Élysée-VertragWas für ein Nachbar!

Deutschland und Frankreich feiern ihren Fünfzigsten. Zeit für eine Liebeserklärung von 

Paris: Blick über die Seine auf den Eiffelturm

Paris: Blick über die Seine auf den Eiffelturm  |  © Patrick Kovarik/AFP/Getty Images

Champagner! An diesem Dienstag feiern Deutsche und Franzosen das 50-jährige Jubiläum des von Adenauer und de Gaulle geschlossenen Élyséevertrags. Freilich werden nicht nur Gläser, sondern auch Zeigefinger erhoben: Die Staatschefs leben im Zwist miteinander, und in Deutschland macht man sich Sorgen wegen der wirtschaftlichen Schwäche Frankreichs. So steht es dieser Tage überall zu lesen. Es ist nur nicht die ganze Wahrheit.

Zur ganzen Wahrheit gehört: Wir haben da einen großartigen Nachbarn. Und wir können von ihm lernen.

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Wer Freude an politischer Debatte hat, dem muss das Land gefallen. Politikleidenschaft ist dort ein Massenphänomen. Ob zur besten Sendezeit, ob am Tresen, am Familientisch oder bei der feinen Soirée, die Politik hat Hausrecht. Hauptthema derzeit: Das Land stellt sich selbst infrage. Was heißt es heute, modern zu sein? Oder gerecht? Wodurch wird eine Gesellschaft zusammengehalten, deren ethnische Zusammensetzung sich massiv ändert?

Fragen, die nicht nur Frankreich bewegen. Dort werden sie aber anders diskutiert, mit einem Schuss Utopie. »Alternativlos«, dieses Merkel-Wort, ist nicht Französisch. Schließlich sind es die Franzosen, die 1789 gezeigt haben, dass der Lauf der Geschichte geändert werden kann. Auch heute weigern sich viele von ihnen, die Gesetze der Welt so hinzunehmen, wie sie sind.

Sünden gegen den liberalen Geist

Den Kapitalismus zum Beispiel: Sie diskutieren über Räume, zu denen er keinen Zutritt haben soll. Hier liegt der tiefere Grund dafür, dass sie versucht haben, die 35-Stunden-Woche einzuführen, oder dafür, dass sie ihr Kino vor der Globalisierung schützen. Sünden gegen den liberalen Geist, die Ausdruck einer Tugend sind, des Willens zur Volkssouveränität. Für die Erben Rousseaus soll keine Macht gegen den demokratisch ermittelten Willen autonom bleiben, nicht einmal das Kapital. Diesem Prinzip ließe sich zwar entgegenhalten, dass Individuen wirtschaftliche Freiheit wollen, aber was ist dann mit der Freiheit der abhängig Arbeitenden?

Frankreich stellt nicht bloß solche linken Fragen. Es ist zugleich konservativ bis ins Mark. Die Welt verändern!, rufen die einen. Das Schlimmste verhüten!, die anderen. Die miteinander streitenden Philosophen Jean-Claude Milner und Alain Badiou haben den Widerspruch kürzlich so formuliert: Besteht der Sinn der Politik letztlich darin, das Leben zu bewahren – oder im wahren Leben?

Leserkommentare
  1. den demokratisch ermittelten Willen autonom bleiben, nicht einmal das Kapital".

    Wenn man das bei unserem Nachbarn so besonders hervorheben muß, müsste der Umkehrschluß ja sein, dass Deutschland sich undemokratisch dem Kapital unterordnet.

    Danke für dieses indirekte Geständniss.

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    Redaktion

    Wieso ein "indirektes Geständnis"? Dass es Freiheitsräume gibt, die auch ein demokratisch verfasster Staat nicht antastet sondern nur einhegt, und zwar aus Prinzip und nicht bloß aus Generosität, ist unserem Grundgesetz ja nicht fremd.

