Die »Dritte Generation Ost« muss zwangsläufig mit einer Konfliktdynamik belastet sein, die durch die Unterschiede einer Sozialisation Ost und dem Erwachsenenleben West bedingt wird. Die Sozialisation Ost war auf DDR-Verhältnisse orientiert und nicht auf westdeutsche Lebensformen.

Sehr grob vereinfacht: Die DDR erzog eher zum »Untertan«, die BRD eher zum »Obertan«.

Beide Sozialisationsformen sind einseitig, haben Vor- und Nachteile. Im deutschen Vereinigungsprozess haben sich die jeweiligen Fehlentwicklungen verstärkt. Dabei dominiert eine kollektive Fehleinschätzung: Im Westen sei alles besser, im Osten alles schlechter! Die jeweiligen Einseitigkeiten zu hinterfragen und zu relativieren – das wurde vermieden. Ostdeutsche hätten es oft nötig gehabt, ihre Anpassung, ihr Mitläufertum und ihre Mittäterschaft kritisch zu hinterfragen und mehr Kritikfähigkeit, Eigenständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit zu lernen. Westdeutsche hätten es oft nötig gehabt, ihre soziale Maske, die bevorzugte materielle Orientierung, ihre Egoismen und das Dominanzstreben kritisch zu bedenken und mehr von der sozialen Bedürftigkeit und Bezogenheit und der emotionalen Sehnsucht zuzulassen und zu verarbeiten. Dieser »dritte Weg«, der die Vor- und Nachteile ostdeutscher und westdeutscher Sozialisation klärt und eine gemeinsame Lebensform sucht, wurde vermieden.

Die dritte Generation Ost ist herausgefordert, einen solchen Dritten Weg einzuklagen und zu leben. Diese Aufgabe vergleiche ich mit jener der 68er-Studentenbewegung. Das Problem ist, dass eine frühe Prägung nicht wie ein Kleidungsstück gewechselt werden kann. Wer mit einer spezifischen Prägung später in Verhältnissen leben muss, die andere Fähigkeiten und Eigenschaften fordert, gerät in Konflikte.

So kann man erkranken und resignieren. Am besten wäre ein »therapeutischer Weg«, auf dem man die eigenen Entwicklungsbedingungen reflektiert, kommuniziert, versteht und Einseitigkeiten, Fehlentwicklungen und Defizite emotional verarbeitet. Diese Herausforderung und Chance besteht vor allem für die »Dritte Generation Ost«, weil die Wendekinder in veränderten Verhältnissen zurechtkommen müssen und zugleich die Chance haben, die jeweiligen Unterschiede östlicher und westlicher Sozialisation wahrzunehmen, kritisch zu bewerten und daraus neue Entwicklungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dies ist umso dringender, je mehr die westlichen Gesellschaften mit der Wachstumsnötigung und dem materiellen Wohlstandsdenken Grenzen erreichen, deren Überschreiten destruktive Folgen hat (Schuldenkrise, Umweltzerstörung, Klimakatastrophe, wachsende soziale Ungleichheiten, Gewalt, Radikalisierung bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen).

Die dritte Generation Ostdeutscher sollte die Generationen ihrer Eltern und Großeltern Ost und West kritisch befragen; daraus neue Erkenntnisse für verbesserte Lebensformen finden. Es ist notwendig, über die eigene Lebensgeschichte zu sprechen. Wichtige Fragen an die Eltern und Großeltern sind deshalb: War ich gewollt? Wurde ich ausreichend geliebt? Wie habt ihr mich erzogen? Wie sehr musste ich mich anpassen? Wie frei durfte ich mich entwickeln? Wurde ich angemessen gefördert? Wurden meine Grenzen akzeptiert?

Man darf nicht glauben, immer gleich ehrliche Antworten zu bekommen. Oft sind Eltern auch der Meinung, sie hätten das Beste getan – das muss aber nicht das Beste für das Kind gewesen sein.

Zum Leben in der DDR sollten andere Fragen gestellt werden: Welche Werte und Normen habt ihr vertreten? Welche Übereinstimmung oder Differenz gab es zwischen euch und dem System? Warum und wie habt ihr euch angepasst? Warum und wie habt ihr euch widersetzt? Inwiefern habt ihr privat anders gelebt als öffentlich zugegeben? Wie habt ihr Differenzen zwischen öffentlich und privat an uns weitergegeben oder verheimlicht? Womit wart ihr in der DDR zufrieden, womit nicht? Was war in der DDR besser als heute, was schlechter? Wie standet ihr zur 89er-Revolution? Wie denkt ihr über den Westen? Wie kommt ihr mit den Werten und Normen des Westens zurecht?

Aber auch Fragen an Westdeutsche müssen gestellt werden: Wie seid ihr erzogen worden? Welche Eigenschaften und Bedürfnisse mussten besonders betont und entwickelt werden? Welche Eigenschaften und Bedürfnisse mussten unterdrückt und verborgen werden, was war verpönt? Wie denkt ihr über Ostdeutsche? Was sind die Vor- und Nachteile ostdeutscher und westdeutscher Sozialisation? Es ist wichtig, solche Fragen ganz persönlich zu stellen und zu beantworten, denn es gibt immer nur ganz individuelle und subjektive Aussagen. Es gibt immer einen Zusammenhang zwischen der individuellen Situation und der sachlich-rationalen Argumentation: Es sehnt sich derjenige nach äußerer Freiheit, der sich innerseelisch eingeengt fühlt. Es strebt derjenige nach Konsum und Besitz, der an seelischem Mangel leidet. Macht ist für den begehrenswert, der sich schwach und unsicher weiß. Mit der Überwindung der Mauer ist noch lange nicht die innerseelische Mauer gegenüber unterdrückten, verbotenen, tabuisierten seelischen Inhalten aufgelöst. Wer aus der DDR geflohen ist, hat nicht nur einen Unrechtsstaat verlassen, sondern kann auch vor innerem Unrecht, Kränkung, Verletzung geflohen sein. Es sehnt sich derjenige nach Frieden, der Angst vor der eigenen Aggressivität hat. Mitlaufen wird, wer keine eigene Position entwickeln durfte. Sozialismus ist attraktiv für alle sozial Benachteiligten und Gedemütigten. Kapitalismus findet gut, wer sich gegen andere durchsetzen kann.

Die besonderen Erfahrungen der dritten Generation Ost mit den Brüchen in der individuellen Entwicklung sind die besten Voraussetzungen, um nach Antworten auf all die Fragen zu suchen. Nur wer fragt, wird differenzieren können. Wer global von einem »Unrechtsstaat« DDR spricht, der wertet damit nicht nur das individuelle Leben in der DDR ab, sondern kann auch nicht verstehen, dass man in der DDR auch sehr gut leben konnte, wenn die persönlichen Beziehungen und die vielfachen Bewährungen mitbedacht werden.