Es ist der Vormittag des 30. Januar 1933. Im Hotel Kaiserhof in der Mohrenstraße, Hitlers Berliner Residenz nahe der Reichskanzlei, versammeln sich seine Gefolgsleute. Es herrscht eine fiebrige Spannung. Um 11 Uhr soll Reichspräsident Paul von Hindenburg das neue »Kabinett der nationalen Konzentration« unter Führung des NSDAP-Vorsitzenden vereidigen. Doch es scheint Komplikationen zu geben. Endlich, kurz nach zwölf, kehrt der frisch ernannte Reichskanzler, begleitet vom Jubel seiner Anhänger, ins Hotel zurück. »Uns allen stehen die Tränen in den Augen. Wir drücken Hitler die Hand. Er hat’s verdient«, notiert Joseph Goebbels, der Berliner Gauleiter und Propagandachef der Partei.

Am Abend feiern die Nationalsozialisten das Ereignis mit einem stundenlangen Fackelzug. »Träum’ ich oder wach’ ich«, schreibt Rudolf Heß, der Sekretär des »Führers«, am Morgen danach an seine Frau. »Ich sitze im Arbeitszimmer des Kanzlers in der Reichskanzlei am Wilhelmplatz.« Dabei habe er vor wenigen Stunden geglaubt, es könnte sich im letzten Augenblick doch noch alles zerschlagen. Auch sein Chef habe ihm anvertraut, dass »es ein paar Mal auf des Messers Schneide stand«.

Tatsächlich war Hitlers Weg zur Macht kein unaufhaltsamer Siegeszug, sondern eine Hängepartie, die auch anders hätte ausgehen können. Zwar hatten die Nationalsozialisten ihren kometenhaften Aufstieg seit 1929/30 mit den Reichstagswahlen von Ende Juli 1932 gekrönt. Mit 37,3 Prozent der Stimmen war die NSDAP zur stärksten Partei geworden, und die Tür zur Wilhelmstraße schien sperrangelweit offen.

Doch am 13. August lehnte Hitler das Angebot Hindenburgs kategorisch ab, als Vizekanzler in das Präsidialkabinett des Reichskanzlers Franz von Papen einzutreten. Er wollte, wie er erklärte, die Führung der Regierung »in vollem Umfang« für sich und seine Partei, was ihm der Reichspräsident verweigerte. Der angeblich so instinktsichere Hitler hatte zu hoch gepokert. Von nun an begann der Abstieg der NSDAP. Bei den Reichstagswahlen am 6. November verlor sie über zwei Millionen Stimmen; ihr Anteil ging um 4,2 Prozentpunkte auf 33,1 Prozent zurück. »Wir haben eine schwere Schlappe erlitten«, gab Goebbels unumwunden zu.

Hitlers Prestige war angeschlagen. Mit seiner Alles-oder-nichts-Strategie hatte er seine Bewegung in eine Sackgasse manövriert. Zum ersten Mal regten sich auch in den eigenen Reihen massive Zweifel an seinem Weitblick. Und es kam noch härter: Bei den thüringischen Gemeindewahlen Anfang Dezember 1932 büßte die NSDAP 40 Prozent der Stimmen ein. Es drohte ein Sturz ins Bodenlose. In München beobachtete die Politische Polizei erste Auflösungserscheinungen unter den Parteimitgliedern; in der SA, Hitlers Bürgerkriegstruppe, rumorte es.

Am 8. Dezember trat Gregor Straßer, der Reichsorganisationsleiter und wichtigste Mann nach Hitler, von allen Parteiämtern zurück. Er hatte sich vergeblich darum bemüht, Hitler von seiner starren Strategie abzubringen, und wollte ihn dazu bewegen, sich an der Regierung des parteilosen Generals Kurt von Schleicher zu beteiligen, der am 2. Dezember Papen als Reichskanzler abgelöst hatte. Die Nachricht vom Rücktritt Straßers schlug in der Reichshauptstadt wie eine Bombe ein. »Wenn die Partei zerfällt, mache ich in drei Minuten Schluss«, drohte Hitler bei einer Krisensitzung im Hotel Kaiserhof. Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass der Hasardeur mit Selbstmordgedanken spielte, bevor er sich Ende April 1945 im Bunker der Reichskanzlei tatsächlich das Leben nehmen sollte.

