US-Ökonom Jeffrey Sachs"Deutschland muss das durchziehen"

Das Programm des US-Ökonomen Jeffrey Sachs: Schuldenerlass für die Griechen, Reformen in Südeuropa, höhere Steuern für Amerika. von Pierre-Christian Fink

Jeffrey D. Sachs, Ökonom an der Columbia University, auf einer Podiumsdiskussion in New York (Archivbild)

Jeffrey D. Sachs, Ökonom an der Columbia University, auf einer Podiumsdiskussion in New York (Archivbild)  |  © Nicholas Roberts/Reuters

DIE ZEIT: Ende Februar wird Amerika in die nächste Haushaltskrise stürzen. In Europa schaffen es die Krisenstaaten wohl auch dieses Jahr nicht, ihre Budgetdefizite in den Griff zu bekommen. Ist Deutschland von Stümpern umgeben?

Jeffrey Sachs: Nun ja, Deutschlands nördliche Nachbarn – die Skandinavier und die Niederländer – betreiben eine vernünftige Wirtschaftspolitik, genau wie die Bundesrepublik selbst. Aber in Südeuropa ist die Lage schlecht und in den USA schlecht bis mittelmäßig.

Anzeige

ZEIT: Wie geht es weiter?

Sachs: Ich glaube nicht, dass sich die Situation bald verbessern wird. Weder die USA noch die meisten europäischen Staaten haben eine langfristige Strategie. Unsere Politiker leben von einer Wahl zur nächsten.

Krisenkämpfer: Theorie

Mit 28 Jahren erhielt Jeffrey Sachs eine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University. Heute leitet er das Earth Institute an der Columbia University in New York.

Praxis

Sachs hat Dutzende Regierungen von Krisenländern beraten – in den 1980er Jahren vor allem in Lateinamerika, in den 1990ern in Osteuropa. Seine typische Methode: eine Schocktherapie, um die Wirtschaft wieder konkurrenzfähig zu machen, unterstützt durch Verhandlungen über einen Schuldenerlass.

ZEIT: Sie hatten so positiv begonnen. Jetzt das.

Sachs: Es ist nicht meine Aufgabe als Volkswirt, die Politiker glücklich zu machen. Wenn sie diese schwierige Aufgabe übernehmen, sind sie auch dafür verantwortlich, sich die wahren Zahlen anzuschauen, selbst wenn sie das in eine unangenehme Position bringt. Wir brauchen viele Reformen. Aber die Dinge sind nicht hoffnungslos.

ZEIT: Schenken Sie uns Hoffnung für den schwierigsten Fall: Griechenland.

Sachs:Griechenland wird mehr gescholten, als es das verdient hat. Europas Reaktion auf die Krise war nicht realistisch. Für den Zustand Griechenlands sind nicht nur die Griechen verantwortlich, sondern auch jene, die behauptet haben, ihnen zu helfen.

ZEIT: Vor 15 Jahren wurde die Rolle des kranken Manns in Europa noch von Deutschland ausgefüllt. Dann ist das Land durch die Agenda 2010 gegangen. Muss Südeuropa etwas Ähnliches durchleiden?

Sachs: Ja! Mittelfristiges Wachstum kommt aus den Grundbedingungen einer Volkswirtschaft: gesunder Haushalt, funktionierender Wettbewerb, gute Technologien, fähige Arbeitskräfte, vernünftige Löhne. Deutschland besitzt das heute alles. Griechenland aber kann das aus eigener Kraft nicht erreichen. Das ist der Punkt, an dem es für Deutschland schmerzlich wird.

ZEIT: Sie wollen mehr deutsches Geld für Griechenland?

Sachs: Sehen Sie, Griechenland ist wirklich bankrott. Es braucht eine große Abschreibung auf seine Schulden. Für den deutschen Steuerzahler wird das Verluste bedeuten. Aber Deutschland muss das jetzt durchziehen – anders lassen sich Griechenlands Probleme nicht lösen.

ZEIT: Also soll Deutschland einen Teil der Kredite erlassen, die es in den Rettungsbemühungen an Griechenland vergeben hat?

