SyrienkriegIm Namen der Rebellen

Mitten im Krieg entstehen in Aleppo die Anfänge eines neuen syrischen Staates. In einem Wohnhaus haben Oppositionelle ein Gericht gegründet. Anwälte und Scharia-Gelehrte versuchen, Recht zu sprechen, wo es nicht mal Telefon gibt, selten Strom und keine Polizei. von 

Der Moment des Urteils ist gekommen, und es ist nicht klar, wer sich unwohler fühlt in seiner Rolle. Der Richter oder der Gerichtete.

Mohammed Malik Dalati, 51, der Richter, sieht von seinen Händen auf, deren Daumen einander unruhig umkreisen. Langsam erhebt er sich von seinem Stuhl, strafft mit leisem Stöhnen die Schultern und sagt Worte, die zu groß scheinen für diesen kleinen Raum: »Im Namen des Volkes«. Vor dem Richtertisch steht ein älterer Mann, gebückt und den Kopf halb abgewandt, als erwarte er Tritte und Schläge. Der Angeklagte murmelt eine Sure und lässt dabei die Augen nicht von seinem Richter. »Es ist also entschieden«, sagt Dalati mit leichtem Zögern. »Wir verurteilen dich zu einer Haftstrafe von zehn Tagen und einem Bußgeld von 100.000 Lira.«

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Mitte Dezember, ein Mittwoch, zehn Uhr, letzter Tag der Verhandlungswoche. Der Richter setzt sich wieder, ebenso der Verurteilte, zwischen ihnen ein Schreibtisch mit Bündeln von Papieren. Der Alte kauert auf seinem Stuhl, er ist Inhaber einer Apotheke und hat Tabletten an Abhängige verkauft. Seit fünf Tagen befindet er sich in Arrest, in einem Keller ohne Licht. Er beginnt zu weinen. 100.000 Lira – so viel verdient er in vier Monaten nicht. »Sei glücklich, dass die Strafe so niedrig ausgefallen ist«, sagt Dalati zum Weinenden. Der Staatsanwalt habe ein Jahr Haft gefordert. Dalati hält die Hände vor dem Bauch verschränkt, die Daumen kreisen wieder, als plötzlich in der Nähe eine Granate explodiert. Die Druckwelle ist so stark, dass die Ohren schmerzen. Ein zweiter Schlag, ein dritter. Weiße Rauchschwaden ziehen draußen vorbei.

Das Gerichtsgebäude ist an drei Seiten von der Front umgeben

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Niemand läuft zum Fenster, niemand zuckt zusammen, so alltäglich ist hier die Nähe zum Tod. Dalati nimmt einen Stempel, presst ihn auf die Urteilsverkündung, rollt ihn hin und her, damit jeder den Schriftzug gut lesen kann: »Erste Strafkammer, Vereinigter Gerichtshof von Aleppo, Syrische Arabische Republik«. Er beugt sich hinunter zum Papier, pustet behutsam Luft auf die Tinte, die nicht weniger ist als der Beginn eines neues Staates.

23 Richter, ein Staatsanwalt, drei Protokollanten, 20 Räume in einem Apartmentkomplex, eine Teeküche, ein Gefängnis im Keller. Das Gericht wurde gegründet in jener Stadthälfte von Aleppo, die von den Aufständischen kontrolliert wird. Ins Leben gerufen wurde es durch die Freien syrischen Anwälte, eine Vereinigung von Juristen, die sich zu den Rebellen bekennen, und durch das städtische Scharia-Komitee. Es gibt vier Kammern, es tagen jeweils drei Richtern, wobei zwei davon Scharia-Gelehrte sind und einer studierter Jurist ist. Urteile fällen sie durch Mehrheitsbeschluss. Als Rechtsgrundlage gilt ihnen jedoch nicht die Scharia, das islamische Recht, sondern der Gesetzentwurf zur Zivilgesellschaft der Arabischen Liga. Noch ist alles im Fluss, noch hat das Gericht keine der drakonischen Strafen erlassen, für die die Scharia im Westen so gefürchtet ist. Dieser Gerichtshof ist ein Tribunal des Kompromisses zwischen Säkularen und Religiösen. Jeden Tag müssen sie neu um ihn ringen, nunmehr seit fünf Verhandlungswochen.

März 2011

In der Stadt Dar’a demonstrieren mehr als 10.000 Syrer gegen das seit 48 Jahren bestehende Ausnahmegesetz. Rasch steigt die Zahl der Demonstranten im ganzen Land.

Juni 2011

Präsident Assad geht mit Scharfschützen gegen die Protestierenden vor. Ein Flüchtlingsstrom aus Syrien in die Türkei setzt ein.

Sommer 2012

Die Kämpfe erreichen Damaskus. In der zweitgrößten Stadt Aleppo setzt das Regime die Luftwaffe ein.

Oktober 2012

Im türkischen Grenzdorf Akçakale schlagen Granaten aus Syrien ein. Die Nato sagt der Türkei Unterstützung zu.

Dezember 2012

Assads Armee setzt jetzt auch Kurzstreckenraketen ein. Die EU und die USA erkennen das Oppositionsbündnis als »rechtmäßigen Vertreter des syrischen Volkes« an. Laut UN sind mindestens 60.000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen.

Im 21. Monat nach Beginn der Aufstände hat sich der Krieg tief in die Stadt gegraben, wie eine Panzerkette, die auf der Stelle fährt, alles unter sich zermalmend. Die Offensiven der Rebellen und die Gegenoffensiven des Regimes haben sich festgefressen. Es ist ein Kampf um jedes Haus, oft Stockwerk um Stockwerk. Die Straßen, durch die seit Monaten die Frontlinien verlaufen, ähneln Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg. Halb weggebombte Häuser, heruntergebrochene Betondecken, schwarzes, ausgebranntes Gemäuer. Meterhohe Kegel aus alten Ziegeln und verkohlten Balken blockieren den Weg. Um die Gegenseite an Angriffen zu hindern, haben Soldaten und Rebellen Minen ausgelegt. Tote verwesen zwischen den Kampflinien.

