Indien»Wir verlangen die Todesstrafe«

Hat die brutale Vergewaltigung einer 23-Jährigen den Uni-Alltag in Neu-Delhi verändert? Die Studentin Raveena Chaudhary sagt, was sie bewegt von 

Raveena Chaudhary, 19 Jahre, ist durchgefroren, als sie im Restaurant in der Innenstadt von Neu-Delhi ankommt. Sie trägt Jeans und Wintermantel, dazu ist sie barfuß in Ballerinaschuhen. Es ist der kälteste Tag in Delhi seit 44 Jahren, und die Englischstudentin kommt gerade von einer Demonstration. Seit den jüngsten Ereignissen geht sie jeden Tag auf die Straße, um für mehr Sicherheit und Gerechtigkeit für Frauen in Indien zu kämpfen. Sie sitzt sehr gerade und spricht sehr schnell.

»Jeden Abend fühle ich mich unsicher. Momentan ist es besonders schlimm. Natürlich weiß ich, dass in Indien jeden Tag Frauen vergewaltigt werden. Aber ich dachte: Ich bin selbstbewusst und modern, mir passiert so was nicht, ich kann mich wehren und muss einfach laut genug schreien, wenn mir jemand zu nah kommt. Aber die 23-jährige Studentin, die vor zwei Wochen gestorben ist, weil sie in einem Bus mit einer Eisenstange vergewaltigt wurde, auch die hat sich gewehrt. Sie hat geschrien, um sich geschlagen und die Männer getreten. Aber es hat nichts gebracht, sie konnte nicht gegen die sechs Vergewaltiger ankommen.

In Indien gehen Frauen nachts nicht feiern

Viele meiner Freundinnen dürfen abends gar nicht rausgehen oder nur, wenn ihre Eltern sie abholen. Ich selbst bin zwar abends oft allein unterwegs, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahre ich aber nicht so gern. Ich nehme lieber ein Taxi. Spätestens um zehn Uhr breche ich auf nach Hause, egal, wo ich bin. Das ist hier normal, niemand geht bis nachts feiern.

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Mir ist auch schon mal etwas passiert auf dem Nachhauseweg. Es waren ein paar Männer hinter mir, die riefen: »Komm mit uns nach Hause!« Ich bin schneller gegangen, sie hinterher. Ich habe »Hilfe!« gebrüllt und Leute auf der Straße angesprochen, dann waren sie weg.

Wir Frauen müssen stark sein und uns gegenseitig helfen. Zusammen mit ein paar anderen Studenten habe ich an meiner Uni jetzt durchgesetzt, dass wir Selbstverteidigungskurse für Studentinnen anbieten. Sie beginnen noch im Januar. Zwei Wochen lang dauert so ein Kurs, nach der Uni ist das Training. Ich will, dass jede Studentin teilnimmt und lernt, wie sie sich verteidigen kann. Wie sie Männer treten muss, damit sie aufhören, und wie sie am lautesten schreit. Alle sollen wissen, wie sie sich wehren können. Das ist mein Ziel.

Mehr Aufmerksamkeit für indische Frauen

In gewisser Weise ist es deshalb gut, was gerade in Delhi passiert. Seit dem Tod der Studentin treffen wir uns jeden Tag zum Protestieren in der Innenstadt. Wir machen Straßenblockaden und Schweigemärsche, gehen mit Kerzen durch die Stadt. Ich bin fast immer dabei. Aufhören werden wir damit erst, wenn die Vergewaltiger verurteilt sind. Wir verlangen die Todesstrafe.

Mit unseren Protesten bekommen wir eine Aufmerksamkeit, mit der ich nie gerechnet hätte. Plötzlich berichten die Medien auch jeden Tag von anderen Vergewaltigungen, die im ganzen Land passieren. Männer demonstrieren mit! Sie alle wissen jetzt, was hier abgeht. Ich will, dass in den Bussen Plakate hängen, die einen auffordern, sexuelle Gewalt nicht zuzulassen. Auch wenn ein Typ eine Frau nur ein bisschen bedrängt, soll er festgenommen werden. Und Polizisten sollen uns ernst nehmen. Das ist der erste Schritt. Es wird lange dauern, bis wir die Gesellschaft ändern können und Frauen gleichberechtigt sind. Damit fangen wir gerade erst an!«

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Leserkommentare
  1. wie Sie Ihre Ignoranz als Weisheit letzter Schluß verkaufen wollen. Und "Ignoranz" ist noch höflich ausgedrückt, auch um Kommentarzensur zu vermeiden.

