Man findet sie im Zug, zum Beispiel im ICE um 19.06 Uhr von Hamburg nach Berlin: die Feierabendmacher. Pendler, die Telefone, Tablets und Computer schon ausschalten, bevor das Netz kurz hinter Bergedorf zusammenbricht. Sie klappen die Lehne zurück, setzen die großen Kopfhörer auf und schließen die Augen. Sie holen sich eine Flasche Rotwein aus dem Bordrestaurant. Sie kennen sich nicht, aber sie plaudern über die politische Lage oder darüber, was gerade im Kino läuft – bloß nicht über die Arbeit. In Berlin trennt man sich ohne Aufhebens wieder voneinander. Es geht nicht um langfristige Bekanntschaften. Es geht um den Feierabend-Moment.

Feierabend ist ein urdeutsches Wort, es gehört zum Gefühlshaushalt der Nation wie Pietismus und Gemütlichkeit. Was dazu zählt und was nicht, wechselt ständig – und es sagt viel über die Deutschen, ihr Verhältnis zur Arbeit und ihr Verhältnis zu sich selbst. Derzeit findet ein überraschender Wandel statt: die Deökonomisierung des Feierabends. Das ist zunächst nicht offensichtlich, denn wie misst man, was sich nicht messen lässt, wie misst man das Nichts, die Abwesenheit von etwas?

Mit Beginn des Industriezeitalters entstand die Sehnsucht nach einem Gegenbild zur Arbeitswelt. Städter gründeten Wander- und Alpenvereine oder wenigstens eine Kleingartenkolonie. Millionen zogen an den Stadtrand, um Arbeit und Freizeit räumlich möglichst weit voneinander zu entfernen. Bis die Idee aufkam, Arbeit und Freizeit müsse man nicht trennen, könne es auch nicht mehr. Doch wie es aussieht, verliert diese Idee schon wieder an Strahlkraft, in der Geschichte der Industrialisierung wäre sie nur ein Wimpernschlag. Denn eine wachsende Zahl von Menschen schottet sich nach der Arbeit von der Arbeit ab, strebt ins Freie.

Ein erster Indikator ist die Feierabend-Industrie selbst, die vom Trend zum Nichtstun erfasst wird. Günter Kraushaar schwebt jeden Freitagabend. "Dieses Gefühl der Schwerelosigkeit kenne ich sonst gar nicht", sagt der 45-jährige Unternehmensberater über sein wöchentliches Bad im Salzwasser. Also besucht Kraushaar freitagabends das Floating-Studio, ganz egal, was sonst so um ihn herum los ist, er schwebt, danach lässt er sich massieren, im "Verwöhnpaket" zu 119 Euro.

Kraushaar ist ein eifriger Kunde der Feierabend-Industrie. Die ist mit der Industrialisierung entstanden und errichtete als Gegenwelt zur Arbeit Pläsierkasernen, Amüsierbetriebe und Kinopaläste. Sie ist stetig gewachsen. Seit alle davon sprechen, wie gestresst sie sind, tritt sie mit neuen Imperativen auf den Markt: Entspannt euch! Erholt euch! Entschleunigt! Man kann sich riesige Couchlandschaften – angepriesen als "Ruheoasen" – ins Wohnzimmer stellen, sich überdimensionale Mützen aus Plüsch kaufen, unter denen man in der S-Bahn schläft. Heute zahlen Menschen auch für den totalen Entzug, den Aufenthalt im Hotel ohne WLAN zur digitalen Entgiftung. Zu beobachten ist die Wende weg von der Aktivität sogar bei Facebook, wo das jahrelange Insistieren des Mediums – "Was machst du gerade?" – sich jüngst aufgeweicht hat zu einem "Wie fühlst du dich?"