Wie ein Wellenbrecher ragt das zwölfstöckige Gerichtsgebäude in die umkämpfte Stadt. Es ist an drei Seiten von der Front umgeben. 500 Meter entfernt stehen die Regierungstruppen im Norden, im Westen, im Osten. Ihre Scharfschützen reichen stellenweise noch näher heran. Das Gericht des neuen Syriens ist vor einem Monat in den Bau gezogen, der leer stand, eine unvollendete Wohnanlage, die der Magistrat für Aleppos Mittelklasse errichtet wollte. Als sie einzogen, fanden die Anwälte die Kartons originalverpackter Einbauküchen. Ihre Standortwahl trafen sie aufgrund eines waghalsigen Kalküls. Das Gebäude ist so dicht an der Front, dass es die Luftwaffe nicht wagt, hier ihre Bomben abzuwerfen, aus Angst, die eigenen Truppen zu treffen. Zugleich ist es aber so weit von der Kampflinie entfernt, dass die meisten von dort abgefeuerten Granaten es nicht mehr erreichen.

Der Flur vor dem Raum, in dem Dalati Recht spricht, ist mit Menschen gefüllt. Männer in Tarnhosen, einige brechen sich mit der Kalaschnikow über der Schulter Bahn. Verschleierte Frauen warten stumm. Freiwillige putzen emsig die cremefarbenen Fliesen. Zwischen ihnen allen hastet der Gerichtsdiener Abu Ali hin und her, ein dicker Gemüsehändler, der Botschaften in versiegelten Briefumschlägen überbringt. Er läuft von Raum zu Raum, von der Strafkammer zur Zivilkammer zum Militärgericht zum Familiengericht, die alle auf einer Etage sitzen. Abu Ali ersetzt das Telefonnetz, das in der von den Rebellen kontrollierten Stadthälfte vom Regime abgeschaltet wurde. Die Räume des Gerichts sollten einst Schlafzimmer, Bad oder Kinderzimmer werden. Jetzt weisen handgeschriebene Zettel, auf die Türen geklebt, Klägern und Angeklagten den Weg. Zunächst hielten die Richter ihre Sitzungen aus Angst im Keller ab. Nun sind sie in den ersten Stock gezogen und haben das Untergeschoss zum Gefangenentrakt gemacht. Kürzlich haben die Mitarbeiter des Gerichtes improvisierte Ausweise bekommen, mit Name und Stempel. Nur die Richter tragen sie nicht, die meisten wollen ihre Namen geheim halten. Sie fürchten Attentate. Noch sind die Spitzel Assads überall in Aleppo.

Die Anarchie hat von Syriens zweitgrößter Stadt Besitz ergriffen. Seit dem Einmarsch der Rebellen im August existiert in Aleppo keine geordnete Rechtsprechung mehr. Scharia-Räte und mobile Standgerichte, eingesetzt von den kämpfenden Brigaden, entscheiden in der Zweieinhalb-Millionen-Metropole über Leben und Tod. Viele verschiedene Tribunale bestehen parallel, Verdächtige werden von denen abgeurteilt, die sie festgenommen haben. Die Polizei des alten Regimes hat sich zurückgezogen, noch hat sich keine neue herausgebildet. Die Selbstjustiz grassiert. Vernichtungsschneisen der Rache durchziehen die Stadt. Die Freie Syrische Armee (FSA) und die islamistischen Kampfgruppen konzentrieren sich auf den Krieg und stellen nur wenige Kräfte für das Hinterland ab. Und oft genug sind genau diese ein Teil des Problems. Die Rebellen wollten das Volk vor den Assad-Schergen schützen, aber wer schützt es jetzt vor ihnen?

»Die reine Wahrheit. Sage nicht mehr und nicht weniger. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Mohammed Dalati hat sich wieder erhoben und lässt den nächsten Angeklagten schwören: einen Elektriker, der Kupferkabel gestohlen haben soll. »Wegen dir gibt es im ganzen Viertel keinen Strom mehr«, hält ihm Dalati vor. »Ich habe gar nichts getan«, wehrt der sich. »Es gibt Zeugen!«, wirft Dalatis linker Beisitzer ein. Er heißt Abu Muthanna, ist 29 Jahre alt und hat bisher an der Universität islamisches Recht unterrichtet. »Die wollen mich anschwärzen!«, ruft der Elektriker. Abu Muthanna liest aus den Vernehmungsprotokollen zweier Zeugen vor. Eine Verschwörung seiner Konkurrenten, wehrt sich der Beschuldigte. Als er nach einer halben Stunde wieder in den Keller hinuntersteigt, hat er Eindruck auf die beiden Richter gemacht. Sie sind sich noch unschlüssig.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Dalati, der Ältere in seiner schweren Lederjacke, raucht, lächelt viel, ist im Auftreten konziliant. 30 Jahre lang hat er Mandanten vor Gericht verteidigt. Das merkt man ihm an, er scheint mitzufühlen mit den Angeklagten. Unter dem Assad-Regime hätte er nie Richter werden können, weil dieses Amt Mitgliedern der Baath-Partei vorbehalten war. Abu Muthanna, der Jüngere, blaue Augen unter wilden Brauen, gezackt wie ein Drachenrücken, ist jung und ehrgeizig. Er kleidet sich in islamische Tracht, blaue Stoffkappe und Kutte. Angewidert wendet er sich manchmal von den Angeklagten ab.

Der Richter trägt eine Waffe: Eine Pistole mit Elfenbeingriff

Dalati hat in seinem Leben gelernt, was Sünde ist und dass niemand frei von ihr ist. Abu Muthanna macht den Eindruck, als sei er der Sünde bisher nur in theoretischen Abhandlungen begegnet. Manchmal grübelt er stundenlang über ein Urteil, auch zu Hause noch, auch in der Nacht. Er will keine Schuld auf sich laden. Ist der Elektriker Opfer oder Täter? Dalati und Abu Muthanna beschließen, die Konkurrenten zu verhören, der von der Festnahme des Beschuldigten profitieren würde. Wie ihn aber vorladen?