    • Fragend
    • 22. Januar 2013 18:47 Uhr

    dabei war Rousseau ja auch gar kein blinder Demokratieanhänger.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

  2. "Langsam, desorganisiert, ineffizient, unzuverlässig und dreckig". Nach fast sechs Jahren Frankreich in drei verschiedenen Grossstaedten kann ich dem nur zustimmen.
    Die Traeumereien von Savoir Vivre koennen Sie ohne eine ordentliche Stange Geld (und Zeit) auch vergessen. Viele verwechseln da ihren Urlaub mit der Realitaet eines normalsterblichen Franzosen mit 1500€ netto Monatseinkommen(im Median).
    Klar hat Frankreich auch gute und sehr schoene Seiten (geringere Steuerbelastung, Kinderfreundlichkeit, oeffentl. Infrastruktur, kaum ehemals zerbombte Staedte die aussehen wie ein Horrorkabinett der modernen Architektur, etc.) aber das Leben ist sicher leichter und komfortabler in Deutschland. Fuer Paris nehme ich jedoch alles auf mich....

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was für ein Unsinn"
  3. Als Deutscher, der seit mehr als 30 Jahren in der französischen Provinz lebt, kann ich die "großen" Unterschiede zwischen den Menschen hier und dort kaum erkennen. Sicherlich gibt es kleine Unterschiede in den Umgangsformen, wie eine ausgeprägtere Höflichkeit und Diskretion im französischen Miteinander, womit ich nicht sagen will, dass man in Deutschland grundsätzlich unhöflich und indiskret ist. Da sind die unterschiedlichen Strukturen der Sprachen, die das Denken und Formulieren im Französischen zu mehr Klarheit und Analytik anleiten, im Deutschen zu mehr Kreativität und Fantasie. Deutsche und Franzosen ergänzen sich ausgezeichnet, beide können viel voneinander lernen, tuen dies auch, wenn sie sich etwas näher kennengelernt haben. Schade, dass so wenige Franzosen und Deutsche die Sprache des Nachbarn sprechen.

    5 Leserempfehlungen
  4. Frankreich ist schon ein seltsames Land.
    Auf der einen Seite haben alle irgendeine Form von Familie, auf der anderen Seite ist die Ehe schon lange als altmodisch verpönt. Kein einziger meiner französischen Bekannten ist verheiratet, aber alle haben sie Kinder und Partner. Im Kleinen lassen sich die Franzosen alles gefallen (schlechter Service im Restaurant, nächtliche Ruhestörung, verschlampte Pakete bei der Post, etc.), aber bei großen gesellschaftlichen Veränderungen sind sie sofort auf der Straße. In Deutschland umgekehrt. Von langen Mittagspausen mit Familie und Wein bleibt heute kaum etwas. Ein Sandwich muss meistens reichen und für McDonalds ist Frankreich einer der lukrativsten Märkte.

    Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind eigentlich nur noch Worthülsen. Freiheit gibt’s weniger als anderswo, denn überall hat der Staat seine Hand im Spiel und „liberal“ ist in Frankreich ein Schimpfwort.
    Die Gleichheit hält sich auch in Grenzen, denn die Unterschiede zwischen arm und reich sind hier größer als in Deutschland. Die einen schicken ihre Kinder auf eine Grande Ecole, die anderen höchstens auf eine staatliche Uni, wo ihnen der Putz auf den Kopf bröckelt. Brüderlichkeit, na ja. Ich sage mal mit deutschem Akzent ist das Leben leichter als mit arabischem.

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    Ich stimme Ihnen zu, dass Frankreich (wie auch Deutschland) ein seltsames Land ist.

    Dass "die einen ihre Kinder auf eine Grande Ecole (schicken), die anderen höchstens auf eine staatliche Uni" macht aber schon deswegen wenig Sinn, weil die Grande Ecole eine staatliche (Elite)Uni ist!

    Im Übrigen hat McDonalds in Deutschland mehr Läden als in Frankreich (http://www.mcdpressoffice...) und Frankreich bei weitem mehr Führungskräfte arabischer Herkunft (aber ohne Akzent) als Deutschland türkischstämmige...

