Wie es uns geht? Immer besser! Ausgerechnet in der Finanzkrise ist der wahre Wohlstand der Deutschen gewachsen. Zu diesem überraschenden Ergebnis führt jedenfalls die Berechnung des Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI). Danach hat die Wohlfahrt der Bundesrepublik vor allem in den Krisenjahren 2008 und 2009 nicht ab-, sondern zugenommen. Anders als die meisten Ökonomen annehmen, ging es dem Land damals nicht schlechter, sondern besser. Und das, obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dramatisch einbrach.

Das NWI-Ergebnis ist nicht nur verblüffend. Es könnte auch die Debatte über den Sinn und die richtige Bewertung von Wirtschaftswachstum weiter befeuern. Bisher messen die meisten traditionellen Ökonomen und auch viele Politiker den Wohlstand eines Landes vor allem durch das Bruttoinlandsprodukt. Wächst das BIP einer Volkswirtschaft, so die Annahme, geht es auch der Bevölkerung besser. Zumindest tendenziell. Das spiegele nur einen »illusionären Wohlstandszuwachs« wider, monieren hingegen die Kritiker dieser Logik. Weder beziffere das BIP den Naturverbrauch, noch beantworte es die Frage, wem der wachsende Wohlstand zugutekomme. Das, was in einem Land dauerhaft ein gutes Leben ermögliche, müsse man anders messen.

Erst am vergangenen Montag hatte dieser Dissens zu heftigem Streit im Bundestag geführt. In der Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« hatten sich die Parteien nicht auf ein gemeinsames Papier über den künftigen Stellenwert von Wirtschaftswachstum einigen können. Während Union und FDP betonen, dass das BIP weiterhin ein »guter« Indikator sei, fordern die Oppositionsfraktionen eine verstärkte Suche nach Alternativen zur klassischen Wachstumspolitik.

Der NWI soll genau dabei helfen. Der Index, der von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin und der Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft entwickelt wurde, misst gleich drei Komponenten: das wirtschaftliche Kapital, das natürliche Kapital und das soziale. Damit macht er nicht nur den ökologischen Preis des reinen Wirtschaftswachstums stärker sichtbar. Er misst auch die gesellschaftliche Wohlfahrt und damit wichtige Grundbedingungen für ein gutes Leben.

Was kompliziert klingt, wird im Konkreten plausibel: Verschmutzt ein Land seine Flüsse, sinkt das NWI. Das klassische BIP hingegen könnte dies gar nicht beinhalten. Es würde sogar steigen, wenn Unternehmen an der Umweltverschmutzung verdienen. Der NWI steigt hingegen, wenn die Umwelt geschont und beispielsweise weniger CO₂ in die Luft gepustet wird. Oder wenn mehr Menschen ehrenamtlich arbeiten. Oder wenn die Ausgaben für Bildung steigen.

Am Beispiel der Krisenjahre werden die Folgen der unterschiedlichen Messmethoden deutlich. Stellt man die Frage, ob wir in der Krise ärmer geworden sind, geben BIP und NWI ganz unterschiedliche Antworten. Traut man dem BIP-Blick, dann ist unser Wohlstand auf dem Höhepunkt der Krise geschrumpft, schließlich brach die Wirtschaft damals ein. Das NWI dagegen rechnet uns für jene Zeit reicher – aus drei Gründen: Erstens ist der private Konsum nicht eingebrochen, die Menschen leisteten sich also genauso viel wie zuvor. Zweitens schrumpfte der CO₂-Ausstoß, weil einige energieintensive Unternehmen die Produktion reduzierten. Also wurde die Umwelt geschont. Und drittens haben sich mehr Menschen sozial engagiert, auch das schlägt sich positiv nieder.