Dieses Tribunal ist eines, das über nicht viel mehr verfügt als die bloße Idee. Was will es ausrichten ohne eine Polizei, die Verdächtige und Zeugen aufspürt? Wie kann es Zeugen vernehmen, deren Adressen unbekannt sind, weil sie wie viele Einwohner Aleppos ständig ihre Wohnung wechseln? Wie können Vorladungen diese Wohnungen erreichen, wenn es keine Post gibt? Und was sind die Urteile schließlich wert, wenn Rebellengruppen für schuldig befundene Mitglieder mit Waffengewalt wieder aus dem Gefängnis holen? Dieses Gericht hat nur einen Staatsanwalt, der für alle Fälle zuständig ist, und die Angeklagten haben keinen Verteidiger – es gibt nicht genügend Anwälte, die den Mut dazu haben.

Am Ende des Tages leeren sich die Flure, die Stimmen in der Eingangshalle verklingen, Dunkelheit fällt über das Gericht. Dalati überprüft seine Waffe, eine Pistole mit Elfenbeingriff. Er und Abu Muthanna beeilen sich, das Gebäude zu verlassen. Zwei Wagen mit bewaffneten Familienangehörigen warten auf sie. Die Straßen werden mit der Dämmerung noch unsicherer. Seitdem das Gaskraftwerk draußen vor der Stadt zerstört wurde, gibt es in ganz Aleppo keinen Strom. Am Gericht bleiben nur die Kämpfer der Liwa al-Schabab zurück, des »Bataillons der Jugend«. Die Gruppe hat in einem Wohnblock gegenüber dem Tribunal ihr Quartier bezogen. Zu ihren Aufgaben gehört die Bewachung des Gerichtshofs. Wie fast alle Brigaden unterhält die Gruppe jedoch auch ihr eigenes Gefängnis. Wenn sie einen Häftling verhört hat, überstellt sie ihn nach Belieben an den Vereinigten Gerichtshof oder auch an eines der anderen Gerichte.

Neun Männer wärmen sich an einem Dieselofen die Hände. Im Zwielicht der Glut sitzt auch ein Deutscher aus dem schwäbischen Pfullingen, der in Schleswig-Holstein aufwuchs, bei der Bundeswehr war und kurz beim Militärischen Abschirmdienst. Ein Technikspezialist, der als Zertifizierer für die ISO-Industrienorm gearbeitet hat. Abu Jassin nennen sie ihn hier an der Front, mit dem Beinamen al-Almani, »der Deutsche«. Er trägt Jeans, eine Pistole am Beinhalfter und die Uniformjacke mit dem Emblem der Gruppe. Der 38-Jährige, der in Aleppo geboren wurde, hat sich vor vier Monaten der Einheit angeschlossen und wurde zu einem ihrer Anführer. »Die«, sagt er und deutet rüber zum Gerichtsgebäude, »sind gar nichts ohne uns.«

Sie verhandeln Diebstähle, wo Massenmorde Alltag sind

Die Nacht ist unruhig. Zwischen den Häuserblocks hinter dem Gericht rattern die Maschinengewehre. Assads Soldaten feuern Granaten ab. Der Boden unter dem Dieselofen zittert. Tags zuvor haben Regierungstruppen versucht, mit Infanterie und drei Panzern zum Gericht vorzustoßen, doch Abu Jassins Einheit hielt sie auf. Einer der dabei Verwundeten, gerade 20 Jahre alt, liegt im Quartier der Kämpfer und schreit auf seiner Matratze. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Urin. »Mein Gott!«, weint er die Nacht hindurch. »Mein Gott!« Gewehrkugeln haben ihm die Knochen beider Beine zersplittert. Die Ärzte in Aleppo konnten ihn nur notdürftig operieren. Das Schluchzen hält die halbe Truppe wach.

Abu Jassin schwankt jeden Tag zwischen Euphorie und Depression. Chronisch übermüdet, wirkt er wie abwesend zwischen denen, die so vieles von ihm wollen: Medikamente, Munition, manchmal nur Essen, Informationen über den nächsten Einsatz, Diesel für den Generator. Er sagt, er sei tiefgläubig, aber kein Gotteskrieger, sondern Patriot, und man nimmt es ihm ab. Er habe es nicht mehr ausgehalten, nur aus der Ferne zuzuschauen, er habe etwas tun wollen. Aber war es die richtige Entscheidung? So viele Freundschaften hat er geschlossen und so viele dieser Freunde durch den Tod wieder verloren. Seit August wurden etliche Brigaden fast aufgerieben, die meisten Kämpfer sind tot oder verwundet. Neue Freiwillige haben die Lücken gefüllt. Neulich hätte Abu Jassin, der so jungenhaft wirkt, beinahe einen Gefangenen erschossen, unkontrolliert, einfach aus Wut. Einen Assad-Soldaten, den sie an der Front gefasst hatten und der zugegeben hatte, drei Mädchen vergewaltigt zu haben. »Das sind Tiere! Das sind keine Menschen mehr!« Der Deutsche nimmt seither, wie er erzählt, seine Pistole nicht mehr mit zu den Verhören.

»Sage die Wahrheit. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Eine Frau steht am nächsten Morgen vor den Richtern Dalati und Abu Muthanna. Sie wird als Klägerin vernommen, die zweite Ehefrau ihres Mannes soll die Wohnung ausgeraubt haben. Weinend zählt die Bestohlene auf, was fehlt: »Eine Mikrowelle, ein Bündel Decken, noch originalverpackt, der Gefrierschrank, ein Flachbildfernseher.« – »22 Zoll? 27?«, fragt Dalati nach. Und wie alt die Mikrowelle sei. Akribisch lässt er den Protokollanten eine Liste der vermissten Gegenstände aufstellen, berechnet den Klagewert. Er wird der Frau die Dinge nicht wiederbeschaffen können, ein wenig aber ihre Würde. Das ist der Grund, warum sie Einbrüche und Diebstähle verhandeln, Kleinigkeiten in einer Stadt, die täglich Schauplatz ist von Massenmorden. Die Freien Anwälte haben beschlossen, in den schlimmsten Fällen zunächst nur die Angeklagten einzusperren und mit dem Verfahren zu warten, bis die Lage stabiler ist. Das Gericht braucht schnelle Erfolge. Rasch muss es damit beginnen, den Menschen die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft zurückzugeben.

