PersonenrätselLebensgeschichte

von Wolfgang Müller

Der groß gewachsene Spross einer ehrwürdigen Familie las mit Begeisterung Abenteuerromane, suchte nach verborgenen Schätzen und ließ die Fäuste fliegen, wenn sich jemand über seine Herkunft oder seinen Akzent lustig machte. Gegen den väterlichen Willen heuerte er bei der Handelsmarine an und brachte es bis zum Kapitän. Der Eigenbrötler zeigte eine seltene Mischung aus Empfindsamkeit und Aggressivität samt einer Vorliebe dafür, bei jeder Gelegenheit Dichter zu zitieren. Als er sich einer Unternehmung seines späteren Rivalen anschloss, nahm er die undankbare Aufgabe eines Fracht- und Lagerkontrolleurs in Kauf, nebenbei war er verantwortlich für das Unterhaltungsprogramm der Offiziere. Auf einem strapaziösen Marsch überwarf er sich mit dem selbstherrlichen Expeditionsleiter, der schickte ihn rachsüchtig als "Invaliden" nach Haus.

Aber das zivile Leben bekam ihm nicht. So sammelte er Geld und brach zu seiner ersten selbstständigen Reise auf. Sie war ein wissenschaftlicher Erfolg, obwohl er seine Ziele nicht erreichte und überdies ins eifersüchtig abgegrenzte Forschungsgehege seines Rivalen eindrang. Trotzdem wurde er in seiner Heimat als Held gefeiert. Die kaufmännische Bilanz war allerdings niederschmetternd: Er konnte weder Bürgschaften noch Kredite zurückzahlen, denn seine Investitionen in Goldminen und Sammelbriefmarken endeten im Desaster. So galt er als verschwenderischer Abenteurer, bis die Regierung ihn vor dem Ruin rettete. Doch das große Weiß ließ ihn nicht los. Sponsoren finanzierten ein neues, noch ambitionierteres Vorhaben. Es scheiterte spektakulär. Mit seiner Mannschaft rettete er sich auf eine Insel fern allen Schifffahrtsrouten. Um Hilfe zu holen, wagte er eine riskante Fahrt, die dank der Navigationskünste eines Gefährten glücklich endete. Über Fels und Eis erreichte er völlig erschöpft eine Siedlung und organisierte die Rettung all seiner Männer. Diese Tat machte ihn berühmt, ihretwegen gilt er als Inbegriff von besonnenem Mut und Verantwortungsbewusstsein. Geschwächt durch die Strapazen seiner Reisen, alkoholabhängig, auf der Flucht vor Gläubigern, brach er noch einmal auf. Ein Herzinfarkt beendete sein Leben an dem Ort, wo er vor Jahren Hilfe gefunden hatte. Wer war’s?

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Lösung aus Nr. 2:

Oskar Maria Graf (1894 bis 1967) beschrieb in Romanen wie "Bolwieser" (1931) den alltäglichen Faschismus in Deutschland. Seit 1938 lebte er mit seiner Frau Mirjam in New York, trat dort wie überall oft in Lederhosen auf

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