Syrienkrieg : Im Namen der Rebellen
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Der Gefängnisvorsteher riskiert sein Leben für die Gefangenen

Im Zellentrakt des Gerichtsgebäudes beschließt der Vorsteher, für heute Schluss zu machen und nach Hause zu gehen. Er und seine Frau streiten jetzt immerzu. »Du verbringst zu viel Zeit im Gefängnis!«, nörgelt sie. Abu Hamdi, der gelernte Kaffeehändler, hängt sich die Jutetasche um die Schulter, verabschiedet sich von den Wächtern der Nachtschicht und steigt die Stufen hinauf. Seine Wohnung ist nur wenige Hundert Meter entfernt, und dennoch ist der Gang dorthin die gefährlichste Aufgabe des Tages. An den Straßenecken grüßt er die Posten der FSA, Abu Jassins Leute. Sie stehen an Öltonnen, in denen Feuer flackern. Kurz vor seinem Haus hält Abu Hamdi inne, knipst die Taschenlampe aus. Er muss eine Seitengasse passieren, an deren Ende oft ein Scharfschütze lauert. Manchmal ist er da, manchmal nicht, erklärt Abu Hamdi seinen Begleitern. »Ich zähle auf drei, dann los.« Auf diese Weise habe der Schütze keine Zeit, sich auf die Gruppe einzuschießen.

Nach weiteren 50 Metern wird es vollends zu riskant, die Straße zu benutzen, gleich mehrere Scharfschützen sollen über der nächsten Kreuzung ansitzen. Zehn Menschen hätten sie in den letzten Wochen angeschossen, sagt Abu Hamdi. Er betritt das Kellergeschoss eines Nachbargebäudes, schlüpft durch das Loch, das sie in die Trennwand zu seinem Apartmentblock gebrochen haben. Steigt im Treppenhaus bis zum vierten Stock, wo er mit seiner Frau lebt, schließt dort die spanische Wand zur Fensterseite hin, weil auch hierher der Blick der Scharfschützen geht. »Keine Sorge«, sagt er lächelnd, »nur zur Vorsicht.« Die Umstände sind ihm etwas peinlich. »Ich bin da!«, ruft er in die Küche zu seiner Frau, die Kaffee und Kuchen bereitet.

In Abu Hamdis Haus wohnen von 29 Parteien noch acht, im Nachbarhaus gibt es noch drei Familien. Im Haus dahinter lebt nur eine einzige Familie, dann kommt die Front. Jeden Abend treffen sich die letzten Bewohner seines Hauses bei einer anderen Familie, die Männer von den Frauen getrennt. Seine Frau, erzählt der Gefängnisvorsteher, leidet unter dem Stromausfall, ist den ganzen Tag zu Hause, sie kann nicht fernsehen, nicht telefonieren. Das Paar ist kinderlos, es wollte nach Jordanien in eine Fruchtbarkeitsklinik, daraus wurde wegen des Krieges nichts. Wenigstens kann Abu Hamdi seiner Frau jetzt im Gerichtsgefängnis das Smartphone aufladen, auf dem die Spiele gespeichert sind, mit denen sie sich im Krieg die Zeit vertreibt. In ihrem Lieblingsspiel arbeitet sie als Serviererin in einem Restaurant und muss die Gäste bewirten. Ist sie nicht schnell genug, verschwinden die Kunden. So vergehen ihre Tage.

Später am Abend muss Abu Hamdi noch einmal zurück an seinen neuen Arbeitsplatz, um zu schauen, ob der Generator endlich läuft. Es wäre für ihn einfacher, zu Hause zu bleiben, den Streit mit seiner Frau beizulegen, aber er findet: »Wir müssen es besser machen als Assad.« Es sind keine leeren Worte. Noch einmal riskiert er an diesem Tag sein Leben für die Gefangenen.

Auf dem Rückweg stoppt Abu Hamdi kurz vor der Seitenstraße, an dessen Ende vielleicht der Scharfschütze liegt. »Ich fange an zu zählen«, sagt er wie schon zuvor. »Eins. Zwei. Drei!«

»Sage die Wahrheit. Füge nichts hinzu, und lasse nichts weg.« Richter Dalati ist am nächsten Tag auswärts zu einer Versammlung, so führt Abu Muthanna die Befragungen ohne ihn durch. Ein zweiter Scharia-Gelehrter sitzt Abu Muthanna bei, Mitte 20, ein ganz Stiller, der im Umgang mit den Gesetzen noch etwas unsicher ist. Eine Frau meldet ihren Ehemann als vermisst. Sie ist mit ihrem sechsjährigen Jungen ins Gericht gekommen. Der Kleine hält den Ausweis seines Vaters. »Er wurde vor drei Tagen festgenommen«, sagt sie. Die Bewaffneten hätten ihr weder erklärt, zu welcher Brigade sie gehörten, noch wohin sie ihren Mann brächten. »Dein Bruder ist doch bei den Schabiha«, sagt Abu Muthanna. Die Frau schreit ihn an: »Aber warum nehmen die dann meinen Mann?!« Sie weint, will wissen, ob er im Keller des Gerichts ist. »Ich laufe jetzt seit drei Tagen von Brigade zu Brigade.« Die Nachbarn seien auf Abstand zu ihr gegangen, keiner auf der Straße rede mehr mit ihr, nichts sei mehr wie früher. »Wo sollen wir denn hin, wenn wir hier nicht mehr leben können?« Abu Muthanna meidet ihren Blick, wie er den Blick aller Frauen meidet, das gebietet ihm, sagt er, der Islam. Er schaut in das Haftbuch von Abu Hamdi, das man ihm gebracht hat. Der Name des Vermissten ist auch darin nicht verzeichnet.

Die Frau ahnt nicht, wie nahe sie ihrem Mann gekommen ist. Nur Meter vom Gericht entfernt sitzt er im Verlies der Brigade. Es ist jener, dem die Kriegswaise Said eine Zigarette verweigert hat. Das erweist sich, als dem Team der ZEIT die Ähnlichkeit auffällt – woraufhin es die Gerichtsleitung informiert, die verspricht, dem Fall nachzugehen. Doch bei seiner Anhörung weiß Abu Muthanna davon noch nichts. Das Gericht, das den Menschen Hoffnung geben will, lässt sie hoffnungslos zurück. Die Frau geht wieder, mit dem Kind an der Hand.

Noch einmal kommt am Nachmittag das Komitee zum Schutz der Dokumente im Gericht zusammen. Die Anwälte hatten sich mit dem Besitzer einer Lagerhalle treffen wollen, der ihnen anbietet, die Akten kostenlos zu deponieren. Auf einmal aber gibt es keine einzulagernden Akten mehr. Jemand hat die Schlösser des Archivkellers im alten Zivilgericht aufgebrochen, alle Akten des Grundbuchamts auf zwei Lastwagen verteilt und als Brennmaterial verkauft.

Damit heizen jetzt Familien ihre Wohnungen. Ordner für Ordner, Urkunde für Urkunde geht Aleppo in Flammen auf.

Mitarbeit: Yamen Abou Oun

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