In republikanischen Kreisen herrschte zum Jahreswechsel 1932/33 allenthalben Erleichterung. »Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen«, verkündete die Frankfurter Zeitung, und das war der Tenor in den Leitartikeln aller großen liberalen Blätter. Auch ausländische Beobachter zeigten sich überzeugt, dass die Hitler-Bewegung im unaufhaltsamen Niedergang begriffen sei.

 Rache und Machtspiele bereiteten Hitler den Boden

»Mein Fränzchen, du hast schon wieder einen Schnitzer begangen«

Ende 1932 mehrten sich überdies erste Anzeichen einer konjunkturellen Erholung. Die saisonbedingte Zunahme der Arbeitslosigkeit erreichte nicht mehr das Ausmaß des Vorjahres. Die Talsohle der Wirtschaftskrise schien durchschritten; vorsichtiger Optimismus machte sich breit. Land!, verhieß die Schlagzeile im Wirtschaftsteil der Frankfurter Zeitung am Neujahrstag 1933.

Doch nur vier Wochen später war eingetreten, womit kaum noch jemand gerechnet hatte: Hitler ist Reichskanzler. Diese überraschende Wende war kein »Triumph des Willens«, zu dem die NS-Propaganda die »Machtergreifung« bald verklärte – sie war das Ergebnis eines sinistren Ränkespiels hinter den Kulissen, bei dem nur wenige Akteure die Strippen zogen.

Die Figur, von der alles abhing, war Hindenburg. Der bereits 85-jährige Reichspräsident war keineswegs der halb demente Alte, als den man ihn nach 1945 gern entschuldigt hat, sondern von erstaunlicher geistiger Frische und jederzeit Herr seiner Entschlüsse. Als seine wichtigsten Gehilfen agierten der frühere Reichskanzler von Papen, Staatssekretär Otto Meissner, der schon unter dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert gedient hatte, und der »in der Verfassung nicht vorgesehene« Sohn des Reichspräsidenten, Oskar von Hindenburg.

Den Auftakt machte das Treffen Papens mit Hitler am 4. Januar 1933 in Köln, das der Bonner Historiker Karl Dietrich Bracher 1955 in seinem klassischen Werk Die Auflösung der Weimarer Republik zu Recht als »die Geburtsstunde des ›Dritten Reiches‹« bezeichnet. Eingefädelt hatte es der Kölner Bankier Kurt von Schröder, der Mitglied im sogenannten Keppler-Kreis war – einer auf Betreiben des früheren Reichsbankpräsidenten und Hitler-Sympathisanten Hjalmar Schacht eingerichteten Arbeitsstelle, welche die wirtschaftspolitischen Ziele der Nazis mit denen der Privatwirtschaft in Einklang bringen sollte.

Franz von Papen, ein Herrenreiter aus altem westfälischem Adel, hatte mit dem neuen Kanzler Schleicher noch eine Rechnung offen. Zwar war es der politisierende General gewesen, der ihn nach Brünings Entlassung Ende Mai 1932 zum Reichskanzler im »Kabinett der Barone« gemacht und sich selbst mit dem Posten des Reichswehrministers begnügt hatte – in der Annahme, den bislang weitgehend unbekannten Hinterbänkler der Zentrumsfraktion im Preußischen Abgeordnetenhaus als Werkzeug der eigenen Machtambitionen lenken zu können. Doch hatte es Papen verstanden, sich bei Hindenburg einzuschmeicheln, und sich bald von Schleichers Vormundschaft emanzipiert. Enttäuscht brach der General mit Papen und setzte sich Anfang Dezember 1932 selbst an dessen Stelle.

