SyrienkriegIm Namen der Rebellen
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 "Du hast den Falschen eingesperrt"

43 Stufen führen von den Verhandlungszimmern hinab in den Keller, in das Reich von Abu Hamdi, wie der Vorsteher des Gefängnisses genannt wird. Ein Pseudonym zu seinem Schutz. Er sitzt auf einem Stuhl am Ende eines langen Ganges, von dem mehrere Zellentüren abgehen. Sie tragen Aufschriften wie »Diebe«, »Zivilsachen« und »Schabiha«, der Oberbegriff für Anhänger des Regimes. Die Rebellen haben Kontrollklappen in die Kellertüren geschweißt und schwere Eisenriegel angebracht. Finster ist es hier unten. Abu Hamdi hat Schwierigkeiten, Benzin für den Stromgenerator zu organisieren. Im Licht einer Autobatterie, mit der er eine Lampe betreibt, schreibt er ins Haftbuch. Für diesen Vormittag verzeichnet er sieben Neuzugänge. Eine Brigade der FSA brachte ihm zwei ihrer Kämpfer, die sich im Streit gegenseitig angeschossen hatten. Die »Wächter der Revolution«, wie eine neu gegründete Sicherheitstruppe der Rebellen heißt, übergaben ihm fünf schwule Männer, die in einer Wohnung angeblich bei Handlungen »wider die Natur« aufgegriffen worden waren. Viele der Freien Anwälte missbilligen, dass die Männer verhaftet wurden, genauso wie die Festnahmen wegen Ehebruchs. Es sei nicht die Zeit dafür. Im Krieg gebe es andere Prioritäten. Doch die Scharia-Gelehrten bestehen darauf.

Abu Hamdi ist eigentlich Kaffeehändler und übernahm die Leitung des Häftlingstraktes, nachdem der letzte Vorsteher entlassen worden war. Die Wächter hätten sich bestechen lassen, Insassen seien geschlagen worden, erzählt Hamdi. »Unhaltbar« seien die Zustände gewesen. Über Details schweigt er.

»Du hast den Falschen eingesperrt«, sagt der Richter Dalati, der zwischen zwei Sitzungen in den Keller hinabgestiegen ist. »Das sind doch Brüder!« Abu Hamdi schrickt auf, beugt sich wieder tief über sein Haftbuch. »Oh mein Gott!«, entfährt es ihm. Die Kämpfer, die den Mann festnahmen, hatten sich getäuscht. Und Abu Hamdi kann im schwachen Licht der Lampe die Gesichter bloß grob erkennen.

Die gesellschaftliche Ordnung Aleppos ist wie bei einem Urknall zerstoben, es existieren bloß noch Partikel. Bindungslos treiben Reste von Konventionen und Traditionen im gesetzlosen Raum, doch vier Monate nach Einmarsch der Rebellen beginnen sich daraus wieder Strukturen zu bilden. Zu ihnen gehört das Vereinigte Gericht, aber es gibt noch weitere Gerichtshöfe. Einer wird von dem islamistischen Kampfverband Ahrar al-Scham (»Freie Männer von Großsyrien«) betrieben, einer von der Al-Nusra-Front, die Al-Kaida nahesteht und von den USA auf die Terrorliste gesetzt wurde. All diese Gerichte konkurrieren miteinander. Ein Komitee mit Delegierten aller Seiten verhandelt über einen Zusammenschluss. Bisher scheinen die Unterschiede unüberbrückbar. »Al-Nusra sagt, wer jetzt noch für Assad arbeitet, an der Front oder im Büro, ist ungläubig und muss getötet werden«, sagt Abu Muthanna, der junge Scharia-Gelehrte. Das Vereinigte Gericht, dem er selbst und Richter Dalati angehören, sei jedoch der Meinung, man müsse genauer hinsehen und die Umstände berücksichtigen, die den Einzelnen unter Zwang setzen.

