DIE ZEIT: Ende Februar wird Amerika in die nächste Haushaltskrise stürzen. In Europa schaffen es die Krisenstaaten wohl auch dieses Jahr nicht, ihre Budgetdefizite in den Griff zu bekommen. Ist Deutschland von Stümpern umgeben?

Jeffrey Sachs: Nun ja, Deutschlands nördliche Nachbarn – die Skandinavier und die Niederländer – betreiben eine vernünftige Wirtschaftspolitik, genau wie die Bundesrepublik selbst. Aber in Südeuropa ist die Lage schlecht und in den USA schlecht bis mittelmäßig.

ZEIT: Wie geht es weiter?

Sachs: Ich glaube nicht, dass sich die Situation bald verbessern wird. Weder die USA noch die meisten europäischen Staaten haben eine langfristige Strategie. Unsere Politiker leben von einer Wahl zur nächsten.

ZEIT: Sie hatten so positiv begonnen. Jetzt das.

Sachs: Es ist nicht meine Aufgabe als Volkswirt, die Politiker glücklich zu machen. Wenn sie diese schwierige Aufgabe übernehmen, sind sie auch dafür verantwortlich, sich die wahren Zahlen anzuschauen, selbst wenn sie das in eine unangenehme Position bringt. Wir brauchen viele Reformen. Aber die Dinge sind nicht hoffnungslos.

ZEIT: Schenken Sie uns Hoffnung für den schwierigsten Fall: Griechenland.

Sachs:Griechenland wird mehr gescholten, als es das verdient hat. Europas Reaktion auf die Krise war nicht realistisch. Für den Zustand Griechenlands sind nicht nur die Griechen verantwortlich, sondern auch jene, die behauptet haben, ihnen zu helfen.

ZEIT: Vor 15 Jahren wurde die Rolle des kranken Manns in Europa noch von Deutschland ausgefüllt. Dann ist das Land durch die Agenda 2010 gegangen. Muss Südeuropa etwas Ähnliches durchleiden?

Sachs: Ja! Mittelfristiges Wachstum kommt aus den Grundbedingungen einer Volkswirtschaft: gesunder Haushalt, funktionierender Wettbewerb, gute Technologien, fähige Arbeitskräfte, vernünftige Löhne. Deutschland besitzt das heute alles. Griechenland aber kann das aus eigener Kraft nicht erreichen. Das ist der Punkt, an dem es für Deutschland schmerzlich wird.

ZEIT: Sie wollen mehr deutsches Geld für Griechenland?

Sachs: Sehen Sie, Griechenland ist wirklich bankrott. Es braucht eine große Abschreibung auf seine Schulden. Für den deutschen Steuerzahler wird das Verluste bedeuten. Aber Deutschland muss das jetzt durchziehen – anders lassen sich Griechenlands Probleme nicht lösen.

ZEIT: Also soll Deutschland einen Teil der Kredite erlassen, die es in den Rettungsbemühungen an Griechenland vergeben hat?

Sachs: Ja, aus meiner Erfahrung. Ich habe 30 Jahre meines Lebens mit solchen Problemen verbracht. Zum Beispiel ist in den 1980er Jahren Lateinamerika durch die gleichen Programme gegangen wie heute Griechenland. Die Länder dort sind gescheitert, eines nach dem anderen. Das Ergebnis: Populismus, Aufruhr, wirtschaftlicher Zusammenbruch. Lateinamerika erholte sich erst, nachdem die USA als größter Kreditgeber einen großen Teil der Schulden erlassen hatten. Genau das muss Deutschland als Griechenlands größter Kreditgeber jetzt auch tun. Wenn die Dinge so aus dem Ruder gelaufen sind, muss der Gläubiger die Wahrheit akzeptieren: Er wird seinen Kredit nicht ganz zurückbekommen. Es ergibt keinen Sinn, von den Griechen mehr Geld zu fordern, als sie zahlen können.

ZEIT: Das klingt nicht nach einem Programm, mit dem man im September zum Kanzler gewählt wird.

Sachs: Selbstverständlich wollen die deutschen Politiker das nicht sagen. Aber es ist die unvermeidliche ökonomische Wahrheit. Man muss aufhören mit der Prinzipienreiterei »Griechenland muss zahlen, Griechenland muss sich anpassen, Griechenland muss seinen Haushalt ausgleichen«. Stattdessen muss man auf ökonomische Szenarien schauen, auf Zahlen. Wenn man das tut, dann sieht man immer und immer wieder: Die Abkommen aus den vergangenen Jahren waren unrealistisch. Solche Programme gehen spätestens nach drei Monaten in die Binsen. Und dann gibt es Vorwürfe und Unzufriedenheit. Besser für beide Seiten wäre ein Kompromiss.

ZEIT: Stehen die Chancen für einen solchen Kompromiss besser, wenn die Bundestagswahl erst einmal vorüber ist?

Sachs: Ich werde mich nicht in den Wahlkampf einmischen, sondern sage nur so viel: Die deutsche Regierung hat mehr als ein Jahr lang mit der schlechten Idee geflirtet, Griechenland aus der Euro-Zone auszustoßen. Aber dann hat sich die Regierung dafür entschieden, den Währungsraum zusammenzuhalten. Ich würde mir nur noch wünschen, dass sie die daraus folgenden Schritte entschiedener und schneller umsetzt.