Papen sann auf Rache und sah in einer Verbindung mit Hitler die Möglichkeit, nun seinerseits Schleicher aus dem Amt zu drängen und wieder eine wichtige Rolle zu spielen. Hitler wiederum erkannte in einer Verständigung mit Papen die Chance, aus der desolaten Lage, in die er seine Partei hineingesteuert hatte, herauszukommen und das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Er wusste, dass Papen immer noch das Ohr Hindenburgs hatte, und konnte hoffen, mit seiner Hilfe den Widerstand des Reichspräsidenten gegen seine Kanzlerschaft zu brechen.

Das zweistündige Gespräch in Schröders Kölner Villa brachte zwar noch keine Einigung: Papen schlug eine Art »Duumvirat«, eine Teilung der Macht zwischen ihm und Hitler, vor; Hitler aber beharrte auf der alleinigen Kanzlerschaft. Man trennte sich mit dem Versprechen, das Gespräch fortzusetzen.

Die Absicht, alles geheim zu halten, schlug indes fehl. Als Papen vor Schröders Haus aus dem Auto stieg, wurde er von einem Reporter fotografiert. Tags darauf erschien die Tägliche Rundschau, ein Schleicher nahestehendes Blatt, mit der Schlagzeile: Hitler und Papen gegen Schleicher. Tagelang wurde in den Zeitungen darüber spekuliert, was die beiden Verschwörer wohl im Schilde führten.

Kanzler Schleicher selbst zeigte sich wenig beunruhigt. Beim Tee mit dem französischen Botschafter André François-Poncet am 6. Januar in Berlin äußerte er sich herablassend über seinen Vorgänger: »Mein Fränzchen, du hast schon wieder einen Schnitzer begangen«, wolle er ihm bei ihrer nächsten Zusammenkunft zu verstehen geben. Dabei hatte Schleicher allen Grund, besorgt zu sein. Denn seit seiner (vom Rundfunk übertragenen) Regierungserklärung am 15. Dezember 1932, in der er sich als »sozialer General« präsentiert und öffentliche Beschäftigungsprogramme versprochen hatte, war die Großindustrie auf Distanz zu ihm gegangen.

Gleichzeitig begann der Reichslandbund, die mächtige Lobbyorganisation der ostelbischen Großgrundbesitzer, das Kabinett Schleicher zu attackieren. Es wurde beschuldigt, nicht genug zum Schutz der Agrarier gegen billige Lebensmittelimporte zu tun und einer »Verelendung der deutschen Landwirtschaft« Vorschub zu leisten, wie man sie »selbst unter einer rein marxistischen Regierung nicht für möglich« gehalten hätte.

In mancher Beziehung erinnerte diese Agitation an die Kampagne gegen den angeblichen »Agrarbolschewismus« des Reichskanzlers Heinrich Brüning, die maßgeblich zu dessen Sturz acht Monate zuvor beigetragen hatte. Hindenburg, der als Besitzer des Gutes Neudeck in Ostpreußen für die Interessen der preußischen Junker stets aufgeschlossen war, zeigte sich auch diesmal von den Klagen der Agrarier beeindruckt. Jedenfalls konnte sich Schleicher seines Rückhalts beim Reichspräsidenten nicht mehr sicher sein.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar traf sich Hitler mit Papen in der Villa des Sekthändlers Joachim von Ribbentrop in Berlin-Dahlem. Ribbentrop, ein ehemaliger Offizier, der nach dem Krieg ins Spirituosengeschäft eingestiegen war und es durch die Heirat mit der Tochter des Sektfabrikanten Henkell zu Wohlstand gebracht hatte, war Hitler im August 1932 zum ersten Mal begegnet und bald darauf der NSDAP beigetreten. Durch die Konnexionen, über die er als Mitglied des exklusiven Berliner Herrenklubs verfügte, bot er sich für eine Vermittlerrolle zwischen Konservativen und Nationalsozialisten an.

Was in dem zweiten Vieraugengespräch zwischen Hitler und Papen besprochen wurde, ist nicht bekannt. Offenbar kam man nicht recht weiter, denn die Einladung, bei einem Mittagessen in Dahlem am 12. Januar den Meinungsaustausch fortzusetzen, sagte Hitler kurzfristig ab. »Alles noch in der Schwebe«, bemerkte Goebbels.