»Willst du ’ne Zigarette?« Der zwölfjährige Said steht auf dem Bürgersteig und spricht durch ein Gitter am Boden in einen Lichtschacht hinein. Der Junge gehört zur Kampfgruppe von Abu Jassin, dem deutschen ISO-Zertifizierer aus Pfullingen. Vom Trottoir aus kann er ins Untergeschoss des Wohngebäudes schauen, in das Verlies der Brigade. »Ja!«, ruft einer der Gefangenen unter ihm und hebt die Hand. »Kriegst du aber nicht!«, sagt Said und lacht den Bettelnden an. »Bitte!«, fleht der Gefangene weiter. Said lächelt. Hält die Zigarette hoch, tut so, als würde er sie hinunterwerfen in die Zelle, und steckt sie sich stattdessen grinsend selber an. »Ich kriege es nicht übers Herz, den Kleinen an die Front zu schicken«, sagt Abu Jassin. Er lässt Said nun den Tee machen, Wasser holen, Botengänge erledigen. Der Vater des Jungen ist als Selbstmordattentäter bei einem Anschlag auf Assad-Truppen ums Leben gekommen, die Mutter einer Krankheit erlegen. Irgendwann habe Said dann am Kanonenofen der Brigade gesessen. Eine Generation von Kriegswaisen wächst im neuen Syrien heran. Viele schließen sich den Bewaffneten an. Immer jünger wird dieser Krieg. Je länger er dauert, desto mehr Kinder gehören zu den Kämpfern.

Die Sonne scheint an diesem Freitagmorgen, ein Feiertag. Einzelne Familien gehen auf den Trottoirs spazieren. Auf den Dachterrassen halten ältere Frauen ihr Gesicht in die Wärme. Stille.

Die Ruhe wird von einer kleinen Gruppe von Demonstranten unterbrochen, die vor das Gerichtsgebäude ziehen. Sie sind zum Teil maskiert und tragen in ihrer Mitte eine riesige Flagge des neuen Syriens. Die Teilnehmer fordern höhere Mehlzuweisungen für ihr Viertel. Es wird viel demonstriert in Aleppo, immer noch gegen Assad, immer häufiger aber auch gegen die neuen Herren. Die Brotpreise haben sich verdreifacht, den Rebellen wird vorgeworfen, die Preise künstlich angehoben zu haben, um von dem Profit Waffen zu kaufen. Es gibt Klagen, dass die einzelnen Brigaden zuerst an sich denken, das Mehl an ihre Günstlinge verteilen. Familien schicken ihre Kinder oft zu vielen verschiedenen Bäckereien, um die Chance auf ein bisschen Brot zu vergrößern. Und da immer mehr Menschen in die Stadt zurückkehren, konkurrieren auch immer mehr um die wenigen Nahrungsmittel. Nur noch selten werden Luftangriffe geflogen, was bis zum Spätherbst fast pausenlos geschah. Über die Gründe spekulieren nicht nur die Bewohner Aleppos. Weil die Rebellen jetzt Luftabwehrwaffen haben, mit denen sie im letzten halben Jahr hundert Flugzeuge und Helikopter abgeschossen haben sollen? Weil Assads Kraft bereits erschöpft ist?

Leserkommentare
    • gooder
    • 20. Januar 2013 18:02 Uhr

    Bildlich muss man sich das ganze wohl so vorstellen.

    http://www.tagesschau.de/...

    Das ist vermutlich keine Satire-Sendung und auch der Kommentator scheint es ernst zu meinen.

