Steven Spielbergs neuer Film ist eine Art Geschichtsunterricht für Amerikaner in zwei Stunden. Er setzt historische Grundkenntnisse voraus, so wie Ben Hur die Lektüre der Bibel vorausgesetzt hat. Worum also geht es in Lincoln?

In der Alltagssprache der amerikanischen Südstaaten meint »der Krieg«, the war, nicht den Ersten oder Zweiten Weltkrieg, auch nicht den Vietnamkrieg oder die jüngsten Kriege im Irak und in Afghanistan. Immer noch bezeichnet the war in Mississippi oder Louisiana den amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865. Er hat mindestens 700.000 Menschenleben gekostet. Abraham Lincoln war der Präsident der Sieger aus dem Norden.

Schlachtengemetzel, in denen an einem einzigen Tag bis zu 20.000 Soldaten der verfeindeten Staaten, der Confederacy des Südens und der nördlichen Union, ums Leben kamen, gehörten zur blutigen Regel dieses ersten industriell geführten Kriegs der Neuzeit. Hinter dem oft gehörten Vorurteil, die Amerikaner hätten auf ihrem eigenen Territorium noch nie einen »richtigen« Krieg erlebt, verbirgt sich historische Unkenntnis, wenn nicht gar europäische Opferarroganz.

Die politisch-moralische Kriegsursache war eine vom Süden gewünschte Legalisierung der Sklaverei auch in den nördlichen Staaten. Die guten Neuengländer lehnten das ab. Dies führte zur rebellischen Sezession von erst sieben, später zehn »Southern States« aus der Union – und zum Ausbruch von Feindseligkeiten. Der 1860 neu gewählte Präsident Abraham Lincoln, Kandidat der damals liberalen Republikanischen Partei, erbte den Konflikt und führte ihn schließlich zu einem militärisch und gesetzlich siegreichen Ende: Auf Betreiben des Präsidenten wurden im 13. Verfassungszusatz Sklaverei und Frondienst gesetzlich verboten. Ein Attentäter schoss auf Lincoln während eines Theaterbesuchs. Dieser verstarb kurz nach der Verabschiedung des Zusatzes am 15. April 1865. Sein Mythos als größter Rhetoriker und bester Präsident neben Washington, Jefferson und Jackson hat sich wie eine Mauer aus Marmor vor den Sachverhalt geschoben, dass er – anders als viele seiner republikanischen Parteifreunde – keineswegs ein radikaler Gegner der Sklaverei war, sondern vor allem die Einheit der Nation retten wollte, was ihm auch gelang.

Viele dieser historischen Fakten setzt der Regisseur Steven Spielberg in seinem neuen Zwei-Stunden-Opus Lincoln als bekannt voraus. Es handelt sich insofern vor allem um pädagogisch-patriotische Nachhilfestunden zumal für jene närrischen Amerikaner, die in Barack Obama immer noch einen gebürtigen Kenianer muslimischen Glaubens vermuten – das sind heute wahrscheinlich ein Viertel der Wähler – und hinter deren Zweifeln am ersten schwarzen Präsidenten ein heimlicher Rassismus lauert. Obama, so zeigt uns Spielberg, ist der moralisch korrekte Erbe des Bürgerkriegs und politischer Testamentsvollstrecker Abraham Lincolns.

Als der Regisseur vor einem Jahrzehnt zum ersten Mal über den Lincoln-Stoff nachdachte, konnte er allerdings von Obamas Präsidentschaft nichts ahnen. Dass fast jedes Jahr (wie auch in diesem) eine neue Lincoln-Biografie die amerikanischen Bestsellerlisten eroberte, dürfte ihn jedoch von der Marktchance des politischen Stoffs überzeugt haben. Grundlage seines Films ist das Buch der Autorin Doris Kearns Goodwin (2005). Sie beschreibt Lincolns geglückten Versuch, seine politischen Gegner, ja persönlichen Feinde am Kabinettstisch zu versammeln und in seine Pläne einzubinden. Dass Barack Obama sich als Leser des Buches bekannte – und in Lincoln sein Vorbild sieht –, bescherte der Biografie zahllose neue Leser. Seine erste Amtszeit war davon geprägt, Lincolns Konsenspolitik nachzuahmen. Vergebens, wie man inzwischen weiß. Für manche Kongressabgeordnete, zumeist aus den Südstaaten, schien der Bürgerkrieg immer noch nicht beendet zu sein.

Der Film beschränkt sich weise auf die letzten zwei Amts- und Lebensmonate des politischen Giganten. Lincolns moralisch grenzwertige, jedenfalls erfolgreiche Machinationen, mit gekauften Abgeordneten für den 13. Verfassungszusatz eine Mehrheit im Repräsentantenhaus zustande zu bringen, schildert Spielberg als Vorschein der gegenwärtigen Verhältnisse im amerikanischen Parteienleben. Während Lincoln noch staatliche Postmeisterstellen für unentschlossene Parlamentarier verteilte, betreffen die zeitgenössischen Kompromissangebote der Regierung zugunsten unsicherer Kongress-Kantonisten erstaunliche Subventionszusagen im entsprechenden Wahlbezirk.