43 Stufen führen von den Verhandlungszimmern hinab in den Keller, in das Reich von Abu Hamdi, wie der Vorsteher des Gefängnisses genannt wird. Ein Pseudonym zu seinem Schutz. Er sitzt auf einem Stuhl am Ende eines langen Ganges, von dem mehrere Zellentüren abgehen. Sie tragen Aufschriften wie »Diebe«, »Zivilsachen« und »Schabiha«, der Oberbegriff für Anhänger des Regimes. Die Rebellen haben Kontrollklappen in die Kellertüren geschweißt und schwere Eisenriegel angebracht. Finster ist es hier unten. Abu Hamdi hat Schwierigkeiten, Benzin für den Stromgenerator zu organisieren. Im Licht einer Autobatterie, mit der er eine Lampe betreibt, schreibt er ins Haftbuch. Für diesen Vormittag verzeichnet er sieben Neuzugänge. Eine Brigade der FSA brachte ihm zwei ihrer Kämpfer, die sich im Streit gegenseitig angeschossen hatten. Die »Wächter der Revolution«, wie eine neu gegründete Sicherheitstruppe der Rebellen heißt, übergaben ihm fünf schwule Männer, die in einer Wohnung angeblich bei Handlungen »wider die Natur« aufgegriffen worden waren. Viele der Freien Anwälte missbilligen, dass die Männer verhaftet wurden, genauso wie die Festnahmen wegen Ehebruchs. Es sei nicht die Zeit dafür. Im Krieg gebe es andere Prioritäten. Doch die Scharia-Gelehrten bestehen darauf.

Abu Hamdi ist eigentlich Kaffeehändler und übernahm die Leitung des Häftlingstraktes, nachdem der letzte Vorsteher entlassen worden war. Die Wächter hätten sich bestechen lassen, Insassen seien geschlagen worden, erzählt Hamdi. »Unhaltbar« seien die Zustände gewesen. Über Details schweigt er.

»Du hast den Falschen eingesperrt«, sagt der Richter Dalati, der zwischen zwei Sitzungen in den Keller hinabgestiegen ist. »Das sind doch Brüder!« Abu Hamdi schrickt auf, beugt sich wieder tief über sein Haftbuch. »Oh mein Gott!«, entfährt es ihm. Die Kämpfer, die den Mann festnahmen, hatten sich getäuscht. Und Abu Hamdi kann im schwachen Licht der Lampe die Gesichter bloß grob erkennen.

Die gesellschaftliche Ordnung Aleppos ist wie bei einem Urknall zerstoben, es existieren bloß noch Partikel. Bindungslos treiben Reste von Konventionen und Traditionen im gesetzlosen Raum, doch vier Monate nach Einmarsch der Rebellen beginnen sich daraus wieder Strukturen zu bilden. Zu ihnen gehört das Vereinigte Gericht, aber es gibt noch weitere Gerichtshöfe. Einer wird von dem islamistischen Kampfverband Ahrar al-Scham (»Freie Männer von Großsyrien«) betrieben, einer von der Al-Nusra-Front, die Al-Kaida nahesteht und von den USA auf die Terrorliste gesetzt wurde. All diese Gerichte konkurrieren miteinander. Ein Komitee mit Delegierten aller Seiten verhandelt über einen Zusammenschluss. Bisher scheinen die Unterschiede unüberbrückbar. »Al-Nusra sagt, wer jetzt noch für Assad arbeitet, an der Front oder im Büro, ist ungläubig und muss getötet werden«, sagt Abu Muthanna, der junge Scharia-Gelehrte. Das Vereinigte Gericht, dem er selbst und Richter Dalati angehören, sei jedoch der Meinung, man müsse genauer hinsehen und die Umstände berücksichtigen, die den Einzelnen unter Zwang setzen.

»Willst du ’ne Zigarette?« Der zwölfjährige Said steht auf dem Bürgersteig und spricht durch ein Gitter am Boden in einen Lichtschacht hinein. Der Junge gehört zur Kampfgruppe von Abu Jassin, dem deutschen ISO-Zertifizierer aus Pfullingen. Vom Trottoir aus kann er ins Untergeschoss des Wohngebäudes schauen, in das Verlies der Brigade. »Ja!«, ruft einer der Gefangenen unter ihm und hebt die Hand. »Kriegst du aber nicht!«, sagt Said und lacht den Bettelnden an. »Bitte!«, fleht der Gefangene weiter. Said lächelt. Hält die Zigarette hoch, tut so, als würde er sie hinunterwerfen in die Zelle, und steckt sie sich stattdessen grinsend selber an. »Ich kriege es nicht übers Herz, den Kleinen an die Front zu schicken«, sagt Abu Jassin. Er lässt Said nun den Tee machen, Wasser holen, Botengänge erledigen. Der Vater des Jungen ist als Selbstmordattentäter bei einem Anschlag auf Assad-Truppen ums Leben gekommen, die Mutter einer Krankheit erlegen. Irgendwann habe Said dann am Kanonenofen der Brigade gesessen. Eine Generation von Kriegswaisen wächst im neuen Syrien heran. Viele schließen sich den Bewaffneten an. Immer jünger wird dieser Krieg. Je länger er dauert, desto mehr Kinder gehören zu den Kämpfern.

Die Sonne scheint an diesem Freitagmorgen, ein Feiertag. Einzelne Familien gehen auf den Trottoirs spazieren. Auf den Dachterrassen halten ältere Frauen ihr Gesicht in die Wärme. Stille.