 39,5 Prozent der Stimmen bekam die NSDAP

Für Hitler stand in diesen Tagen die Landtagswahl in Lippe-Detmold im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Denn hier wollte er zeigen, dass die NSDAP ihre Krise überwunden hatte und wieder zu siegen verstand. So wurde der Kleinstaat, der gerade einmal 174.000 Einwohner, darunter 117.000 Wahlberechtigte zählte, in den ersten beiden Januarwochen von einer noch nie da gewesenen Propagandawelle überschwemmt. Der NSDAP-Vorsitzende selbst sprach in zehn Tagen auf sechzehn Veranstaltungen. »Hitler geht auf die Dörfer«, glossierte die Lippische Landes-Zeitung den Wahlkampfauftritt.

Am Abend des 15. Januar stand das Ergebnis fest: Die NSDAP hatte 39.064 Stimmen (39,5 Prozent) erhalten. Das waren knapp 6.000 mehr als im November, aber immer noch rund 3.500 weniger als bei der Juliwahl 1932. Dennoch feierte die NS-Presse das Ergebnis als einen großen Sieg. »Partei wieder auf dem Vormarsch. Es hat sich also doch gelohnt«, zeigte sich Goebbels befriedigt. Die psychologische Wirkung dieser Propaganda blieb nicht aus: Hitlers Stellung in der Partei war wieder gefestigt und seine Verhandlungsposition gegenüber Papen gestärkt.

»Der junge Oskar ist ein seltenes Abbild von Doofheit«

Nach der Gauleitertagung in Weimar am 16. Januar fuhr Hitler nach Berlin, um hier die Geheimgespräche über die Bildung einer Regierung unter seiner Führung voranzutreiben. Am 17. Januar traf er sich mit dem Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Alfred Hugenberg. Hatten sich die Partner der im Oktober 1931 geschlossenen »Harzburger Front« während des ganzen Jahres 1932 noch heftig befehdet, so war das Verhältnis inzwischen wieder entspannter. Der Führer der NSDAP ließ den Medienzaren wissen, dass er ihm im Falle seiner Kanzlerschaft einen wichtigen Platz in seinem Kabinett einräumen wolle. Hugenberg scheine »sich ziemlich mit Hitler gefunden zu haben, ohne daß Verständigung perfekt geworden wäre«, notierte ein Abgeordneter der DNVP über das Ergebnis der Besprechung.

Am Mittag des 18. Januar fand sich Hitler, begleitet von SA-Stabschef Ernst Röhm und SS-Reichsführer Heinrich Himmler, wieder in Ribbentrops Dahlemer Villa ein, um die Verhandlungen mit Papen fortzusetzen. Nachdrücklicher noch als zuvor bestand er, bestärkt durch den Erfolg in Lippe, darauf, ihm die Kanzlerschaft zu übertragen. Papen erwiderte, das durchzusetzen übersteige seinen Einfluss bei Hindenburg. Damit schienen die Gespräche an einem toten Punkt angelangt zu sein. Er habe sich »inzwischen nach allen Richtungen bemüht, die nationale Konzentration zu finden«, klagte Papen in einem Brief an den Ruhrindustriellen Fritz Springorum, stoße »aber bei Hitler infolge der lippischen Wahlen auf großen Widerstand, als Juniorpartner in ein Kabinett einzutreten«. Noch also schloss Papen eine Neuauflage seiner Kanzlerschaft nicht aus.

Um die Blockade zu überwinden, schlug Ribbentrop vor, Oskar von Hindenburg mit Hitler zusammenzubringen, um so auch von der familiären Seite her den Druck auf Hindenburg zu erhöhen. Tatsächlich fand sich der Präsidentensohn am Abend des 22. Januar in Begleitung von Staatssekretär Meissner in Dahlem ein. Offenbar gelang es Hitler, den jungen Hindenburg zu beeindrucken. Jedenfalls äußerte sich dieser auf der Rückfahrt recht anerkennend über den »böhmischen Gefreiten«, wie man am Hofe des Reichspräsidenten den Emporkömmling zu titulieren pflegte. Hitler war von seinem Gesprächspartner weniger angetan: »Der junge Oskar« sei »ein seltenes Abbild von Doofheit«, ließ er im vertrauten Kreis fallen.

