Bastian Pastewka"Das ist so unschuldig"

Komiker Bastian Pastewka über den MDR als Avantgarde, seine Liebe zu Mauerfall-Dokus – und darüber, warum gute Komödien das Leben der DDR hätten verlängern können. von Anne Hähnig

DIE ZEIT: Herr Pastewka, Sie sind als leidenschaftlicher Fernsehgucker bekannt. Wann haben Sie das erste Mal MDR geschaut?

Bastian Pastewka: Am 22. November 1993. An diesem Tag wurde bei uns in Nordrhein-Westfalen der Sender ins Kabelnetz eingespeist – und mir eröffnete sich eine völlig neue Welt. Der MDR bestückte sein Programm damals vorwiegend mit Wiederholungen aus den Archiven des Deutschen Fernsehfunks. Ich kannte den Kessel Buntes vorher nicht. Wir im Westen der alten Bundesrepublik lebten ja im Tal der Ahnungslosen.

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DIE ZEIT: So etwas gab es auch im Westen?

Pastewka: Natürlich. In Nordrhein-Westfalen waren die Programme des DDR-Fernsehens nie zu empfangen. Ein Großteil der Westdeutschen war doch zunächst irritiert, als unser Land 1990 plötzlich viel größer wurde, und überzog die neuen Länder mit Spott und ungelenken Scherzen.

ZEIT: Mögen Sie den MDR?

Pastewka: Ja, absolut. Meine Lieblingssendung ist Damals war’s mit Hartmut Schulze-Gerlach. Dort werden alle möglichen historischen Ereignisse aus einem einzigen Jahr gezeigt – und der Zuschauer darf raten, um welches Jahr es sich handelt. Man muss schon sehr genau wissen, wann etwa Chris Doerk und Frank Schöbel dem Erich-Weinert-Ensemble beigetreten sind, um sich in dieser Sendung ansatzweise zurechtzufinden.

ZEIT: Machen Sie sich gerade lustig?

Pastewka: Nein! Der MDR hat erfunden, was alle anderen dritten Programme später wegen des großen Erfolges kopiert haben: das Heimatfernsehen. Einer meiner MDR-Favoriten ist So klingt’s bei uns im Arzgebirg. In dieser Sendung begegnet meist ein gut gelaunter Moderator irgendwo in einer sehr ländlichen Gegend einem Mann im Holzfällerhemd. Die beiden unterhalten sich vor der Kamera bis zu fünf Minuten lang darüber, was der Mann für verschiedene Bürsten in seiner Werkstatt handgefertigt hat. Im tiefsten Dialekt.

ZEIT: Was gefällt Ihnen daran?

Pastewka: Das ist so unschuldig, so undurchdacht. Das wird einfach gemacht.

ZEIT: Und was davon haben die anderen Dritten nachgemacht?

Pastewka: Inzwischen hat jedes andere dritte Programm ebenfalls seine Archive geöffnet und sendet nun landeseigene Rankingshows mit altem Material: Allein im Hessischen Rundfunk hat inzwischen fast jede Sendung das Wort Hessen im Titel: Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen, Die beliebtesten Liebeslieder der Hessen oder Die beliebtesten TV-Tiere der Hessen.

ZEIT: Wieso hat sich dieses Heimatfernsehen zuerst in Ostdeutschland etabliert?

Pastewka: Ich kann mir vorstellen, dass der MDR sich zu seiner Entstehungszeit mehr beweisen musste als die bereits etablierten dritten Programme. Was lag da näher, als das Sendeland einmal genau unter die Lupe zu nehmen und über die Veränderungen der Wiedervereinigung und deren Folgen zu berichten. Es gab ja auch genug Neues zu entdecken. Und zu besingen. Irgendwann erfand der MDR Wo bin ich?, ein Quiz, in dem der Moderator irgendwo im Sendegebiet ausgesetzt wurde und Passanten fragen musste, wo er ist. So nah am Zielpublikum wie der MDR war damals kein anderer Sender, nicht mal RTL.

