Machtergreifung : Am Ziel
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 Zähe Verhandlungen in Berlin

Am 27. Januar, einen Tag vor Schleichers Rücktritt, war Hitler wieder in Berlin. Am Nachmittag kamen er und Frick in Görings Amtssitz erneut mit Hugenberg zusammen. Göring gab bekannt, Papen befürworte inzwischen Hitlers Ernennung zum Kanzler. Doch der deutschnationale Parteiführer sperrte sich noch. So wies er Hitlers Forderung zurück, den Posten des preußischen Innenministers mit einem seiner Männer zu besetzen. Denn damit hätten die Nationalsozialisten die Kontrolle über die Polizei im größten Land bekommen.

Hitler war über Hugenbergs Haltung verärgert, er wollte gleich wieder nach München abreisen. Die alte Furcht, die Konservativen könnten ihn, wie im vergangenen August, noch kurz vor dem Ziel aus dem Rennen werfen, regte sich erneut. »Hitler ist noch sehr skeptisch und argwöhnisch. Mit Recht. Da drüben eine große Betrügerbande!«, ereiferte sich Goebbels.

Wieder standen die Verhandlungen vor dem Scheitern. Da griff Papen ein. Am Abend des 27. Januar erklärte er in Dahlem, man solle doch den Streit zwischen Hitler und Hugenberg nicht so wichtig nehmen. Entscheidend sei: Er selbst bekenne sich »jetzt voll und ganz zur Kanzlerschaft Hitlers« und werde alles tun, um sie bei Hindenburg durchzusetzen.

Tatsächlich gelang es Papen im Laufe des 28. Januar, Hindenburgs Widerstand endgültig zu überwinden. Der Reichspräsident äußerte sich erfreut, dass Hitler seine Ansprüche zurückgeschraubt habe und sich mit wenigen Ministerien zufriedengeben wolle. Auch Hugenberg, mit dem Papen am Nachmittag konferierte, zeigte sich nun konzilianter: Man müsse »also mit Hitler paktieren und seine Befugnisse möglichst einzuschränken versuchen«.

Am Vormittag des 29. Januar einigten sich Papen und Hitler auf die Zusammensetzung des Kabinetts. Papen stimmte dem Vorschlag Hitlers zu, das Innenministerium mit Frick zu besetzen; Hitler seinerseits musste Hindenburgs Wunsch akzeptieren, Vizekanzler Papen das Amt des Reichskommissars für Preußen zu übertragen. Als Ausgleich dafür sollte Göring preußischer Innenminister und Stellvertreter des Reichskommissars werden. Dadurch bekam er Zugriff auf die preußische Polizei, was Hugenberg gerade hatte verhindern wollen.

Am Nachmittag machte sich Papen daran, die letzten Vorbehalte der Deutschnationalen gegen ein Kabinett Hitler auszuräumen. Er bot Hugenberg nicht nur das Wirtschaftsressort, sondern darüber hinaus das Landwirtschaftsministerium im Reich und in Preußen an – ein Vorschlag, den Hugenberg nicht ablehnen konnte.

Auch Franz Seldte, der Erste Bundesführer des Bundes der Frontsoldaten »Stahlhelm«, erklärte sich bereit, als Arbeitsminister ins Kabinett einzutreten. Nur Theodor Duesterberg, der Zweite Bundesführer, den die Nationalsozialisten erst wenige Monate zuvor wegen seines jüdischen Großvaters heftig attackiert hatten, warnte Hugenberg: »Es wird die Stunde kommen, Herr Geheimrat, in der Sie nachts in Unterhosen durch die Ministergärten flüchten müssen.« Doch Hugenberg wischte die Bedenken beiseite. Durch die Dominanz der Konservativen im Kabinett sei die Gefahr eines Machtmissbrauchs durch die Nationalsozialisten neutralisiert: »Wir rahmen also Hitler ein.«

