. Extrem positiv sei das Resultat gewesen, erzählt Spalek. Mehr als 2.000 Bewerber hätten ihren Lebenslauf eingesandt.

Mitte Oktober lancierte die Österreichische Hoteliervereinigung eine Kampagne, um Arbeitskräfte für 5.000 offene Stellen zu finden – vorwiegend Kellner, Küchengehilfen und Reinigungskräfte. Aufgrund der vielen Bewerbungen stürzte die Homepage ab, und die Telefonleitungen der Botschaft waren über mehrere Tage blockiert.

Auch für die 90 Mitarbeiter des Madrider Goethe-Institutes war es ein anstrengendes Jahr: 7.000 Madrilenen haben sich 2012 für einen Deutschkurs eingeschrieben; vor sieben Jahren waren es gerade einmal 3.000. María Teresa Rocha, die Leiterin des Österreichischen Kulturforums Madrid, bekommt immer mehr Anfragen nach Stipendien in Österreich, nach Hochschulen, Lehrgängen und Doktoratsstellen. Die Kürzungen im Kulturbereich haben auch die Zahl von Künstlern ansteigen lassen, die anrufen, um ihre Projekte vorzustellen, in der Hoffnung, sie irgendwie finanzieren zu können. »In vielen Fällen gibt es einen Österreich-Bezug«, sagt Rocha. »In anderen Fällen biegen die Künstler ihre Arbeit einfach in diese Richtung.«

Leserkommentare
  1. Erfolgsgeschichte !? Ach ja ? Also, dass Europäer aus dem Süden in Scharen nach Deutschland einwandern, das war ja schon Jahrzehnte vor Einführung des Euro so. War das schon so geplant, als der Euro im Jahre 2002 vollmundig und grossspurig lanciert worden ist ??

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