Comeback eines PopstarsWas macht eigentlich David Bowie?
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Er liebt die Isolation

 Aber hören wir doch erst noch einmal genau hin, was da in der letzten Woche als neuer Bowie veröffentlicht wurde und seither in 27 Ländern auf Platz eins der iTunes-Charts steht. Es ist eben – auch eine Kunst – alles andere als ein sensationeller, eher nur ein ganz okayer Song: kleine, zarte, zerbrechliche Sache. Bowies Stimme klingt, vor allem wenn es in den schwindlig hohen Refrain geht, merkwürdig schwach, wacklig, alt. Der Song berührt auch deshalb, weil er so gar nicht das Zeug zur Überwältigung hat. Die längst berühmte Zeile: »Sitting in the Dschungel / On Nürnberger Straße / A man lost in time / Near KaDeWe« (unter Berliner Hipstern heißt die neue Bowie-Single längst »der KaDeWe-Song«). Gott, ist das rührend: Bowie blickt auf die künstlerisch produktivste Phase seines Lebens zurück, die Jahre 1976, 77, 78, in denen er mit Iggy Pop in einem Altbau in der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg wohnte. Grobkörnige Schwarz-Weiß-Bilder von Mietskasernen, von Fernsehturm, Brandenburger Tor und Siegessäule. Das Video von Bowies Künstlerfreund Tony Oursler zeigt ein Künstleratelier wie aus dem 19. Jahrhundert. Bowies Gesicht ist – im Stil von Ourslers Arbeit The Watching für die Documenta 9 von 1991 – auf eine Stoffpuppe montiert. Die deutsche Plattenfirma Sony, der kaum Informationen zum kommenden Album vorliegen, beeilt sich, zu erklären, dass der Hund, der einmal durchs Bild läuft, auf den Namen Muffin hört.


Das Gesicht der Frau neben Bowie gehört nicht, wie anfangs fälschlich vermutet, zum Popstar Björk, sondern zu Jacqueline Humphries, der Ehefrau des Künstlers Oursler. Mit diesem neuen Song zeigt David Bowie, dass er sich längst aus der Gegenwart verabschiedet hat. Er schöpft aus der künstlichsten aller Welten – der Erinnerung an sein eigenes Werk. Konsequenterweise zeigt das Cover der LP, die im März erscheint, eine Überarbeitung eines Bowie-Plattencovers von 1977. Über dem Porträtfoto der LP Heroes liegt ein weißes Quadrat, der alte Albumtitel ist durchgestrichen.

Zur missglückten Recherche: 2003 hatte Bowie die letzten Interviews gegeben. Das Problem besteht nicht darin, dass Anfragen abgesagt würden. Es ist, trotz hartnäckiger Nachforschung, schlicht kein Name, kein Telefon und keine E-Mail-Adresse eines Managements herauszubekommen, bei dem Journalisten sich eine offizielle Absage abholen könnten. Auf Anfrage hatte ein Vertreter der Plattenfirma Sony in München im November letzten Jahres erklärt: »Ich kann im Moment nicht sagen, ob der Künstler David Bowie in Deutschland einen Plattenvertrag hat.«

Im Juli 2002 hatte ein blendend aufgelegter David Bowie in der Sat.1-Show von Harald Schmidt erklärt: »Ich liebe die Isolation. Ich liebe es, von allem abgeschnitten zu sein.« Zum 60. Geburtstag Bowies war im Daily Mirror ein Porträt erschienen (From Ziggy to Sixty); die Zitate bestanden aus altbekannten Bowie-Bonmots (»Ich wundere mich immer noch darüber, dass ich die vielen Drogen überlebt habe«). Anfragen bei Musikern, mit denen Bowie zuletzt auf Tournee gegangen war, blieben unbeantwortet. Sadie Coles, eine hippe Galeristin in London, bestätigt, dass Bowie stets auf dem Laufenden sei, was zeitgenössische Kunst angehe, und bei ihr in den neunziger Jahren einige Objekte, unter anderem von der Sensation-Künstlerin Sarah Lucas, gekauft habe. Der Maler und Regisseur Julian Schnabel, der Bowie 1996 in seinem Film Basquiat als Andy Warhol besetzt hat und seither als guter Bekannter gilt, erklärt lachend, als der Reporter ihn in einer Berliner Galerie anspricht: »Bowie? Es geht ihm blendend. Ich glaube, ich habe David seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.«

Anfrage bei Marc Spitz, dem Autor der letzten und maßgeblichen Bowie-Biografie (auf Deutsch bei Edel erschienen): Der Journalist erklärt, dass er den Popstar nie persönlich getroffen habe, wie das übrigens keinem der insgesamt zwölf Bowie-Biografen gelungen sei. Die letzten zehn Jahre, Spitz nennt sie die »weißen Jahre«, nehmen in der 500-Seiten-Biografie ganze 16 Seiten ein. Ein Moment größter und seliger Nähe zu seinem Recherche-Objekt gelingt dem Autor dieses Textes dann im Dezember letzten Jahres am Telefon – wunderbare Anekdote: Ein Assistent des New Yorker Friseurs Hervé Bernard, bei dem Bowie sich bis vor einem Jahr die Haare schneiden ließ (der Friseur selber ist gerade nicht zu sprechen), erzählt, wie er einst die Ehre gehabt habe, der Ehefrau des Popstars, dem ehemaligen Fotomodel Iman, ein Kleid in den sechsten Stock eines Apartmenthauses im New Yorker Stadtteil Soho zu bringen. Hinter der sich öffnenden Fahrstuhltür habe dann jedoch nicht Iman, sondern Bowie selber gestanden. Der Popstar habe gelächelt, Jeans und Jeanshemd getragen und »Thank you« gesagt. Wow.

