Comeback eines PopstarsWas macht eigentlich David Bowie?

Jahrelang war er untergetaucht, jetzt erscheint ein neues Album. Wo David Bowie in der Zwischenzeit steckte, weiß niemand so genau. Über das Scheitern einer groß angelegten Recherche von Moritz von Uslar

David Bowie mit seiner Ehefrau Iman auf einer New Yorker Modeveranstaltung 2010

David Bowie mit seiner Ehefrau Iman auf einer New Yorker Modeveranstaltung 2010  |  © Lucas Jackson/Reuters

Das hat man nicht gewusst, dass auf den naturgemäß daueraufgeregten Seiten von Facebook und Twitter echte Liebe, Zuneigung, ja Ergriffenheit möglich sind: Es war der 8. Januar, ein Dienstag, als sich am frühen Morgen um sechs Uhr ein Video zu verbreiten begann, das – Sensation – den ersten neuen David-Bowie-Song seit zehn Jahren zeigte. Auf der offiziellen Website konnte man den Coup, den sich Bowie am Morgen jenes Januartags zum 66. Geburtstag geschenkt hatte, dann noch einmal in zwölf knappen Zeilen nachlesen: Neue Single, neues Video, das neue Bowie-Album mit dem Titel The Next Day erscheint am 11. März. Glückwunsch an einen großen Dandy, Anführer, Aufrührer des Pop: Schon in der Stunde ihrer Veröffentlichung war die Single, die im Titel die zarte und immer richtige Frage Where Are We Now? stellt, das Wunder des gerade erst angebrochenen Popjahrs 2013.

Neil Tennant von den Pet Shop Boys kommentierte um sieben Uhr früh auf Twitter: »Wie großartig, David Bowie zurückzuhaben! Happy Birthday, David!« Boy George, offensichtlich auch Frühaufsteher, schrieb um acht Uhr: »Gerade die neue David-Bowie-Single gekauft! Absolut umwerfend! Wie glücklich ich bin!« Von Lady Gaga, Königin aller twitternden Popstars, kam: »Liege im Bett und höre den neuen Bowie-Song – ein Vergnügen, von dem ich nicht glaubte, dass ich es noch einmal haben würde.« Tony Visconti, Produzent der neuen Single und alter Weggefährte Bowies – in den siebziger Jahren hatte er an fast allen Bowie-Alben von Space Oddity über Diamond Dogs und Young Americans bis zu den drei Berlin-Alben Low, Heroes, Lodger mitgearbeitet –, schrieb die hintersinnigen, fast trotzig klingenden Worte: »Ich habe euch immer gesagt, dass David glücklich und gesund ist. Glaubt ihr mir jetzt?« Und der Popstar Antony, unter den vielen Bowie-Epigonen vielleicht derjenige, der am ehesten das Zeug zu seinem Nachfolger hat, äußerte sich auf Anfrage der ZEIT mit einem schriftlichen Statement: »Ich bin derart bewegt von Bowies neuer Veröffentlichung. Sie erscheint mir so rein. Es brach mir das Herz, als ich diese Melodie zusammen mit diesem weisen und unschuldigen Text zum ersten Mal hörte. Das Video und das Albumcover sind so einfach wie vieldeutig. Ich denke, Bowie hat viel von sich gegeben und dabei eine Gefühlslage der Welt getroffen. Eine solche Wahrheit kann nur dem entspringen, der auf einem einsamen Außenposten der Kunst steht.«

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Ach, wunderbares Pathos! Wer Antonys Worte und die vielen wirklich rührenden und liebevollen Kommentare im Netz liest, der fragt sich: Wann hat ein Ereignis aus der Welt des Pop die Gemüter so vieler Menschen zuletzt eigentlich so bewegt? War das der Tod Michael Jacksons im Jahr 2009? Die Einführung des neuen iPhones G5? War es das Spektakel zur Eröffnung der Olympischen Spiele in London oder gar die Veröffentlichung des neuen Rolling-Stones-Albums Grrr! im Sommer letzten Jahres?

David Bowie

David Bowie, 1947 in London geboren, gehört zu den schillerndsten Figuren des Pop. Als er sich Anfang der Siebziger als schwul outete, obwohl er verheiratet war, provozierte er einen Skandal. Bowie ist Sänger, Schauspieler und Produzent.
Bowie sang mit Größen wie Queen und Iggy Pop, seine neue Single »Where Are We Now?« erschien am 8. Januar.