    "Ich habe dort selbst eine Weile gelebt und konnte nicht erkennen dass in Indien systematisch Frauen mißhandelt werden." Die Perspektive des weißen Mannes - von der Problematik selbst nicht betroffen, aber selbstredend allwissend. Danke, dass Sie uns aufklären. Dann können ja alle wieder zur Tagesordnung übergehen, und InderInnen zu demonstrieren aufhören, gell?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    • pm.74
    • 21. Januar 2013 12:06 Uhr

    Sie brauchen hier nicht in Sexismus zu verfallen und für _alle Frauen_ zu sprechen.

    Erstens gab es hier auch kritische Kommentare zum Thema von Frauen.

    Zweitens gibt es genügend (weiße) Frauen, die als Touristinnen ohne Probleme nach Indien reisen und indische Männer als sehr freundlich bezeichnen.

    Wenn Sie jetzt nur die emotionalisierten Informationen über das Leben in Indien aus den Massenmedien holen, anstatt mit Menschen zu reden, ist das einzig und allein Ihr Problem.

  2. Wenn es den Frauen in Indien hilft, dann sollen sie nach der Todesstrafe rufen. Dass den Frauen in Indien die Galle überkocht ist wohl nur verständlich. Dass das manche aber dazu nutzen, sich wieder ihre eigene moralische Überlegenheit einzureden, finde ich nicht sehr "aufgeklärt".

    Antwort auf "Aufgeklärt"
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    • pm.74
    • 21. Januar 2013 12:18 Uhr

    > Dass den Frauen in Indien

    Sprechen auch bitte nur Sie von sich(!) - nicht von "den Frauen in Indien", die angeblich _alle_ "nach der Todesstrafe rufen". Sonst landen Sie in einem Chauvinismus, der individuelle Meinungen von Frauen nicht toleriert.

    • pm.74
    • 21. Januar 2013 12:06 Uhr

    Sie brauchen hier nicht in Sexismus zu verfallen und für _alle Frauen_ zu sprechen.

    Erstens gab es hier auch kritische Kommentare zum Thema von Frauen.

    Zweitens gibt es genügend (weiße) Frauen, die als Touristinnen ohne Probleme nach Indien reisen und indische Männer als sehr freundlich bezeichnen.

    Wenn Sie jetzt nur die emotionalisierten Informationen über das Leben in Indien aus den Massenmedien holen, anstatt mit Menschen zu reden, ist das einzig und allein Ihr Problem.

    Antwort auf "das ist ja grotesk,"
    • pm.74
    • 21. Januar 2013 12:18 Uhr

    > Dass den Frauen in Indien

    Sprechen auch bitte nur Sie von sich(!) - nicht von "den Frauen in Indien", die angeblich _alle_ "nach der Todesstrafe rufen". Sonst landen Sie in einem Chauvinismus, der individuelle Meinungen von Frauen nicht toleriert.

    Antwort auf "Ruf nach Todesstrafe"
  3. 53. Tourist

    "Zweitens gibt es genügend (weiße) Frauen, die als Touristinnen ohne Probleme nach Indien reisen und indische Männer als sehr freundlich bezeichnen."

    Ich vermute, dass ist als Scherz zu verstehen.
    Falls nicht: Als Tourist ist man nicht unbedingt dafür bekannt, gerade an den Orten Urlaub zu machen, wo man die Probleme eines Landes am deutlichsten sehen kann.

    Da kann ich nur noch den Kopf schütteln. Der Westler, der denkt er kennt die Welt, weil er in vielen Ländern Urlaub gemacht hat.....
    Nun ja, auf unsere Solidarität können die Frauen in Indien wohl nicht hoffen. Wir packen lieber den moralischen Zeigefinger aus (Todesstrafe) und berufen uns auf unsere Erfahrung als Tourist.

    Eine Leserempfehlung
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    • pm.74
    • 21. Januar 2013 12:51 Uhr

    Sie versuchen schon wieder Ihr festgefahrenes Meinungsbild ALLEN indischen Frauen aufzudrücken (" die Frauen in Indien ").

    > Als Tourist ist man nicht unbedingt dafür bekannt, gerade
    > an den Orten Urlaub zu machen, wo man die Probleme eines
    > Landes am deutlichsten sehen kann.

    Dann gehen Sie doch vom aktuellen Fall aus. Die Vergewaltigung/Misshandlung passierte in einer der besser situierten Gegegenden, in denen sich eben auch TouristInnen aufhalten - nicht etwa in den Slums wie Sie es suggerieren.

    > Da kann ich nur noch den Kopf schütteln.

    Ihr moralischer Zeigefinger ist nicht zu übersehen.

