Die Entmystifizierung des Workaholics hat begonnen. Der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt war überrascht, als er diese Wende feststellte. Sein Institut, die Stiftung für Zukunftsfragen, befragt die Deutschen jedes Jahr nach ihrem Freizeitverhalten. Zum ersten Mal tauchte 2012 unter den zehn beliebtesten Freizeitaktivitäten auf: "seinen Gedanken nachgehen". Das wünschten sich auf einmal 69 Prozent der Befragten. Eine weitere wichtige Veränderung: 48 Prozent der Befragten geben als liebe Freizeitaktivität, die sie mindestens einmal pro Woche ausüben, an: "Faulenzen/Nichtstun". Zum Vergleich: 2007 waren das nur 39 Prozent. Nun fragt sich eine ganze Industrie, wie sie das nächste große Ding zu Geld machen kann. Aber das nächste Ding, das ist einfach: nichts. Sogar der Feierabend-Wirtschaft beginnen sich viele Menschen zu entziehen. Das kann man ablesen an den Umsatzzahlen der Wellnessindustrie, die seit Kurzem leicht rückläufig sind.

Trotzdem: Einen freien Feierabend zu haben, sagen Soziologen und Psychologen, sei für viele Menschen sehr schwierig geworden. "Die Erfahrung, dass die Zeit notorisch zu knapp und die To-do-Liste am Abend ohnehin nicht abgearbeitet ist, haben wir bis in die letzte Körperfaser verinnerlicht. Wir haben das Gefühl, immer was zu tun zu haben, auch wenn wir gerade nichts tun", sagt Hartmut Rosa, der an der Universität Jena zur Zeiterfahrung forscht. Feierabend, das wäre das, was kommt, wenn die To-do-Liste abgearbeitet ist. In einem Gedicht aus dem Jahr 1750 mit dem Titel Der Feierabend, das der Kulturwissenschaftler Gottfried Korff zitiert, heißt es: "Das Tagwerk ist aus". "Der moderne Mensch hat aber sein Tagwerk nicht vollbracht", sagt Rosa, "er weiß, die Welt da draußen geht weiter. Wir haben die Nischen, die Plateaus nicht mehr, in denen wir sagen: Jetzt ist es genug." E-Mails, Facebook-Posts, alles flute ununterbrochen um uns herum.

Für weite Teile der Bevölkerung bestimmt niemand mehr, wann Feierabend ist, so wie früher die Fabrik. Viele wünschen ihn sich trotzdem, den Feierabend, diese regulative Fiktion – gerade so, als würden sie noch am Band arbeiten.

Manche sehnen sich nach einer Stechuhr. Der Lehrer und Biologe Dieter Czekalla hat sich wieder den Lesesessel vor den Kamin geschoben. Dort verbringt er seinen Feierabend; ganz so, wie es die Erzählungen um 1900 als bürgerliches Idyll heraufbeschwören. Czekallas Feierabend-Sessel ist aus Leder, die Lehne gibt nach, wenn man sich hineinsinken lässt. Jeden Abend verbringt er dort eine ruhige Stunde, ab 23 Uhr. Er liest immer ein Buch, im Moment eine Biografie des Soziologen Max Weber. "Ein Freund hat sie mir empfohlen", sagt er, "ich habe mich richtig darauf gefreut." Vom Lesesessel aus geht der Blick hinaus in den alten Garten in Falkensee, in dem riesige Bäume stehen.

Vor vier Jahren blieb sein Brot noch angebissen auf dem Beifahrersitz liegen, wenn er durch Berlin unterwegs war für seine vielen Jobs, hauptsächlich hat er Schulen auf neue Anforderungen (mehr Migranten) und neue Unterrichtsformen (mehr selbstständiges Lernen) vorbereitet. Er dachte: "Ich schaff das schon." Bis eines Abends sein Herz stehen blieb.

