Pro: Wer fremde Gedanken ohne Kennzeichnung übernimmt, plagiiert – egal, wie gewichtig der Rest der Arbeit ist

Sie hat es getan. Annette Schavan hat 1980 eine Dissertation eingereicht, die in Teilen abgeschrieben war. Das geschah an einigen Stellen wörtlich, an anderen durch leichte Textumstellung oder Textumformulierung. Die Doktorandin hat den Eindruck erweckt, sie habe die primären Werke von Sigmund Freud, C. G. Jung oder Martin Buber selbst erschlossen und interpretiert. Und doch hat sie von anderen deren Textauswertung und Schlussfolgerungen übernommen. Das mag man als »Anverwandlung« verharmlosen – es bleibt wissenschaftlicher Betrug.

Die Dissertation ist eine Prüfungsleistung. So wie ein Student in der Klausur nicht von seinem Nachbarn abschreiben darf und die Tat von der Aufsicht, unabhängig von der »Bedeutung« der abgeschriebenen Textstelle, geahndet werden kann – so verfährt das Prüfungsrecht mit abschreibenden Doktoranden. Nur dass dort keine Aufsicht den Schreibvorgang überwacht, sondern das »Werk« hernach den Vergleich mit Originalen aushalten muss.

Alles, was hiergegen vorgebracht wird, ist eine Ausrede. Was die Dissertation sonst enthält und ob inhaltlich nur unwesentliche Teile betroffen sind, ist unmaßgeblich. Solange nur die Bagatellschwelle, die bloßes Versehen möglich erscheinen lässt, überschritten ist. Die Doktorandin Schavan hätte 1980 ja eine um die anrüchigen Stellen gekürzte Arbeit einreichen können – hat sie aber nicht. All das Gerede von Hermeneutik, der Notwendigkeit einer inhaltsbezogenen, deutenden Textanalyse, ist eine Vernebelung, die allein den Sinn hat, in der Arbeit noch das Rettende zu finden. Es gibt keine richtige Wissenschaft innerhalb der Fälschung.

Fragwürdig sind die Angriffe gegen den Judaistik-Professor Stefan Rohrbacher als Gutachter der Düsseldorfer Fakultät und seinen angeblich »kleinlichen« Textstellenvergleich. Abschreiben ist banal-kleinteilig und kann nur durch ebensolchen Textvergleich belegt werden. Und nur die Textstellensynopse lässt den Rückschluss auf eine Täuschungsabsicht zu. Auch das ist in der Rechtsprechung anerkannt.

Die Verteidigung der Abschriftstellerin Schavan gleicht dem Fall der Kölner Philosophie-Professorin Elisabeth Ströker. Deren Dissertation aus dem Jahr 1953 wurde trotz Abschreibereien im Jahr 1990 von der promovierenden Bonner Fakultät gehalten, auch aus Rücksicht auf ihren Professorenstatus. Dagegen hat die Kölner Universität 1991 einstimmig festgestellt, dass diese Dissertation »zu großen Teilen aus als solchen nicht gekennzeichneten wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen besteht und dass die Arbeit in Kenntnis dieser Tatsache weder damals noch heute von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln als Dissertation angenommen worden wäre«.

Dass die Wissenschaft irgendwann »früher« einen abschreibefreundlichen Standard praktiziert und gebilligt habe, mag fürs Mittelalter angehen, ist aber für die Zeit ab Jacob Thomasius’ Schrift De plagio literario von 1673 Unfug. Eine Dissertation muss immer schon vom Doktoranden selbst geschrieben sein, darf Fremdtexte nur unter Nachweis der Quelle heranziehen und nicht über die Text- und Gedankenherkunft täuschen.

Frau Schavan mag hoffen, Gnade vor Recht zu finden, wie der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann an der Universität Potsdam. Doch ist nicht bloß das Plagiat eine Frage der Ehre (Hegel), sondern auch die Plagiatabwehr. Ob Düsseldorf auf das Ehrwürdigkeitsniveau von Potsdam herabsinken will, wird man sehen. (Volker Rieble)

Contra: Eine Täuschungsabsicht ist nicht erkennbar

Contra: Die übliche Praxis des Faches wird eingehalten. Eine Täuschungsabsicht ist nicht erkennbar

Die Düsseldorfer Promotionskommission erkennt in der Dissertation von Frau Schavan eine »plagiierende Vorgehensweise« und unterstellt eine »leitende Täuschungsabsicht«. Beide Einschätzungen sind unzutreffend: Der Diagnose liegt eine falsche Gattung der Arbeit zugrunde, und das Urteil ist ohne die zuständige Fachwissenschaft getroffen worden.