Am Abend des 23. Januar reiste Hitler nach München, um dort einige Tage auszuspannen. In der Zwischenzeit führten Reichstagspräsident Hermann Göring und der Vorsitzende der NSDAP-Reichstagsfraktion Wilhelm Frick die Verhandlungen in Dahlem fort. Papen hatte bereits im Anschluss an das Gespräch Hitlers mit Oskar von Hindenburg erstmals durchblicken lassen, unter Umständen wolle er sich mit dem Posten des Vizekanzlers bescheiden. Nun kam man überein, dass sich Hindenburgs Widerstand gegen eine Kanzlerschaft Hitlers am ehesten überwinden lasse, wenn man ihm sein Wunschkabinett der »nationalen Konzentration« präsentierte, in dem alle Kräfte der wiederbelebten »Harzburger Front« zusammengeführt würden.

Unterdessen beschleunigte sich der Machtverfall Schleichers. Auch Hugenbergs Deutschnationale gingen auf Distanz zu ihm. Am 31. Januar sollte erstmals seit Dezember 1932 der Reichstag zusammentreten. Es war abzusehen, dass er dem Reichskanzler mit überwältigender Mehrheit das Misstrauen aussprechen würde. Um der Abstimmungsniederlage zu entgehen, brauchte Schleicher die präsidiale Ermächtigung, das Parlament vorher aufzulösen.

»Sie werden nachts in Unterhosen durch die Ministergärten flüchten«

Doch Hindenburg hatte sich entschlossen, Schleicher fallen zu lassen. Durch Papen blieb er fortlaufend über die Verhandlungen mit Hitler unterrichtet, und so wusste er, dass sich hier eine Alternative anbahnte. Am Mittag des 28. Januar wies er Schleichers Bitte um Gewährung der Auflösungsorder definitiv zurück. Unmittelbar danach erklärte Schleicher die Demission seines Kabinetts. Papen erhielt nun auch offiziell den Auftrag, die Verhandlungen über eine neue Regierungsbildung zu führen.

 Zähe Verhandlungen in Berlin

Am 27. Januar, einen Tag vor Schleichers Rücktritt, war Hitler wieder in Berlin. Am Nachmittag kamen er und Frick in Görings Amtssitz erneut mit Hugenberg zusammen. Göring gab bekannt, Papen befürworte inzwischen Hitlers Ernennung zum Kanzler. Doch der deutschnationale Parteiführer sperrte sich noch. So wies er Hitlers Forderung zurück, den Posten des preußischen Innenministers mit einem seiner Männer zu besetzen. Denn damit hätten die Nationalsozialisten die Kontrolle über die Polizei im größten Land bekommen.

Hitler war über Hugenbergs Haltung verärgert, er wollte gleich wieder nach München abreisen. Die alte Furcht, die Konservativen könnten ihn, wie im vergangenen August, noch kurz vor dem Ziel aus dem Rennen werfen, regte sich erneut. »Hitler ist noch sehr skeptisch und argwöhnisch. Mit Recht. Da drüben eine große Betrügerbande!«, ereiferte sich Goebbels.

Wieder standen die Verhandlungen vor dem Scheitern. Da griff Papen ein. Am Abend des 27. Januar erklärte er in Dahlem, man solle doch den Streit zwischen Hitler und Hugenberg nicht so wichtig nehmen. Entscheidend sei: Er selbst bekenne sich »jetzt voll und ganz zur Kanzlerschaft Hitlers« und werde alles tun, um sie bei Hindenburg durchzusetzen.