Sachs: Ja, aus meiner Erfahrung. Ich habe 30 Jahre meines Lebens mit solchen Problemen verbracht. Zum Beispiel ist in den 1980er Jahren Lateinamerika durch die gleichen Programme gegangen wie heute Griechenland. Die Länder dort sind gescheitert, eines nach dem anderen. Das Ergebnis: Populismus, Aufruhr, wirtschaftlicher Zusammenbruch. Lateinamerika erholte sich erst, nachdem die USA als größter Kreditgeber einen großen Teil der Schulden erlassen hatten. Genau das muss Deutschland als Griechenlands größter Kreditgeber jetzt auch tun. Wenn die Dinge so aus dem Ruder gelaufen sind, muss der Gläubiger die Wahrheit akzeptieren: Er wird seinen Kredit nicht ganz zurückbekommen. Es ergibt keinen Sinn, von den Griechen mehr Geld zu fordern, als sie zahlen können.

ZEIT: Das klingt nicht nach einem Programm, mit dem man im September zum Kanzler gewählt wird.

Sachs: Selbstverständlich wollen die deutschen Politiker das nicht sagen. Aber es ist die unvermeidliche ökonomische Wahrheit. Man muss aufhören mit der Prinzipienreiterei »Griechenland muss zahlen, Griechenland muss sich anpassen, Griechenland muss seinen Haushalt ausgleichen«. Stattdessen muss man auf ökonomische Szenarien schauen, auf Zahlen. Wenn man das tut, dann sieht man immer und immer wieder: Die Abkommen aus den vergangenen Jahren waren unrealistisch. Solche Programme gehen spätestens nach drei Monaten in die Binsen. Und dann gibt es Vorwürfe und Unzufriedenheit. Besser für beide Seiten wäre ein Kompromiss.

ZEIT: Stehen die Chancen für einen solchen Kompromiss besser, wenn die Bundestagswahl erst einmal vorüber ist?

Sachs: Ich werde mich nicht in den Wahlkampf einmischen, sondern sage nur so viel: Die deutsche Regierung hat mehr als ein Jahr lang mit der schlechten Idee geflirtet, Griechenland aus der Euro-Zone auszustoßen. Aber dann hat sich die Regierung dafür entschieden, den Währungsraum zusammenzuhalten. Ich würde mir nur noch wünschen, dass sie die daraus folgenden Schritte entschiedener und schneller umsetzt.

Leserkommentare
  1. Das tun wir schon ! In NRW werden 200 Millionen eingespart ! Jetzt raten sie einmal wo ?

    Kompletter Schuldenerlass ? Bis zum nächsten Male !
    Leider sind die Griechen unbelehrbar, was Haushaltspolitik und Steuerwesen angeht, somit würde der Schuldenerlass nichts bringen.

    4 Leserempfehlungen
    • Achtern
    • 10. Januar 2013 15:05 Uhr

    .
    Nicht mit bekommen?

    Das Deutschland der eigenständigen, politischen Entscheidungen hat sich zu Gunsten eines nicht demokratisch gewählten Gouverneursrates abgeschafft!

    12 Leserempfehlungen
    • hairy
    • 10. Januar 2013 15:06 Uhr

    haben ja Mehrheiten jene Politiker gewählt, die der Kreditverschleuderung nach Südeuropa tatenlos zugeschaut und bei den Neuverschuldungskontrollen geschlampt haben. Tja, und nämliche Politiker werden auch bei den kommenden Wahlen auf den Wahlzetteln stehen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Otto2
    • 10. Januar 2013 22:12 Uhr

    In Gr. gibt es Milliardäre und Multimillionäre, die wenig oder keine Steuern zahlen und zahlten. Dafür fehlen den Kranken Medikamente.
    In D. gibt allein über 800.000 Menschen die jedes Jahr mindestens (!) eine weitere Million ihr Eigen nennen.
    Alle diese Reichen und Super-Reichen zahlen heute weniger Steuern als zu Kohls Zeiten. Dafür fehlt es den Kommunen an Geld, um ihre Pflichtaufgaben zu bezahlen. Es fehlen ihnen Fachleute, deren Stellen schon vor Jahren abgebaut wurden.
    Berlin, Brandenburg und Bund sind nicht einmal in der Lage ausreichend fachlich qualifizierte Personal aufzubieten, um die Arbeiten am Fluchhafen BER baubegleitend zu kontrollieren.