Phänomen David Bowie: Vielleicht wird kein zweiter lebender Popstar, der noch aus den Urzeiten des Rock, den wilden sechziger und siebziger Jahren, stammt, heute von so vielen klugen Zwanzigjährigen, die in Berlin, London und New York ein helles, schnelles und modernes Leben führen, so sehr verehrt. Das muss einen Grund haben. Eine historische Leistung Mick Jaggers mag darin liegen, dass er mit knapp siebzig Jahren die Jagd nach ewiger Jugend und der sprichwörtlichen Satisfaction – zumindest wenn er die Stadionbühne betritt – nicht aufgegeben hat. Im Gegensatz zu seinem Alterskollegen Jagger hat Bowie sich immer erst als Künstler, dann als Rockstar begriffen (vielleicht bewältigt der Künstler die finale Herausforderung des Rock'n'Roll, das Älterwerden, einfach besser als der ordinäre Rockstar). Bowies Glanz lag immer in seiner Coolness, Unnahbarkeit und Androgynität, also eher in der kunstvollen Vermeidung von Sexualität als in deren Ausleben. Als erster Popsänger hat Bowie vorgeführt, dass ein Mann mit spindeldürren Armen unfassbar stark und aufregend wirken kann – das ist sein unsterbliches Verdienst. Die gebrochene Körperlichkeit der Kunstfigur Bowie fand Ausdruck in der Kunst seiner Plattencover, in seinen Bühnenshows, natürlich in seiner Musik. Vielleicht hat es in der Popgeschichte nie mehr einen Song gegeben, der das Pathos von Helden, der deutschen Version des Bowie-Hits Heroes aus dem Jahr 1977, erreicht.

Ulkigerweise hatte das plötzliche Erscheinen der neuen Bowie-Single am 8. Januar nicht nur der Welt des Pop eine grandiose Überraschung beschert, sondern auch dem Autor dieses Textes einen Strich durch eine fast einjährige, letztlich vergebliche Recherche gezogen. Die große Reportage, nun sinnlos geworden, trug den Arbeitstitel »Was macht eigentlich David Bowie?« – ein hoffnungsloses Unterfangen. Bowie: der große Verschwindungskünstler des Pop. So gründlich hatte er sich in den letzten zehn Jahren in sein Privatleben zurückgezogen, dass ihm zumindest ein Reporter aus Deutschland kaum auf die Spur kommen konnte.

Leserkommentare
  1. können Sie David B. natürlich nicht kennen und das künstlerische Niveau auch nicht schätzen. Schade.

    ein guter Artikel über einen der aussergewöhnlichsten und konsequentesten Künstler. Eine Ehre ihn erlebt zu haben.

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    • Mari o
    • 17. Januar 2013 18:51 Uhr

    stimmt ich kenne D.B: nur aus dem Film:Die Kinder vom Bahnhof Zoo
    und da singt er:der Tag an dem Jonny Kramer kam und starb.
    wirklich.
    für mich ist die Autentizität beim Künstler das wichtigste,und da habe ich bei Bowie nie was von gesehen und gehört.
    nichts als Verlogenheitsenthusiasmus.
    da war mir der Sarkasmus Lou Reeds sympatischer:In Berlin by the wall,five foot ten inches tall.it was very nice.usw.usf.
    aber schade,daß ich keine Diskussion anregen kann.betreffs helle schnelle usw. andernorts in der ZEIT 13/04 ist von Generation Laminat die Rede.

  2. Guter und gerechter Artikel über den guten David. Einzig der sarkastische Unterton zu den jungen Bowie Hörern find ich fehl am Platz. Ich hab Bowie in meiner Hochpubertären Phase entdeckt -immerhin auch schon 10 Jahre her- und seitdem Lieben gelernt. Wenn die bärtigen und Hornbrillen tragenden Jungs heute den Bowie hören ist das meiner Meinung mehr Beleg dafür, dass er ein zeitloser Künstler ist als Hipster-Phänomen.

    Dafür mag ich die Beschreibung des Liedes. Beim ersten Mal hören wartete ich noch auf einen Climax à la Five Years oder Rock n' Roll Suicide aber weitgefehlt der Song ist eine ruhige Ballade über das Alt sein. Alt, so will Bowie klingen, ist ein Gedanke an dem ich mich weniger erwärmen kann aber mal sehen was das Album in seiner Gänze bringt

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  3. Scheitern zur literarischen Kunst erhoben. Das ist Ihnen hier doch gelungen.
    Besonders gefallen hat mir die Beschreibung des neuen Songs, denn als ebenfalls alternder Bowie-Fan mag ich nicht die Jagger-Manier des ewig Jugendlichen und finde es umso entspannender, dass Bowie sich mit dem gemeinen Fan gleichsam dem Alter stellt. Erleichterung. Mir kommt es würdevoll vor.

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    • sabu420
    • 17. Januar 2013 12:33 Uhr
    12. Schade!

    dachte er wäre im Dschungelcamp oder wird neuer Bayerntrainer! Alles andere gleicht einem Absturz.

