Der "Spiegel"-Autor Dirk Kurbjuweit © Karlheinz Schindler/dpa

Angst macht Getriebene aus uns. Wenn wir in Panik handeln, erkennen wir uns selbst nicht wieder. Dirk Kurbjuweit, Deutschlands prestigeträchtigster Reporter, dem immer wieder erstaunlich unverkrampft der Wechsel ins erzählende Fach gelingt, hat einen Psychothriller für die gebildeten Stände vorgelegt. Er heißt Angst und erzählt davon, wie rasch die zivilisatorischen Selbstdisziplinierungen wie Gewaltverzicht und Rechtsstaatsvertrauen bröckeln, sobald uns die Angst im Griff hat.

Die Eingangsszene ist fulminant. Randolph Tiefenthaler, Mitte 40 und von Beruf Architekt, besucht seinen Vater im Gefängnis, in das der alte Mann gerade eingewiesen worden ist. Verkehrte Welt und schon als emotionale Konstellation beklemmend: Normalerweise besuchen Väter ihre Söhne im Gefängnis, nicht umgekehrt. Was ist vorgefallen? Eine furchtbare Tat. Ein Mann wurde umgebracht. In unserer Vorstellung gehören zur Mordlust Jugend, Ehrgeiz und Lebensgier. Ein Greis sollte sich in der Ars Moriendi üben und über seine eigene Endlichkeit grübeln, statt andere um die Ecke zu bringen. Was hat also diesen alten Herrn, erkennbar ein korrekter Biedermann, der von seinem Gefängniswärter wegen seiner tadellosen Führung mit höchstem Respekt behandelt wird, dazu gebracht, das Gesetz zu brechen? Und warum sucht der Sohn so flehentlich die Blicke seines Vaters, als habe diesen eine Heldentat und nicht ein schmähliches Verbrechen hinter Schloss und Riegel gebracht?

Kurbjuweits Roman erzählt die Vorgeschichte dieser ungewöhnlichen Konstellation. Und obwohl er den Mord, auf den die Handlung zuläuft, sogleich mehr oder weniger verrät (es bleibt noch Raum für eine Überraschung), büßt der Roman nichts an Spannung ein: Unbedingt will man wissen, was in dieser bürgerlichen Welt passieren konnte, dass ein Sohn seinen Vater im Gefängnis besucht. Es ist eine Geschichte der Selbstjustiz, das Genre, in dem aus rechtschaffenen Männern Gewalttäter werden.

Randolph Tiefenthaler lebt mit seiner Frau Rebecca und ihren zwei Kindern im schönen Berlin-Lichterfelde in einem denkmalgeschützten Haus. Alles steht im Zeichen neuer Bürgerlichkeit: Kultur, Geschmack, Manieren, ein bisschen Hedonismus, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Geld, aber vor allem superverantwortungsbewusste Kindererziehung. Für die Kinder tun Randolph und Rebecca alles.

Doch dann bricht das Verhängnis in diese Welt ein. Im Souterrain wohnt Herr Tiberius. Ehemaliges Heimkind, heute Hartz-IV-Empfänger, hat er, so scheint es, eine erotische Fixierung auf Rebecca. Er schreibt ihr Briefe mit heftigen sexuellen Fantasien. Wie ein Stalker beobachtet er die Familie auf Schritt und Tritt. Irgendwann geht er dazu über, den Tiefenthalers vorzuwerfen, sie würden ihre Kinder sexuell missbrauchen. Er erstattet Anzeige bei der Polizei.

Erst glauben Randolph und Rebecca, dass sie sich dieses Wahnsinnigen schnell erwehren könnten. Die Briefe belasten ihn ja. Doch dann müssen sie feststellen, dass die Behörden den Vorwurf des Missbrauchs erst einmal ernst nehmen. Die Polizei gibt sich bürokratisch-unparteiisch. Die Tiefenthalers schalten eine Anwältin ein, um diesen unberechenbaren Nachbarn qua Gerichtsbeschluss aus dem Haus zu kriegen. Doch die Anwältin wiegt nur den Kopf: Das sei nicht so einfach. Bei Tiefenthalers bricht Panik aus: Wie kommt Tiberius in seinem kranken Hirn auf den Missbrauchsvorwurf? Ist er vielleicht selber ein Päderast? Sind die Kinder in Gefahr? Die Tiefenthalers fühlen sich in die Ecke getrieben und vom Rechtsstaat im Stich gelassen. Müssen sie das Leben ihrer Kinder auf eigene Faust schützen?

Natürlich fragt man sich während der Lektüre: Ist das eigentlich wahrscheinlich, dass der Rechtsstaat in einem Fall, bei dem Wohlanständigkeit und krankhafte Verwahrlosung so klar kontrastieren, geradezu kafkaesk die Hände in den Schoß legt? Und dann denkt man sich: Zum Glück ist der Verfasser der Topjournalist Dirk Kurbjuweit, der wird die rechtlichen Rahmenbedingungen seiner Geschichte schon umfassend recherchiert haben! Und da die unwahrscheinlichsten Geschichten fast nie erfunden sind, liegt dem Plot vielleicht gar ein echter Fall zugrunde? Tatsächlich deutet Kurbjuweit gesprächsweise an, dass seiner Familie ein solches Drama zugestoßen sei. Im Roman jedenfalls wird Tiberius von einem Revolver erschossen, an dem sich die Fingerspuren von Randolphs Vater finden, der die Tat gesteht.

Kurbjuweit beschreibt sehr einfühlsam, was die Bedrohung mit Tiefenthalers macht. Eine gewisse Gleichgültigkeit hatte sich in die Ehe von Randolph und Rebecca eingeschlichen. Jetzt rücken sie wieder eng zusammen. Sie realisieren aufs Neue, was sie an ihrer Liebe haben. Kurbjuweits Sprache ist dabei ohne eigenes Gewicht, völlig durchsichtig auf die Geschichte hin. Die Form steht im Dienste des Stoffes, den Kurbjuweit mit kühler Dringlichkeit ausbreitet. Das ist sehr gekonnt gemacht, packt einen wirklich, aber doch auch wiederum nur für die exakte Dauer der Lektüre, gewissermaßen ohne Nachhall. Das mag damit zusammenhängen, dass dieser souveräne Autor, der seine Geschichte auch in der Beschreibung der soziologischen Milieus perfekt im Griff hat, seinem Roman keinen Geheimnisraum lässt.

Denn Angst erzählt noch eine zweite Vorgeschichte, die Latenzgeschichte des Schusswaffeneinsatzes auf eigene Faust. Randolph treibt die Frage um, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet er, der das Gewaltmonopol des Staates immer für eine zivilisatorische Errungenschaft gehalten hat, zu einem Protagonisten einer Clint-Eastwood-Geschichte werden konnte. Seine Kindheit war überschattet von Distanz zu seinem Vater, der ein introvertierter Waffennarr und Sportschütze war. Als Kind hatte Randolph ständig Angst, der Vater könnte einmal eine seiner vielen Waffen gegen seine Kinder kehren. Randolph wollte nie so werden wie sein Vater. Nun führt ausgerechnet ein privat-familiärer Waffengang zur Annäherung zwischen Vater und Sohn. Dass man dem Schicksal, Sohn zu sein, nicht entkommt, entfaltet Kurbjuweit psychologisch so ausführlich und schulgerecht, dass am Ende leider gar keine Fragen offen bleiben. Da hat Kurbjuweit seinen Roman zu akkurat verschnürt, um ihm noch Luft zum Selberatmen zu lassen.