Wie ein Wellenbrecher ragt das zwölfstöckige Gerichtsgebäude in die umkämpfte Stadt. Es ist an drei Seiten von der Front umgeben. 500 Meter entfernt stehen die Regierungstruppen im Norden, im Westen, im Osten. Ihre Scharfschützen reichen stellenweise noch näher heran. Das Gericht des neuen Syriens ist vor einem Monat in den Bau gezogen, der leer stand, eine unvollendete Wohnanlage, die der Magistrat für Aleppos Mittelklasse errichtet wollte. Als sie einzogen, fanden die Anwälte die Kartons originalverpackter Einbauküchen. Ihre Standortwahl trafen sie aufgrund eines waghalsigen Kalküls. Das Gebäude ist so dicht an der Front, dass es die Luftwaffe nicht wagt, hier ihre Bomben abzuwerfen, aus Angst, die eigenen Truppen zu treffen. Zugleich ist es aber so weit von der Kampflinie entfernt, dass die meisten von dort abgefeuerten Granaten es nicht mehr erreichen.

Der Flur vor dem Raum, in dem Dalati Recht spricht, ist mit Menschen gefüllt. Männer in Tarnhosen, einige brechen sich mit der Kalaschnikow über der Schulter Bahn. Verschleierte Frauen warten stumm. Freiwillige putzen emsig die cremefarbenen Fliesen. Zwischen ihnen allen hastet der Gerichtsdiener Abu Ali hin und her, ein dicker Gemüsehändler, der Botschaften in versiegelten Briefumschlägen überbringt. Er läuft von Raum zu Raum, von der Strafkammer zur Zivilkammer zum Militärgericht zum Familiengericht, die alle auf einer Etage sitzen. Abu Ali ersetzt das Telefonnetz, das in der von den Rebellen kontrollierten Stadthälfte vom Regime abgeschaltet wurde. Die Räume des Gerichts sollten einst Schlafzimmer, Bad oder Kinderzimmer werden. Jetzt weisen handgeschriebene Zettel, auf die Türen geklebt, Klägern und Angeklagten den Weg. Zunächst hielten die Richter ihre Sitzungen aus Angst im Keller ab. Nun sind sie in den ersten Stock gezogen und haben das Untergeschoss zum Gefangenentrakt gemacht. Kürzlich haben die Mitarbeiter des Gerichtes improvisierte Ausweise bekommen, mit Name und Stempel. Nur die Richter tragen sie nicht, die meisten wollen ihre Namen geheim halten. Sie fürchten Attentate. Noch sind die Spitzel Assads überall in Aleppo.

Die Anarchie hat von Syriens zweitgrößter Stadt Besitz ergriffen. Seit dem Einmarsch der Rebellen im August existiert in Aleppo keine geordnete Rechtsprechung mehr. Scharia-Räte und mobile Standgerichte, eingesetzt von den kämpfenden Brigaden, entscheiden in der Zweieinhalb-Millionen-Metropole über Leben und Tod. Viele verschiedene Tribunale bestehen parallel, Verdächtige werden von denen abgeurteilt, die sie festgenommen haben. Die Polizei des alten Regimes hat sich zurückgezogen, noch hat sich keine neue herausgebildet. Die Selbstjustiz grassiert. Vernichtungsschneisen der Rache durchziehen die Stadt. Die Freie Syrische Armee (FSA) und die islamistischen Kampfgruppen konzentrieren sich auf den Krieg und stellen nur wenige Kräfte für das Hinterland ab. Und oft genug sind genau diese ein Teil des Problems. Die Rebellen wollten das Volk vor den Assad-Schergen schützen, aber wer schützt es jetzt vor ihnen?

»Die reine Wahrheit. Sage nicht mehr und nicht weniger. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Mohammed Dalati hat sich wieder erhoben und lässt den nächsten Angeklagten schwören: einen Elektriker, der Kupferkabel gestohlen haben soll. »Wegen dir gibt es im ganzen Viertel keinen Strom mehr«, hält ihm Dalati vor. »Ich habe gar nichts getan«, wehrt der sich. »Es gibt Zeugen!«, wirft Dalatis linker Beisitzer ein. Er heißt Abu Muthanna, ist 29 Jahre alt und hat bisher an der Universität islamisches Recht unterrichtet. »Die wollen mich anschwärzen!«, ruft der Elektriker. Abu Muthanna liest aus den Vernehmungsprotokollen zweier Zeugen vor. Eine Verschwörung seiner Konkurrenten, wehrt sich der Beschuldigte. Als er nach einer halben Stunde wieder in den Keller hinuntersteigt, hat er Eindruck auf die beiden Richter gemacht. Sie sind sich noch unschlüssig.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Dalati, der Ältere in seiner schweren Lederjacke, raucht, lächelt viel, ist im Auftreten konziliant. 30 Jahre lang hat er Mandanten vor Gericht verteidigt. Das merkt man ihm an, er scheint mitzufühlen mit den Angeklagten. Unter dem Assad-Regime hätte er nie Richter werden können, weil dieses Amt Mitgliedern der Baath-Partei vorbehalten war. Abu Muthanna, der Jüngere, blaue Augen unter wilden Brauen, gezackt wie ein Drachenrücken, ist jung und ehrgeizig. Er kleidet sich in islamische Tracht, blaue Stoffkappe und Kutte. Angewidert wendet er sich manchmal von den Angeklagten ab.

Der Richter trägt eine Waffe: Eine Pistole mit Elfenbeingriff

Dalati hat in seinem Leben gelernt, was Sünde ist und dass niemand frei von ihr ist. Abu Muthanna macht den Eindruck, als sei er der Sünde bisher nur in theoretischen Abhandlungen begegnet. Manchmal grübelt er stundenlang über ein Urteil, auch zu Hause noch, auch in der Nacht. Er will keine Schuld auf sich laden. Ist der Elektriker Opfer oder Täter? Dalati und Abu Muthanna beschließen, die Konkurrenten zu verhören, der von der Festnahme des Beschuldigten profitieren würde. Wie ihn aber vorladen?

Dieses Tribunal ist eines, das über nicht viel mehr verfügt als die bloße Idee. Was will es ausrichten ohne eine Polizei, die Verdächtige und Zeugen aufspürt? Wie kann es Zeugen vernehmen, deren Adressen unbekannt sind, weil sie wie viele Einwohner Aleppos ständig ihre Wohnung wechseln? Wie können Vorladungen diese Wohnungen erreichen, wenn es keine Post gibt? Und was sind die Urteile schließlich wert, wenn Rebellengruppen für schuldig befundene Mitglieder mit Waffengewalt wieder aus dem Gefängnis holen? Dieses Gericht hat nur einen Staatsanwalt, der für alle Fälle zuständig ist, und die Angeklagten haben keinen Verteidiger – es gibt nicht genügend Anwälte, die den Mut dazu haben.