Soziale GerechtigkeitVon Sylt lernen

Auf der Nordseeinsel können nur noch die Reichen leben. Höchste Zeit, über soziale Gerechtigkeit zu diskutieren. von 

Damit das Thema »Geld und Leben« in dieser ersten Kolumne des neuen Jahres eine seriöse Einordnung erfährt, ist es notwendig, einige Worte darüber zu verlieren, was in Deutschland verdient wird und was das Leben kostet. Ausgangspunkt dafür ist ein Bericht aus dem alten Jahr, wonach viele Durchschnittsverdiener auf der Nordseeinsel Sylt nicht mehr leben können, weil ihr Geld nicht reicht, um die dort üblichen Mieten zu zahlen. Sylt war zwar schon immer ein Tummelplatz der Reichen. Nun allerdings scheint es, als blieben diese Reichen und Wohlhabenden zunehmend unter sich. Die anderen müssen aufs Festland ziehen.

Ergänzt wird dieser Bericht durch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, wonach sich die Segmentierung der Gesellschaft in oben, Mitte und unten zunehmend verfestigt. Die Mittelschicht sei geschrumpft, die Aufstiegsmöglichkeiten aus den unteren Schichten würden immer geringer, und zugleich wachse in der Mitte die Angst vor dem Absturz, schreibt die Stiftung. Kurzum: In Deutschland sind die Zeiten härter geworden, allerdings überwiegend für jene, die in der Gesellschaft in der Mitte oder unten stehen.

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Warum darüber hier geschrieben wird? Unter anderem deshalb, weil sich diese Kolumne, in der es ja meist um die Frage geht, wie man mit seinem Geld sinnvoll sein Leben verbessert, nicht nur an jene wenden will, die ohnehin schon genug davon haben. Wie aber soll – nur als Beispiel – ein ausgebildeter Kellner für sein Alter vorsorgen, wenn er mit seinem Verdienst in Sylt nicht einmal eine einigermaßen vernünftige Wohnung bezahlen kann?

Das Wort Gerechtigkeit war in Deutschland lange Zeit ziemlich aus der Mode gekommen. Im heraufziehenden Wahlkampf des Jahres 2013 ist es von der ein oder anderen Partei nun wiederentdeckt worden. Gut so. Über Gerechtigkeit kann gar nicht genug diskutiert werden.

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Leserkommentare
  1. Wir haben Ende 2011 mit der Initiative zukunft.sylt begonnen, um auf die dramatische Situation auf der Insel hin zu weisen.

    Mittlerweile haben Studien gezeigt, das der Insel etwas 2850 Wohnungen fehlen, bezogen auf die Einwohnerzahl eine Quote, die selbst die Lage in den deutschen Städten um ein VIELFACHES übersteigt.

    Weitere Informationen gibt es unter http://facebook.zukunft-s...

    Des weiteren haben wir aktuell eine Petition auf change.org laufen, um Bund, Land und die Gemeinde eindringlich auf den Handlungsbedarf hin zu weisen: http://www.change.org/de/...

    sowie eine Profilbild-Aktion, die unter http://sticker.zukunft-sy... erreichbar ist.

    Wir freuen uns, unsere Erfahrungen auch mit andere Regionen oder Städten zu teilen und sind unter Zukunft Sylt auf Facebook für Anfragen erreichbar.

    • Infamia
    • 23. Januar 2013 16:43 Uhr

    Ich finde das Beispiel Sylt "gut". Und zwar nicht, weil ich zu den Reichen gehöre und mir die Mittelschicht egal ist, denn ich bin ja selbst Mittelschicht. Ich finde das Beispiel Sylt deswegen gut, weil es einmal deutlich macht, wohin Gentrifizierung, wenn man sie zu Ende denkt, führen kann. Die Reichen sind unter sich, haben niemanden, der ihnen die Hütte sauber macht, den Wein serviert, das Essen kocht usw. Das wäre nämlich die logische Konsequenz. Wäre ich Sylter, würde ich alle Hebel in Bewegung setzen, mir einen Job auf dem Festland zu suchen, statt eine Wonhung auf dem Festland und dann die Pendelei nach Sylt in Kauf zu nehmen. Ich weiß, ich bin ein Träumer, aber wäre es nicht toll, würden alle echten Sylter die Insel verlassen und zwar nicht nur ihre Wohnung, sondern alle Zelte abrechen?

    Die Reichen würden sich ganz schön umsehen. Keine Zimmermädchen mehr, keine Kellner, keine Polizei (ja, auch Polizisten braucht eine Insel) usw. Gentrifizierung zu Ende gedacht würde nämlich irgendwann bedeuten, die Insel verliert an Attraktivität und die Immobilienpreise würden sinken. Denn zu einem lebenswerten Leben gehören eben keine Gated Communitys, wo die Reichen unter sich sind, sondern Durchmischung aller sozialen Schichten.

    Sylt könnte zum Mahnmal aller gentrifizierten Viertel werden.

    2 Leserempfehlungen
  2. Soziale Gerechtigkeit ist, wie ich finde, DAS Thema überhaupt in diesem Land. Nur leider sieht es ein Großteil der besser gestellten Bevölkerungsschichten vermutlich so: "Jedem das Seine - Hauptsache, mir das Meiste!" Je reicher jemand ist, umso geringer sein Hang zu teilen und von seinem Reichtum abzugeben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die, die weniger haben, geben eher mehr - man sehe sich nur die Spendenbereitschaft je nach Einkommenshöhe/Vermögensvolumen an. Die paar Charity-Feigenblatt-Veranstaltungen ändern daran nichts.
    Am ärgsten empört mich der eiskalte Zynismus, der in der oben beschriebenen Einstellung zu Armut, Weniger-Habenden , zu Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit liegt. Die Entwicklung scheint dahin zu gehen, dass es immer mehr Leute immer weniger interessiert, wie es dem Anderen (Mitbürger) geht - Hauptsache, man kriegt selbst (noch) genug vom Kuchen ab. Die Grenze verläuft nicht zwischen Ländern, sondern zwischen Oben und Unten in der Gesellschaft.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Sylt | Reichtum
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