Die Ruhe wird von einer kleinen Gruppe von Demonstranten unterbrochen, die vor das Gerichtsgebäude ziehen. Sie sind zum Teil maskiert und tragen in ihrer Mitte eine riesige Flagge des neuen Syriens. Die Teilnehmer fordern höhere Mehlzuweisungen für ihr Viertel. Es wird viel demonstriert in Aleppo, immer noch gegen Assad, immer häufiger aber auch gegen die neuen Herren. Die Brotpreise haben sich verdreifacht, den Rebellen wird vorgeworfen, die Preise künstlich angehoben zu haben, um von dem Profit Waffen zu kaufen. Es gibt Klagen, dass die einzelnen Brigaden zuerst an sich denken, das Mehl an ihre Günstlinge verteilen. Familien schicken ihre Kinder oft zu vielen verschiedenen Bäckereien, um die Chance auf ein bisschen Brot zu vergrößern. Und da immer mehr Menschen in die Stadt zurückkehren, konkurrieren auch immer mehr um die wenigen Nahrungsmittel. Nur noch selten werden Luftangriffe geflogen, was bis zum Spätherbst fast pausenlos geschah. Über die Gründe spekulieren nicht nur die Bewohner Aleppos. Weil die Rebellen jetzt Luftabwehrwaffen haben, mit denen sie im letzten halben Jahr hundert Flugzeuge und Helikopter abgeschossen haben sollen? Weil Assads Kraft bereits erschöpft ist?

Im Stau quält sich der Richter Mohammed Malik Dalati der Ruine des alten Gerichts entgegen. In dem Gebäude, in dem er früher als Anwalt mit Assads Richtern verhandelt hat, hat auch das Archiv des Zivilgerichts seine Räume. Die Akten sollen in Sicherheit gebracht werden, und der Richter will den Transport vorbereiten. Das Gebäude ist kurz nach der Eroberung durch die Rebellen von der Luftwaffe des Regimes bombardiert worden. Das hat System. Was immer die FSA einnimmt, wird zerstört. »Im Archiv lagern die Grundbücher, die Kaufurkunden, die Erbschaftsunterlagen, alles«, sagt Dalati. Es geht Stoßstange an Stoßstange voran, bisweilen blockieren quergestellte Wracks von Autobussen den Weg, als Barriere gegen Panzerangriffe. Immer wieder klaffen in den Häuserreihen Lücken, die Fliegerbomben geschlagen haben. Die Straßen versinken im Abfall, sind wie Hohlwege im Müll. Meterhoch türmen sich am Fahrbahnrand Rinderknochen und Kadaver von Schlachthühnern. Seit dem Sommer funktioniert die Müllabfuhr nicht mehr. Assad hat die Laster abgezogen, die Deponie befindet sich in umkämpftem Gebiet. Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt liegt endlich das alte Gericht vor Richter Dalati, ein vierstöckiger grauer Bau. Zwischen den Häusern des Viertels, mit den Familien und Kindern darin, wirkt es wie abgestorbenes Gewebe im noch durchbluteten Fleisch.

Dalati streift durch die Büroräume, sieht die Betondecken, die an losen Stahlstreben herabhängen. Der Richter bückt sich, hebt Dokumente und Papiere auf, die den Boden bedecken. Es ist alles geplündert, das Mobiliar, sogar die Fassungen der Steckdosen. »Nicht so schlimm«, sagt er wie zu sich selbst. »Wir werden es viel besser wieder aufbauen.« Als er zum Keller hinuntergehen will, wo die Akten gelagert sind, hört er das Rauschen eines Kampfjets. Es entfernt sich, und Dalati steigt das Treppenhaus hinab, langsam, um nicht über den Schutt zu stolpern, dann nähert sich das Dröhnen wieder. Der Jet kreist über der Nachbarschaft des Gerichtes. Dalati beeilt sich jetzt, rennt schließlich, erreicht die Kellertür, reißt mit beiden Händen daran, aber sie ist verschlossen. Über ihm beginnt der Pilot seinen Angriff.

»Was haben die Imame hier am Gericht zu suchen?«, flüstert der Anwalt

Die Rakete schlägt 200 Meter vom Gericht entfernt ein und trifft den Gebetsraum einer Moschee. Richter Dalati, aus dem Gericht geflohen, fährt an den Überlebenden vorbei, die in weißen Staub gehüllt sind, brüllen, sich würgend die Kehle halten. »Mein Vater«, schreit eine Frau, »mein Vater!« Dalati fährt weiter. Jederzeit kann der Pilot eine zweite Rakete auf die Menschenmasse abfeuern. Das Geschoss hat die Moschee zur Gebetszeit getroffen. 15 Menschen sind getötet worden, auch der Imam, wird Dalati später erfahren. 42 sind verletzt.

»Sage die Wahrheit. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Am nächsten Tag ist Dalati wieder mit dem Scharia-Gelehrten Abu Muthanna im Verhandlungszimmer und lässt schwören. Seine Daumen kreisen umeinander. Abu Muthanna führt an diesem Tag den Großteil der Verhöre. Dalati sitzt stumm daneben und scheint nur selten zuzuhören.

Im Umland der Stadt gewinnen die Rebellen immer mehr Terrain. Sie konnten in den vergangenen Wochen die meisten Militärstützpunkte erobern. Wie ein Ring liegen die Kasernen um Aleppo. Eine Festung nach der anderen haben die Aufständischen gestürmt und dabei Panzer und schwere Geschütze erbeutet. Die neuen Waffen machen die Erstürmung der nächsten Bastionen einfacher. Die Truppen des syrischen Regimes sind nahezu abgeschnitten vom Rest des Landes. Die Verbindungen nach Damaskus und ans Mittelmeer sind gekappt. Die Luftwaffe versucht, die Soldaten von Helikoptern aus mit Nachschub zu versorgen, was offensichtlich nur unzulänglich gelingt. In den Reihen der Rebellen steigt die Bedeutung der Islamisten. Oft sind die Siege der Aufständischen die Siege von Al-Nusra. Todesmutiger als alle anderen, besser ausgerüstet auch als alle anderen, kämpfen die Al-Nusra-Leute gegen Assads Männer. Es heißt, Gönner aus den Golfstaaten versorgen sie mit Geld und Waffen. Die Mitglieder von Al-Nusra gelten als berechenbarer und weniger raubsüchtig als die Brigaden der FSA. Fast sind sie im Chaos des Krieges eine Art moralische Instanz.

