Contra: Die übliche Praxis des Faches wird eingehalten. Eine Täuschungsabsicht ist nicht erkennbar

Die Düsseldorfer Promotionskommission erkennt in der Dissertation von Frau Schavan eine »plagiierende Vorgehensweise« und unterstellt eine »leitende Täuschungsabsicht«. Beide Einschätzungen sind unzutreffend: Der Diagnose liegt eine falsche Gattung der Arbeit zugrunde, und das Urteil ist ohne die zuständige Fachwissenschaft getroffen worden.

Ziel der Schavan-Dissertation ist es, in Auswertung der vorliegenden Gewissenstheorien Leitthesen für die Gewissenserziehung zu gewinnen. Angesichts der Vielheit fachwissenschaftlich höchst verschiedener Theorien hält sich die Autorin an die vergleichsweise beste Deutung der jeweiligen Theorie und lässt sich von ihr die Perspektive auf die jeweils zentralen Aussagen vorgeben. Eine Erarbeitung aus den Quellen zu verlangen (wie bei historischen Arbeiten) wäre für eine pädagogische Dissertation mit praktischem Ziel ein nicht zu verantwortender Anspruch. Offensichtlich haben beide Doktorväter diesen Ansatz gebilligt, wenn nicht sogar angeregt.

Selbstverständlich ist in wissenschaftlichen Arbeiten bei der Bezugnahme auf den Forschungsstand auf die entsprechenden Quellen zu verweisen. Doch wie dies geschehen muss, ist in hohem Maß von der Regelung abhängig, welche die betreffende Fachwissenschaft im fraglichen Zeitraum für verbindlich gehalten hat. Die Schavan-Dissertation folgt der Regelung, die in geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Nachkriegsjahrzehnte wie der Pädagogik häufig anzutreffen ist: Die maßgebliche Quelle wird beim Referat einer Forschungsposition dadurch kenntlich gemacht, dass man an hervorgehobener Stelle den Sekundär-Autor nennt oder ein Zitat mit Quellenangabe sprechen lässt – in der Annahme, dass der kundige Leser erkennt, dass auch die dem Beleg vorausgehende und folgende Paraphrase sich auf diesen Autor bezieht.

Ich selbst habe die Dissertation von Frau Schavan kurz nach ihrem Erscheinen (1980) in Vorbereitung einer eigenen Arbeit zur Gewissensthematik gelesen. Dabei war mir in Kenntnis dieser Belegpraxis an jeder Stelle klar, wann in der Arbeit referiert und wann eigenständige Meinung vorgetragen wird.

Ohne Zweifel ist diese Belegpraxis aus heutiger Sicht nicht gutzuheißen. Und auch aus damaliger Sicht sind eine Reihe von handwerklichen Fehlern zu monieren. Eine »plagiierende Vorgehensweise« liegt jedoch nicht vor: Denn die Dissertation nennt die benutzte Literatur. Dass an wichtiger Stelle ein Beleg nicht genannt wird, darf als Flüchtigkeitsfehler durchgehen. Was als Resultat einer »leitenden Täuschungsabsicht« betrachtet wird, ist nichts anderes als eine in der Pädagogik und verwandten Fächern seinerzeit praktizierte Dokumentationsweise. Wäre es anders, müssten alle Dissertationen, die dieses Verfahren praktiziert haben, annulliert werden.

Die angesehenen Erziehungswissenschaftler Dietrich Benner und Heinz-Elmar Tenorth kommen bei ihrer Prüfung zu dem Schluss, dass die Schavan-Dissertation einem damals üblichen Methodenstandard folgt und ihr Ergebnis in Form der Thesen die Vergabe des Doktortitels rechtfertigt. Die Promotionskommission hat ihrer Beurteilung der Arbeit also nicht nur die falsche Gattung zugrunde gelegt, sondern auch auf die ausschlaggebende Sicht der Fachwissenschaft verzichtet. Vom endgültigen Urteil der Düsseldorfer Fakultät ist zu hoffen, dass es sich an den hermeneutischen und sachlichen Kriterien orientiert, die für die Prüfung von Plagiatsvorwürfen in Bezug auf eine so lange zurückliegende Arbeit unabdingbar sind. (Ludger Honnefelder)

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