In die Blogger-Weste von Woolrich (hier im Einsatz am Wasserrohr) passt kein Laptop, aber ein Block. Für 169 Euro © Peter Langer

Es gab Zeiten, da hatte man ein sehr klares Bild davon, wie ein Reporter auszusehen hat. Zum Beispiel trug im Neo-Stummfilm The Artist der Reporter einen Trenchcoat sowie einen breitkrempigen Hut, in dessen Band ein Schildchen mit der Aufschrift Press steckte. Außerdem verwendete er eine schwere Balgenkamera mit mächtigen Magnesiumblitzen.

In Filmen aus der Anfangszeit der Massenmedien wimmelt es von derlei Stereotypen. Mal erscheint der Reporter als Auge der Demokratie, mal als öffentlicher Voyeur. Aber stets ist er mächtig. Denn was er ablichtet oder notiert, verändert die Welt – etwa wenn in The Artist der kommende Star Peppy Miller den scheidenden Stummfilmstar George Valentin küsst und am nächsten Tag Variety titelt: Who’s that Girl? Es scheinen die besten Zeiten für das Ansehen des Reporters gewesen zu sein.

Wer heute bei einem Kostümversand ein Journalisten-Outfit bestellt, bekommt noch immer Trench und Hut geliefert. Trotz aller Klischees orientiert sich das Outfit an realen Gegebenheiten: Ein Reporter soll sich praktisch kleiden – vor allem aber soll er sich mit seiner Aufmachung nicht mit den Objekten seiner Berichterstattung gemeinmachen. An dieser notwendigen Unangepasstheit kann es liegen, dass Journalisten als chronisch schlecht gekleidet gelten. Auch die Digitalisierung mag dazu beigetragen haben: Viele Journalisten werden zu Nerds, die selten von ihrem Bildschirm wegkommen.

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Interessanterweise hat die Zeitungskrise, die derzeit durch die Branche tobt, einen positiven Effekt auf das modische Image von Journalisten: Der Zwanziger-Jahre-Reporter kommt zurück – in der Figur eines vom Aussterben bedrohten Handwerkers. So stellte beispielsweise eine Bloggerin auf der Shopping-Website Asos ein Journalisten-Outfit zusammen, mit Schlapphut und Hornbrille. Und die Marke Woolrich hat nun sogar eine ganze Kollektion im klassischen Reporter-Stil herausgebracht. Das Herzstück ist eine Weste mit allerlei praktischen Taschen, die bezeichnenderweise als Blogger-Weste bezeichnet wird. Mode-Blogger sehen sich gerne als Nachfolger der Mode-Journalisten. Bei den Schauen fotografieren sie sich hauptsächlich gegenseitig. Erstmals wollen Journalisten aussehen wie die Objekte ihrer Berichterstattung. Selten sahen sie derart gut aus.