TourismusUnterwegs mit dem Schwarm

Besetzte Häuser statt Brandenburger Tor: Wie das Internet den touristischen Blick verändert. Ein Gespräch von 

DIE ZEIT: Herr Fischer, Sie sind Sozialgeograf am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und gehen mit Ihrem Forschungsprojekt »Data and the City« unter anderem der Frage nach, wie das Internet unsere Reisegewohnheiten verändert. Wie sieht’s denn bei Ihnen persönlich aus?

Florian Fischer: Na ja, früher hatte ich oft ein Problem: Ich liebe die Berge, und ich liebe Hip-Hop. Wenn ich dann zum Wandern in Kärnten war, fiel es mir schwer, in der Gegend rund um Villach Konzerte aufzutun – weil da vor allem Rentner Urlaub machen. Heute kann ich mir die Informationen ganz einfach im Netz zusammensuchen. Ein Buchverlag wäre schnell pleite, wenn er solche Informationen veröffentlicht, die vielleicht nur zehn Leute interessieren. Aber online kostet das ja nichts.

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ZEIT: Etabliert das Internet denn auch neue touristische Ziele?

Fischer: Es hilft dabei. Ich untersuche das im Moment am Beispiel von Berlin. Gentrifizierung ist hier ja ein großes Thema. Viele Touristen wollen aber genau die Stadtteile besuchen, wo es noch die urigen Eckkneipen gibt und Altberliner, die Dialekt sprechen. Diese Reisenden betrachten die Stadt wie ein Naturschutzgebiet: Sie wollen die touristisch unberührten Gebiete erobern, wo junge Künstler gerade erst anfangen, Galerien zu eröffnen, und die ersten netten Cafés einziehen. In Berlin war das bis vor ein paar Jahren Neukölln, heute ist es eher der Wedding. Ein Besuch dort wird dann gehandelt wie eine Trophäe: Ich war da, als der Stadtteil noch ganz ursprünglich war!

ZEIT: Und inwieweit hilft das Netz den Jägern?

Fischer: Im Internet bilden sich solche Trends als Erstes ab. Auf Internetportalen wie Qype, Yelp oder GoLocal kann man auch schauen, wo gerade neue Bars oder Kneipen aufmachen und wie sie bewertet werden. Viele Leute suchen dort gezielt nach Beiträgen, die von Einheimischen geschrieben sind, nicht von Touristen. Wichtig ist, dass es Plattformen sind, auf denen jeder mitmachen darf. Da kommt Neues schneller an als auf redaktionell verfassten Seiten. Und taucht ein Lokal erst mal in Reiseführern auf, ist es als Trophäe ohnehin uninteressant.

ZEIT: Gibt es auch Orte, die unter dem Einfluss des Internets aus der touristischen Wahrnehmung verschwinden?

Fischer: Zumindest werden einige Sehenswürdigkeiten weniger wichtig. Das erlebe ich immer wieder bei Kursen, die ich an der Uni Salzburg gebe. Da lasse ich Studenten, die die Stadt nicht kennen, eine Woche Urlaub in Berlin planen. Sie haben dafür jeweils nur ein Portal zur Verfügung – Google Maps oder die Website des Stadtmagazins Zitty – und sollen damit einen Ort bestimmen, den sie für absolut sehenswert halten. Das Überraschende ist: Kein Einziger entscheidet sich für das Brandenburger Tor! Stattdessen nennen sie den Mauerpark oder das letzte besetzte Haus an der Rigaer Straße. Womöglich verlieren klassische Sehenswürdigkeiten durch das Internet tatsächlich an Relevanz.

ZEIT: Ein Nachteil ist doch aber, dass man selten weiß, wie verlässlich die Informationen im Netz sind. Ist die wärmstens empfohlene Bar wirklich gut? Oder wollte da nur jemand seinem Kumpel einen Gefallen tun?

Fischer: Das verliert sich aber in der Masse. Ähnliches gilt ja für das Sockenpuppen-Phänomen: Ein Schreiber legt sich mehrere Accounts zu, hat quasi auf jedem Finger einen anderen Strumpf stecken. Und dann schreibt er fünf lobende Kommentare, um einen Laden zu pushen. Aber die Leute, die da schreiben, sind selten Profis. Die haben keinen so ausgefeilten Stil, dass sie fünf Texte in verschiedener Tonlage verfassen könnten. So was fliegt rasch auf. Jedes Portal hat einen Kern von Vielschreibern, die achten darauf und schreiben notfalls einen bösen Kommentar.

ZEIT: Macht uns das Internet also tatsächlich zu glücklicheren Touristen – weil jeder die Orte aufstöbern kann, die ihn am meisten interessieren?

Fischer: An sich schon. Allerdings werden die Möglichkeiten nicht immer genutzt. Weil es eben auch anstrengend ist, die vielen Informationen im Netz zu sichten und zu filtern. Deshalb orientiert man sich oft an der Wahl der anderen, heute wird ja alles Mögliche geliket oder bewertet. Die meisten suchen sich dann die ersten fünf Treffer auf der Ranking-Liste heraus – etwa die besten fünf Kneipen, die Qype für eine Stadt aufführt, oder fünf Clubs, die bei Facebook besonders gut ankommen. Und am Ende landen alle in den gleichen Läden. Auf diese Weise mündet ausgerechnet das vielstimmige Internet doch wieder in Uniformität...

ZEIT: ...sodass man irgendwann lieber wieder zum klassischen Reiseführer greift?

Fischer: Ich selbst versuche ja meistens, dreigleisig zu fahren. Wenn ich nächste Woche nach Istanbul wollte, würde ich mir auf jeden Fall zunächst mal einen gedruckten Reiseführer kaufen. Der hilft zur groben Orientierung, um zu erfahren: Die und die Moschee ist ein Muss. Zur Feinjustierung benutze ich dann das Internet: Hat das Museum morgen wirklich offen? Wo ist der nächste Supermarkt? Und mit dem Smartphone reagiere ich auf Impulse, die unterwegs kommen. Wenn ich irgendwo in der Stadt auf ein Plakat stoße, das ein Konzert für den Abend ankündigt, schaue ich nach, was das für eine Band ist. Oder wenn mir unterwegs ein Gebäude auffällt und ich wissen will, wofür es genutzt wird. Online und offline – wir denken das immer noch als Gegensatz. Dabei sollten wir viel eher versuchen, das Beste aus beiden Welten zu verbinden.

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