Rauchend steht eine Gruppe der Freien syrischen Anwälte in einem Büros des Gerichtsgebäudes, ohne die Scharia-Gelehrten.

»Was haben die Imame hier am Gericht zu suchen?«, flüstert einer erregt. »Wie könnt ihr die hier reinlassen? Das ist so, als würde man Laien erlauben, im Krankenhaus zu operieren!«

»Wir brauchen die«, flüstert ein anderer genauso erregt, »ohne die unterstützen uns die Brigaden nicht. Nach dem Krieg werden wir sie wieder los!«

In dem Moment geht die Tür auf, und Abu Muthanna schaut herein. Er sucht den Gerichtsdiener. Die Anwälte wechseln das Thema. »Wir müssen irgendwo einen sicheren Lagerraum mieten«, sagt einer der Anwälte, der eine Kommission aus 15 Advokaten leitet. In der ganzen Stadt suchen sie nach Verwaltungsakten, um sie zu retten.

Denn was passiert nach dem Krieg mit der Stadt, wenn sie diese Unterlagen jetzt nicht sichern? Das Chaos bliebe für immer. Keiner könnte dann mehr klären, wem was gehört, wer was verschenkt hat, wer wem wie viel schuldet. »Freies Komitee zum Schutz der Dokumente« haben sie ihre Gruppe genannt. Der Leiter des Komitees lebt mit seiner Familie in einem Stadtteil, der vom Regime kontrolliert wird. Zur Hauptverkehrszeit, morgens und abends, quert er mit seinem Wagen die Kampflinie. Die Gefahr, von einer Gewehrkugel getroffen zu werden, ist in dieser Zeit am geringsten. »Ich muss bald wieder los«, mahnt er die Kollegen zur Eile.

An diesem Tag kann die Brigade von Abu Jassin, dem Deutschen, wie er von seinen Leuten genannt wird, dem Gegner ein Haus entreißen. Mehrere Sprengsätze haben sie hineingeworfen. Abu Jassin, der gegen Abend wieder am Dieselofen sitzt, weiß nicht, wie viele Assad-treue Soldaten bei der Aktion starben, aber gewarnt waren sie. Das nächste Ziel sei die Tankstelle, dann die Werkstätte dahinter, dann, sehr bald schon, sei ganz Aleppo befreit.

Ein General der syrischen Armee liegt in Abu Jassins Zimmer und schaut sich in den Fernsehnachrichten an, wie sein ehemaliger Stützpunkt von den Rebellen eingenommen wird. Der Mann ist erst vor wenigen Stunden übergelaufen. Die Zigarette in der Hand, betrachtet er die Leichen derer, mit denen er noch am Nachmittag gekämpft hat. »Allah ist groß!«, ruft er am Ende der Nachrichten wie alle anderen. Der General entkam mit drei weiteren Offizieren, die im Nachbarraum auf dem Sofa liegen, hektisch atmend und nah am Kreislaufkollaps. »Du bist jetzt noch gar nichts für mich, weder Freund noch Feind«, sagt Abu Jassin zum General. Sie überprüfen die Namen von übergelaufenen Soldaten, denen der General bei der Flucht geholfen haben will. Möglicherweise wird aus dem Gast später ein Gefangener, das ist für Abu Jassin noch nicht abgemacht. Im Verlies seiner Brigade setzen die Kämpfer die Verdächtigen unter Drogen. »Junge, das wirkt, ich staune immer noch«, sagt er. Die Delinquenten zwinge man, ihre eigenen Aufputschtabletten zu schlucken. »Alle Pillen auf einmal, dann sagen die dir alles.« Die schlimmsten Verbrecher bringen die Rebellen zur Aburteilung nicht zum Vereinigten Gerichtshof. Abu Jassin und die Kommandeure haben die Sorge, dass sie dort freigesprochen werden könnten. Ist jemand des Mordes oder der Vergewaltigung schuldig, überantworten sie ihn den geheimen Scharia-Gerichtshöfen. Was dort dann mit ihnen geschieht? Abu Jassin schweigt.

Er geht in den Keller, spätnachts, wenn das Tagewerk erledigt ist, niemand mehr etwas von ihm will, er viel Zeit hat. Diese Ausflüge ins Untergeschoss, zu den Gefangenen, sind seine Art, zur Ruhe zu kommen – eine Art der Entspannung, wie sie vielleicht nur der Krieg hervorbringt. An diesem Abend sitzt Abu Jassin einem 18-Jährigen gegenüber, den sie zusammen mit seinem Vater eingesperrt haben. »Komm, sag es noch einmal«, befiehlt ihm Abu Jassin, als er den Gefangenen dem Übersetzer der ZEIT vorführen will. Er habe die Vergewaltigung dreier Mädchen zugegeben und müsse laut der Scharia mit dem Tod bestraft werden. »Ich hab’s nicht getan«, sagt der Junge. Die Männer von Abu Jassins Einheit haben ihn an der Front gefasst, ihn dann zum Schein freigelassen und ein zweites Mal in Arrest genommen. Sie sagten ihm, er sei wieder bei Assad. Da habe er von den Vergewaltigungen erzählt, um sich das Vertrauen zurückzuerkaufen. Jetzt, wo er weiß, dass er bei der FSA ist, leugnet er wieder. Er ist völlig verwirrt. Abu Jassin sagt zum Jungen: »Küss die Hand deines Vaters, und verabschiede dich von ihm.« Den Vater haben sie gleich mit eingesperrt, als Strafe, dass er den Jungen zur Armee geschickt hat. Abu Jassin lässt den zitternden Burschen seinen Vater küssen, alle wissen, was diese Geste bedeutet: das Ende. Der Junge wird in den Vorraum geführt, wo sich ein Bewaffneter anschickt, ihm zum Schein eine Augenbinde überzuziehen. »Pack ihn!«, sagt Abu Jassin. Er meint es nicht ernst. Er will ihn nur ein bisschen quälen.