Fazit der Recherche: Zehn lange Jahre – im Pop ein halbes Leben – sind seit Veröffentlichung von Bowies letztem Studioalbum Reality (2003) vergangen. Die Zäsur: Am 25. Juli 2004 bricht Bowie beim Hurricane-Festival im niedersächsischen Scheeßel hinter der Bühne zusammen. Herzinfarkt, Notoperation im Krankenhaus St. Georg in Hamburg, Rückzug in die Anonymität seiner Wahlheimat New York. Der letzte verbürgte Live-Auftritt David Bowies datiert auf den 9. November 2006: Im New Yorker Hammerstein Ballroom singt er Fantastic Voyage von der LP Lodger, Nina Simones Wild Is The Wind und im Duett mit Alicia Keys seinen Uralt-Hit Changes. Dann wird es geradezu unheimlich still um ihn.

Eine berechtigte Frage lautet: Wovon lebt er eigentlich, der Verwandlungskünstler, der sich gleich mit seinem ersten Hit Space Oddity (1969) in den Weltraum verabschiedete und seither mit den Kunstfiguren Major Tom, Ziggy Stardust, Aladdin Sane und dem Thin White Duke alle Identitäten des Pop einmal durchgespielt hat? Richtig, 1997 hatte Bowie seinen Wert als Künstler an der Börse getestet: Über künftig zu erwartende Tantiemen hatte er an der Wall Street Wertpapiere im Wert von 55 Millionen Dollar erlöst – eine spektakuläre, im Pop bis heute beispiellose Aktion.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 17. Januar 2013 11:21 Uhr

    echt spannend
    Wieviel kassiert eigentlich Moritz von Uslar für diesen Bravo
    Artikel?

    Anmerkung: Wir hätten uns sehr gefreut, hätten Sie den ersten Kommentar dazu genutzt, eine interessante Diskussion zu starten. Die Redaktion/se

    3 Leserempfehlungen
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    • konnat
    • 17. Januar 2013 11:35 Uhr

    Entfernt, bitte diskutieren Sie das Thema. Danke, die Redaktion/se

    • Mari o
    • 17. Januar 2013 11:47 Uhr

    wie wo was versteht MvU unter einem hellen,schnellen,modernen Leben? der klugen Zwanziger.
    Er liebt die splendid isolation?wer nicht?wenn er reich und schön ist.
    so viele Drogen überlebt?Die Kinder vom Bahnhof Zoo,seine fans
    nicht.usw.usf.grrrrrrr

  1. Wenn ich mir das Bild so anschaue dann weiss ich genau wo er steckte.

    Eine Leserempfehlung
    • konnat
    • 17. Januar 2013 11:35 Uhr
    3. [...]

    Entfernt, bitte diskutieren Sie das Thema. Danke, die Redaktion/se

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    • Gerry10
    • 17. Januar 2013 11:41 Uhr

    ...dass Disney, jetzt wo sie Lucasfilm gekauft haben, an einer Fortsetzung von Labyrinth arbeiten.
    Als Goblin König war Bowie erste Klasse...

    Eine Leserempfehlung
    • Infamia
    • 17. Januar 2013 11:46 Uhr

    Echte Stars verstehen es eben auch, sich rar zu machen und dann in Szene zu setzen, wenn der Moment stimmt. Und Bowie ist und bleibt eben ein Star.

    Ständige Präsenz macht einen Star nicht interessanter. Er hat es halt nach wie vor drauf.

    7 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 17. Januar 2013 11:47 Uhr

    wie wo was versteht MvU unter einem hellen,schnellen,modernen Leben? der klugen Zwanziger.
    Er liebt die splendid isolation?wer nicht?wenn er reich und schön ist.
    so viele Drogen überlebt?Die Kinder vom Bahnhof Zoo,seine fans
    nicht.usw.usf.grrrrrrr

    Eine Leserempfehlung
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    können Sie David B. natürlich nicht kennen und das künstlerische Niveau auch nicht schätzen. Schade.

    ein guter Artikel über einen der aussergewöhnlichsten und konsequentesten Künstler. Eine Ehre ihn erlebt zu haben.

  2. Potztausend, der Potzdamer Platz und Bowie.

  3. 8. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
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    • hairy
    • 17. Januar 2013 13:57 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

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  • Schlagworte David Bowie | Sony | Album | Iggy Pop | Julian Schnabel | Popstar
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