Öffentlich-rechtliche SenderÜber Gebühr

ARD und ZDF müssen sich verändern, um dem großen Unmut über Zwangsabgaben und Skandale zu begegnen von 

Siebeneinhalb Milliarden Euro sind eine stolze Summe. Hundert Euro pro Bundesbürger, Babys eingerechnet. Das ist mehr, als das Familienministerium jährlich ausgeben darf. Und kaum weniger, als der Staat für seine viel gescholtenen Kultursubventionen bezahlt. 7.500.000.000 Euro überweisen die Deutschen jährlich an ARD und ZDF, was an sich noch kein Problem darstellt, wenn das unabhängige Angebot sein Geld wert wäre. Das Problem aber ist, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen der Verantwortung nicht gewachsen zeigen, die mit solchen Summen einhergeht. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sie nicht aufpassen, wenn der Kommerz sich einschleicht? Dass sie Milliarden in die Hand nehmen, um Fußball ohne Ende zu zeigen. Dass sie auf kaum etwas so bedacht sind wie auf ihre Gebühren – und ihre einzigartige Lage so wenig nutzen, um Neues auszuprobieren.

Wie groß das Privileg der Radio- und Fernsehmacher ist, das wissen Tageszeitungsleute. Werbung und Leser flüchten ins Internet. Also treten die Zeitungen auch im Netz auf. Dort aber warten schon ARD und ZDF – mit einer aufwendigeren Präsentation, als sie sich die Zeitungen leisten können. Natürlich, auch das Fernsehen muss im Netz präsent sein. Aber anstatt neuartige Videoangebote zu entwickeln, stechen die Sender dort die Tagespresse aus. 2012 sind sie dabei sogar juristisch gescheitert: Ein Onlineangebot der Tagesschau ging dem Gericht zu weit, weil eine Ausgabe davon nichts anderes war als eine öffentlich-rechtliche Zeitung im Netz.

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Internet, Digitalkanäle, Sportrechte: All das kostet Geld, das die Sender nur ungern selbst einsparen. Es gibt wohl kaum eine Organisation, Kirchen und Ministerien eingeschlossen, die sich vehementer gegen das Sparen zur Wehr setzt. Und falls der Etat doch einmal schrumpft, wird das Alltägliche zur Heldentat verklärt.

Dabei ist die Finanzbasis der Öffentlich-Rechtlichen durch den neuen Rundfunkbeitrag abgesichert, der Deutschland jetzt erzürnt. Ursprünglich wollten sie noch mehr als die 17,98 Euro, die nun jeder Haushalt bezahlen muss. Doch auch so hatte ihr Lobbying Erfolg. »Einfach gerecht« findet der ARD-Vorsitzende die neue Quasisteuer. Zwar sind soziale Härtefälle ausgenommen, aber abgesehen von den Ärmsten zahlt jede Familie gleich viel, egal ob sie 1500 Euro im Monat verdient oder 15000 Euro. Bei der Einkommensteuer zahlen die Reicheren prozentual mehr als die Ärmeren, beim Rundfunkbeitrag weniger. Was soll daran gerecht sein? Der ZDF-Intendant lobt die neue Finanzbasis als »effektiv«. Außerdem würden »viele kleine und mittlere Unternehmen« entlastet. Effektiv ist die Rundfunkgebühr zweifellos als Einnahmequelle, und manche Betriebe zahlen nun auch weniger. Andere aber erleben gerade einen Aufschlag von mehreren Hundert Prozent, weil jetzt jeder Laden und jedes Zimmer, jede Betriebsstätte und jedes Auto zählt. Der Geist ist erkennbar: Gebührenmaximierung. So viele Quellen wie möglich, so wenige Ausnahmen wie nötig.

Anders als ARD und ZDF schätzen manche Fachleute, dass die neue Gebühr mehr Einnahmen in die Funkhäuser spült. Wenn das stimmt, sollte man sie senken. Von selbst aber werden die öffentlich-rechtlichen Riesen nichts hergeben. Das zeigt ihr Umgang mit Schleichwerbung: Gehandelt wird erst, wenn alle sich aufregen, wie jetzt im Fall von Wetten, dass...?. Europas erfolgreichste Unterhaltungssendung verkam zum Unterhaltsbringer für eine Mittlerfirma des Gottschalk-Bruders. Erst Mercedes und später Audi – für deutsche Premiumhersteller gab es vor mehr als zehn Millionen Zuschauern einen Premiumauftritt. Weitere Branchen mischten mit. Aus Sicht der Wirtschaft: ein Kavaliersdelikt. Aber die ZDF-Macher hatten schon zu viel mit der unsauberen Praxis zu tun, ohne sie zu beenden. Sendung für Sendung sahen sie dem Tanz ums goldene Auto zu. Jetzt wird man bestimmt aktiv, aber wo war vorher die Verantwortung für die Bürger, die den Sender finanzieren müssen? Egal, ob sie zuschauen oder nicht. Ob sie jung sind oder alt.

Zu leicht macht man es sich beim Fernsehen auch mit der Verteidigung des eigenen Programms. Die Privaten sind noch schlimmer, heißt es gern. Da ist was dran. Gedichte im Fernsehen vorlesen, das funktioniert heute nicht mehr. Umso merkwürdiger, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht innovativer sind. Von Bezahlkanälen und Privatsendern in Amerika lassen sie sich vormachen, wie Fernsehen mit Qualitätsserien die Massen erreicht. Gerade junge Menschen laden sich die von Spitzenregisseuren gedrehten Serien auf die Computer, mal für Geld, mal illegal, und bilden Fangemeinden. ARD und ZDF widerfährt so etwas eher selten.

Ihrem Auftrag werden die Öffentlich-Rechtlichen so nicht gerecht. Sie sollten auf Werbung und Sponsoring verzichten, originelle Formate für die Mattscheibe und das Netz entwickeln und selbstbewusst zu guten Sendungen stehen, auch wenn die nicht so viel Quote bringen. Und zur Not ist in den Sendern mit all ihren Sparten, Leitungsebenen und Unterabteilungen auch noch Luft zum Sparen.

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