PflegeberufeLeben und Tod

Die eine hilft auf die Welt, die andere begleitet Sterbende. Ein Gespräch über Klischees, Würde und Doppelkopf am Totenbett. von Catalina Schröder

DIE ZEIT: Frau Finné, Sie leiten eine Hebammenpraxis in Berlin – könnten Sie sich vorstellen, in einem Hospiz zu arbeiten?

Corry Finné: Warum nicht, ich fände das ganz spannend. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und glaube, dass ich mich gut in sie hineinversetzen kann. Das mache ich in meinem Beruf als Hebamme täglich, denn jede Frau verhält sich bei einer Geburt anders.

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ZEIT: Frau Kurzke, reagieren viele Leute so aufgeschlossen, wenn Sie von Ihrer Arbeit im Hospiz erzählen?

Kerstin Kurzke: Die meisten sind eher zurückhaltend. "Das könnte ich nicht" ist eine typische Reaktion. Familien mit einem schwer kranken Angehörigen müssen leider häufig damit klarkommen, dass sich sogar enge Freunde verschreckt zurückziehen. Das ist neben der eigentlichen Krankheit eine schlimme Belastung für die Familie.

ZEIT: Wie sieht der typische Arbeitsalltag für Sie beide aus?

Kurzke: Ich leite den ambulanten Hospizdienst der Malteser und koordiniere 145 ehrenamtliche Mitarbeiter. Das heißt, ich besuche Schwerkranke und ihre Angehörigen, versuche, einen passenden Mitarbeiter für die Betreuung der jeweiligen Familie zu finden, und schule die Ehrenamtlichen. Sie fahren dann zu den Familien nach Hause, übernehmen für sie kleine Besorgungen, begleiten die Menschen zu Arztbesuchen oder kommen einfach, um zu reden. Natürlich sind wir vor allem für die Kranken selbst da. Um wen wir uns kümmern, hängt aber auch vom Wunsch der Familie ab: Manchmal braucht der Partner des Kranken Unterstützung. In manchen Fällen schauen wir nach den Kindern, gehen zum Beispiel mit ihnen auf den Spielplatz. Damit nehmen wir den Angehörigen Arbeit ab, und ihnen bleibt mehr Zeit für den Kranken.

Finné: Ich habe eine eigene Hebammenpraxis, in der ich vormittags Vorsorgeuntersuchungen mache und mit den Frauen darüber spreche, wie eine Geburt abläuft. Nachmittags besuche ich Mütter, die gerade entbunden haben. Ich zeige ihnen, wie sie ihr Baby wickeln, stillen und baden, und berate sie zum Beispiel bei psychischen oder gesundheitlichen Problemen. Abends und an den Wochenenden biete ich auch Geburtsvorbereitungskurse und Rückbildungsgymnastik an.

ZEIT: Sie bilden Anfang und Ende eines Kreislaufs, indem Sie Menschen auf die Welt helfen und sie beim Sterben begleiten. Sehen Sie Parallelen zwischen Ihren Berufen?

Kurzke: Auf jeden Fall. Ich habe selbst zwei Kinder. Und wenn ich an ihre Geburt denke, erinnere ich mich noch gut an das Ringen – und daran, dass es auch bei Schwerkranken viele Phasen gibt, in denen man denkt: "Ich schaffe das nicht, ich kann nicht mehr..."

Finné: Oh ja, die Situation gibt es ständig, aber ich weiß dann auch, dass viele Frauen eigentlich doch noch können – obwohl sie oft selbst kaum mehr daran glauben.

Corry Finné

Corry Finné leitet eine Hebammenpraxis in Berlin.

Kurzke: Was machen Sie in so einer Situation?

Finné: Ich arbeite viel mit Akupunktur und versuche, die Schmerzen der Frau zu lindern oder die Wehen zu fördern. Das hat auch einen psychologischen Effekt: Sie hat das Gefühl, dass ich mich um sie kümmere, und das allein motiviert schon viele, weiter durchzuhalten. Aber einen Sterbenden zu motivieren, stelle ich mir viel schwieriger vor.

Kerstin Kurzke

Kerstin Kurzke arbeitet als Sterbebegleiterin beim Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienst in Berlin.

Kurzke: Schwerkranken muss es nicht permanent schlecht gehen. Wie Wehen bei einer Geburt kommen und gehen, gibt es Phasen, in denen es ihnen psychisch wieder besser geht. Manchen hilft es, wenn sie mit uns über ihre Ängste sprechen. Andere wollen gerade darüber nicht reden und abgelenkt werden. Einer meiner Kollegen wurde beispielsweise mal zu einem Sterbenden gerufen, der einen Mitspieler für seine Doppelkopfrunde gesucht hat. Wie man jemandem über eine schlechte Phase hinweghilft, ist also ganz unterschiedlich.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 08. Februar 2013 7:47 Uhr

    ...Geburten sieht man im Fernsehen fast täglich - in vielen Ländern gibts ganze Serien darüber - aber kaum einer will Tod sehen.
    Im BBC gab es vor zwei Jahren einen Flim in der ein Sterbender von Terry Pratchett begleitet wird, bis er in der Schweiz freiwillig sein Leben endet.
    Der Tod wurde auch tatsächlich gezeigt. Noch bevor der Film gesendet wurde gab es 750 Beschwerden.
    Ich finde es merkwürdig das Menschen Geburten zusehen, aber beim Tod, der eindeutig die Konsequenz einer Geburt ist, plötzlich irgendweilche Einwände haben.
    Der Tod gehört dazu und sollte nicht versteckt werden, dann hätten viele Menschen auch nicht so viel Angst davor.

    Für die die es interessiert und Englisch sprechen:

    http://en.wikipedia.org/w...

