Prüfverfahren : So wird ein Master draus

Wenn Universitäten neue Studiengänge einführen, müssen diese geprüft werden. Das kostet Geld und Zeit. Die Kritik an dem Verfahren nimmt zu.

Knapp 30 Kilo wiegen die 20.000 Seiten, die Frank Slomka und Klaus Murmann am Ende ihrer Arbeit in zwei Umzugskarton packen. Zehn Studiengänge der Fakultäten Ingenieurwissenschaften und Informatik der Universität Ulm sind darauf dokumentiert. Wie Röntgenärzte haben Klaus Murmann, 60, Leiter der Ulmer Servicegruppe Informatik, und Frank Slomka, 47, Studiendekan für Informatik, die Studiengänge in den vergangenen Monaten auf alle erdenklichen Fragen durchleuchtet: Welche Kompetenzen sollen die Studenten lernen, wie und mit welchem Zeitaufwand? Und welche Kapazitäten stehen dafür bei der Universität zur Verfügung? Um die Mammutaufgabe in den Griff zu bekommen, haben die beiden ein Computerprogramm geschrieben. »Allein das Ausdrucken der Seiten hat 2000 Euro gekostet«, sagt Murmann.

Wenn man so will, sind sie Geburtshelfer von Studiengängen. Teils von neuen, teils von solchen, die es schon als Diplom-Studiengänge gab – und die nun als Bachelor- und Mastervarianten wiedergeboren werden sollen. Ob die Geburt wirklich erfolgreich war, erfahren sie erst Monate später. Von einer der zehn Agenturen, die die neuen Studiengänge akkreditieren dürfen. Eine Art TÜV für das, was an den Universitäten gelehrt und gelernt wird.

Diese Qualitätskontrolle wurde durch einen Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) schon vor über zehn Jahren eingeführt. Ziel: »die Gewährleistung fachlich-inhaltlicher Mindeststandards« an deutschen Hochschulen und »die Überprüfung der Berufsrelevanz der Abschlüsse«.

Das Verfassungsgericht soll das Akkreditierungssystem überprüfen

Durch die Umstellung fast aller Studiengänge auf Bachelor und Master aber mussten die Hochschulen in Deutschland nun eben auch fast alle ihre Studiengänge neu dokumentieren. Noch sind sie mittendrin: Ende des Jahres hatte erst knapp die Hälfte der existierenden rund 7300 Bachelor- und 6800 Masterstudiengänge die Qualitätsprüfungen bestanden. Vor den Hochschulen liegt noch eine Menge Arbeit, deren Sinn sie bereits seit Jahren infrage stellen: Das deutsche Akkreditierungssystem sei in seiner jetzigen Form zu aufwendig, zu bürokratisch, zu teuer und nicht zielführend, kritisieren viele Hochschulvertreter, und außerdem verfassungswidrig.

Voraussichtlich in diesem Jahr wird das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe diesbezüglich Stellung beziehen müssen. Eine Hochschule in Nordrhein-Westfalen hatte 2008 gegen eine Agentur geklagt, weil diese die Akkreditierung zweier Studiengänge verweigert hatte. Richter am Verwaltungsgericht Arnsberg, die den Fall nach Karlsruhe weiterleiteten, deuten in ihrem Beschluss aus dem Jahr 2010 bereits an, dass der Gesetzgeber die wesentlichen Regelungen zur Akkreditierung selbst gesetzlich fixieren müsse. Man dürfe dem Akkreditierungsrat – einer Stiftung, die das deutsche Akkreditierungssystem organisiert – und den Agenturen nicht weitgehend freie Hand lassen. Letzteres sei aber zumindest in Nordrhein-Westfalen der Fall. Das Fehlen wichtiger »gesetzlicher Regelungen über das Akkreditierungsverfahren und über die maßgeblichen inhaltlichen Kriterien« sei unvereinbar mit der im Grundgesetz verankerten Freiheit von Forschung und Lehre, heißt es in der Presseerklärung des Gerichts.