  4. Hat ihn jemand in Christopher Nolans "Prestige – Die Meister der Magie" erkannt? Bowie glänzt neben Andy Serkis als Nikola Tesla. Unbedingt ansehen!

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  5. "(...) 1997 hatte Bowie seinen Wert als Künstler an der Börse getestet: Über künftig zu erwartende Tantiemen hatte er an der Wall Street Wertpapiere im Wert von 55 Millionen Dollar erlöst – eine spektakuläre, im Pop bis heute beispiellose Aktion."

    Sorry, aber allzu intensiv kann die Recherche nicht gewesen sein.

    Die sogenannten Bowie Bonds, genauer: David Bowie Class A Royalty-Backed Notes, wurden nie an der Wall Street (oder sonst einer Börse) gehandelt.

    Bowie hat "nicht seinen Wert als Künstler" getestet, sondern ganz einfach bei Prudential Securities einen Kredit aufgenommen (verzinst mit 7,9 Prozent). Dabei war sein "künstlerischer Wert" vollkommen belanglos. Worauf es dem Kreditgeber ankam, waren die Einnahmen von Bowie, der seinen Tantiemenanspruch (für zehn Jahre) verpfändete.

    Die Aktion - Kreditaufnahmen, mit Urheberrechten als Sicherheit, - ist auch nicht "bis heute beispielslos", sondern diverse andere Komponisten (Holland-Dozier-Holland, Ashford & Simpson, James Brown) oder Interpreten (Dusty Springfield) haben das gleiche gemacht.

    Aufgrund der hohen Gebühren hat sich diese Art der Geldbeschaffung aber als wenig lukrativ für die Künstler erwiesen. Der Boom der auf Urheberrechten beruhenden asset-backed securites lief schon um 2000 aus.

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    • afromme
    • 19. Januar 2013 14:39 Uhr

    Wenn Uslar schreibt, man könne auch mit hartnäckiger Nachforschung keine Kontaktnamen finden, die Interviewanfragen wenigstens ablehnen könnten, frage ich mich, ob er bei seinen Recherchen wirklich nie auf Coco Schwab sowie Bill Zysblat und seine Firma RZO Productions gestoßen ist. Das ist nämlich Bowies Management.

    Ohnehin klingt aber das, was man nun vom Produzenten Tony Visconti liest, so, als ob man so oder so null Chance gehabt hätte, Bowie in den letzten Jahren für ein Interview zu gewinnen; zwei Jahre lang wurde streng geheim mit loyalen Bowie-Gefährten (und vertraglichen Schweigeverpflichtungen, um sicher zu gehen) am Album gearbeitet und selbst der Chef von Sony Music wusste erst seit Oktober davon, dass Bowie an neuem Material arbeitet. Er durfte sich bei der Gelegenheit direkt von Bowie erklären lassen, dass die PR-Kampagne allein daraus bestehen werde, dass zu Bowies Geburtstag ohne vorherige Ankündigung eine Single erscheinen werde.

    So unerwartet - auch für ihn selbst - der gesundheitlich bedingte Rückzug ab 2004 war, so generalstabsmäßig scheint Bowie nun seine Rückkehr geplant und orchestriert zu haben. Immer noch ein Meister der Inszenierung, in diesem Fall durch konsequente Nutzung des eigenen Mythos und der eigenen Abwesenheit.

  6. bei dem Song bekomme ich das Bedürfniss in der Hausapotheke nach Schlaftabletten zu suchen... dagegen ist Doom and Gloom von den Stones ein Meisterwerk des Rock. Wenn die alten Männer von den Stones diese ganze Chart ...eise, mit einem Song abbügeln.
    Hat Bowie seine Songs von Norah Jones schreiben lassen ?

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    die Stones haben micht mit Doom and Gloom echt überrascht. Bowie hat mich hingegen sehr enttäuscht. Aber bei den Stones hats nur für ne Best-Of-Compilation gereicht, bei Bowie gibts dann vielleicht noch ne brauchbare Platte hinterher.

    • snowbow
    • 18. Januar 2013 15:05 Uhr

    Wiese Schlaftabletten, der Song allein reicht doch schon. Selten so was Langweiliges gehört.

  7. es ist so: die einzige platte, die ich je von bowie gekauft habe und bis heute bewundere ist "scary monsters". jedes stück ein volltreffer ! sensationell ! alles andere von ihm hat mich nicht interessiert. weder vorher noch nachher. und das neue stück ?... tired.... very tired music. dieses sogenannte "zurückkommen" von ehemaligen megastars hat meines wissens noch nie funktioniert.

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  • Schlagworte David Bowie | Sony | Album | Iggy Pop | Julian Schnabel | Popstar
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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