ZEIT: Sie haben das deutsche Fernsehen schon oft parodiert, haben sich mit Anke Engelke als Volksmusikpaar verkleidet oder die Figuren der Familie Brömseklöten entworfen – typische Erzgebirgler.

Pastewka: Das Vorbild für die Brömseklötens war tatsächlich der erwähnte Bürstenmacher.

ZEIT: Muss man solche Vorbilder eher lieben oder verachten, um gute Parodien zu spielen?

Pastewka: Man muss sie lieben! Die Szenen, die Anke Engelke und ich in unseren volkstümlichen Parodiesendungen spielen, sind ein ganz allgemeiner Gruß ans deutsche Fernsehen, gern auch an den MDR, und an sämtliche Schlager- und Volksmusikstars von ARD und ZDF. Denn wir leihen uns einfach deren permanente Dauergrinsfreude.

ZEIT: Der Schlagersänger und Moderator Andy Borg findet es spitze, wie Sie ihn persiflieren. Wie schaffen Sie es, Parodien zu schreiben, über die sich niemand richtig ärgert?

Pastewka: Es ist ja nicht bewiesen, ob sich nicht doch jemand daran stört. Aber zumeist parodiere ich nicht eine konkrete prominente Person, sondern schaffe einen Charakter, der ein Mix aus mehreren Promis ist. Ich möchte, dass meine Figuren dem Publikum sympathisch sind. Es ist nicht mein Ansinnen, auf andere zu zeigen, indem ich ein zorniges Zerrbild des Originals schaffe.

ZEIT: Warum musste dann Chemnitz in der Sat.1 -Wochenshow so leiden, mit der Sie vor Jahren groß rausgekommen sind? Jede Woche wurde auf die Stadt draufgehauen – und das nicht mit erkennbarer Liebe.

Pastewka: Genau deswegen haben wir damals im Silvester-Spezial 1999 eine Hommage für die Stadt gedreht, einen Beitrag ohne Pointe. Vier Minuten lang zeigten wir glückliche Chemnitzer, die ihre Stadt lieben.

ZEIT: Als Wiedergutmachung?

Pastewka: Nein, wir dachten, wir erlösen die Chemnitzer mal und sagen: »Schöne Grüße! Wir haben euch doch alle lieb!« Um eine Woche später doch wieder draufzuhauen. Ist das nicht gemein?

ZEIT: Schon. Denn die Wochenshow hatte irre Quoten, und man hat den Eindruck, dass das Image dieser Stadt auch heute noch von der Sendung geprägt ist.

Pastewka: Chemnitz hatte lange vor der Wochenshow schon ein schlechtes Image. Ich gebe zu: Vielleicht haben wir das verstärkt. Das waren alberne Provokationen. Trotzdem: Den Osten vollständig und fair abzubilden – das ist Sache des MDR!

ZEIT: Und welches Bild hat der Sender vom Osten gemalt?

Pastewka: Der MDR hat, glaube ich, nie etwas schöngefärbt oder überkritisch gesehen. Aber die Kontraste im Programm waren Mitte der neunziger Jahre so reizvoll: Zunächst erzählte Gunter Schoß die Geschichte Mitteldeutschlands, kurz darauf kam ein stolzer Fernsehkoch, der umständlich einen Schinken-Käse-Toast belegte und sein Gericht als Novum präsentierte. Bis heute sieht der MDR immer irgendwie nach Seniorenprogramm aus – anders als die anderen Dritten. Selbst die Komiker sind meistens Männer mittleren Alters, die sich lustige Frauenhüte aufsetzen und so tun, als seien sie alte Kaffeeklatschtanten.

ZEIT: »Sieht aus wie 80, ist aber erst 20«, so hat Stefan Raab mal über den MDR gelästert.

Pastewka: Ja, das könnte stimmen. Aber verstehen Sie das nicht falsch: Die Macher der anderen Dritten sind ganz zittrig, weil sie auch solche hohen Zuschauerzahlen wie der MDR haben wollen.

