PlagiatsvorwurfMuss Schavan ihren Titel abgeben?

Bundesbildungsministerin Annette Schavan steht unter Plagiatsverdacht. Am Dienstag entscheidet die Universität Düsseldorf, ob sie das Verfahren zum Entzug des Doktorgrades eröffnet. In der Wissenschaft gibt es widerstreitende Positionen. von Volker Rieble und Ludger Honnefelder

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Pro: Wer fremde Gedanken ohne Kennzeichnung übernimmt, plagiiert – egal, wie gewichtig der Rest der Arbeit ist

Sie hat es getan. Annette Schavan hat 1980 eine Dissertation eingereicht, die in Teilen abgeschrieben war. Das geschah an einigen Stellen wörtlich, an anderen durch leichte Textumstellung oder Textumformulierung. Die Doktorandin hat den Eindruck erweckt, sie habe die primären Werke von Sigmund Freud, C. G. Jung oder Martin Buber selbst erschlossen und interpretiert. Und doch hat sie von anderen deren Textauswertung und Schlussfolgerungen übernommen. Das mag man als »Anverwandlung« verharmlosen – es bleibt wissenschaftlicher Betrug.

Die Dissertation ist eine Prüfungsleistung. So wie ein Student in der Klausur nicht von seinem Nachbarn abschreiben darf und die Tat von der Aufsicht, unabhängig von der »Bedeutung« der abgeschriebenen Textstelle, geahndet werden kann – so verfährt das Prüfungsrecht mit abschreibenden Doktoranden. Nur dass dort keine Aufsicht den Schreibvorgang überwacht, sondern das »Werk« hernach den Vergleich mit Originalen aushalten muss.

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Alles, was hiergegen vorgebracht wird, ist eine Ausrede. Was die Dissertation sonst enthält und ob inhaltlich nur unwesentliche Teile betroffen sind, ist unmaßgeblich. Solange nur die Bagatellschwelle, die bloßes Versehen möglich erscheinen lässt, überschritten ist. Die Doktorandin Schavan hätte 1980 ja eine um die anrüchigen Stellen gekürzte Arbeit einreichen können – hat sie aber nicht. All das Gerede von Hermeneutik, der Notwendigkeit einer inhaltsbezogenen, deutenden Textanalyse, ist eine Vernebelung, die allein den Sinn hat, in der Arbeit noch das Rettende zu finden. Es gibt keine richtige Wissenschaft innerhalb der Fälschung.

Fragwürdig sind die Angriffe gegen den Judaistik-Professor Stefan Rohrbacher als Gutachter der Düsseldorfer Fakultät und seinen angeblich »kleinlichen« Textstellenvergleich. Abschreiben ist banal-kleinteilig und kann nur durch ebensolchen Textvergleich belegt werden. Und nur die Textstellensynopse lässt den Rückschluss auf eine Täuschungsabsicht zu. Auch das ist in der Rechtsprechung anerkannt.

Die Verteidigung der Abschriftstellerin Schavan gleicht dem Fall der Kölner Philosophie-Professorin Elisabeth Ströker. Deren Dissertation aus dem Jahr 1953 wurde trotz Abschreibereien im Jahr 1990 von der promovierenden Bonner Fakultät gehalten, auch aus Rücksicht auf ihren Professorenstatus. Dagegen hat die Kölner Universität 1991 einstimmig festgestellt, dass diese Dissertation »zu großen Teilen aus als solchen nicht gekennzeichneten wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen besteht und dass die Arbeit in Kenntnis dieser Tatsache weder damals noch heute von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln als Dissertation angenommen worden wäre«.

Dass die Wissenschaft irgendwann »früher« einen abschreibefreundlichen Standard praktiziert und gebilligt habe, mag fürs Mittelalter angehen, ist aber für die Zeit ab Jacob Thomasius’ Schrift De plagio literario von 1673 Unfug. Eine Dissertation muss immer schon vom Doktoranden selbst geschrieben sein, darf Fremdtexte nur unter Nachweis der Quelle heranziehen und nicht über die Text- und Gedankenherkunft täuschen.

Volker Rieble

Volker Rieble lehrt als Jura-Professor an der LMU München und ist Autor des 2010 erschienenen Buches »Das Wissenschaftsplagiat«.
 

Frau Schavan mag hoffen, Gnade vor Recht zu finden, wie der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann an der Universität Potsdam. Doch ist nicht bloß das Plagiat eine Frage der Ehre (Hegel), sondern auch die Plagiatabwehr. Ob Düsseldorf auf das Ehrwürdigkeitsniveau von Potsdam herabsinken will, wird man sehen. (Volker Rieble)

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