Bastian Pastewka"Das ist so unschuldig"
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"Der MDR hat nie etwas schöngefärbt oder überkritisch gesehen"

ZEIT: Und welches Bild hat der Sender vom Osten gemalt?

Pastewka: Der MDR hat, glaube ich, nie etwas schöngefärbt oder überkritisch gesehen. Aber die Kontraste im Programm waren Mitte der neunziger Jahre so reizvoll: Zunächst erzählte Gunter Schoß die Geschichte Mitteldeutschlands, kurz darauf kam ein stolzer Fernsehkoch, der umständlich einen Schinken-Käse-Toast belegte und sein Gericht als Novum präsentierte. Bis heute sieht der MDR immer irgendwie nach Seniorenprogramm aus – anders als die anderen Dritten. Selbst die Komiker sind meistens Männer mittleren Alters, die sich lustige Frauenhüte aufsetzen und so tun, als seien sie alte Kaffeeklatschtanten.

ZEIT: »Sieht aus wie 80, ist aber erst 20«, so hat Stefan Raab mal über den MDR gelästert.

Pastewka: Ja, das könnte stimmen. Aber verstehen Sie das nicht falsch: Die Macher der anderen Dritten sind ganz zittrig, weil sie auch solche hohen Zuschauerzahlen wie der MDR haben wollen.

ZEIT: Und der MDR versucht gerade, sich zu ändern.

Pastewka: Das glaube ich nicht, das glaube ich nicht.

ZEIT: Warum?

Pastewka: Ich frage mich, wo die Innovation herkommen soll. Kann der MDR anderes leisten als diese Art von Heimatfernsehen? Und muss er überhaupt? Das ist doch das Schicksal aller Dritten: Qualitätsprogramme landen sofort im Ersten, die hauseigenen Produktionen sind meist serviceorientiert, kostengünstig und mit heißer Nadel gestrickt.

Bastian Pastewka

Pastewka, 1972 in Bochum geboren, wurde in den neunziger Jahren mit der Sat.1-»Wochenshow« bekannt. Seit 2005 spielt er in der Sitcom »Pastewka« sich selbst. In Kinofilmen (»Der Wixxer«) wie auch auf Theaterbühnen gilt er als brillanter Schauspieler.

ZEIT: Aber die neue Intendantin Karola Wille lässt doch gerade schon modernisieren.

Pastewka: Ich finde es normal, dass einige Sendungen abgesetzt werden, das ist noch keine Modernisierung, das ist lediglich eine Umschichtung. Alles Gute hat es jetzt 15 Jahre lang gegeben, und Alles Gute muss auch mal ein Ende haben.

ZEIT: Muss man dem MDR nicht zugutehalten, dass er nichts nur der Coolness wegen tut, dass er den Reiz des Einfachen, des Unverstellten ausstrahlt?

Pastewka: Im Gegenteil, der MDR versucht krampfhaft, den Reiz des Unverstellten zu überdecken, das finde ich lustig.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Pastewka: Die Moderatoren der Nachmittagsmagazine tun jedes Mal so, als präsentierten sie die größte Knallersendung der Welt. Als freuten sie sich, dass wieder eine 78-Jährige anruft, die gar nicht weiß, dass sie live auf Sendung ist – und die auch den Prominenten nicht kennt, dem sie eine Frage stellen will. Das gefällt mir. Ich gucke den MDR nun wirklich nicht, um eine tolle, perfekte Sendung zu entdecken, sondern um das Zufällige zu beobachten. Ich sehe, wie Moderatoren kämpfen: »Haben wir denn schon jemanden in der Leitung?« Aber es rauscht nur. Dann dieses unterdrückt genervte »Macht ja nichts« – wunderbar.

ZEIT: Wäre es besser, wenn die Moderatoren das Naive ihres Formats feiern würden?

Pastewka: Schon, aber sie trauen sich nicht, zu sagen: »Juhu, Frau Schulze aus Bad Liebenwerda, die uns nie versteht, ist wieder dran.« Sie wollen ihre Sendung schützen. Dagegen geht beispielsweise das Sat.1-Frühstücksfernsehen offensiver mit seiner Unbedarftheit um, das ist ein großer Kindergarten. Jedes Mal, wenn ich da bin, habe ich viel Spaß, weil ich weiß, ich bin in einer unberechenbaren Sendung.

ZEIT: Ist Wetten, dass..? nicht auch so?

Pastewka: Wetten, dass..? ist seit Neuestem eine unmoderierbare Sendung. An jeder Ecke passiert etwas. Auf der Couch die Gäste, dahinter die Wettkandidaten, alle sollen miteinander reden, zwischendurch fährt Cindy aus Marzahn mit einem Wohnwagen durchs Bild, hinten stirbt ein Hund.

