Rochester : Ein Spiel um Leben und Tod

Rochester im Bundesstaat New York war eine blühende Stadt. Heute geht es an Drogen zugrunde. Was lief schief?

Max King wurde am 22. August um 23.30 Uhr in Rochester, New York, an der Ecke North Goodman/Short Street durch einen Schuss in den Kopf getötet. Max King war 15 Jahre alt, running back der Footballmannschaft seiner Highschool und corner kid, Straßenname: Man Man. An der Ecke, an der die Schüsse fielen, sitzt jetzt, am Tage, die Tante des Ermordeten auf einem weißen Plastikstuhl, »bis das Verbrechen aufgeklärt ist«, wie sie sagt. »Er war noch ein Kind, er hat nichts gemacht.« Das stimmt nicht ganz.

Der Mord an Max King ist der 25. in diesem Jahr in Rochester. Der Mord und das, was an den darauffolgenden Tagen in Rochester geschieht, ist ein Beispiel, wenn auch ein extremes, für den Verfall der sozialen Kultur in den USA und gibt darum Anlass zu einem Trip durch die Stadt, durch die Straßen, in denen geschossen und gedealt wird: erst im Streifenwagen, dann weiter ohne den Schutz, den er bietet, zu denen, die morden und dealen.

Rochester, gelegen im Bundesstaat New York, am Ontariosee, der im Nordwesten die Vereinigten Staaten von Kanada trennt, ist eine typisch amerikanische Stadt: mit 250.000 Einwohnern mittelgroß und mit einer durchschnittlich hohen Arbeitslosenquote. Nur die Mordrate ist etwas höher als in vergleichbaren Städten. Dabei hat die Stadt eine prächtige Vergangenheit: Rochester war das Silicon Valley der 1960er Jahre und Kodak-Gründer George Eastman der Bill Gates, der Steve Jobs seiner Zeit. In den Achtzigern arbeiteten 60.000 Menschen bei Kodak – jeder Vierte. Wegen Kodak gehörte Rochester zum Rust Belt der Vereinigten Staaten, zu den wichtigen Industriestädten wie Cleveland, Detroit, Pittsburgh – Städte im postindustriellen Amerika, in denen die Verhältnisse heute ähnlich sind wie in Rochester.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Paolo Pellegrin für ZEITmagazin

Kodak hat den Anschluss an die digitale Welt verpasst, immer mehr Menschen entlassen und vor einem Jahr Insolvenz angemeldet. Die Pleite hat eine Entwicklung verschärft, die mit dem Niedergang der Industrie begonnen hat: Die Innenstadt, die Straßenzüge rund um den Kodak-Turm, verwaist zusehends. Geschäfte schließen, Häuser werden verlassen und niedergerissen. Für Arbeiter hat diese Stadt keine Jobs mehr. Deswegen verfällt ein ganzer Bezirk – der Nordosten. Hier wird geschossen, hier vegetieren Drogenabhängige, werden Teenager schwanger, mehrmals, von verschiedenen Männern. Die Häuser sind aus einfachen Holzplatten zusammengezimmert, davor liegen Müll und Hausrat. Auf den Straßen sind vor allem junge Männer zu sehen, fast alles Schwarze oder Latinos, junge Männer in Unterhemden oder mit freiem Oberkörper, die vor liquor stores, den Schnapsläden, herumlungern, junge Männer, die aufbrausen, deren Körper aufeinanderprallen – es ist einfach auch unglaublich eng und drückend heiß hier. Es ist der Bezirk, in dem Max King gelebt hat und in dem er gestorben ist.

Wer es sich leisten kann, zieht in die Vororte oder zumindest an den Stadtrand, wo die Universität liegt, die jetzt der größte Arbeitgeber Rochesters ist. Die Häuser hier sind hoch und fest gebaut, von Zäunen geschützt, hinter denen gepflegte Vorgärten liegen. Hier gibt es keine liquor stores, und auf den Straßen ist kaum einer unterwegs. Die einzigen Menschen, die man sieht, sitzen in klimatisierten Autos und sind – weiß.

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