Hartnäckig hielten sich in Berlin Gerüchte, Hindenburg könnte am Ende doch noch einem »Kampfkabinett« Papen/Hugenberg ohne Beteiligung der NSDAP den Vorzug geben und die Reichswehr plane für diesen Fall einen Putsch. Obwohl sich bald herausstellte, dass diese Gerüchte jeder Grundlage entbehrten, beschleunigten sie doch den Gang der Entwicklung. Noch am späten Abend des 29. Januar legte Papen Hindenburg die Liste des Kabinetts Hitler vor. Für die Nationalsozialisten gab es nur zwei Ministerposten: Frick (Innen) und Göring als Minister ohne Geschäftsbereich, preußischer Innenminister und Reichskommissar für den Luftverkehr. Drei parteilose Minister hatten bereits den Kabinetten Papen und Schleicher angehört: Konstantin Freiherr von Neurath (Äußeres), Lutz Graf Schwerin von Krosigk (Finanzen), Paul Freiherr von Eltz-Rübenach (Post und Verkehr). Neu hinzu kamen Hugenberg (Wirtschaft und Landwirtschaft), Seldte (Arbeit) und Werner von Blomberg, Befehlshaber des Wehrkreises I in Ostpreußen, den sich Hindenburg als Reichswehrminister gewünscht hatte. Nur der Justizminister war noch nicht nominiert worden, weil Papen Hindenburg in dem Glauben gewiegt hatte, man führe Verhandlungen mit dem Zentrum über eine Regierungsbeteiligung und zu diesem Zweck müsse ein Ministerium vakant gehalten werden. (Es sollte dann mit Franz Gürtner besetzt werden, der den Posten schon unter Papen und Schleicher innehatte.)

So kam denn der 30. Januar. Als Blomberg am frühen Morgen im Anhalter Bahnhof aus dem Zug steigt, wartet bereits Oskar von Hindenburg auf ihn, der ihn zur Wilhelmstraße bringt. Dort wird er vom Reichspräsidenten kurz nach neun als neuer Reichswehrminister vereidigt. Ebenfalls in den Morgenstunden kommen Hugenberg und die beiden »Stahlhelm«-Bundesführer in Papens Wohnung in der Wilhelmstraße. Bald darauf treffen Hitler und Göring ein. Einmal mehr erweist sich der NSDAP-Chef als geborener Schauspieler. Er eilt auf Duesterberg zu, ergreift seine Hand und erklärt scheinbar tief bewegt, mit feierlicher Stimme und Tränen in den Augen: »Ich bedauere die Ihnen durch meine Presse zugefügten persönlichen Beleidigungen. Ich versichere Ihnen auf mein Wort, daß ich diese nicht veranlaßt habe.«

Gegen 10.45 Uhr, eine Viertelstunde vor der geplanten Vereidigung des Gesamtkabinetts, begibt sich die Gesellschaft zu Fuß durch die Ministergärten zu Hindenburgs Amtssitz, wo sich auch die übrigen designierten Minister (mit Ausnahme des erkrankten Eltz-Rübenach) einfinden. Erst jetzt rückt Hitler gegenüber Hugenberg damit heraus, dass er sich mit Papen darauf verständigt habe, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen. Der überrumpelte Vorsitzende der DNVP widerspricht vehement: Das Ergebnis der Novemberwahl habe die Stärkeverhältnisse der Parteien zutreffend abgebildet; eine Neuwahl sei deshalb nicht vonnöten.

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Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Europa damals - Kein Kontinent der Demokratien

ZITAT
Hat diese demokratische Republik - auch in dem damaligen politischen Klima in Ganzeuropa - überhaupt eine Chance gehabt?

Ich glaube eigentlich gab es nur die Chance über ein autoritäres Regime wieder eine Demokratie zu werden, wenn die bevölkerung dieses Regime dann irgendwann wieder satt hat.

Man darf nicht vergessen, dass Europa damals kein Kontinent der gefestigten Demokratien war !

Italien, Ungarn, Österreich, Polen - Diktaturen oder zumindest autoritäre Systeme.
Es ist auch kein Zufall dass fast zeitgleich mit Hitler in Griechenland + Portugal Diktaturen an die Macht kamen.
Und auch General Franco kam nicht aus dem Nichts, auch wenn Hitler + Musolini in unterstützten.