Fabrice Schmidt ist ein Unternehmer der Feierabend-Industrie, 2003 hat er mydays gegründet, die erste Firma, die vor allem Gutscheine für Erlebnisse verkauft. Das war eine gute Geschäftsidee. "Es gab so viel Kreativpotenzial, aber niemanden, der es abgreift", sagt er. Mit Kreativpotenzial meint Schmidt die kommerzielle Art, seine Freizeit zu verbringen, und der, der sie "abgreift", ist er selbst. Noch 2009 "wollten die Leute einmalige Erlebnisse mit extremem Ursprung". Bungee-Jumping, mit dem Quad durch die Wildnis brettern. Aber heute, nur drei Jahre später, verkauft er "zu 80 Prozent weiche Themen". Weiche Themen, das sind Schlafen, Entspannung. Dinner bei Kerzenlicht, Feierabend mit Kochkurs, Weinseminar, Massage, Floating.

Auch Günter Kraushaar wurde durch einen Gutschein einer Eventagentur auf das Floating aufmerksam. Kraushaar ist ein kleiner, schmaler Mann in grauem Anzug, mit rahmenloser Brille, er sitzt jetzt über dem Mittagstisch eines Edelitalieners in München. Er ist Partner einer großen internationalen Unternehmensberatung. Deswegen möchte er auch nicht, dass hier sein wirklicher Name steht.

"Wichtig ist mir der Feierabend", sagt er. Damit er den hat, darf er nicht in seine E-Mails schauen. Sein Account sei nie leer, "das hört ja nie auf", sagt er. "Deshalb lese ich, wenn ich zu Hause aus dem Auto steige, keine E-Mails mehr, und zwar, bis ich am nächsten Morgen wieder am Schreibtisch sitze." Seinen Kunden falle das überhaupt nicht auf. "Da passiert nichts Schreckliches." Wer was von ihm will, solle halt anrufen. Er nimmt eh nicht ab, wenn er sich einmal pro Woche von seiner Sekretärin einen zusätzlichen Feierabend-Termin hat eintragen lassen: eine Tanzstunde mit seiner Frau, ein Essen mit Freunden oder einen Abend im Rotary Club. "Dann war ich halt gerade im Flieger", sagt er.

Seine Frau lässt er jetzt nicht mehr eine halbe Stunde lang allein mit dem Trainer auf der Tanzfläche, wenn ein Kunde anruft. So wie früher. Damals hatte er von seinem Arbeitgeber ein Blackberry bekommen. Das Gerät zeigt jedes Mal an, wenn eine neue E-Mail eingetroffen ist. Zunächst habe es ihn gedrängt, immer sofort nachzusehen und die Nachricht zu beantworten. Aber dann, sagt er, und dabei wird er laut und gestikuliert über den Tisch, sei ihm klar geworden: "Ich bin doch hier nicht beim Callcenter angestellt!"

Durch die Worte des Beraters dringt ein Bedürfnis nach dem Früher, etwa wenn er sagt: "Wenn ich im Garten arbeite, und alle drei Minuten klingelt der Postbote, leere ich doch auch nicht jedes Mal den Briefkasten." Seine Sehnsucht hat etwas Zitathaftes. Damit dieses Zitat stark genug ist, um sich in seiner Gegenwart zu behaupten, speist Kraushaar es in seine Leistungslogik ein: "Natürlich bin ich effizienter, wenn ich einen erfüllten Feierabend habe." Der Feierabend nütze ihm ja auch tagsüber: "Meine besten Einfälle, die innovativsten Ideen hatte ich immer, wenn ich mich körperlich fit fühlte und entspannt war." Auch tagsüber schließt er oft das Mailprogramm, damit er konzentriert arbeiten kann und nicht von jeder E-Mail abgelenkt wird.

Bei seinen Kollegen, die viermal geschieden sind und drei Dosen Red Bull am Tag trinken, die untereinander vergleichen, mit wie wenig Schlaf sie auskommen und wie viele Wochen Resturlaub sie noch haben, sei das anders. Viele, sagt er, "antworten nach ein paar Sekunden, egal, zu welcher Zeit". Vor Kurzem hat ein Kollege vom Fußballstadion aus auf seine E-Mail reagiert, "während er bei Fortuna Düsseldorf auf der Tribüne sitzt! Beim Pokalspiel!" Kraushaar kann es nicht fassen.