    3 Leserempfehlungen
  1. Die Bezahlung dieser Berufe treibt einem die Tränen in die Augen. Was ist dieser Beruf gegenüber z.B. dem eines Bankers, der betrügt und noch maximal honoriert wird. Diese Gesellschaft muss zu neuen Werten finden

    6 Leserempfehlungen
  2. Ich selbst kenne beide Berufe und finde sie sehr spannend. Entschieden habe ich mich dann aber für die Sterbenden, da ich jetzt in einem tollen palliativen Pflegedienst arbeite und die Sterbenden zu Hause unterstütze. Das ist nicht immer einfach, da den Sterbenden oft nicht gesagt wird, das sie sterben werden. Viele glauben wirklich bis kurz vorm Schluss das es noch Heilung gibt, lassen Chemos über sich ergehen, die ihr Leiden verlängern, aber oft nicht ihr Leben. Viele Patienten sind dankbar, das wir mit Ihnen reden, im Notfall da sind und vor allem auf Fragen ehrlich antworten. Aber auch die Angehörigen sind uns dankbar für die Pflege und auch für die Hospizdienste.Ich finde diesen Artikel so toll, weil er Leben und Tod gegenüber stellt und zeigt, das beide Seiten schwer und leicht zu gleich sein können. Es ist nur schade das die Gesellschaft den Tod so ausgrenzt und es den Menschen schwer fällt darüber zu reden und auch loslassen zu können im richtigen Moment.

    3 Leserempfehlungen
  3. Leben und Tod liegen nun einmal nah beieinander. Im Moment brauche ich eine Hebamme, und irgendwann vielleicht Begleitung beim Sterben. Beide Berufe verdienen viel mehr Honorierung, nicht nur moralisch, auch finanziell! Ich ziehe meinen Hut vor beiden Frauen und ihren Kollegen!

    4 Leserempfehlungen
  4. Warum wurden Sie Hebamme? Antwort von Frau Finné: "Bei mir war der Grund meine eigene Schwangerschaft. Ich war damals 25 und hatte das Gefühl, dass ein Baby im Krankenhaus nicht würdig auf die Welt kommen kann. Die Geburtshilfe war oft traumatisierend, regelrecht übergriffig." Als Mann einer sehr erfahrenen Beleghebamme, die seit vielen Jahren Geburten in einer Klinik leitet, muss ich Einspruch erheben gegen diese pauschale Behauptung, die sich gegen die Kolleginnen in den Kreißsälen richtet. Falls Komplikationen entstehen, sind Frauen, die entbinden wollen, in Kliniken besser aufgehoben als zuhause oder in Geburtshäusern, die im Ernstfall doch mit dem Notarztwagen zum Not-Kaiserschnitt fahren müssen. Eine Geburt ist kein Spaziergang - und eine Hebamme, die wirklich gut und krisenfest sein will, sollte auf ein paar tausend erfolgreiche Geburten zurückblicken können. Ein bisschen wie ein Pilot mit seinen Flugstunden.
    Ich habe auch großen Respekt für die Menschen, die in Hospizen arbeiten. Die Frage, ob ein Mensch in Würde sterben kann, hängt immer mehr davon ab, wer ihn begleitet. Die Aufklärung über den Tod sollte eigentlich auch in der Schule so selbstverständlich sein wie Aufklärung über die Sexualität und die Geburt.

    Eine Leserempfehlung
  5. Aus dem Text geht nicht hervor, dass sich Frau Finné pauschal gegen Krankenhäuser äußert. Im Gegenteil, sie spricht von "das Gefühl, dass.....". Da sie nun schon eine Weile in dem Beruf arbeiten sollte, kann es ja sein, dass sie ihre Meinung geändert hat, bzw. sich auch der Umgang mit Schwangeren geändert hat- und man möchte ihr ja nicht absprechen, dass sie sich vielleicht in ihrem Fall nicht gut aufgehoben gefühlt hat. Ich denke, dass sie auch sehr wohl weiß, dass sie Komplikationen bei einer Geburt nicht allein meistern kann und DARF. Hebammen übernehmen nicht selten ärztliche (delegierte) Aufgaben, aber auch denen sind irgendwann Grenzen gesetzt. Sie wäre eine schlechte Hebamme, wenn sie das nicht wüsste.

    Eine Leserempfehlung
  6. Es besteht (aus meiner Erfahrung heraus) oft ein himmelweiter Unterschied zwischen freiberuflichen und Beleghebammen. Letztere sind viel "medizinischer" eingestellt und nehmen eine Geburt oft als Alltagsgeschäft. Nach einer völlig unwürdigen Behandlung durch die Hebammen "meiner" Klinik habe ich mich diesmal auch für Hebammenbegleitung durch die ganze Schwangerschaft hindurch entschieden. Das liegt nicht am Berufsstand an sich, sondern am Einzelfall. Ich hatte halt Pech, dass von den durch Schichtwechsel und "echten" Problemfällen belasteten Beleghebammen keine meine Wochenbettdepressionen ernst genommen hat.
    Auch diesmal entbinde ich in dieser Klinik (weil es in diesem Landkreis keine Hebammen für Hausgeburten mehr gibt), aber ich gehe am gleichen Tag heim und lasse mich von "meiner" Hebamme, deren Name ich kenne, die meinen Namen und meine Geschichte kennt, begleiten und betreuen. Wer das nicht braucht - ist doch auch gut. Aber Beleghebammen in Krankenhäusern und freiberufliche Hebammen in der Vor- und Nachsorge haben völlig unterschiedliche Aufgaben.

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  • Schlagworte Arbeitnehmer | Beruf | Tod | Geburt | Sterben
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