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  1. Zeit-Zitat:"Im Umland der Stadt gewinnen die Rebellen immer mehr Terrain. Sie konnten in den vergangenen Wochen die meisten Militärstützpunkte erobern. Wie ein Ring liegen die Kasernen um Aleppo. Eine Festung nach der anderen haben die Aufständischen gestürmt und dabei Panzer und schwere Geschütze erbeutet. Die neuen Waffen machen die Erstürmung der nächsten Bastionen einfacher. Die Truppen des syrischen Regimes sind nahezu abgeschnitten vom Rest des Landes. Die Verbindungen nach Damaskus und ans Mittelmeer sind gekappt. Die Luftwaffe versucht, die Soldaten von Helikoptern aus mit Nachschub zu versorgen, was offensichtlich nur unzulänglich gelingt. In den Reihen der Rebellen steigt die Bedeutung der Islamisten. Oft sind die Siege der Aufständischen die Siege von Al-Nusra"

    Gratuliere zu dem Heldenepos.

    Al Kaida steht mal wieder im Mittelpunkt der Syrienberichterstattung.

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    Hmm...Und seit dem 11. machen die Franzosen "Klar Schiff" in Mali gegen diese Brüder. Komisch?!? Täte mich mal interessieren,ob Hr. Bauer (Zeitsoldat&Kriegsdienstverweigerer?!)nun in Aleppo direkt vor Ort war oder dies eine "Auftragsarbeit",vom Schreibtisch aus, darstellt. Wenn Aleppo zutrifft,dann ist "Das" dürftig.

  2. Man kann nur fassunglos an Gott und Mensch zweifeln , wenn man die Situation in Syrien verfolgt und dieser Artikel von Hrn. Bauer 'kratzt' nur sehr leicht an der Oberflaeche , die wahren Tatsachen sind um Welten schauerlicher.
    Ohne Zweifel traegt der Westen die Hauptschuld an dem 'Jahrhundertdrama' in Syrien.
    Die Fuehrer der NATO/GCC muessen fuer Verbrechen an die Menschlichkeit an den Pranger , besser frueher als spaeter.

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    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/ls

  3. An dieser Situation ist das syrische Regime zweifelsohne mit schuldig. Andereseits wird den Syrern nun auf brutale Weise klar, welches ihre Alternativen sind. Vor allem die syrischen Frauen dürften unter dem Horror leiden, aber auch von ihnen wird letztendlich eine Entscheidung abverlangt. Nach diesem Krieg wird es für Assad zweifelsohne nicht so weitergehen wie vorher. Die Syrer werden mündig. Der Westen wird aber mit Zeugen und Richtern konfrontiert werden und die Allianz mit dem Islamismus wird ihn teuer zu stehen bekommen.

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  4. Laut Merkel wird die Freiheit Deutschlands am Hindukushk verteidigt. Dies war natuerlich eine massive Uebertreibung , wenn nicht ein Hirngespinst.
    Vor 4 Tagen war Hollande in den VAE , um Geld bei den Sheichs einzutreiben , da das bankrotte Frankreich sonst den Mali-Einsatz nicht finanzieren kann.
    Daher wird die Diktatur der VAE wohl in Mali verteidigt , nach Verstaendnis von Merkel.
    Und die Diktaturen in Saudi Arabien und Katar wurden in Libyen und jetzt in Syrien verteidigt.
    Und die Tuerkei verteidigt osmanische Grossreichträume wohl auch in Syrien ...
    Es ist ein Jammer und umsomehr eine Schande fuer die gesamte sog. westliche "Wertegemeinschaft" , wenn es so etwas ueberhaupt gibt.
    Angerachter waere wohl der Ausdruck "die vereinigten Kriegsmaechte" mit Al-Kaida , Al-Nusra , etc. fuer die ganz dreckige Arbeit und Saudi Arabien und Katar als unversiegbare Quelle von Geld und Hard-Core Extremisten.

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  5. Hmm...Und seit dem 11. machen die Franzosen "Klar Schiff" in Mali gegen diese Brüder. Komisch?!? Täte mich mal interessieren,ob Hr. Bauer (Zeitsoldat&Kriegsdienstverweigerer?!)nun in Aleppo direkt vor Ort war oder dies eine "Auftragsarbeit",vom Schreibtisch aus, darstellt. Wenn Aleppo zutrifft,dann ist "Das" dürftig.

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  6. 8. [...]

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