Die Stadt ist in ihrem Wahnsinn sich selbst überlassen. Es ist eine der größten Katastrophen der Gegenwart, doch nur wenige internationale Hilfsorganisationen sind in Aleppo zu sehen. Sie alle sammeln Spenden für Flüchtlingslager jenseits der Grenze in der Türkei und in Jordanien. Die Regierungen des Westens haben Aleppo eine Flugverbotszone verweigert. Jetzt verweigern sie humanitären Beistand. Nur wenig Hilfe aus dem Westen erreicht die Stadt. Die Stimmung gegenüber ausländischen Reportern ist gereizt. Die Menschen rufen ihnen wütend hinterher. Verschwörungstheorien florieren. Der Westen, glauben viele, habe einen geheimen Plan, ganz Syrien auszulöschen.

Im Zellentrakt des Gerichtsgebäudes beschließt der Vorsteher, für heute Schluss zu machen und nach Hause zu gehen. Er und seine Frau streiten jetzt immerzu. »Du verbringst zu viel Zeit im Gefängnis!«, nörgelt sie. Abu Hamdi, der gelernte Kaffeehändler, hängt sich die Jutetasche um die Schulter, verabschiedet sich von den Wächtern der Nachtschicht und steigt die Stufen hinauf. Seine Wohnung ist nur wenige Hundert Meter entfernt, und dennoch ist der Gang dorthin die gefährlichste Aufgabe des Tages. An den Straßenecken grüßt er die Posten der FSA, Abu Jassins Leute. Sie stehen an Öltonnen, in denen Feuer flackern. Kurz vor seinem Haus hält Abu Hamdi inne, knipst die Taschenlampe aus. Er muss eine Seitengasse passieren, an deren Ende oft ein Scharfschütze lauert. Manchmal ist er da, manchmal nicht, erklärt Abu Hamdi seinen Begleitern. »Ich zähle auf drei, dann los.« Auf diese Weise habe der Schütze keine Zeit, sich auf die Gruppe einzuschießen.

Nach weiteren 50 Metern wird es vollends zu riskant, die Straße zu benutzen, gleich mehrere Scharfschützen sollen über der nächsten Kreuzung ansitzen. Zehn Menschen hätten sie in den letzten Wochen angeschossen, sagt Abu Hamdi. Er betritt das Kellergeschoss eines Nachbargebäudes, schlüpft durch das Loch, das sie in die Trennwand zu seinem Apartmentblock gebrochen haben. Steigt im Treppenhaus bis zum vierten Stock, wo er mit seiner Frau lebt, schließt dort die spanische Wand zur Fensterseite hin, weil auch hierher der Blick der Scharfschützen geht. »Keine Sorge«, sagt er lächelnd, »nur zur Vorsicht.« Die Umstände sind ihm etwas peinlich. »Ich bin da!«, ruft er in die Küche zu seiner Frau, die Kaffee und Kuchen bereitet.

In Abu Hamdis Haus wohnen von 29 Parteien noch acht, im Nachbarhaus gibt es noch drei Familien. Im Haus dahinter lebt nur eine einzige Familie, dann kommt die Front. Jeden Abend treffen sich die letzten Bewohner seines Hauses bei einer anderen Familie, die Männer von den Frauen getrennt. Seine Frau, erzählt der Gefängnisvorsteher, leidet unter dem Stromausfall, ist den ganzen Tag zu Hause, sie kann nicht fernsehen, nicht telefonieren. Das Paar ist kinderlos, es wollte nach Jordanien in eine Fruchtbarkeitsklinik, daraus wurde wegen des Krieges nichts. Wenigstens kann Abu Hamdi seiner Frau jetzt im Gerichtsgefängnis das Smartphone aufladen, auf dem die Spiele gespeichert sind, mit denen sie sich im Krieg die Zeit vertreibt. In ihrem Lieblingsspiel arbeitet sie als Serviererin in einem Restaurant und muss die Gäste bewirten. Ist sie nicht schnell genug, verschwinden die Kunden. So vergehen ihre Tage.

Später am Abend muss Abu Hamdi noch einmal zurück an seinen neuen Arbeitsplatz, um zu schauen, ob der Generator endlich läuft. Es wäre für ihn einfacher, zu Hause zu bleiben, den Streit mit seiner Frau beizulegen, aber er findet: »Wir müssen es besser machen als Assad.« Es sind keine leeren Worte. Noch einmal riskiert er an diesem Tag sein Leben für die Gefangenen.

Auf dem Rückweg stoppt Abu Hamdi kurz vor der Seitenstraße, an dessen Ende vielleicht der Scharfschütze liegt. »Ich fange an zu zählen«, sagt er wie schon zuvor. »Eins. Zwei. Drei!«

»Sage die Wahrheit. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Richter Dalati ist am nächsten Tag auswärts zu einer Versammlung, so führt Abu Muthanna die Befragungen ohne ihn durch. Ein zweiter Scharia-Gelehrter sitzt Abu Muthanna bei, Mitte 20, ein ganz Stiller, der im Umgang mit den Gesetzen noch etwas unsicher ist. Eine Frau meldet ihren Ehemann als vermisst. Sie ist mit ihrem sechsjährigen Jungen ins Gericht gekommen. Der Kleine hält den Ausweis seines Vaters. »Er wurde vor drei Tagen festgenommen«, sagt sie. Die Bewaffneten hätten ihr weder erklärt, zu welcher Brigade sie gehörten, noch wohin sie ihren Mann brächten. »Dein Bruder ist doch bei den Schabiha«, sagt Abu Muthanna. Die Frau schreit ihn an: »Aber warum nehmen die dann meinen Mann?!« Sie weint, will wissen, ob er im Keller des Gerichts ist. »Ich laufe jetzt seit drei Tagen von Brigade zu Brigade.« Die Nachbarn seien auf Abstand zu ihr gegangen, keiner auf der Straße rede mehr mit ihr, nichts sei mehr wie früher. »Wo sollen wir denn hin, wenn wir hier nicht mehr leben können?« Abu Muthanna meidet ihren Blick, wie er den Blick aller Frauen meidet, das gebietet ihm, sagt er, der Islam. Er schaut in das Haftbuch von Abu Hamdi, das man ihm gebracht hat. Der Name des Vermissten ist auch darin nicht verzeichnet.