Im Nachhinein sieht er, dass es Alarmzeichen gegeben hat, dass er sehr erschöpft war, regelmäßig um halb zwei in der Nacht aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte. In der ersten Zeit nach der Klinik saß Czekalla um 20 Uhr vor dem Computer und wusste nicht, wohin mit sich. "Ich war es gewohnt, zu arbeiten, bis ich ins Bett falle", sagt er. Dann hat er begonnen, sein Leben selbst einzuteilen. "Davor bin ich immer wie eine Marionette rumgelaufen. Man verliert das Gefühl dafür, dass man selber Rhythmen hat." Jetzt macht er morgens Sport und Musik und arbeitet viel weniger, in Paketen nachmittags und abends, "wenn ich richtig Lust dazu habe". Und was ist das für ein Gefühl, wenn er um 23 Uhr weiß, jetzt beginnt sein Feierabend? "Ah", Czekalla atmet tief aus. "Schon wenn ich abends zu meinem Sessel gehe, entspanne ich mich. Weil ich weiß, das ist mein Platz, das ist meine Zeit." Das Ritual empfindet er als Anker in seinem Tag.

Dieter Czekalla hat sich etwas geschaffen, was Hartmut Rosa beschreibt als "Zeit-Raum, in dem der habituelle Impuls, etwas tun zu müssen, wegfällt". Der Soziologe, und mit ihm eine Schar von Coachs, wünscht sich einen Feierabend, der kein Ausnahmezustand ist, sondern alltägliches Ritual – als Kur für eine gehetzte Gesellschaft.

Was viele Ältere wieder lernen müssen, fordert eine junge Generation ganz selbstverständlich ein. Günter Kraushaar, der Unternehmensberater, sagt, die Jungen fragten schon im Vorstellungsgespräch nach dem, was er sich mühsam erarbeitet hat: Teilzeit, Elternzeit, Feierabend. "Früher wären die als Weicheier verschrien gewesen. Heute gilt das fast schon als normal!", sagt Kraushaar. "Die Wende beginnt jetzt. Wir merken das brutal. Es ist eine richtige Veränderung."

Es ist die sogenannte Generation Y, die da auf den Arbeitsmarkt drängt, unter 35-Jährige, die sich mit ihrer Forderung nach Freiräumen den gradlinigen Karrierewegen ihrer Eltern verweigern. Sie sind in jedem Bereich der Wirtschaft, in allen Unternehmen zu finden. Karriere kommt für sie nur infrage, wenn sie dafür nicht das aufgeben müssen, was sie glücklich macht. Nach den ersten Studien, die es über sie gibt, arbeiten sie im Schnitt zwei Stunden weniger als ihre älteren Kollegen und nehmen sich viel Zeit für ihre sozialen Kontakte – und klagen seltener über Stress.

Solche Menschen gab es vereinzelt schon vorher. Aber jetzt sind sie zu einer kritischen Masse geworden: Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung machen sie bereits 30 Prozent der Berufstätigen aus – das sind mehr als diejenigen, die sich jeweils nur auf den Beruf, nur auf die Familie und nur auf sich selbst konzentrieren. Diese Generation Y wird unsere Arbeitswelt verändern.

Es sind Menschen wie Mareike Neukam. Sie ist 31, hat studiert in einer Zeit, in der alle um sie herum panisch ein Praktikum nach dem nächsten gemacht und davon geredet haben, dass die Zeiten prekär seien. Trotzdem hat Mareike Neukam nun einen unbefristeten Vertrag – als Lektorin in einem Verlag. Genau so, wie sie es wollte. Ein Job, der für sie keinen Sinn hat, käme überhaupt nicht infrage. Sie lektoriert Manuskripte, betreut Autoren, entwickelt Themen. Dass sie das nicht bis in den späten Abend hinein tut, dafür sorgt auch ihr Arbeitgeber. "Um sieben ist es weitgehend leer", sagt Neukam, auch das hat ihr am Verlag gefallen, "dass es keine sinnlosen Präsenzzeiten gibt, wenn die Arbeit erledigt ist".

Ihr Feierabend ist an einen Ort gebunden: ihr Zuhause. Bevor man sie dort besucht, warnt sie lachend davor, dass sie vom Klischee des Feierabends – Fernsehen und Flasche Bier – nicht allzu weit entfernt sei. Dann sitzt sie auf ihrem Sofa in ihrer Wohnung in Köln, eine große Frau mit direktem Blick. Auf diesem Sofa beginnt ihr Feierabend nach einer ritualisierten Passage, in der sie gekocht und dabei WDR 5 gehört hat, auf dieses Sofa lässt sie sich fallen mit einem "Ach". Dieses Ach läutet die Entspannung ein, "das Gefühl, jetzt ist es geschafft für heute".