Die Nazis fanden also durchaus fruchtbaren Boden vor.
Die Demokratie war damals alles andere als selbstverständlich.
Was sie so einzigartig machte war ihr fantischer Rassenwahn !

Nicht zu vergessen:

In Deutschland hatte der Spuk der "Nuernberger Rassegesetze" 1945 ein Ende, waehrend die gesetzlich festgeschriebene Rassentrennung in den USA erst 20 Jahre spaeter, Ende der 60er Jahre, aufgehoben wurde. In Suedafrika hatte es sogar noch viel laenger gedauert.

Man muss eben alles im Kontext des damaligen Zeitgeists betrachten. Die Alliierten haben Deutschland zwar befreit, aber auch sie waren damals nicht auf der Zivilisationsstufe, auf der wir uns heutzutage befinden.

Danke!

@hier kommt die braut.
Danke für die weiteren Informationen! Ich habe vorhin kurz auch noch mal eigenes Wissen mit weiteren Informationen abgeglichen, jahrhundertelange Abneigung, Hass und Verfolgung gegen/von Menschen jüdischen Glaubens bis hin zur "neueren" Ausprägung, dem Antisemitismus, hat es immer gegeben und gib es noch, was mich etwas überraschte war das auch das liberale (nicht das nationaliberale!) Bürgertum für solche Geschichten offen war. VG

Meinungen + historische Fakten

ZITAT: Die Mär von Zufall
Wo steht denn in dem Artikel was von Zufall ???

ZITAT
Dabei haben entscheidende Teile des Finanzkapitals Hitler und die NSDAP seit Gründung unterstützt und bewußt die Macht übergeben
Unterstütz haben sie ihn.
Sie haben ihm auch die macht übergeben.
Nur wollten sie das eigentlich nicht, weil sie dachten, dass sie ihn instrumentalisieren können.
Steht aber alles auch so in dem Artikel.

Eine andere meinung haben ist das eine.
Historische Fakten ignorieren und hier Unsinn schreiben was anderes !

Fehlkonstruierte Verfassung

Der Parlamentseinfluss wurde durch den Artikel 48 nicht völlig beseitigt. Das Parlament konnte gegen Notverordnungen stimmen. Der Reichspräsident saß allerdings am längeren Hebel, da er dann das Parlament auflösen konnte. Die Präsidialkabinette bewegten sich im Rahmen der Weimarer Verfassung - auch das vom 30. Januar 1933. Diese Fehlkonstruktion wurde im unserem Grundgesetz vermieden.

RE 23 Fehlkonstruktion der Verfassung

Man kann den Rahmen einer Verfassung ausschöpfen oder überdehnen. Art 25 und 48 war nie dafür gedacht, die Legislative auszuschalten oder zu erpressen, so wie es Brüning in seiner ersten Präsidialkanzlerschaft bereits tat. Insofern bewegte man sich nur rein formal innerhalb des Verfassungsrahmens, inhaltlich hat man den Verfassungsrahmen überdehnt und damit dem Bereich der demokratischen Legitimität entzogen.

Die Weimarer Verfassung war doch gegen den Willen der...

deutschen Eliten, Kapital, Großgrundbesitz und Militär entstanden. Von Anfang an haben die Kräfte deren ureigenstes Interesse eigenlich der bürgerliche Staat in Form der parlamentarischen Demokratie sein sollte, weil er ihre effktivste Herrschaftsform darstellt, bekämpft. Selbst schlauere Imperialisten wie Rathenau oder Erzberger die für Weimar standen wurden durch die reaktionären Kräfte im Bürgertum liqudiert . Als man dann auch noch Hindenburg mit Hilfe der SPD ein bekennender Monarchist, zum Reichspräsidenten machten war der Weg eingeschlagen. Artikel 48 und Artikel 25 (Parlamentsauflösung) beides im Prinzip gewollte reaktionäre Maßnahmen der Verfassung. Übrigens begann mit dem Einsatz dieser Artikel Ebert um den durch die Novemberrevolution erkämpften 8 Stunden Tag zu beseitigen....