Frankreichs hohe Geburtenrate dürfte ebenfalls mit seinem Konservatismus zu tun haben. Denn an der Versorgung mit Krippenplätzen allein wird es nicht liegen, ebenso wenig an der Einstellung zum Sex, die einen Franzosen faire l’amour sagen lässt, wo der Deutsche nur verschämte, vulgäre oder juristische Ausdrücke stammelt. Nein, der Grund ist wohl eher der, dass die traditionelle Familie eine hochgeschätzte Institution geblieben ist. Gefeiert wird sie mit einem symbolischen Akt, dem gemeinsamen Essen. Freilich nagt die heutige Arbeitswelt an dieser institutionellen Substanz. Zugleich verändern sich die Familienstrukturen, was Anpassungsschmerz hervorruft; wie sonst soll man sich einen Reim darauf machen, dass am Sonntag Hunderttausende gegen die gleichgeschlechtliche Ehe demonstrierten? Im Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!

Das Land ist verunsichert. Deswegen wird es aber noch lange nicht schwermütig. »Was das Leben so sehr angenehm macht«, schrieb Kurt Tucholsky über Frankreich, »ist die Leichtigkeit: von der Küche bis zum geistigen Meinungsaustausch haben die Dinge Gehalt, ohne zu lasten.« In Frankreich wird Konversation gepflegt, wo unsereiner gründlich graben will. Worte und Themen wechseln schnell, der Ball wird am Netz aufgenommen, es zählt nicht nur der Punkt, sondern auch der Witz.

Alte Klischees? Gewiss doch! Historiker weisen nach, dass derartige Volkstypologien schon im 13. und 14. Jahrhundert kursierten: hier die Biederen, Bierernsten und Bienenfleißigen, dort die Haltlosen, Heiteren und Hochmütigen. Soeben wurde eine Umfrage veröffentlicht, der zufolge die Franzosen zuerst an »Merkel, Bier und Berlin« denken, wenn sie nach Deutschland gefragt werden, umgekehrt sind es »Paris, Eiffelturm und Wein«. Etwas weiter unten in der Rangliste folgen dann »Fleiß und Sparsamkeit« aus der einen und »Genuss und Lebensart« aus der anderen Blickrichtung. Wie das so ist mit Vorurteilen, sie enthalten ein Körnchen Wahrheit. Umso besser. Denn wer hätte nicht gern solche Nachbarn, wie wir sie haben?