    • pm.74
    • 21. Januar 2013 12:51 Uhr

    Sie versuchen schon wieder Ihr festgefahrenes Meinungsbild ALLEN indischen Frauen aufzudrücken (" die Frauen in Indien ").

    > Als Tourist ist man nicht unbedingt dafür bekannt, gerade
    > an den Orten Urlaub zu machen, wo man die Probleme eines
    > Landes am deutlichsten sehen kann.

    Dann gehen Sie doch vom aktuellen Fall aus. Die Vergewaltigung/Misshandlung passierte in einer der besser situierten Gegegenden, in denen sich eben auch TouristInnen aufhalten - nicht etwa in den Slums wie Sie es suggerieren.

    > Da kann ich nur noch den Kopf schütteln.

    Ihr moralischer Zeigefinger ist nicht zu übersehen.

    Antwort auf "Tourist"
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    Ich habe keine Ahnung was ihre komischen Anspielungen auf "die Frauen in Indien" sein sollen. Wenn es danach geht, dann darf man keine Gruppe mehr ansprechen. Selten so billige Kritik gehört.

    Aber ich sehe schon, Sie greifen sich irgendwas raus und versuchen dort einen Fehler zu finden. Daher wären Sie für "die Frauen in Indien" tatächlich keine große Hilfe.

  4. Einst stand ich der Todesstrafe auch ambivalent gegenüber, dann politisch korrekt, negativ. Selbstverständlich.
    Jetzt, nachdem meine Tochter geboren ist, wäre ein Täter tot, der eine Tat, wie die in Indien an meiner Tochter verbrochen hätte. Nun hört sich das nach Rambo oder "Ein Mann sieht rot" an, der Wunsch nach Vergeltung ist aber ein berechtigter. Das Strafrecht beschränkt sich mitnichten ausschließlich auf das Resozialisieren von Tätern! Es muss ebenfalls die Sicherung der Bevölkerung durch das Entfernen des Täters gewährleisten, Sühne durchsetzen und durch Strafe abschrecken (wer glaubt denn bitteschön, dass Strafe NICHT abschreckt?) Das Recht eines Vaters auf Rache für sein geschändetes und ermordetes Mädchen sollte durch das Gericht gemäßigt und durch eine gerechte und überlegte Verhandlung durchgesetzt werden. Is es tatsächlich archaisch und rückständig, wenn ein Täter eine ANGEMESSENE Strafe erhält? Oder andersrum: Ist es ein Zeichen von Zivilisation und humanistischer Aufklärung, wenn man immer nur auf Langzeitprojekte verweist, die nach Generationen VIELLEICHT Wirkung zeigt und die eigentliche Tat relativ harmlos bestraft (für Vergewaltigung + Mord gibt es 8-15 Jahre Haft (absolut), währenddessen ein wenig psychologische Betreuung). Ich bin Links und aufgeklärt und habe meine Meinung geändert. Ich würde meine Vergeltung wollen. Und das gleiche Recht muss ich eben auch anderen Vätern zugestehen.

    Eine Leserempfehlung
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    • pm.74
    • 21. Januar 2013 17:11 Uhr

    Als ob Sie hier der/die Erste wären, der/die nach der Todesstrafe schreit. Es wurde schon oft belegt, dass die Todesstrafe eine Gesellschaft nicht sicherer macht.

    Versuchen Sie, anstatt im Nachhinein, lieber präventiv zu handeln. Eine gute Erziehung ist alle mal besser als der Ruf nach der Todesstrafe. Kinder werden nicht anhand ihrer Gene zu Triebtätern.

    • Ndeko
    • 21. Januar 2013 14:03 Uhr

    "Für Frau Schwarzer ist übrigens "flirten" schon ein 'Bedrängnis' - ein Zwang, der Frauen auferlegt wird."

    Könnten Sie die Aussage bitte belegen? Die würde mich interessieren.

    Danke

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@B.Giertz"
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    • pm.74
    • 21. Januar 2013 16:59 Uhr

    Natürlich kann ich es belegen. Es steht im "Der kleine Unterschied und seine Folgen".
    Außerdem sollten Sie festgestellt haben, dass die Aussage im Text hier an sich schon unsinnig ist, da 'Bedrängnis' etwas sehr Subjektives ist. Ob sich Männer nicht auch manchmal von Frauen oder Männern mit bösen Blicken "bedrängt fühlen"!?

    Sollen die "Henker" hier erstmal mit Studien und Statistiken kommen, die belegen, dass die Todesstrafe ein Segen für die Gesellschaft ist.

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  • Schlagworte Universität | Indien | Vergewaltigung | Straftat
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