  5. Das Adenauer die deutsch-französische angestrebt hat ist ja nicht so schwer nachvollziehbar.
    Das schier unglaubliche hat General DeGaulle geleistet. Sein Land wurde überfallen. Er war der General der es wieder befreite. Und er streckt dem Feind die Hand zur Freundschaft entgegen! Das ist für mich bis heute fast unglaublich und ich denke man muß lange in der Geschichte suchen um etwas ähnliches zu finden.
    Ich hätte mir bei der gestrigen Feierstunde gewünscht das auch diese persönliche herausragende Tat etwas etwas mehr Würdigung findet.

    4 Leserempfehlungen
  6. Deutschland sich dem Finanzmarkt beugt.

    Warum mußten dann die Arbeitslosen auf ihre Rentenzuschüße verzichten und nicht die Anleger ihre Verluste bezahlen?

    Warum sind die Vermögenden (die die Krise verursacht haben) seit Beginn der Krise in Deutschland um 1,7 Billionen Reicher geworden?

    Aber bleiben wir bei der Verfassung.
    Hartz VI ist immer noch Verfassungswidrig (es wurde immer noch nicht Final nachgebessert) und ein dutzend Entscheidungen der Regierungen müßen immer erst einmal durch den Verfassungsschutz.

    Freiheitsträume gibt es, ich sehe diese aber nicht durch die Verfassung gestärkt.

    3 Leserempfehlungen
    • th
    • 22. Januar 2013 21:32 Uhr

    hatten ja auch schon Französisch in der Schule gelernt ...
    Kein Wunder, wenn man weiss, dass sie aus ehemaligen französischen Kolonien kamen.

    "... und Frankreich [hat] bei weitem mehr Führungskräfte arabischer Herkunft (aber ohne Akzent) als Deutschland türkischstämmige ..."

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    Antwort auf "Seltsame Länder"
  7. Hat der Autor mal wirklich in Frankreich gelebt, um über diese Klischees hinaus ein wenig Realität zu sehen? Ich lebe gerade in Frankreich und für mich ist das Land langsam, desorganisiert, ineffizient, unzuverlässig und dreckig. Servicewüste Deutschland? Dann kennen Sie Frankreich wohl noch nicht.
    Ich Sage nicht, dass diese Eindrücke nicht selbst selektiv und subjektiv sind und ganz sicher auch verallgemeinern. Die Behauptungen im Artikel aber sind einfach nur pathetisch. Sie erinnert mich an amerikanische Europaklischees, die vor Naivität, Kitsch und Ahnungslosigkeit nur so strotzen.

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    Redaktion

    ... schreibe ich ja öfter, was mir dann wiederum andere hier vorhalten. Und in der Tat: ich lebe in Frankreich, durchaus unter Franzosen und nicht in einer deutschen Journalistenblase oder so. Ihre Eindrücke kann ich gar nicht dementieren, aber sie machen das Gesamtbild nicht aus.

    "Langsam, desorganisiert, ineffizient, unzuverlässig und dreckig". Nach fast sechs Jahren Frankreich in drei verschiedenen Grossstaedten kann ich dem nur zustimmen.
    Die Traeumereien von Savoir Vivre koennen Sie ohne eine ordentliche Stange Geld (und Zeit) auch vergessen. Viele verwechseln da ihren Urlaub mit der Realitaet eines normalsterblichen Franzosen mit 1500€ netto Monatseinkommen(im Median).
    Klar hat Frankreich auch gute und sehr schoene Seiten (geringere Steuerbelastung, Kinderfreundlichkeit, oeffentl. Infrastruktur, kaum ehemals zerbombte Staedte die aussehen wie ein Horrorkabinett der modernen Architektur, etc.) aber das Leben ist sicher leichter und komfortabler in Deutschland. Fuer Paris nehme ich jedoch alles auf mich....

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