Für ihren Humor war Margaret Thatcher nicht bekannt, eher für ihren stählernen Willen. Aber einmal, in einer Rede vor dem Europakolleg in Brügge 1988, da riss Mrs T. einen wirklich guten Witz. Sie einzuladen, um über Europa zu sprechen, so die »Eiserne Lady«, müsse den versammelten Europapolitikern in etwa so vorkommen, als hätten sie »Dschingis Khan gebeten, über den Wert friedlicher Koexistenz zu reden«.

Als der Lacher im Publikum verklungen war, legte Thatcher los. Mit gewohnter Schärfe präsentierte sie ihre Version von einem Europa, in der Nationalstaaten im Rahmen des Gemeinsamen Binnenmarktes kooperierten, die Idee eines europäischen Superstaates aber begraben sollten. Diese Idee sei nichts anderes als Eselei und Verrücktheit, ätzte sie.

Die Rede von Brügge machte Geschichte. Sie markiert den Augenblick, an dem die britischen Konservativen zu Europaskeptikern wurden. Je nach Standpunkt betreiben sie seither eine Politik der eifrigen Demontage in Brüssel und stellen sich dem Willen der Mehrheit in den Weg, oder sie sind das Bollwerk gegen europäischen Integrationswahn und die Schutzmacht der kleineren Mitgliedsstaaten, die sich gegen Deutschland und Frankreich allein nicht wehren können.

Fünfundzwanzig Jahre später ist es nun an David Cameron, mit einer Grundsatzrede zu Europa Geschichte zu machen. Die Rede von Amsterdam, die er an diesem Freitag hält, wird den Weg ebnen zu einem Volksentscheid über Großbritanniens Rolle in Europa. Doch anders als Margaret Thatcher, die damals in Brügge politische Führung zeigte und eine neue britische Europadoktrin verkündete, ist Cameron nicht Herr der Lage. Er wird von der öffentlichen Meinung und Teilen seiner eigenen Fraktion getrieben.

Das Versprechen vom wirtschaftlichen Aufschwung

Durch die Euro-Krise haben sich viele Briten von EU-Nörglern zu handfesten Europagegnern gewandelt. Könnten sie heute entscheiden, dann würde fast die Hälfte der Wähler für einen Austritt aus der EU stimmen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Briten fünf Jahre nach dem großen Finanzcrash immer noch tief in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren stecken. Mit dem Bankensystem brach nicht nur ein entscheidender Wirtschaftszweig zusammen. Es scheiterte ein System, das im Zentrum eines Gesellschaftsvertrages gestanden hatte, der über Jahrzehnte hinweg den relativen Wohlstand des Landes nicht nur garantiert, sondern auch gemehrt hatte.

Als David Cameron im Mai 2010 an der Spitze der Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten antrat, versprach er, den Haushalt zu sanieren und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Großbritannien soll wieder eine Industrie- und Exportnation werden, statt sich allein auf Dienstleistungen zu stützen. Tausende neuer Lehrstellen sollen geschaffen werden und Universitäten Geld bekommen, um junge Ingenieure und Maschinenbauer zu unterstützen. »Dies ist nicht weniger als eine wirtschaftliche Strukturreform«, sagt Wirtschaftsminister Vince Cable. Aber er gibt auch zu, dass es »sehr lange dauern wird, bis die abgeschlossen ist und nachhaltige Erfolge bringt«.

Die "Pick-and-mix"-Masche der Briten

Die Briten suchen also ein neues Modell, und mit der Krise in der Euro-Zone, den Bildern von noch größerem wirtschaftlichem Elend in Griechenland und Spanien scheint ihnen Europa alles andere als eine ideale Antwort auf die eigenen Probleme zu sein.

Im Gegenteil. Um die Strukturfehler des Euro zu beheben, muss die politische Integration Europas wenigstens innerhalb der Euro-Zone vorangetrieben werden. »Wir brauchen eine wirtschaftliche Erneuerung, keine politische«, sagt eine Beraterin von Cameron. Brüssel habe nun mal den Ruf, sich einzumischen und Wachstum durch lästige Vorschriften eher zu hemmen, als zu fördern. »Da liegt der instinktive Rückzug aus Europa doch viel näher als eine engere Bindung.«

Cameron selbst sieht das freilich ganz anders. Die Amsterdamer Rede dürfte einmal mehr betonen, was er schon lange sagt: »Ein Austritt aus der EU wäre nicht in Großbritanniens nationalem Interesse.« Allerdings will er neu darüber verhandeln, welche der Brüsseler Gesetze für Großbritannien Geltung haben und welche nicht. Vom Kontinent aus riecht das freilich nach der alten pick and mix-Masche der Briten. »Das ist keine Grundlage für ein vereintes Europa«, sagt der Ureuropäer Jean-Claude Juncker daraufhin nur.

"Die Europagegner haben die Hoheit über die Argumente"

So wird klar, dass Cameron hier versucht, neue Tatsachen zu schaffen, die er allein nicht schaffen kann. Ein Volksentscheid soll erst dann stattfinden, so verspricht er, wenn die britische EU-Mitgliedschaft neu definiert und durch eine Änderung des Lissabon-Vertrags verbrieft worden ist.

Statt die Austrittsfrage zu stellen, will er den Briten diese neue Charta dann in einem Volksentscheid zur Abstimmung vorlegen. Aus seiner Sicht ist das nachvollziehbar, denn es wäre seine einzige Chance, ein Referendum zu gewinnen. Für die meisten Europäer aber, Angela Merkel eingeschlossen, steht eine Vertragsänderung nicht zur Diskussion.

Genauso unwahrscheinlich ist es, dass David Cameron ohne ein Referendum weiterregieren könnte. Dazu ist der innenpolitische Druck zu groß, nicht zuletzt aus seiner eigenen Partei. »In der politischen Arena haben die Europagegner die Hoheit über die Argumente«, urteilt Mats Persson von dem Thinktank Open Europe. »Sie reden über einen wirtschaftlichen Wiederaufbau außerhalb Europas, und damit sprechen sie die größte Sorge der Bevölkerung an.«

"Auch Deutschland wird sich bald entscheiden müssen"

Prominente Europagegner wie der ehemalige Tory-Minister John Redwood etwa, halten die Reindustrialisierung für den besten Ansatz, um in den Schwellenländern zu wachsen. »Im globalen Wettbewerb wird Europas wirtschaftliche Bedeutung in Zukunft stark nachlassen. Wir tun gut daran, uns rechtzeitig auf neue Wachstumsmärkte zu konzentrieren«, sagt er. Dass Deutschland derzeit beides kann, nach China exportieren und gleichzeitig in Europa verankert sein, hält er mittelfristig nicht für praktikabel. »Auch Deutschland wird sich bald entscheiden müssen, ob es eine globale Handelsmacht bleibt oder auf europäisches Mittelmaß absinkt.«

Bis zu den nächsten Wahlen hat David Cameron zwei Jahre lang Zeit, um den Briten eine glaubwürdige Vision wirtschaftlicher Stabilität in Europa zu präsentieren und das restliche Europa davon zu überzeugen, dass ein Austritt für die EU genauso verheerend wäre wie für Großbritannien selbst. Bis dahin wird sich der Premierminister immer wieder daran erinnern, dass Margaret Thatcher nach ihrer Rede von Brügge noch zwei Jahre im Amt war, bevor sie von ihrer eigenen Partei gestürzt wurde.