Tatsächlich gelang es Papen im Laufe des 28. Januar, Hindenburgs Widerstand endgültig zu überwinden. Der Reichspräsident äußerte sich erfreut, dass Hitler seine Ansprüche zurückgeschraubt habe und sich mit wenigen Ministerien zufriedengeben wolle. Auch Hugenberg, mit dem Papen am Nachmittag konferierte, zeigte sich nun konzilianter: Man müsse »also mit Hitler paktieren und seine Befugnisse möglichst einzuschränken versuchen«.

Am Vormittag des 29. Januar einigten sich Papen und Hitler auf die Zusammensetzung des Kabinetts. Papen stimmte dem Vorschlag Hitlers zu, das Innenministerium mit Frick zu besetzen; Hitler seinerseits musste Hindenburgs Wunsch akzeptieren, Vizekanzler Papen das Amt des Reichskommissars für Preußen zu übertragen. Als Ausgleich dafür sollte Göring preußischer Innenminister und Stellvertreter des Reichskommissars werden. Dadurch bekam er Zugriff auf die preußische Polizei, was Hugenberg gerade hatte verhindern wollen.

Am Nachmittag machte sich Papen daran, die letzten Vorbehalte der Deutschnationalen gegen ein Kabinett Hitler auszuräumen. Er bot Hugenberg nicht nur das Wirtschaftsressort, sondern darüber hinaus das Landwirtschaftsministerium im Reich und in Preußen an – ein Vorschlag, den Hugenberg nicht ablehnen konnte.

Auch Franz Seldte, der Erste Bundesführer des Bundes der Frontsoldaten »Stahlhelm«, erklärte sich bereit, als Arbeitsminister ins Kabinett einzutreten. Nur Theodor Duesterberg, der Zweite Bundesführer, den die Nationalsozialisten erst wenige Monate zuvor wegen seines jüdischen Großvaters heftig attackiert hatten, warnte Hugenberg: »Es wird die Stunde kommen, Herr Geheimrat, in der Sie nachts in Unterhosen durch die Ministergärten flüchten müssen.« Doch Hugenberg wischte die Bedenken beiseite. Durch die Dominanz der Konservativen im Kabinett sei die Gefahr eines Machtmissbrauchs durch die Nationalsozialisten neutralisiert: »Wir rahmen also Hitler ein.«

Hartnäckig hielten sich in Berlin Gerüchte, Hindenburg könnte am Ende doch noch einem »Kampfkabinett« Papen/Hugenberg ohne Beteiligung der NSDAP den Vorzug geben und die Reichswehr plane für diesen Fall einen Putsch. Obwohl sich bald herausstellte, dass diese Gerüchte jeder Grundlage entbehrten, beschleunigten sie doch den Gang der Entwicklung. Noch am späten Abend des 29. Januar legte Papen Hindenburg die Liste des Kabinetts Hitler vor. Für die Nationalsozialisten gab es nur zwei Ministerposten: Frick (Innen) und Göring als Minister ohne Geschäftsbereich, preußischer Innenminister und Reichskommissar für den Luftverkehr. Drei parteilose Minister hatten bereits den Kabinetten Papen und Schleicher angehört: Konstantin Freiherr von Neurath (Äußeres), Lutz Graf Schwerin von Krosigk (Finanzen), Paul Freiherr von Eltz-Rübenach (Post und Verkehr). Neu hinzu kamen Hugenberg (Wirtschaft und Landwirtschaft), Seldte (Arbeit) und Werner von Blomberg, Befehlshaber des Wehrkreises I in Ostpreußen, den sich Hindenburg als Reichswehrminister gewünscht hatte. Nur der Justizminister war noch nicht nominiert worden, weil Papen Hindenburg in dem Glauben gewiegt hatte, man führe Verhandlungen mit dem Zentrum über eine Regierungsbeteiligung und zu diesem Zweck müsse ein Ministerium vakant gehalten werden. (Es sollte dann mit Franz Gürtner besetzt werden, der den Posten schon unter Papen und Schleicher innehatte.)