ZEIT: Wie fanden Sie die ersten Shows mit Markus Lanz?

Pastewka: Gut, weil die Macher sich nicht lumpen lassen. Es ist von allem zu viel da: Gäste, Wetten, Sprachen, die Anzahl der Tiermützen. Die Übergänge, die nicht geprobt wurden. Da ist wieder das Zufällige, das mich in letzter Zeit so interessiert.

ZEIT: Das ZDF hat im vergangenen Herbst die Komödie Mutter muss weg ausgestrahlt, mit Ihnen in der Hauptrolle. Die Quote war ordentlich, die Kritik begeistert. Sehen wir Sie nun häufiger in solchen Rollen?

Pastewka: Ich plane derzeit nichts Vergleichbares. Der Film war ein einmaliges Erlebnis. Auch dabei habe ich erkennen müssen: Eine Komödie ist eine schwierige Disziplin. Ein schwaches Drama fällt nicht so schnell auf wie eine Filmkomödie, über die niemand lacht. Zugleich muss sie thematisch so ernsthaft sein wie ein Drama, weil man nur über den Bruch des Ernsten lachen kann.

ZEIT: In der DDR gab es kaum politische Komödien. Hätte der Staat länger existiert, wenn die Filmemacher mehr gute Komödien über das Land gedreht hätten?

Pastewka: Das hätte bedeutet, Missstände aufzudecken oder zu kommentieren, und das war ja bekanntermaßen nicht erwünscht. Die Herrschaften im Politbüro damals wären wohl gut beraten gewesen, selbstironischen Humor zu fördern, aber sie haben sich mitunter lieber selber zu Witzfiguren gemacht. Mit mehr guten Komödien über sich selbst hätte die DDR sicherlich länger überlebt. Eine Komödie beweist, dass man noch die Größe hat, sich nicht so wichtig zu nehmen. So etwas imponiert den Zuschauern. Das DDR-Publikum hätte sich dann weitere fünf Jahre nicht zwischen Zuckerbrot und Peitsche entscheiden können.

ZEIT: Wann waren Sie das erste Mal in diesem Teil Deutschlands?

Pastewka: 1986 war ich in Ost-Berlin, und ein Jahr später bin ich mit meinem Vater durch die DDR gereist, etwa nach Dresden und Leipzig. Ich war beeindruckt davon, wie herzlich die Leute waren. Es gab aber auch die typischen unwirschen Ostdeutschen, die uns sagten, wo wir uns nicht anstellen dürften, und die behaupteten, im Restaurant sei alles besetzt, obwohl jeder Platz frei war.

ZEIT: Was ist Ihnen von diesen Reisen noch in Erinnerung geblieben?

Pastewka: Das Blaue Wunder in Dresden fand ich toll, daran erinnere ich mich. Und an die Frauenkirche, die in Trümmern dalag. Es war das erste Mal, dass ich Weltkriegstrümmer gesehen hatte. Und die linientreuen Stadtführer betonten mehrfach, wie wichtig eine kaputte Kirche als Mahnmal gegen den Faschismus sei.

ZEIT: Sind Sie Ihrem Vater dankbar, dass er Sie zu diesen Reisen genötigt hat?

Pastewka: Total. Die deutsche Teilung zu verstehen war für ihn eine Lebensaufgabe. Er war ein Jahr alt, als seine Eltern mit ihm aus Ostpreußen flohen, und er hat als Kind mitbekommen, wie seine Familie neu anfangen musste. Mein Vater wird traurig, wenn er über die deutsche Teilung spricht, und ich muss gestehen: Ich habe das übernommen.

ZEIT: Wirklich?

Pastewka: Ich gucke bis heute gebannt jede Mauerfall-Dokumentation an, auch wenn ich die Bilder und Aussagen schon kenne. Was haben die DDR-Bürger für unglaubliche Geschichten zu erzählen! Was hat dieser Staat mit seinen Künstlern und Bürgerrechtlern gemacht; die Stasi-Folterknäste, das System des Dauerbeobachtens. Das ist schrecklich, das darf niemals vergessen werden. Und dafür sorgt auch der MDR.

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Leserkommentare
  1. ich weiß es nicht, Pastewka vom Feinsten,herrlich,danke und natürlich Danke MDR!

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  2. wäre ich nicht schon glücklich verheiratet, würde ich auf die Knie sinken und um Ihre Hand anhalten. Allerherzlichste Fangrüsse!

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