Streitgespräch : Verfeindet oder verbündet?
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Arbeitslosigkeit, Rente und Frauenquote

ZEIT: Ihnen beiden wird nachgesagt, Sie seien nach links gerückt. Hat sich die Welt verändert, oder haben Sie sich verändert?

Göring-Eckardt: Ich habe mir noch einmal genau angeguckt, was ich Anfang der 2000er Jahre wirklich gesagt habe. Mir ging es damals wie heute vor allem um die Leute, die ganz weit draußen sind und eine besondere Aufmerksamkeit brauchen. Damals hatten wir eine extrem hohe Arbeitslosigkeit. Wir mussten etwas tun, wussten aber noch nicht genau, wie sich welche Maßnahme auswirkt. Bevor wir sie evaluieren konnten, gab es Neuwahlen. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war absolut richtig. Aber wir haben auch geglaubt, Minijobs könnten ein Einstieg in dauerhafte Beschäftigung sein – das hat nicht funktioniert. Den Mindestlohn wollten wir damals schon.

Von der Leyen: Da sieht man schön den Unterschied. Wir handeln. Unter Unionsregierungen wurden Mindestlöhne in zwölf Branchen eingeführt, für vier Millionen Menschen.

ZEIT: Frau von der Leyen, wie steht es mit Ihrer Linkswerdung?

Von der Leyen: Ich frage mich, was links sein soll. Ist es links, die Rente ab 67 zu verteidigen, was ich immer getan habe? Regieren verändert den Blick. Man konzentriert sich auf die Frage, was ganz konkret getan werden muss, was das richtige Instrument dafür ist. Man hat wenig Sinn für schwarz-gelb-grün-rote Farbenspielchen.

ZEIT: Ärgert es Sie nicht, dass die Grünen genau die urbanen, bürgerlichen, familienorientierten Wähler ansprechen, die Sie auch wollen?

Von der Leyen: Wähler gehören niemandem, und Ärger ist für mich keine relevante politische Kategorie. Wer tritt schon in eine Partei ein, weil er zu hundert Prozent übereinstimmt? Ganz ehrlich, als ich neu war in der CDU, hatte ich vom Programm wirklich wenig Ahnung. Meine Erfahrung ist, dass man in einer Partei wirkt und bleibt, weil man der Überzeugung ist, dass man da am Ende trotz aller Kämpfe am meisten bewegen kann. Ich glaube, in keiner Partei würden wir beide mit unseren Positionen einfach so durchmarschieren.

Göring-Eckardt: Da ist meine Gefühlswelt im Moment anders, weil ich ja gerade durch eine Urwahl gewählt wurde. Das ist ja in einer Partei etwas Besonderes – noch dazu mit so einer Deutlichkeit.

ZEIT: Ärgert es Sie nicht, dass eine CDU-Ministerin grüne familienpolitische Ziele durchgesetzt hat: Elterngeld, Vätermonate, Kita-Ausbau?

Göring-Eckardt: Es ist gut, dass inzwischen ein Großteil der Gesellschaft und der Parteien eine moderne Familienpolitik will. Aber die Bundesregierung hat trotzdem das Betreuungsgeld eingeführt, statt jeden Cent für Kitas zu verwenden. Wenn ich sehe, wie junge Eltern zum Kita-Casting gehen, in der Hoffnung, dann einen von fünfzig Plätzen zu bekommen, für den sie nicht eine Stunde durch die Gegend fahren müssen – nein, da bin ich nicht neidisch, da sehe ich, was zu tun wäre.

ZEIT: Empfinden Sie sich eher als Konkurrentinnen oder auch mal als Verbündete?

Von der Leyen: Wir sind zum Beispiel Verbündete beim Ziel, dass es schnell Kita-Plätze in guter Qualität gibt.

Göring-Eckardt: Ihnen persönlich nehme ich das ab. Aber in der Union hängen doch noch viele an einem vormodernen Familienbild, wie wir gerade beim Streit um die Gleichstellung von Schwulen und Lesben gesehen haben.

ZEIT: Apropos Modernisierung: Brauchen wir eine Männerpolitik?

Göring-Eckardt: Die gibt es doch schon seit vielen Tausend Jahren.

ZEIT: Wir meinten nicht Politik von Männern, sondern gezielt für Männer...

Von der Leyen: Mir sagen Männer: Mach ruhig weiter mit deiner Frauenquote; wenn dadurch Auswahlverfahren transparenter werden, profitieren wir davon auch.

Göring-Eckardt: Die Schulen müssen sich damit beschäftigen, was für Rollenmodelle sie vermitteln. Wenn Jungs das Gefühl haben, dass das tollste Vorbild ein Macho ist, sollte man darüber reden. Dafür brauchen wir aber keine neue Männerpolitik, das ist ganz normale Bildungspolitik.

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