Claude Lévi-StraussVon alten Hasen lernen

Claude Lévi-Strauss erkundete das moderne Japan mit seinen alten Mythen – die wir jetzt in einer Neuübersetzung lesen können. von Yoko Tawada

 Claude Levi-Strauss im Juni 2001 am College de France in Paris.

Claude Levi-Strauss im Juni 2001 am College de France in Paris.   |  © JOEL ROBINE/AFP/Getty Images

Es gab Zeiten, in denen man »Brücke« als Metapher für eine gelungene Kulturvermittlung benutzte. Heute kann man die Kulturen nicht mehr als feste Ufer verstehen, und daher kann man sie nicht mehr durch ein unbewegliches Bauwerk miteinander verbinden. Claude Lévi-Strauss zeigt uns in seinen Schriften über Japan eine andere Brücke, bei der deutlich wird, warum sie doch noch eine spannende oder gefährliche Metapher werden kann.

Jedes Kind in Japan kennt den weißen Hasen von Inaba, weil seine Geschichte nicht nur im Gründungsmythos des Landes, sondern auch in einem Märchen erzählt wird. Dieser Hase, leider ein Nichtschwimmer, sitzt auf einer Insel fest, möchte zum Festland zurückkehren. Er schlägt den Krokodilen vor, im Wasser eine Reihe zu bilden, damit er sie zählen kann. Es sei doch interessant, zu wissen, sagt der Hase, ob die Sippe der Krokodile größer sei als die der Hasen. So gelingt es ihm, aus Krokodilrücken eine Brücke zu bauen. Er kann aber, kurz bevor er sein Ziel erreicht, nicht mehr seinen Mund halten und ruft triumphierend: Ihr seid von mir betrogen worden! Daraufhin schnappen sie ihn und ziehen ihm die Haut ab.

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Die Krokodile sind keine Bausteine für eine Brücke, sondern empfindliche Fährleute, die durch Beleidigung so gefährlich werden können wie die Boten der Hölle. Lévi-Strauss vergleicht das Motiv des »empfindlichen Fährmanns«, das zur universellen Mythologie gehört, mit dem Halbleiter, der die Elektrizität mal weiterleitet, mal unterbricht. An einer anderen Stelle spricht er vom Sternenhimmel, der in unseren Augen wie eine homogene Fläche aussieht. In Wirklichkeit stammt jeder Stern aus einer anderen Zeit. Wie ist der dunkle Raum zwischen zwei Sternen, den unser Blick mühelos überquert, zu verstehen?

Der Anthropologe erinnert uns an die alte Frage, wie man überhaupt eine Kultur verstehen kann. Wer in einer Kultur aufgewachsen sei, könne sie nicht sehen, weil ihm die dafür nötige Distanz fehle. Wer eine Kultur von außen betrachte, könne sie nicht begreifen. Müssen wir aber immer an einem Ufer stehen bleiben? Auf einem Foto, das 1986 in Japan aufgenommen wurde, sieht man den 77-jährigen Lévi-Strauss mit seiner Frau und japanischen Kollegen gemeinsam in einem kleinen Boot sitzen. Er wirkt zufrieden, als wolle er sagen, seine Aufgabe sei nicht, eine Brücke zwischen Kulturen zu bauen, sondern gemeinsam mit den fremden Freunden auf dem Wasser unterwegs zu sein. Das Foto von der Bootsfahrt wirkt idyllisch, dabei ist das Wasser ein gefährliches Element. Einige japanische Mythen deuten an, dass das Diesseits und das Jenseits durch das Meereswasser miteinander verbunden sind.

Yoko Tawada

Die Schriftstellerin Yoko Tawada wurde in Tokio geboren und lebt seit 1982 in Deutschland. Zuletzt erschien der Lyrikband »Abenteuer der deutschen Grammatik« (2011) sowie ein Sammelband über ihr Werk »Yoko Tawada. Fremde Wasser« (2012)

Der Tübinger Japanologe Klaus Antoni zeigt in seinen Studien, die Lévi-Strauss erwähnt, dass man den Mythos des weißen Hasen von Inaba als Darstellung einer Opferung lesen kann. Der Hase verkörpert das Opfer, die Krokodile symbolisieren das Jenseits. Die Häutung kommt in diesem Fall dem Sterben gleich. Als der nackte Hase leidend am Strand liegt, wandert eine Gruppe von achtzig Brüdern an ihm vorbei. Sie haben alle nichts anderes im Kopf, als eine gewisse Prinzessin zu heiraten und zur Macht zu kommen. Der Hase erzählt ihnen, was ihm passiert ist. Sie geben ihm einen falschen Rat, und seine Schmerzen verstärken sich. Etwas verspätet erscheint der jüngste Bruder, der von seinen Brüdern zum Gepäckträger bestimmt worden ist. Er gibt dem Hasen einen richtigen Rat. Der Hase wird geheilt und prophezeit, dass dieser jüngste Bruder die Prinzessin heiraten wird. Die Moral der Geschichte: Wer das Opferungsritual mit der Wiederbelebung des Opfers abzuschließen weiß, soll das Land regieren.

Auf Lévi-Strauss, den Kenner der Indianerkultur, wirkt die japanische Mythensammlung Kojiki weder exotisch noch überraschend neu. Dort kommen Elemente vor, die er bereits alle von schriftlosen Kulturen der Indianervölker kennt. Er fand es aber bemerkenswert, dass in Japan die alte Mythologie mitten in der modernen Zivilisation, die die Natur skrupellos zerstört und in der Welt neuester Technologien eine führende Position hat, im Bewusstsein der Menschen noch immer einen sicheren Platz einnimmt.

