Wachstum : Gutes Leben, neu berechnet

Während der Finanzkrise ist Deutschland reicher geworden. Auch weil es die Umwelt geschont hat.
Blick in die Kronen eines Fichtenwalds in Landau an der Isar © Johannes Simon/Getty Images

Wie es uns geht? Immer besser! Ausgerechnet in der Finanzkrise ist der wahre Wohlstand der Deutschen gewachsen. Zu diesem überraschenden Ergebnis führt jedenfalls die Berechnung des Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI). Danach hat die Wohlfahrt der Bundesrepublik vor allem in den Krisenjahren 2008 und 2009 nicht ab-, sondern zugenommen. Anders als die meisten Ökonomen annehmen, ging es dem Land damals nicht schlechter, sondern besser. Und das, obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dramatisch einbrach.

Das NWI-Ergebnis ist nicht nur verblüffend. Es könnte auch die Debatte über den Sinn und die richtige Bewertung von Wirtschaftswachstum weiter befeuern. Bisher messen die meisten traditionellen Ökonomen und auch viele Politiker den Wohlstand eines Landes vor allem durch das Bruttoinlandsprodukt. Wächst das BIP einer Volkswirtschaft, so die Annahme, geht es auch der Bevölkerung besser. Zumindest tendenziell. Das spiegele nur einen »illusionären Wohlstandszuwachs« wider, monieren hingegen die Kritiker dieser Logik. Weder beziffere das BIP den Naturverbrauch, noch beantworte es die Frage, wem der wachsende Wohlstand zugutekomme. Das, was in einem Land dauerhaft ein gutes Leben ermögliche, müsse man anders messen.

Erst am vergangenen Montag hatte dieser Dissens zu heftigem Streit im Bundestag geführt. In der Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« hatten sich die Parteien nicht auf ein gemeinsames Papier über den künftigen Stellenwert von Wirtschaftswachstum einigen können. Während Union und FDP betonen, dass das BIP weiterhin ein »guter« Indikator sei, fordern die Oppositionsfraktionen eine verstärkte Suche nach Alternativen zur klassischen Wachstumspolitik.

Der NWI soll genau dabei helfen. Der Index, der von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin und der Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft entwickelt wurde, misst gleich drei Komponenten: das wirtschaftliche Kapital, das natürliche Kapital und das soziale. Damit macht er nicht nur den ökologischen Preis des reinen Wirtschaftswachstums stärker sichtbar. Er misst auch die gesellschaftliche Wohlfahrt und damit wichtige Grundbedingungen für ein gutes Leben.

Was kompliziert klingt, wird im Konkreten plausibel: Verschmutzt ein Land seine Flüsse, sinkt das NWI. Das klassische BIP hingegen könnte dies gar nicht beinhalten. Es würde sogar steigen, wenn Unternehmen an der Umweltverschmutzung verdienen. Der NWI steigt hingegen, wenn die Umwelt geschont und beispielsweise weniger CO₂ in die Luft gepustet wird. Oder wenn mehr Menschen ehrenamtlich arbeiten. Oder wenn die Ausgaben für Bildung steigen.

Am Beispiel der Krisenjahre werden die Folgen der unterschiedlichen Messmethoden deutlich. Stellt man die Frage, ob wir in der Krise ärmer geworden sind, geben BIP und NWI ganz unterschiedliche Antworten. Traut man dem BIP-Blick, dann ist unser Wohlstand auf dem Höhepunkt der Krise geschrumpft, schließlich brach die Wirtschaft damals ein. Das NWI dagegen rechnet uns für jene Zeit reicher – aus drei Gründen: Erstens ist der private Konsum nicht eingebrochen, die Menschen leisteten sich also genauso viel wie zuvor. Zweitens schrumpfte der CO₂-Ausstoß, weil einige energieintensive Unternehmen die Produktion reduzierten. Also wurde die Umwelt geschont. Und drittens haben sich mehr Menschen sozial engagiert, auch das schlägt sich positiv nieder.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der neue Wohlstand.

Eigentlich bin ich bei einem neuen Index, Studie oder Umfrage skeptisch, allerdings sind das alles Dinge die sich alles messen lassen.
Und warum nicht, Betriebe profitieren natürlich von Windkraftanlagen und Solarplatten da man sich die Kosten für den Ausgangsstoff wie Öl oder Kohle spart.
Und im weltweiten Vergleich war Deutschland schon länger in Sachen Naturschutz ein global Player, da sieht man schon daran das grüne Politik in Deutschland begann.

Hoffentlich ist das jetzt kein Zeichen an die Politik den Umweltschutz wieder zu vernachlässigen.

Der Konsum wird auch weiterhin ungebrochen sein, denn es ist des Deutschen Eigenart sich zu beschweren in guten und in schlechten Zeiten, selbst wenn man gerade ein neues Auto gekauft hat, geht es einem schlecht, wenn ein neuer LCD-Fernseher in der Wohnung steht, denn sagt man dennoch "Die Zeiten werden immer härter".
Es ist so, wieso das so ist, weiß man nicht, schon 1828 gab es das Wort "Weltschmerz" um die Melancholie der Deutschen auszudrücken. Der Rasen des Nachbarn ist immer grüner.

ohne den Index bewerten zu wollen

haben Sie ganz klar nicht erkannt, worum es bei dem Index geht. Es geht hier vor allem nicht NUR um ökonomische Gesichtspunkte. Hier fließt das geistige Wohl der Deutschen genauso ein wie die natürlichen Ressourcen.

Aber selbst in dem von Ihnen angesprochenen Bereich, der sozialen Gerechtigkeit, verändern sich viele Aspekte. z.B. wird es ab Mitte des Jahres wohl tatsächlich für Eltern einfacher, wieder in die Erwerbstätigkeit zurückzufinden, weil eine organisierte Kinderbetreuung bei Bedarf gesetzlich garantiert wurde. Entsprechend wird sich u.a. dadurch das Familieneinkommen durchschnittlich vergrößern. Dass das vielleicht in Ihrem Fall anders sein mag.... Schade.

Ebenfalls bezeichnend: das Gesamtvermögen der Deutschen, wahrscheinlich sogar mit den Schulden der öffentlichen Kassen verrechnet, ist in den letzten Jahren gestiegen. Dies gilt meines Wissens sogar noch nach Abzug der Inflation, aber auf die Kombination beider Faktoren (Inflation + Staatsschulden) würde ich zumindest nicht wetten.