ZEIT: Und der MDR versucht gerade, sich zu ändern.

Pastewka: Das glaube ich nicht, das glaube ich nicht.

ZEIT: Warum?

Pastewka: Ich frage mich, wo die Innovation herkommen soll. Kann der MDR anderes leisten als diese Art von Heimatfernsehen? Und muss er überhaupt? Das ist doch das Schicksal aller Dritten: Qualitätsprogramme landen sofort im Ersten, die hauseigenen Produktionen sind meist serviceorientiert, kostengünstig und mit heißer Nadel gestrickt.

Bastian Pastewka

Pastewka, 1972 in Bochum geboren, wurde in den neunziger Jahren mit der Sat.1-»Wochenshow« bekannt. Seit 2005 spielt er in der Sitcom »Pastewka« sich selbst. In Kinofilmen (»Der Wixxer«) wie auch auf Theaterbühnen gilt er als brillanter Schauspieler.

ZEIT: Aber die neue Intendantin Karola Wille lässt doch gerade schon modernisieren.

Pastewka: Ich finde es normal, dass einige Sendungen abgesetzt werden, das ist noch keine Modernisierung, das ist lediglich eine Umschichtung. Alles Gute hat es jetzt 15 Jahre lang gegeben, und Alles Gute muss auch mal ein Ende haben.

ZEIT: Muss man dem MDR nicht zugutehalten, dass er nichts nur der Coolness wegen tut, dass er den Reiz des Einfachen, des Unverstellten ausstrahlt?

Pastewka: Im Gegenteil, der MDR versucht krampfhaft, den Reiz des Unverstellten zu überdecken, das finde ich lustig.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Pastewka: Die Moderatoren der Nachmittagsmagazine tun jedes Mal so, als präsentierten sie die größte Knallersendung der Welt. Als freuten sie sich, dass wieder eine 78-Jährige anruft, die gar nicht weiß, dass sie live auf Sendung ist – und die auch den Prominenten nicht kennt, dem sie eine Frage stellen will. Das gefällt mir. Ich gucke den MDR nun wirklich nicht, um eine tolle, perfekte Sendung zu entdecken, sondern um das Zufällige zu beobachten. Ich sehe, wie Moderatoren kämpfen: »Haben wir denn schon jemanden in der Leitung?« Aber es rauscht nur. Dann dieses unterdrückt genervte »Macht ja nichts« – wunderbar.

ZEIT: Wäre es besser, wenn die Moderatoren das Naive ihres Formats feiern würden?

Pastewka: Schon, aber sie trauen sich nicht, zu sagen: »Juhu, Frau Schulze aus Bad Liebenwerda, die uns nie versteht, ist wieder dran.« Sie wollen ihre Sendung schützen. Dagegen geht beispielsweise das Sat.1-Frühstücksfernsehen offensiver mit seiner Unbedarftheit um, das ist ein großer Kindergarten. Jedes Mal, wenn ich da bin, habe ich viel Spaß, weil ich weiß, ich bin in einer unberechenbaren Sendung.

ZEIT: Ist Wetten, dass..? nicht auch so?

Pastewka: Wetten, dass..? ist seit Neuestem eine unmoderierbare Sendung. An jeder Ecke passiert etwas. Auf der Couch die Gäste, dahinter die Wettkandidaten, alle sollen miteinander reden, zwischendurch fährt Cindy aus Marzahn mit einem Wohnwagen durchs Bild, hinten stirbt ein Hund.

ZEIT: Wie fanden Sie die ersten Shows mit Markus Lanz?

Pastewka: Gut, weil die Macher sich nicht lumpen lassen. Es ist von allem zu viel da: Gäste, Wetten, Sprachen, die Anzahl der Tiermützen. Die Übergänge, die nicht geprobt wurden. Da ist wieder das Zufällige, das mich in letzter Zeit so interessiert.

