Spätestens seit 2006 kursieren: Krankheitsgerüchte. Bowie, der Frühaufsteher, soll strikter Antialkoholiker sein, er meditiert, sogar die geliebten roten Marlboros hat er aufgegeben. Bowie trägt gerne Mütze und Hut. In seinem New Yorker Apartment und in seinem Landhaus bei Woodstock lebt er den Alltag eines Frührentners, er kümmert sich liebevoll um seine Tochter Lexi (2000 geboren). Bowie ist kein Geist, mit etwas Glück könnte man ihn treffen. Sein Lieblingscafé soll das Café Gitane, Mott Street, Ecke Prince Street, sein. Gelegentlich wird er bei Galerieeröffnungen und in Buchläden im Village gesehen. Bowie hat Cameo-Auftritte in Filmen (Prestige – Die Meister der Magie, 2006). Bowie kuratiert das High-Line-Festival in Manhattan (2007). Bowie modelt in einem Werbespot für die Mineralwasserfirma Vittel (2007). Legendär wird sein Auftritt in der TV-Sendung Extras seines Freundes Ricky Gervais, bei dem er den Komiker mit einer improvisierten Show am Klavier als »chubby little looser« verspottet (2006). Immer wieder taucht Bowie im Konzertpublikum junger Bands auf, die TV on the Radio, Yeah Yeah Yeahs, Interpol oder Liars heißen. Auf dem Album des Hollywoodstars Scarlett Johansson ist er als Backgroundsänger zu hören (2008). Bowies neues, immer wieder angekündigtes Album hatte zuletzt den Status der zwei anderen großen vermissten Alben des Pop: Axl Roses Chinese Democracy und Dr. Dres Deetox.

Telefonat mit Geoffrey Marsh, einem der Kuratoren des Victoria and Albert Museum in London. Im März wird dort die Ausstellung David Bowie is eröffnen, eine Sammlung von 300 Artefakten, die das Bowie-Archiv mit Sitz in New York zur Verfügung gestellt hat: Liedtexte, Gitarren, der Ziggy-Stardust-Anzug von 1972. Den Ausstellungsmachern stand Bowie – natürlich – nicht persönlich zur Verfügung. Für abwegig hält der Kurator, dass der »klassische Künstler« Bowie in den letzten zehn Jahren nicht jeden Tag gearbeitet hat – so abwegig wie das Gerücht, dass der abgetauchte Star doch an einer schweren Krankheit leidet.

Und noch einmal, ein letztes Mal checken, was auf Twitter in diesen Tagen so los ist. Der Produzent Tony Visconti hatte am 10. Januar, genervt von den Spekulationen und den vielen Interviewanfragen, erklärt: »Ich habe nie gesagt, dass Bowie nie mehr live auftreten wird. Er wird mit dem neuen Album nicht auf Tour gehen – das ist alles, was ich gesagt habe.« Will ein Mensch, und sei er der härteste Bowie-Fan auf Erden, denn noch mehr wissen? Letzte Rechercheanfrage: In der Süddeutschen Zeitung war am 9. Januar, also einen Tag nach der spektakulären Veröffentlichung der neuen Bowie-Single, ein kluger Aufsatz erschienen, der mit den vielversprechenden Worten begann: »Wenn man sich in den letzten Jahren mit David Bowie traf...« Moment, hat der Kollege den großen Vermissten des Pop etwa in den letzten Jahren getroffen? Alles noch mal anders: Für ein Bowie-Sonderheft der Schweizer Zeitschrift Du hatte der SZ-Autor im Jahr 2003 mit Bowie für zwei Stunden in einem New Yorker Hotelzimmer zusammengesessen. In Ordnung, wir geben auf. Wir lassen den großen Popstar, der in Ruhe gelassen werden möchte, in Ruhe. Die wunderbare neue Single Where Are We Now? und das Album, das im März erscheint, werden – ganz im Sinne Bowies – alle offenen Fragen beantworten.

Gerade noch mal auf die Facebook-Seite »David Bowie Official« geguckt: Dort ist ein Foto erschienen, das den Popstar – schön, ernst, 66-jährig – mit Schiebermütze und im blau-grau gestreiften Matrosenpulli zeigt. Very sixties, very modern. Großer, unsterblicher David Bowie.