Katrin Göring-Eckardt und Ursula von der Leyen © Peter Rigaud für DIE ZEIT/pterrigaud.com

Sie konkurrieren um ähnliche Wähler und wollen beide die Sozialpolitik der nächsten Regierung gestalten: CDU-Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt treffen sich in Hannover zum ZEIT-Gespräch. Beide sind vorsichtig, sehr höflich – und distanziert. Schnell ist klar: Es ist nicht die Zeit für schwarz-grüne Flirts.

DIE ZEIT: Frau von der Leyen, Frau Göring-Eckardt, was ist die größte Schwäche des Sozialstaats?

Ursula von der Leyen: Er hilft nicht genug beim Aufstieg. Das Bildungssystem muss mehr Voraussetzungen dafür schaffen, der Arbeitsmarkt muss durchlässiger werden, insbesondere für den Aufstieg von Frauen. Außerdem brauchen wir für Kindererziehung und die Pflege Älterer mehr Wertschätzung.

Karin Göring-Eckardt: Kinder und Jugendliche, die in materieller Armut und in Bildungsarmut aufwachsen, haben zu wenig Chancen. Sie sind doppelt arm, das ist in einem Land, das diese Chancen eigentlich geben könnte, eine Katastrophe.

ZEIT: Was, glauben Sie, würde passieren, wenn wir versehentlich Ihre beiden Antworten vertauscht hätten? Würde es jemand merken?

Von der Leyen: Es ist doch gut, dass es bei einer globalen Frage nach der größten sozialen Herausforderung einen Grundkonsens gibt! Wer sich anstrengt, muss etwas erreichen können.

Göring-Eckardt: Der Unterschied besteht darin, dass wir solche Probleme in der nächsten Regierung angehen werden. Frau von der Leyen holt sich ja mit ihren Vorstellungen in der Union oder in der FDP oder bei beiden oft eine blutige Nase. Daraus wird dann in der Regel nichts.

Von der Leyen: Frau Göring-Eckardt, wir haben weniger Kinder in Hartz IV, mehr Ältere in Beschäftigung, weniger Langzeitarbeitslose als unter Rot-Grün, außerdem steigende Löhne und Renten und eine Rekorderwerbstätigkeit. Wo leben Sie?

ZEIT: Politisch gehören Sie zu verschiedenen Lagern, persönlich haben Sie viel gemeinsam: Sie sind bürgerlich, weiblich, protestantisch, haben Kinder im Teenageralter, mögen Frauenquoten und Tischgebete und haben mit der SPD regiert. Wie schwer wird Ihnen der Wahlkampf gegeneinander fallen?

Göring-Eckardt: Nichts davon hindert uns am Wettbewerb um Wählerstimmen. Sie haben ja recht: Wir wollen auch die von der Union. Und zu Frau von der Leyen würden mir noch genug Unterschiede einfallen...

Von der Leyen: Die Politik der CDU und der Grünen unterscheidet sich nun wirklich in genug Punkten.

ZEIT: Im Wahljahr wird es oft um Soziales gehen, bleiben wir also dabei: Soll der Staat bei Arbeitslosen Anstrengung belohnen und Faulheit bestrafen?

Von der Leyen: Er muss Geld für das Lebensnotwendige zahlen, das Existenzminimum, unabhängig von der Frage, warum jemand in Not geraten ist. Aber jeder muss sich bemühen, da wieder rauszukommen, denn es ist das Geld der Gemeinschaft.

Göring-Eckardt: Aber dem widerspricht doch, dass Sie einigen Arbeitslosen die Leistungen kürzen und manchmal streichen! Wir Grünen wollen ein Moratorium für solche Sanktionen, sie müssen überprüft werden. Im Moment bekommen junge Arbeitslose, die sich nicht bei der Arbeitsagentur melden oder Stellen ablehnen, nicht einmal Lebensmittelgutscheine, um über die Runden zu kommen. Dabei wissen wir von den Praktikern: Die Betroffenen haben meistens Probleme, die man mit Druck nicht löst. Trotzdem werden immer mehr Sanktionen verhängt.

Von der Leyen: Moment! 95 Prozent der Arbeitslosen haben kein Problem, sich an die Regeln zu halten, ohne Sanktionen. Sie wollen raus aus der Abhängigkeit und bemühen sich. Dass häufiger als früher Zahlungen gekürzt oder gestrichen werden, hat mit der intensiveren Betreuung zu tun und damit, dass wir eine Million offene Stellen haben. Wer Angebote wiederholt nicht annimmt, braucht offenbar keine Unterstützung, weil er andere Einkommensquellen hat.