Ziel der Schavan-Dissertation ist es, in Auswertung der vorliegenden Gewissenstheorien Leitthesen für die Gewissenserziehung zu gewinnen. Angesichts der Vielheit fachwissenschaftlich höchst verschiedener Theorien hält sich die Autorin an die vergleichsweise beste Deutung der jeweiligen Theorie und lässt sich von ihr die Perspektive auf die jeweils zentralen Aussagen vorgeben. Eine Erarbeitung aus den Quellen zu verlangen (wie bei historischen Arbeiten) wäre für eine pädagogische Dissertation mit praktischem Ziel ein nicht zu verantwortender Anspruch. Offensichtlich haben beide Doktorväter diesen Ansatz gebilligt, wenn nicht sogar angeregt.

Selbstverständlich ist in wissenschaftlichen Arbeiten bei der Bezugnahme auf den Forschungsstand auf die entsprechenden Quellen zu verweisen. Doch wie dies geschehen muss, ist in hohem Maß von der Regelung abhängig, welche die betreffende Fachwissenschaft im fraglichen Zeitraum für verbindlich gehalten hat. Die Schavan-Dissertation folgt der Regelung, die in geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Nachkriegsjahrzehnte wie der Pädagogik häufig anzutreffen ist: Die maßgebliche Quelle wird beim Referat einer Forschungsposition dadurch kenntlich gemacht, dass man an hervorgehobener Stelle den Sekundär-Autor nennt oder ein Zitat mit Quellenangabe sprechen lässt – in der Annahme, dass der kundige Leser erkennt, dass auch die dem Beleg vorausgehende und folgende Paraphrase sich auf diesen Autor bezieht.

Ich selbst habe die Dissertation von Frau Schavan kurz nach ihrem Erscheinen (1980) in Vorbereitung einer eigenen Arbeit zur Gewissensthematik gelesen. Dabei war mir in Kenntnis dieser Belegpraxis an jeder Stelle klar, wann in der Arbeit referiert und wann eigenständige Meinung vorgetragen wird.

Ohne Zweifel ist diese Belegpraxis aus heutiger Sicht nicht gutzuheißen. Und auch aus damaliger Sicht sind eine Reihe von handwerklichen Fehlern zu monieren. Eine »plagiierende Vorgehensweise« liegt jedoch nicht vor: Denn die Dissertation nennt die benutzte Literatur. Dass an wichtiger Stelle ein Beleg nicht genannt wird, darf als Flüchtigkeitsfehler durchgehen. Was als Resultat einer »leitenden Täuschungsabsicht« betrachtet wird, ist nichts anderes als eine in der Pädagogik und verwandten Fächern seinerzeit praktizierte Dokumentationsweise. Wäre es anders, müssten alle Dissertationen, die dieses Verfahren praktiziert haben, annulliert werden.

Die angesehenen Erziehungswissenschaftler Dietrich Benner und Heinz-Elmar Tenorth kommen bei ihrer Prüfung zu dem Schluss, dass die Schavan-Dissertation einem damals üblichen Methodenstandard folgt und ihr Ergebnis in Form der Thesen die Vergabe des Doktortitels rechtfertigt. Die Promotionskommission hat ihrer Beurteilung der Arbeit also nicht nur die falsche Gattung zugrunde gelegt, sondern auch auf die ausschlaggebende Sicht der Fachwissenschaft verzichtet. Vom endgültigen Urteil der Düsseldorfer Fakultät ist zu hoffen, dass es sich an den hermeneutischen und sachlichen Kriterien orientiert, die für die Prüfung von Plagiatsvorwürfen in Bezug auf eine so lange zurückliegende Arbeit unabdingbar sind. (Ludger Honnefelder)

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