Eine Generation erhebt sich und will eigentlich nur reden. Zwei Jahrzehnte aufholen. Sich gewissermaßen materialisieren; überhaupt mal in Erscheinung treten. Sich vom Schweigen erholen, raus aus der Nichtexistenz. Die Verhältnisse ändern will sie zunächst nicht. Aber: Eine Bewegung, die nichts ändern will – ist das eine Bewegung? Ist es reizvoll, nichts verändern zu wollen? Wenn sich ein Kollektiv bildet, das nichts fordert, ist es nichts anderes als ein Sportverein. Oder?

Vielleicht geht es der »Dritten Generation« nur darum, ein kollektives Gedächtnis zu beschwören. Über Frotteeschlafanzüge zu reden. Frotteeschlafanzüge trugen vielleicht drei Millionen Menschen in Ostdeutschland. Es sind jene drei Millionen, die zwischen 1976 und 1986 in der DDR geboren wurden. Und in den Neunzigern Frotteewäsche angezogen bekamen.

Als die »Dritte Generation Ost« 2012 mit ihrem Bus durch Deutschland tourte, lud sie mich zu einer Lesung ein. Ich las aus meinem Buch Das Paradies, das von den neunziger Jahren im Osten berichtet und aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird. Das Kind, das war ich. Als ich so vor den Gleichaltrigen saß, wunderte ich mich darüber, dass es tatsächlich eine prägende Generationserfahrung ist, in den Neunzigern im Osten aufgewachsen zu sein. Drei Viertel der Leute im Raum wussten, dass wir Ostkinder damals Frotteewäsche trugen! Da saßen 40 junge Ostdeutsche. 40 von drei Millionen. Drei Millionen sind verdammt viele – und trotzdem haben Sie, liebe Leser, lange nichts von dieser ostdeutschen Generation gehört. 20 Jahre gab es sie nicht. Sie fand nicht im Fernsehen statt. Und die Angehörigen dieser Generation sprachen nicht einmal untereinander über ihre Erfahrungen. Kindheit vor dem Mauerfall. Welcher Mauerfall? DDR? Nie gehört. Diese Generation erinnert sich an Frotteeschlafanzüge und an die kleinen Konsum-Läden, an Kohlen, an unsere Blättersammlung – an Baukastensätze, mit denen man Plattenbauhäuser zusammenstecken konnte (das Lego des Ostens). Diese Generation entstammt einer Zwitterwelt zwischen Marx und Coca-Cola. Wir Angehörigen dieser Generation schauten gelangweilt den Eltern zu, wie sie sich selbst zu Kapitalisten zu erziehen versuchten. Und waren selber längst schon welche. Genau darüber redet die »Dritte Generation«, und das ist auch gut so. Aber ich, als Teil dieser Altersgruppe, will irgendwann nicht mehr nur Gruppengespräche besuchen. Ich will von dieser Bewegung erfahren, welche Schlüsse sie aus der Vergangenheit für die Gegenwart zieht. Erst dann kann man doch von einer Bewegung sprechen.

Das heißt: Wenn ich erlebt habe, dass die Kinderbetreuung der DDR besser war, dann wäre der zwangsläufige Schluss, infrage zu stellen, wie Kinderbetreuung heute organisiert ist. Wenn ich meine Eltern an überteuerten Krediten zugrunde habe gehen sehen, dann muss ich daraus einen Schluss ziehen: nämlich zu kritisieren, was Banken ihren Kunden antun, was sie verhökern, verschleudern und verschweigen. Wenn ich als Kind der Europäischen Union aufgewachsen bin, was bedeutet dann für mich deren Krise? Die »Dritte Generation« verhält sich so, als hätte es eine Vergangenheit und eine andere Ordnung nie gegeben! Und da nehme ich mich nicht aus. Wir teilen die Erinnerung an einen weltweiten Umbruch, den Mauerfall, und können bis heute keine echten Schlüsse daraus ziehen.

Die »Dritte Generation« zieht solche Schlüsse nicht, nein: Sie redet und redet, wie einst Bürgerrechtler in Bürgerrechtlerzentren oder Kirchen sprachen. Aber das war in einer anderen Zeit. In einem anderen Leben.

Die »Dritte Generation Ost« ist eine heterogene Diskussionsgemeinschaft, mehr noch nicht. Falls sie sich aufrafft, könnte sie eine wichtige, eine gute Bewegung werden. Gewissermaßen ein Resonanzkörper der Gegenwart. Könnte sich die Frage stellen: Was müssen wir wollen müssen? Denn Utopien entstehen da, wo Zusammenbrüche drohen.