Die Frau ahnt nicht, wie nahe sie ihrem Mann gekommen ist. Nur Meter vom Gericht entfernt sitzt er im Verlies der Brigade. Es ist jener, dem die Kriegswaise Said eine Zigarette verweigert hat. Das erweist sich, als dem Team der ZEIT die Ähnlichkeit auffällt – woraufhin es die Gerichtsleitung informiert, die verspricht, dem Fall nachzugehen. Doch bei seiner Anhörung weiß Abu Muthanna davon noch nichts. Das Gericht, das den Menschen Hoffnung geben will, lässt sie hoffnungslos zurück. Die Frau geht wieder, mit dem Kind an der Hand.

Noch einmal kommt am Nachmittag das Komitee zum Schutz der Dokumente im Gericht zusammen. Die Anwälte hatten sich mit dem Besitzer einer Lagerhalle treffen wollen, der ihnen anbietet, die Akten kostenlos zu deponieren. Auf einmal aber gibt es keine einzulagernden Akten mehr. Jemand hat die Schlösser des Archivkellers im alten Zivilgericht aufgebrochen, alle Akten des Grundbuchamts auf zwei Lastwagen verteilt und als Brennmaterial verkauft.

Damit heizen jetzt Familien ihre Wohnungen. Ordner für Ordner, Urkunde für Urkunde geht Aleppo in Flammen auf.

Mitarbeit: Yamen Abou Oun

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Leserkommentare
    • gooder
    • 20. Januar 2013 18:02 Uhr

    Bildlich muss man sich das ganze wohl so vorstellen.

    http://www.tagesschau.de/...

    Das ist vermutlich keine Satire-Sendung und auch der Kommentator scheint es ernst zu meinen.

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  1. Zeit-Zitat:"Im Umland der Stadt gewinnen die Rebellen immer mehr Terrain. Sie konnten in den vergangenen Wochen die meisten Militärstützpunkte erobern. Wie ein Ring liegen die Kasernen um Aleppo. Eine Festung nach der anderen haben die Aufständischen gestürmt und dabei Panzer und schwere Geschütze erbeutet. Die neuen Waffen machen die Erstürmung der nächsten Bastionen einfacher. Die Truppen des syrischen Regimes sind nahezu abgeschnitten vom Rest des Landes. Die Verbindungen nach Damaskus und ans Mittelmeer sind gekappt. Die Luftwaffe versucht, die Soldaten von Helikoptern aus mit Nachschub zu versorgen, was offensichtlich nur unzulänglich gelingt. In den Reihen der Rebellen steigt die Bedeutung der Islamisten. Oft sind die Siege der Aufständischen die Siege von Al-Nusra"

    Gratuliere zu dem Heldenepos.

    Al Kaida steht mal wieder im Mittelpunkt der Syrienberichterstattung.

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    Hmm...Und seit dem 11. machen die Franzosen "Klar Schiff" in Mali gegen diese Brüder. Komisch?!? Täte mich mal interessieren,ob Hr. Bauer (Zeitsoldat&Kriegsdienstverweigerer?!)nun in Aleppo direkt vor Ort war oder dies eine "Auftragsarbeit",vom Schreibtisch aus, darstellt. Wenn Aleppo zutrifft,dann ist "Das" dürftig.

  2. Man kann nur fassunglos an Gott und Mensch zweifeln , wenn man die Situation in Syrien verfolgt und dieser Artikel von Hrn. Bauer 'kratzt' nur sehr leicht an der Oberflaeche , die wahren Tatsachen sind um Welten schauerlicher.
    Ohne Zweifel traegt der Westen die Hauptschuld an dem 'Jahrhundertdrama' in Syrien.
    Die Fuehrer der NATO/GCC muessen fuer Verbrechen an die Menschlichkeit an den Pranger , besser frueher als spaeter.

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    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/ls

  3. An dieser Situation ist das syrische Regime zweifelsohne mit schuldig. Andereseits wird den Syrern nun auf brutale Weise klar, welches ihre Alternativen sind. Vor allem die syrischen Frauen dürften unter dem Horror leiden, aber auch von ihnen wird letztendlich eine Entscheidung abverlangt. Nach diesem Krieg wird es für Assad zweifelsohne nicht so weitergehen wie vorher. Die Syrer werden mündig. Der Westen wird aber mit Zeugen und Richtern konfrontiert werden und die Allianz mit dem Islamismus wird ihn teuer zu stehen bekommen.

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  4. Laut Merkel wird die Freiheit Deutschlands am Hindukushk verteidigt. Dies war natuerlich eine massive Uebertreibung , wenn nicht ein Hirngespinst.
    Vor 4 Tagen war Hollande in den VAE , um Geld bei den Sheichs einzutreiben , da das bankrotte Frankreich sonst den Mali-Einsatz nicht finanzieren kann.
    Daher wird die Diktatur der VAE wohl in Mali verteidigt , nach Verstaendnis von Merkel.
    Und die Diktaturen in Saudi Arabien und Katar wurden in Libyen und jetzt in Syrien verteidigt.
    Und die Tuerkei verteidigt osmanische Grossreichträume wohl auch in Syrien ...
    Es ist ein Jammer und umsomehr eine Schande fuer die gesamte sog. westliche "Wertegemeinschaft" , wenn es so etwas ueberhaupt gibt.
    Angerachter waere wohl der Ausdruck "die vereinigten Kriegsmaechte" mit Al-Kaida , Al-Nusra , etc. fuer die ganz dreckige Arbeit und Saudi Arabien und Katar als unversiegbare Quelle von Geld und Hard-Core Extremisten.

    4 Leserempfehlungen
  5. Hmm...Und seit dem 11. machen die Franzosen "Klar Schiff" in Mali gegen diese Brüder. Komisch?!? Täte mich mal interessieren,ob Hr. Bauer (Zeitsoldat&Kriegsdienstverweigerer?!)nun in Aleppo direkt vor Ort war oder dies eine "Auftragsarbeit",vom Schreibtisch aus, darstellt. Wenn Aleppo zutrifft,dann ist "Das" dürftig.

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  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/ls

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