Mit großer Geste gibt Hitler sein Ehrenwort: Wie immer die Wahl ausgehen werde, an der Zusammensetzung des Kabinetts solle sich nichts ändern. Doch Hugenberg bleibt bei seinem Nein auch noch, als Papen ihn inständig bittet, die mühsam zustande gebrachte Einigung nicht zu gefährden. So scheint die Regierungsbildung buchstäblich in letzter Minute zu scheitern. Inzwischen ist der Termin der Vereidigung verstrichen. Mit der Uhr in der Hand stürzt Staatssekretär Meissner in den Raum: »Es ist 11.15 Uhr. Sie können den Herrn Reichspräsidenten nicht länger warten lassen.« Jetzt gibt Hugenberg nach, und Hitler hat das Spiel gewonnen.

»Alles in allem war diese Regierung kein Grund zur Beunruhigung«

»Was wollen Sie denn!«, hält Franz von Papen Kritikern entgegen. »Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, daß er quietscht!« Fataler kann Hitlers Machtwille nicht unterschätzt werden. Dass Hugenberg bereits am 31. Januar gegenüber dem Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler bekannt haben will, er habe »die größte Dummheit« seines Lebens gemacht, indem er sich mit dem »größten Demagogen der Weltgeschichte« verbündete, ist wenig glaubhaft. Denn der Superminister fühlt sich als der eigentliche starke Mann im Kabinett und ist wie Papen und die anderen konservativen Minister davon überzeugt, Hitler im Zaum halten zu können.

Nicht nur Hitlers Steigbügelhalter, auch seine Gegner im Lager der Republikaner machen sich falsche Vorstellungen von der neuen Regierung. »Im Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg ist die Harzburger Front wiederauferstanden«, heißt es in einem Aufruf des SPD-Parteivorstands vom 30. Januar, in dem die Anhänger vor außerparlamentarischen Aktionen gewarnt werden. Für die SPD-Führer ist Hitler ein Gefangener der sozialreaktionären Machteliten aus ostelbischem Großgrundbesitz und rheinisch-westfälischer Schwerindustrie. Nicht er, sondern Papen und der »Wirtschaftsdiktator« Hugenberg, so glauben sie, werden die künftige Politik bestimmen, und der braune Messias werde bald entzaubert sein.

In seiner im englischen Exil geschriebenen Geschichte eines Deutschen erinnert sich der Publizist Sebastian Haffner 1939 an den »eisigen Schreck«, der ihn sechs Jahre zuvor bei der Nachricht von Hitlers Ernennung befiel. »Einen Augenblick spürte ich fast körperlich den Blut- und Schmutzgeruch um diesen Mann Hitler, und ich empfand etwas wie die zugleich bedrohliche und ekelerregende Annäherung eines mörderischen Tiers – eine schmutzige scharfkrallige Pfote an meinem Gesicht.« Und doch waren sein Vater, ein liberaler Reformpädagoge, und er selbst, 1933 noch Referendar am Berliner Kammergericht, sich rasch einig: Das neue Kabinett werde sich nicht lange halten. »Nein, alles in allem genommen«, so meinten sie damals, »war diese Regierung kein Grund zur Beunruhigung.«

Auch für die meisten ausländischen Diplomaten markiert der 30. Januar 1933 noch nicht die fundamentale Zäsur, als die er sich dem rückschauenden Blick darstellt. So hört der britische Journalist Sefton Delmer von seinen Freunden in der britischen Botschaft, dass Hitler »ein Kanzler in Handschellen« sei: »Er ist der Gefangene Papens und Hindenburgs.«

Den Schweizer Gesandten, Paul Dinichert, erreicht die Nachricht von der Bildung der neuen Regierung, als er mit einigen »hochgestellten deutschen Persönlichkeiten« zu Mittag isst. »Keiner der Anwesenden schien davon eine Ahnung gehabt zu haben«, berichtet er am 2. Februar nach Bern. »Kopfschütteln, ›Wie lange mag das wohl dauern?‹, ›Na, es hätte ja schlimmer ausfallen können‹. So ging’s im Kreise.« Klar erkennt Dinichert, dass Hitlers Kanzlerschaft das Ergebnis eines »politischen Schach- und Zusammensetzspiels« ist, bei dem Papen die Drähte gezogen hat. Doch auch er glaubt, Hitler sei nun »mit zwei seiner Jünger eingespannt, eingekeilt oder eingeklemmt – wie man das illustrieren will – zwischen den Kollegen von Papen und Hugenberg«.

Hitlers Triumph war keineswegs ein »Betriebsunfall« der deutschen Geschichte, aber er war auch nicht das unvermeidliche Resultat der Weimarer Staatskrise. Noch Ende Januar 1933 gab es die Möglichkeit, ihn von der Macht fernzuhalten – wenn Hindenburg Schleicher die Auflösungsorder nicht verweigert und ihm gewährt hätte, was er Papen schon einmal zugestanden hatte: nämlich die Neuwahlen zum Reichstag über die verfassungsmäßig gesetzte Frist von 60 Tagen hinaus zu verschieben. Diese Lösung wäre auf eine verschleierte Militärdiktatur hinausgelaufen; die Chancen, dadurch erst einmal Zeit zu gewinnen, bis sich die wirtschaftliche Lage sichtbar gebessert haben würde, standen nicht schlecht.

Ob Hitler unter diesen Umständen gewagt hätte, die SA zum Gegenschlag zu mobilisieren und sie in einen bewaffneten Konflikt mit der Reichswehr zu verwickeln, erscheint sehr zweifelhaft. Entscheidend war Hindenburgs Haltung. Er hatte sich von Papen und anderen Ratgebern davon überzeugen lassen, ein »Kabinett der nationalen Konzentration«, in dem Hitler durch das Übergewicht der konservativen Minister zugleich »eingerahmt« und »gezähmt« werden könne, sei die weniger riskante Lösung der Krise.

Wichtig im Schlussakt des Dramas war auch das Drängen der ostelbischen Rittergutsbesitzer, hatten sie doch einen privilegierten Zugang zu Hindenburg. Dabei verkannten sie ebenso wie die konservative Mehrheit im Kabinett die Entschlossenheit Hitlers, sich jeder Kontrolle zu entziehen. Allesamt glaubten sie, ihn für ihre Zwecke »engagiert« zu haben. Es sollte nur wenige Wochen dauern, bis sich das als eine grandiose Illusion erwies.