So kam denn der 30. Januar. Als Blomberg am frühen Morgen im Anhalter Bahnhof aus dem Zug steigt, wartet bereits Oskar von Hindenburg auf ihn, der ihn zur Wilhelmstraße bringt. Dort wird er vom Reichspräsidenten kurz nach neun als neuer Reichswehrminister vereidigt. Ebenfalls in den Morgenstunden kommen Hugenberg und die beiden »Stahlhelm«-Bundesführer in Papens Wohnung in der Wilhelmstraße. Bald darauf treffen Hitler und Göring ein. Einmal mehr erweist sich der NSDAP-Chef als geborener Schauspieler. Er eilt auf Duesterberg zu, ergreift seine Hand und erklärt scheinbar tief bewegt, mit feierlicher Stimme und Tränen in den Augen: »Ich bedauere die Ihnen durch meine Presse zugefügten persönlichen Beleidigungen. Ich versichere Ihnen auf mein Wort, daß ich diese nicht veranlaßt habe.«

Gegen 10.45 Uhr, eine Viertelstunde vor der geplanten Vereidigung des Gesamtkabinetts, begibt sich die Gesellschaft zu Fuß durch die Ministergärten zu Hindenburgs Amtssitz, wo sich auch die übrigen designierten Minister (mit Ausnahme des erkrankten Eltz-Rübenach) einfinden. Erst jetzt rückt Hitler gegenüber Hugenberg damit heraus, dass er sich mit Papen darauf verständigt habe, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen. Der überrumpelte Vorsitzende der DNVP widerspricht vehement: Das Ergebnis der Novemberwahl habe die Stärkeverhältnisse der Parteien zutreffend abgebildet; eine Neuwahl sei deshalb nicht vonnöten.

 Unvermeidlich war diese Regierung nicht

Mit großer Geste gibt Hitler sein Ehrenwort: Wie immer die Wahl ausgehen werde, an der Zusammensetzung des Kabinetts solle sich nichts ändern. Doch Hugenberg bleibt bei seinem Nein auch noch, als Papen ihn inständig bittet, die mühsam zustande gebrachte Einigung nicht zu gefährden. So scheint die Regierungsbildung buchstäblich in letzter Minute zu scheitern. Inzwischen ist der Termin der Vereidigung verstrichen. Mit der Uhr in der Hand stürzt Staatssekretär Meissner in den Raum: »Es ist 11.15 Uhr. Sie können den Herrn Reichspräsidenten nicht länger warten lassen.« Jetzt gibt Hugenberg nach, und Hitler hat das Spiel gewonnen.

»Alles in allem war diese Regierung kein Grund zur Beunruhigung«

»Was wollen Sie denn!«, hält Franz von Papen Kritikern entgegen. »Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, daß er quietscht!« Fataler kann Hitlers Machtwille nicht unterschätzt werden. Dass Hugenberg bereits am 31. Januar gegenüber dem Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler bekannt haben will, er habe »die größte Dummheit« seines Lebens gemacht, indem er sich mit dem »größten Demagogen der Weltgeschichte« verbündete, ist wenig glaubhaft. Denn der Superminister fühlt sich als der eigentliche starke Mann im Kabinett und ist wie Papen und die anderen konservativen Minister davon überzeugt, Hitler im Zaum halten zu können.

Nicht nur Hitlers Steigbügelhalter, auch seine Gegner im Lager der Republikaner machen sich falsche Vorstellungen von der neuen Regierung. »Im Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg ist die Harzburger Front wiederauferstanden«, heißt es in einem Aufruf des SPD-Parteivorstands vom 30. Januar, in dem die Anhänger vor außerparlamentarischen Aktionen gewarnt werden. Für die SPD-Führer ist Hitler ein Gefangener der sozialreaktionären Machteliten aus ostelbischem Großgrundbesitz und rheinisch-westfälischer Schwerindustrie. Nicht er, sondern Papen und der »Wirtschaftsdiktator« Hugenberg, so glauben sie, werden die künftige Politik bestimmen, und der braune Messias werde bald entzaubert sein.

