Syrienkrieg : Im Namen der Rebellen
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 Sie verhandeln Diebstähle, wo Massenmorde Alltag sind

Am Ende des Tages leeren sich die Flure, die Stimmen in der Eingangshalle verklingen, Dunkelheit fällt über das Gericht. Dalati überprüft seine Waffe, eine Pistole mit Elfenbeingriff. Er und Abu Muthanna beeilen sich, das Gebäude zu verlassen. Zwei Wagen mit bewaffneten Familienangehörigen warten auf sie. Die Straßen werden mit der Dämmerung noch unsicherer. Seitdem das Gaskraftwerk draußen vor der Stadt zerstört wurde, gibt es in ganz Aleppo keinen Strom. Am Gericht bleiben nur die Kämpfer der Liwa al-Schabab zurück, des »Bataillons der Jugend«. Die Gruppe hat in einem Wohnblock gegenüber dem Tribunal ihr Quartier bezogen. Zu ihren Aufgaben gehört die Bewachung des Gerichtshofs. Wie fast alle Brigaden unterhält die Gruppe jedoch auch ihr eigenes Gefängnis. Wenn sie einen Häftling verhört hat, überstellt sie ihn nach Belieben an den Vereinigten Gerichtshof oder auch an eines der anderen Gerichte.

Neun Männer wärmen sich an einem Dieselofen die Hände. Im Zwielicht der Glut sitzt auch ein Deutscher aus dem schwäbischen Pfullingen, der in Schleswig-Holstein aufwuchs, bei der Bundeswehr war und kurz beim Militärischen Abschirmdienst. Ein Technikspezialist, der als Zertifizierer für die ISO-Industrienorm gearbeitet hat. Abu Jassin nennen sie ihn hier an der Front, mit dem Beinamen al-Almani, »der Deutsche«. Er trägt Jeans, eine Pistole am Beinhalfter und die Uniformjacke mit dem Emblem der Gruppe. Der 38-Jährige, der in Aleppo geboren wurde, hat sich vor vier Monaten der Einheit angeschlossen und wurde zu einem ihrer Anführer. »Die«, sagt er und deutet rüber zum Gerichtsgebäude, »sind gar nichts ohne uns.«

Sie verhandeln Diebstähle, wo Massenmorde Alltag sind

Die Nacht ist unruhig. Zwischen den Häuserblocks hinter dem Gericht rattern die Maschinengewehre. Assads Soldaten feuern Granaten ab. Der Boden unter dem Dieselofen zittert. Tags zuvor haben Regierungstruppen versucht, mit Infanterie und drei Panzern zum Gericht vorzustoßen, doch Abu Jassins Einheit hielt sie auf. Einer der dabei Verwundeten, gerade 20 Jahre alt, liegt im Quartier der Kämpfer und schreit auf seiner Matratze. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Urin. »Mein Gott!«, weint er die Nacht hindurch. »Mein Gott!« Gewehrkugeln haben ihm die Knochen beider Beine zersplittert. Die Ärzte in Aleppo konnten ihn nur notdürftig operieren. Das Schluchzen hält die halbe Truppe wach.

Abu Jassin schwankt jeden Tag zwischen Euphorie und Depression. Chronisch übermüdet, wirkt er wie abwesend zwischen denen, die so vieles von ihm wollen: Medikamente, Munition, manchmal nur Essen, Informationen über den nächsten Einsatz, Diesel für den Generator. Er sagt, er sei tiefgläubig, aber kein Gotteskrieger, sondern Patriot, und man nimmt es ihm ab. Er habe es nicht mehr ausgehalten, nur aus der Ferne zuzuschauen, er habe etwas tun wollen. Aber war es die richtige Entscheidung? So viele Freundschaften hat er geschlossen und so viele dieser Freunde durch den Tod wieder verloren. Seit August wurden etliche Brigaden fast aufgerieben, die meisten Kämpfer sind tot oder verwundet. Neue Freiwillige haben die Lücken gefüllt. Neulich hätte Abu Jassin, der so jungenhaft wirkt, beinahe einen Gefangenen erschossen, unkontrolliert, einfach aus Wut. Einen Assad-Soldaten, den sie an der Front gefasst hatten und der zugegeben hatte, drei Mädchen vergewaltigt zu haben. »Das sind Tiere! Das sind keine Menschen mehr!« Der Deutsche nimmt seither, wie er erzählt, seine Pistole nicht mehr mit zu den Verhören.

»Sage die Wahrheit. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Eine Frau steht am nächsten Morgen vor den Richtern Dalati und Abu Muthanna. Sie wird als Klägerin vernommen, die zweite Ehefrau ihres Mannes soll die Wohnung ausgeraubt haben. Weinend zählt die Bestohlene auf, was fehlt: »Eine Mikrowelle, ein Bündel Decken, noch originalverpackt, der Gefrierschrank, ein Flachbildfernseher.« – »22 Zoll? 27?«, fragt Dalati nach. Und wie alt die Mikrowelle sei. Akribisch lässt er den Protokollanten eine Liste der vermissten Gegenstände aufstellen, berechnet den Klagewert. Er wird der Frau die Dinge nicht wiederbeschaffen können, ein wenig aber ihre Würde. Das ist der Grund, warum sie Einbrüche und Diebstähle verhandeln, Kleinigkeiten in einer Stadt, die täglich Schauplatz ist von Massenmorden. Die Freien Anwälte haben beschlossen, in den schlimmsten Fällen zunächst nur die Angeklagten einzusperren und mit dem Verfahren zu warten, bis die Lage stabiler ist. Das Gericht braucht schnelle Erfolge. Rasch muss es damit beginnen, den Menschen die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft zurückzugeben.

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