Die Briten suchen also ein neues Modell, und mit der Krise in der Euro-Zone, den Bildern von noch größerem wirtschaftlichem Elend in Griechenland und Spanien scheint ihnen Europa alles andere als eine ideale Antwort auf die eigenen Probleme zu sein.

Im Gegenteil. Um die Strukturfehler des Euro zu beheben, muss die politische Integration Europas wenigstens innerhalb der Euro-Zone vorangetrieben werden. »Wir brauchen eine wirtschaftliche Erneuerung, keine politische«, sagt eine Beraterin von Cameron. Brüssel habe nun mal den Ruf, sich einzumischen und Wachstum durch lästige Vorschriften eher zu hemmen, als zu fördern. »Da liegt der instinktive Rückzug aus Europa doch viel näher als eine engere Bindung.«

Cameron selbst sieht das freilich ganz anders. Die Amsterdamer Rede dürfte einmal mehr betonen, was er schon lange sagt: »Ein Austritt aus der EU wäre nicht in Großbritanniens nationalem Interesse.« Allerdings will er neu darüber verhandeln, welche der Brüsseler Gesetze für Großbritannien Geltung haben und welche nicht. Vom Kontinent aus riecht das freilich nach der alten pick and mix-Masche der Briten. »Das ist keine Grundlage für ein vereintes Europa«, sagt der Ureuropäer Jean-Claude Juncker daraufhin nur.

"Die Europagegner haben die Hoheit über die Argumente"

So wird klar, dass Cameron hier versucht, neue Tatsachen zu schaffen, die er allein nicht schaffen kann. Ein Volksentscheid soll erst dann stattfinden, so verspricht er, wenn die britische EU-Mitgliedschaft neu definiert und durch eine Änderung des Lissabon-Vertrags verbrieft worden ist.

Statt die Austrittsfrage zu stellen, will er den Briten diese neue Charta dann in einem Volksentscheid zur Abstimmung vorlegen. Aus seiner Sicht ist das nachvollziehbar, denn es wäre seine einzige Chance, ein Referendum zu gewinnen. Für die meisten Europäer aber, Angela Merkel eingeschlossen, steht eine Vertragsänderung nicht zur Diskussion.

Genauso unwahrscheinlich ist es, dass David Cameron ohne ein Referendum weiterregieren könnte. Dazu ist der innenpolitische Druck zu groß, nicht zuletzt aus seiner eigenen Partei. »In der politischen Arena haben die Europagegner die Hoheit über die Argumente«, urteilt Mats Persson von dem Thinktank Open Europe. »Sie reden über einen wirtschaftlichen Wiederaufbau außerhalb Europas, und damit sprechen sie die größte Sorge der Bevölkerung an.«

"Auch Deutschland wird sich bald entscheiden müssen"

Prominente Europagegner wie der ehemalige Tory-Minister John Redwood etwa, halten die Reindustrialisierung für den besten Ansatz, um in den Schwellenländern zu wachsen. »Im globalen Wettbewerb wird Europas wirtschaftliche Bedeutung in Zukunft stark nachlassen. Wir tun gut daran, uns rechtzeitig auf neue Wachstumsmärkte zu konzentrieren«, sagt er. Dass Deutschland derzeit beides kann, nach China exportieren und gleichzeitig in Europa verankert sein, hält er mittelfristig nicht für praktikabel. »Auch Deutschland wird sich bald entscheiden müssen, ob es eine globale Handelsmacht bleibt oder auf europäisches Mittelmaß absinkt.«

Bis zu den nächsten Wahlen hat David Cameron zwei Jahre lang Zeit, um den Briten eine glaubwürdige Vision wirtschaftlicher Stabilität in Europa zu präsentieren und das restliche Europa davon zu überzeugen, dass ein Austritt für die EU genauso verheerend wäre wie für Großbritannien selbst. Bis dahin wird sich der Premierminister immer wieder daran erinnern, dass Margaret Thatcher nach ihrer Rede von Brügge noch zwei Jahre im Amt war, bevor sie von ihrer eigenen Partei gestürzt wurde.