In seiner im englischen Exil geschriebenen Geschichte eines Deutschen erinnert sich der Publizist Sebastian Haffner 1939 an den »eisigen Schreck«, der ihn sechs Jahre zuvor bei der Nachricht von Hitlers Ernennung befiel. »Einen Augenblick spürte ich fast körperlich den Blut- und Schmutzgeruch um diesen Mann Hitler, und ich empfand etwas wie die zugleich bedrohliche und ekelerregende Annäherung eines mörderischen Tiers – eine schmutzige scharfkrallige Pfote an meinem Gesicht.« Und doch waren sein Vater, ein liberaler Reformpädagoge, und er selbst, 1933 noch Referendar am Berliner Kammergericht, sich rasch einig: Das neue Kabinett werde sich nicht lange halten. »Nein, alles in allem genommen«, so meinten sie damals, »war diese Regierung kein Grund zur Beunruhigung.«

Auch für die meisten ausländischen Diplomaten markiert der 30. Januar 1933 noch nicht die fundamentale Zäsur, als die er sich dem rückschauenden Blick darstellt. So hört der britische Journalist Sefton Delmer von seinen Freunden in der britischen Botschaft, dass Hitler »ein Kanzler in Handschellen« sei: »Er ist der Gefangene Papens und Hindenburgs.«

Den Schweizer Gesandten, Paul Dinichert, erreicht die Nachricht von der Bildung der neuen Regierung, als er mit einigen »hochgestellten deutschen Persönlichkeiten« zu Mittag isst. »Keiner der Anwesenden schien davon eine Ahnung gehabt zu haben«, berichtet er am 2. Februar nach Bern. »Kopfschütteln, ›Wie lange mag das wohl dauern?‹, ›Na, es hätte ja schlimmer ausfallen können‹. So ging’s im Kreise.« Klar erkennt Dinichert, dass Hitlers Kanzlerschaft das Ergebnis eines »politischen Schach- und Zusammensetzspiels« ist, bei dem Papen die Drähte gezogen hat. Doch auch er glaubt, Hitler sei nun »mit zwei seiner Jünger eingespannt, eingekeilt oder eingeklemmt – wie man das illustrieren will – zwischen den Kollegen von Papen und Hugenberg«.

Hitlers Triumph war keineswegs ein »Betriebsunfall« der deutschen Geschichte, aber er war auch nicht das unvermeidliche Resultat der Weimarer Staatskrise. Noch Ende Januar 1933 gab es die Möglichkeit, ihn von der Macht fernzuhalten – wenn Hindenburg Schleicher die Auflösungsorder nicht verweigert und ihm gewährt hätte, was er Papen schon einmal zugestanden hatte: nämlich die Neuwahlen zum Reichstag über die verfassungsmäßig gesetzte Frist von 60 Tagen hinaus zu verschieben. Diese Lösung wäre auf eine verschleierte Militärdiktatur hinausgelaufen; die Chancen, dadurch erst einmal Zeit zu gewinnen, bis sich die wirtschaftliche Lage sichtbar gebessert haben würde, standen nicht schlecht.

Ob Hitler unter diesen Umständen gewagt hätte, die SA zum Gegenschlag zu mobilisieren und sie in einen bewaffneten Konflikt mit der Reichswehr zu verwickeln, erscheint sehr zweifelhaft. Entscheidend war Hindenburgs Haltung. Er hatte sich von Papen und anderen Ratgebern davon überzeugen lassen, ein »Kabinett der nationalen Konzentration«, in dem Hitler durch das Übergewicht der konservativen Minister zugleich »eingerahmt« und »gezähmt« werden könne, sei die weniger riskante Lösung der Krise.

Wichtig im Schlussakt des Dramas war auch das Drängen der ostelbischen Rittergutsbesitzer, hatten sie doch einen privilegierten Zugang zu Hindenburg. Dabei verkannten sie ebenso wie die konservative Mehrheit im Kabinett die Entschlossenheit Hitlers, sich jeder Kontrolle zu entziehen. Allesamt glaubten sie, ihn für ihre Zwecke »engagiert« zu haben. Es sollte nur wenige Wochen dauern, bis sich das als eine grandiose Illusion erwies.