ZEIT: Das ZDF hat im vergangenen Herbst die Komödie Mutter muss weg ausgestrahlt, mit Ihnen in der Hauptrolle. Die Quote war ordentlich, die Kritik begeistert. Sehen wir Sie nun häufiger in solchen Rollen?

Pastewka: Ich plane derzeit nichts Vergleichbares. Der Film war ein einmaliges Erlebnis. Auch dabei habe ich erkennen müssen: Eine Komödie ist eine schwierige Disziplin. Ein schwaches Drama fällt nicht so schnell auf wie eine Filmkomödie, über die niemand lacht. Zugleich muss sie thematisch so ernsthaft sein wie ein Drama, weil man nur über den Bruch des Ernsten lachen kann.

ZEIT: In der DDR gab es kaum politische Komödien. Hätte der Staat länger existiert, wenn die Filmemacher mehr gute Komödien über das Land gedreht hätten?

Pastewka: Das hätte bedeutet, Missstände aufzudecken oder zu kommentieren, und das war ja bekanntermaßen nicht erwünscht. Die Herrschaften im Politbüro damals wären wohl gut beraten gewesen, selbstironischen Humor zu fördern, aber sie haben sich mitunter lieber selber zu Witzfiguren gemacht. Mit mehr guten Komödien über sich selbst hätte die DDR sicherlich länger überlebt. Eine Komödie beweist, dass man noch die Größe hat, sich nicht so wichtig zu nehmen. So etwas imponiert den Zuschauern. Das DDR-Publikum hätte sich dann weitere fünf Jahre nicht zwischen Zuckerbrot und Peitsche entscheiden können.

ZEIT: Wann waren Sie das erste Mal in diesem Teil Deutschlands?

Pastewka: 1986 war ich in Ost-Berlin, und ein Jahr später bin ich mit meinem Vater durch die DDR gereist, etwa nach Dresden und Leipzig. Ich war beeindruckt davon, wie herzlich die Leute waren. Es gab aber auch die typischen unwirschen Ostdeutschen, die uns sagten, wo wir uns nicht anstellen dürften, und die behaupteten, im Restaurant sei alles besetzt, obwohl jeder Platz frei war.

ZEIT: Was ist Ihnen von diesen Reisen noch in Erinnerung geblieben?

Pastewka: Das Blaue Wunder in Dresden fand ich toll, daran erinnere ich mich. Und an die Frauenkirche, die in Trümmern dalag. Es war das erste Mal, dass ich Weltkriegstrümmer gesehen hatte. Und die linientreuen Stadtführer betonten mehrfach, wie wichtig eine kaputte Kirche als Mahnmal gegen den Faschismus sei.

ZEIT: Sind Sie Ihrem Vater dankbar, dass er Sie zu diesen Reisen genötigt hat?

Pastewka: Total. Die deutsche Teilung zu verstehen war für ihn eine Lebensaufgabe. Er war ein Jahr alt, als seine Eltern mit ihm aus Ostpreußen flohen, und er hat als Kind mitbekommen, wie seine Familie neu anfangen musste. Mein Vater wird traurig, wenn er über die deutsche Teilung spricht, und ich muss gestehen: Ich habe das übernommen.

ZEIT: Wirklich?

Pastewka: Ich gucke bis heute gebannt jede Mauerfall-Dokumentation an, auch wenn ich die Bilder und Aussagen schon kenne. Was haben die DDR-Bürger für unglaubliche Geschichten zu erzählen! Was hat dieser Staat mit seinen Künstlern und Bürgerrechtlern gemacht; die Stasi-Folterknäste, das System des Dauerbeobachtens. Das ist schrecklich, das darf niemals vergessen werden. Und dafür sorgt auch der MDR.

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Leserkommentare
  1. ich weiß es nicht, Pastewka vom Feinsten,herrlich,danke und natürlich Danke MDR!

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  2. wäre ich nicht schon glücklich verheiratet, würde ich auf die Knie sinken und um Ihre Hand anhalten. Allerherzlichste Fangrüsse!

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