Sollten die Verfassungsrichter der Einschätzung ihrer Arnsberger Kollegen folgen, stände das Akkreditierungssystem wohl nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern in ganz Deutschland auf dem Prüfstand. »Die Rechtsgrundlagen der Akkreditierung in Deutschland sind in den meisten, wenn nicht allen Bundesländern verfassungswidrig«, sagt die an der Universität Heidelberg lehrende Juraprofessorin Ute Mager. »Wir warten mit Interesse auf die Karlsruher Entscheidung«, sagt der Akkreditierungsratsvorsitzende Reinhold R. Grimm. »Ich könnte mir vorstellen, dass das Bundesverfassungsgericht die Länder zum Abschließen eines Staatsvertrags ermuntert, und das wäre dann der Ansatzpunkt, von dem aus man das ganze System mal überdenken könnte.«

Anzeige

Schlau durch das Studium.

Lernen Sie jetzt DIE ZEIT und ZEIT Campus im digitalen Studentenabo kennen.

Hier sichern

Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Gute Studiengänge brauchen eine gründliche Akkreditierung

Akkreditierung ist notwendig. Leider. Sie bedeutet viel Arbeit, zugegeben, aber das sollte Lehrenden wie Studierenden ihr Studienprogramm wert sein. Denn ohne eine Qualitätssicherung wird zwar manches für Professoren einfacher, aber nichts für die Studierenden sinnvoller, transparenter, planbarer oder gar gerechter.

Die Vorgehensweise der genannten Ingenieure und Informatiker in Ulm ist lobenswert: Enge Absprache unter Kollegen und mit Studierenden, um ein studierbares, sinnvolles, (wahrscheinlich dann auch nicht überfrachtetes) modernes Studium zu konzipieren. (Die 20000 Seiten beinhalten sicher Musterklausuren, Muster von Abschlussarbeiten sowie die Prüfungsordnungen, die man ohnehin braucht, um die Studiengänge zu dokumentieren. Der eigentliche Berichtsteil dürfte sich auf ca. 150 Seiten belaufen.) Professoren und Studierende begutachten das Konzept als erfahrene Kollegen und Betroffene, keine Ministerialbeamten wie bei Diplom oder Magister. Denn die alten Studiengänge waren nicht besser, es hat nur niemanden gekümmert.

Kann die Uni nicht selber akkreditieren? Im Prinzip ja, doch wird in der Praxis oft nicht genau hingeschaut, wie ich von einem Familienmitglied weiß, das an einer der wenigen systemakkreditierten Unis studiert: Jeder legt selbst Prüfungsmodalitäten fest, Hausarbeiten werden zu spät korrigiert, Studienordnungen sind unvollständig, nötige Ressourcen werden nicht mit beteiligten Fakultäten/Einrichtungen abgesprochen. - Dann lieber eine gute Akkreditierung!

Notwendig!

Über das Verfahren mag man streiten, die Kosten sehen sehr hoch aus, aber wichtig wäre es zu wissen, ob das einmalige Ausgaben sind, oder ob die Zulassung befristet ist.

Ein Studiengang ist ja nichts fertiges. Selbst in den Traditionsfächern wird ständig geschraubt, und das ist auch richtig so.

Es ist von daher wichtig, dass man ein Mindestmaß an Qualität und vor allem Relevanz mitbringen muss, um in den Kreis der Studiengänge aufgenommen zu werden.
Denn was sonst alles studiert werden würde...
Als Abiturient tut man sich schwer, eine gute Wahl zu treffen, wie denn auch, man weiß ja eben noch nicht, wie es in der Welt aussieht. Daher sollte man zumindest darauf vertrauen können, dass ein Studiengang an einer deutschen Hochschule eine Mindestqualität hat.

Die Gegenargumente kann ich nicht ganz nachvollziehen. Sicher, es mag Arbeit sein, aber das finde ich ist kein Argument. Dafür werden die Leute schließlich auch bezahlt, als Professor gar nicht mal schlecht. Und die Arbeit muss sowieso gemacht werden. Denn für einen vernünftigen Studiengang muss ein vernünftiges Konzept stehen.
Freiheit der Lehre: Heißt mMn nicht, dass jeder Kram doziert werden darf. Eine gewisse Leistung seitens der Dozentenschaft muss schon da sein. Wenn dadurch ein Studiengang nicht zu Stande kommt, hat es ja einen Grund.