    • Burts
    • 10. Januar 2013 15:48 Uhr

    Haben die Banken (Private Gläubiger Griechenlands) endlich genug Zeit gehabt ihre Griechenland-Anleihen der EZB (Allgemeinheit) zu geben und nun werden leider leider auch die Gläubiger Griechenlands abschreiben müssen. Das war von Anfang an klar, das einzige Ziel war es Zeit zu gewinnen und die Schulden der Allgemeinheit anzudrehen und das ist bald erreicht, darum jetzt diese Artikel/Interviwes um uns darauf vorzubereiten. Nicht Griechenland ist das Hauptproblem sondern die Macht der Geldmacher über unsere Politik.

    19 Leserempfehlungen
  2. Ich halte es für sehr wichtig, auch alle wichtigen Äußerungen von Herrn Sachs zu übersetzen. Was fehlt ist der zweite Teil der Antwort Sachs: Griechenland wird mehr gescholten,......

    Most importantly, reform of the Eurozone banking sector has been too slow, and the Greek economy suffers from a broken and bankrupt banking system.

    9 Leserempfehlungen
  3. Was Herr Sachs sagt, hat Hand und Fuß. Im internationalen Vergleich steht Deutschland wirklich ganz ausgezeichnet da. Vielleicht sollte dies den ganzen vermeintlichen Demokratieerfindern und Politikverdrossenen zu denken geben. Wir sind sicherlich nicht perfekt, aber es ist nicht alles so schlecht wie es von vielen geredet wird. Auch viele moderne Nationen beneiden uns um unseren Wohlstand, unser Sozial-, Gesundheits- und Rentensystem und unsere Wettbewerbsfähigkeit.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    [Vielleicht sollte dies den ganzen vermeintlichen Demokratieerfindern und Politikverdrossenen zu denken geben. ]

    Das gesamt Schiff säuft ab. Nur weil Griechenland früher ertrinkt, heißt es noch lange nicht, dass Deutschland sich über Wasser halten kann.

    Und von Klug kann hier garnicht die Rede sein. Er ist schließlich auch nur den Paradigmen unterworfen. Wenn man in dieser Richtung wirklich frei denken würde, könnte eine wirkliche Wissenschaft entstehen.

    Richtig, aber...

    "... Im internationalen Vergleich steht Deutschland wirklich ganz ausgezeichnet da. Vielleicht sollte dies den ganzen vermeintlichen Demokratieerfindern und Politikverdrossenen zu denken geben. Wir sind sicherlich nicht perfekt, aber es ist nicht alles so schlecht wie es von vielen geredet wird. Auch viele moderne Nationen beneiden uns um unseren Wohlstand, unser Sozial-, Gesundheits- und Rentensystem und unsere Wettbewerbsfähigkeit."

    Vorab, ich habe die Columbia University weder von außen noch von innen gesehen, besitze aber die Frechheit mich ab sofort zum welterklärenden Ökonomen aufzuschwingen. Die Erkenntnisse die dieser "Fachmann" unters Volk streut kann ihnen jeder Depp erläutern.
    Griechenland wird seine Schulden nie tilgen können...
    sagt er.
    Au Backe, ich bin entsetzt und enttäuscht.
    Immer diese Versprechungen der Erfinder der Demokratie,

    Er hat natürlich dafür gesorgt dass Südamerika nicht von der ökonomischen Weltkarte verschwindet, dass Polen nicht verloren ist.

    Allerdings wartet nun wieder viel Arbeit auf ihn. Frau Kirchner in Argentinien fährt ihr Land erneut vor die Wand.

    Ihre Aussage stimmt.
    Hat man sich ein wenig in der Welt umgesehen fallen einem wenige Alternativen zu Deutschland ein.

    Aber unsere Dunkelseher sehen das natürlich völlig anders.

    gut dastehen als in vergangenen Jahren, wie kann dann "Deutschland" gut dastehen.

    • annotio
    • 10. Januar 2013 16:37 Uhr

    ..uns unsere Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldigern"

    2 Leserempfehlungen
  4. abschreiben können, dann können wir die Griechen auch rausschmeißen.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    auch behalten wäre besser!
    Die griechische Bevölkerung hat nur das gemacht was die Regierung und die Reichen ihnen vorgaben.
    Es beleibt dabei! Griechenland bei den Reformen zu helfen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service