Anders als im Fall seines frühen Hauptwerks Traurige Tropen von 1955 kann man dem Japanreisenden Lévi-Strauss nicht unterstellen, er würde die Schrift als Gefahr inszenieren, die die Unschuld der schriftlosen Kultur raubt. Denn er findet die älteren Versionen der Mythen, die er von den Ureinwohnern Amerikas kennt, in den schriftlichen Quellen Japans.

Leserkommentare
  1. Wir lesen viel zu selten Texte solcher Qualität. Frau Tawada bequatscht uns nicht, wie es sonst fast jeder Text tut, sondern jeder Satz ist direkt und präzise. Eine Freude zu lesen.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kann mich dem nur anschließen, sehr schöner und kluger Rezensionsessay, frei von den modernen, fabrizierten und gänzlich unarchaischen Mythen, mit denen Japan sich immer wieder gerne selbst umstellt. Bisher war mir Yoko Tawada nur mit ihren eher kindlichen, gerne auch lautmalerischen Texten aufgefallen. Jetzt kann ich sie auch ernst nehmen und werde das Buch von Lévi-Strauss lesen.

  2. Kann mich dem nur anschließen, sehr schöner und kluger Rezensionsessay, frei von den modernen, fabrizierten und gänzlich unarchaischen Mythen, mit denen Japan sich immer wieder gerne selbst umstellt. Bisher war mir Yoko Tawada nur mit ihren eher kindlichen, gerne auch lautmalerischen Texten aufgefallen. Jetzt kann ich sie auch ernst nehmen und werde das Buch von Lévi-Strauss lesen.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Liebe Zeit-Redaktion"
    • meditz
    • 26. Januar 2013 11:40 Uhr

    Endlich mal was gscheit's

    2 Leserempfehlungen
  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
    • Aflaton
    • 26. Januar 2013 14:01 Uhr

    auf den Ozeanen treiben - die braucht es viel mehr heute, wo viele meinen, einen Ort zu kennen, wenn sie ihn nur auf Google Earth gefunden haben - mal etwas überspitzt gesagt.
    Kann mich den anderen Kommentaren hier nur anschließen - Frau Tawadas Text ist ein absolutes Highlight - eine großartige Analyse des großen Levi-Strauss und seines Verhältnisses zu Japan und seiner so unglaublich vielschichtigen Kulturgeschichte und - "Die traurigen Tropen" hatte ich noch nie unter diesem Blickwinkel betrachtet. Danke.

  4. "Die traurigen Subtropen ahnten damals noch nicht, dass die am Pazifik gebauten Atomkraftwerke viel gefährlicher sind, als es jene Brücke aus Krokodilen ist"
    Das finde ich sehr spannend. Allerdings frage ich mich, ob man wirklich sagen kann dass dieses Atomkraftwerke gefährlicher sind. Was ist schon gefährlicher für einen Hasen, als eine Brücke aus Krokodilen? Insofern passt das Bild dieses Mythos ja zu 100% auf das was wir bei den Japanern da beobachten dürfen. Und erzählt der Mythos nicht von den Brüdern, die ihm falsche Tipps geben als er leidend am Strand liegt? Analog dazu stellt sich mir die Frage, welche Ratgeber das japanische Volk im Moment bevorzugt, wenn es nach dieser Katastrophe diesem Atomkraft Hardliner und Falken die Macht gibt.
    Fukushima hat uns alle geschockt und hat uns in Erinnerung gerufen, dass die Krokodile heutzutage nicht mehr nur lokal als Brücke zwischen einer einzigen großen Insel, wie Japan und dem Festland gedacht werden dürfen. Und die Krokodile liegen ebenso in den Wassern der globalen Macht nicht der mehr kontrollierenden Akkumulation von Großbanken und Kapital. Um so interessanter ist dieser Beitrag von Frau Tawada, der uns hilft, zu verstehen, dass es schon sehr lange eine Tradition und einen Austausch zwischen der japanischen Kultur und dem Westen gibt.

  5. Eines der faszinierndsten Bücher über Japan, das ich bisher gelesen habe ist von Maurice Pinguet: "Der Freitod in Japan". Man glaubt nicht, was für Gegensätze es da alles geben kann und was für Auswirkungen diese Gegensätze haben können (was Schiffe mit eingebauten Stöpseln mit den alljährlich veröffentlichten und viel diskutierten Selbsttötungs-Zahlen von unter-25-jährigen zu tun haben, kann man da lesen...und staunen. Sowohl über die Schiffe wie über die Diskussion eines Themas, das bei uns totgeschwiegen wird). Man versteht dann aber auch besser, woher in solchen nationalen Tragödien wie Fukushima immer wieder der Samurai herkommt. Oder warum hochrangige Minister sagen, sie wollen eher etwas früher sterben als im Alter die Gesellschaft zu belasten: für uns klingt das nach dem zynischen "sozialverträglich ableben"; für Japaner bedeutet es etwas vollkommen anderes, das man in manchen Punkten fast "altgriechisch altern" nennen will: es gibt einen "besten" Punkt im Leben (gr. Kairos), um aus dem Leben zu scheiden und den zu erwischen bedeutet große Klugheit, ja Weisheit. Ihn zu verpassen bedeutet Dummheit und Feigheit, daher eine Belastung für die Gesellschaft. Der Kairos erhebt aber auch das ganze vorangegange Leben auf die "höchstmögliche" Stufe, die ein Mensch erreichen kann, weswegen es auch eine Ehrenfrage gegen sich selbst (!) ist.

    Es gibt vieles in Japans Kulturgeschichte, dass uns Abendländlern vielleicht gerade vage in einem Traum mit großen Schmetterlingen einfällt

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