Für Hitler stand in diesen Tagen die Landtagswahl in Lippe-Detmold im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Denn hier wollte er zeigen, dass die NSDAP ihre Krise überwunden hatte und wieder zu siegen verstand. So wurde der Kleinstaat, der gerade einmal 174.000 Einwohner, darunter 117.000 Wahlberechtigte zählte, in den ersten beiden Januarwochen von einer noch nie da gewesenen Propagandawelle überschwemmt. Der NSDAP-Vorsitzende selbst sprach in zehn Tagen auf sechzehn Veranstaltungen. »Hitler geht auf die Dörfer«, glossierte die Lippische Landes-Zeitung den Wahlkampfauftritt.

Am Abend des 15. Januar stand das Ergebnis fest: Die NSDAP hatte 39.064 Stimmen (39,5 Prozent) erhalten. Das waren knapp 6.000 mehr als im November, aber immer noch rund 3.500 weniger als bei der Juliwahl 1932. Dennoch feierte die NS-Presse das Ergebnis als einen großen Sieg. »Partei wieder auf dem Vormarsch. Es hat sich also doch gelohnt«, zeigte sich Goebbels befriedigt. Die psychologische Wirkung dieser Propaganda blieb nicht aus: Hitlers Stellung in der Partei war wieder gefestigt und seine Verhandlungsposition gegenüber Papen gestärkt.

»Der junge Oskar ist ein seltenes Abbild von Doofheit«

Nach der Gauleitertagung in Weimar am 16. Januar fuhr Hitler nach Berlin, um hier die Geheimgespräche über die Bildung einer Regierung unter seiner Führung voranzutreiben. Am 17. Januar traf er sich mit dem Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Alfred Hugenberg. Hatten sich die Partner der im Oktober 1931 geschlossenen »Harzburger Front« während des ganzen Jahres 1932 noch heftig befehdet, so war das Verhältnis inzwischen wieder entspannter. Der Führer der NSDAP ließ den Medienzaren wissen, dass er ihm im Falle seiner Kanzlerschaft einen wichtigen Platz in seinem Kabinett einräumen wolle. Hugenberg scheine »sich ziemlich mit Hitler gefunden zu haben, ohne daß Verständigung perfekt geworden wäre«, notierte ein Abgeordneter der DNVP über das Ergebnis der Besprechung.

Am Mittag des 18. Januar fand sich Hitler, begleitet von SA-Stabschef Ernst Röhm und SS-Reichsführer Heinrich Himmler, wieder in Ribbentrops Dahlemer Villa ein, um die Verhandlungen mit Papen fortzusetzen. Nachdrücklicher noch als zuvor bestand er, bestärkt durch den Erfolg in Lippe, darauf, ihm die Kanzlerschaft zu übertragen. Papen erwiderte, das durchzusetzen übersteige seinen Einfluss bei Hindenburg. Damit schienen die Gespräche an einem toten Punkt angelangt zu sein. Er habe sich »inzwischen nach allen Richtungen bemüht, die nationale Konzentration zu finden«, klagte Papen in einem Brief an den Ruhrindustriellen Fritz Springorum, stoße »aber bei Hitler infolge der lippischen Wahlen auf großen Widerstand, als Juniorpartner in ein Kabinett einzutreten«. Noch also schloss Papen eine Neuauflage seiner Kanzlerschaft nicht aus.

Um die Blockade zu überwinden, schlug Ribbentrop vor, Oskar von Hindenburg mit Hitler zusammenzubringen, um so auch von der familiären Seite her den Druck auf Hindenburg zu erhöhen. Tatsächlich fand sich der Präsidentensohn am Abend des 22. Januar in Begleitung von Staatssekretär Meissner in Dahlem ein. Offenbar gelang es Hitler, den jungen Hindenburg zu beeindrucken. Jedenfalls äußerte sich dieser auf der Rückfahrt recht anerkennend über den »böhmischen Gefreiten«, wie man am Hofe des Reichspräsidenten den Emporkömmling zu titulieren pflegte. Hitler war von seinem Gesprächspartner weniger angetan: »Der junge Oskar« sei »ein seltenes Abbild von Doofheit«, ließ er im vertrauten Kreis fallen.

Am Abend des 23. Januar reiste Hitler nach München, um dort einige Tage auszuspannen. In der Zwischenzeit führten Reichstagspräsident Hermann Göring und der Vorsitzende der NSDAP-Reichstagsfraktion Wilhelm Frick die Verhandlungen in Dahlem fort. Papen hatte bereits im Anschluss an das Gespräch Hitlers mit Oskar von Hindenburg erstmals durchblicken lassen, unter Umständen wolle er sich mit dem Posten des Vizekanzlers bescheiden. Nun kam man überein, dass sich Hindenburgs Widerstand gegen eine Kanzlerschaft Hitlers am ehesten überwinden lasse, wenn man ihm sein Wunschkabinett der »nationalen Konzentration« präsentierte, in dem alle Kräfte der wiederbelebten »Harzburger Front« zusammengeführt würden.

Unterdessen beschleunigte sich der Machtverfall Schleichers. Auch Hugenbergs Deutschnationale gingen auf Distanz zu ihm. Am 31. Januar sollte erstmals seit Dezember 1932 der Reichstag zusammentreten. Es war abzusehen, dass er dem Reichskanzler mit überwältigender Mehrheit das Misstrauen aussprechen würde. Um der Abstimmungsniederlage zu entgehen, brauchte Schleicher die präsidiale Ermächtigung, das Parlament vorher aufzulösen.

»Sie werden nachts in Unterhosen durch die Ministergärten flüchten«

Doch Hindenburg hatte sich entschlossen, Schleicher fallen zu lassen. Durch Papen blieb er fortlaufend über die Verhandlungen mit Hitler unterrichtet, und so wusste er, dass sich hier eine Alternative anbahnte. Am Mittag des 28. Januar wies er Schleichers Bitte um Gewährung der Auflösungsorder definitiv zurück. Unmittelbar danach erklärte Schleicher die Demission seines Kabinetts. Papen erhielt nun auch offiziell den Auftrag, die Verhandlungen über eine neue Regierungsbildung zu führen.