Prüfverfahren : So wird ein Master draus
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 Die Akkreditierung bedeutet weniger Zeit für Forschung und Lehre

Für Frank Slomka und Klaus Murmann aus Ulm war die Akkreditierung vor allem eins: eine Pflicht, deren Erfüllung sie so lange wie möglich vor sich hergeschoben haben. Schließlich rief Slomka die Informatik-Studienkommission ein zu einer auch für Nichtmitglieder offenen »Akkreditierung-Sondersitzung«. Mit Dutzenden Dozenten standen Slomka und Murmann über Monate in engem Kontakt, gemeinsam mit den Professoren brüteten sie über Modulbeschreibungen und bauten allmählich eine Art Atlas jedes Studiengangs auf: erst das Skelett mit den Pflichtveranstaltungen, die jeder Student absolvieren muss, dann die freiwilligen Kurse und Seminare. Alles miteinander so verbunden, dass es schlüssig aufeinander aufbaut – und am Ende den Studenten das vermittelt, was draufsteht.

Die Universität bat derweil Akkreditierungsagenturen um Kostenvoranschläge für die Programmakkreditierung mehrerer Studiengänge. Die Agentur ASIIN erhielt im Januar 2012 den Zuschlag. »Preislich waren die alle ähnlich«, sagt Slomka. ASIIN habe etwa 30.000 Euro für zehn Studiengänge verlangt, aber vor allem den Vorteil gehabt, fachlich auch auf Informatik- und Ingenieurwissenschaften spezialisiert zu sein. Sechs Wochen später prüften Gutachter im Auftrag von ASIIN die Ulmer Studiengänge vor Ort. Die Gutachter sollten feststellen, ob die zehn Studiengänge die Vorgaben des Akkreditierungsrates erfüllen, also zum Beispiel in der veranschlagten Zeit studierbar sind, ein stimmiges Studiengangkonzept vorweisen, oder ob die Infrastruktur ausreichend ist. Fünf Fachleute von anderen deutschen Hochschulen waren dabei und ein Student. Im September erreichte die Universität dann die erlösende E-Mail der »TÜV-Stelle«, der Agentur ASIIN aus Düsseldorf: Es habe geklappt, die Studiengänge seien akkreditiert – zwar auf ein Jahr befristet, um in dieser Zeit noch Auflagen zu erfüllen, doch das ist bei ASIIN der Regelfall. Kein Grund also zur Sorge vor einer Nichtakkreditierung, die bislang überhaupt erst in 70 Verfahren von einer der zugelassenen Agenturen ausgesprochen wurde.

30.000 Euro bekommt die Agentur für ihre Arbeit

»Letztendlich bedeutet die Akkreditierung weniger Zeit für Forschung und Lehre«, sagt Slomka. Und Murmann nickt. Aber hat sich durch die Akkreditierung die Qualität des Studiums nicht verbessert? »Natürlich regt die Akkreditierung dazu an, sich intensiv mit einem Studiengangkonzept zu beschäftigen«, sagt Murmann, »aber es ist ja nicht so, dass wir sonst Standby im Schreibtischstuhl hocken und uns erst Gedanken über die Qualität der Studiengänge machen, wenn eine Akkreditierung ansteht.«

Slomka verweist auf die Kosten: »Die 30.000 Euro für die Agentur machen den geringsten Teil der Akkreditierungskosten aus«, sagt er. »Teuer ist vor allem der Personalaufwand.« Die Personalkosten eingerechnet, schätzen Murmann und Slomka, lägen die Gesamtkosten für ihre zehn akkreditierten Studiengänge bei 300.000 bis 400.000 Euro. Slomka sagt: Von dem Geld hätte man einen Doktoranden rund fünf Jahre bezahlen können. Den Kostenaufwand kritisiert auch der Bayerische Oberste Rechnungshof. Er hält eine Änderung des Verfahrens mit dem Ziel, die Kosten zu reduzieren, für »dringend erforderlich«.

Auch deshalb ist in jüngster Zeit ein neues Modell der Akkreditierung im Gespräch: Demnach sollen nicht mehr einzelne Studiengänge überprüft werden, sondern die Hochschule soll ein eigenes Qualitätsmanagement einführen. Womöglich wartet da neue Arbeit auf Slomka und Murmann.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Gute Studiengänge brauchen eine gründliche Akkreditierung

Akkreditierung ist notwendig. Leider. Sie bedeutet viel Arbeit, zugegeben, aber das sollte Lehrenden wie Studierenden ihr Studienprogramm wert sein. Denn ohne eine Qualitätssicherung wird zwar manches für Professoren einfacher, aber nichts für die Studierenden sinnvoller, transparenter, planbarer oder gar gerechter.

Die Vorgehensweise der genannten Ingenieure und Informatiker in Ulm ist lobenswert: Enge Absprache unter Kollegen und mit Studierenden, um ein studierbares, sinnvolles, (wahrscheinlich dann auch nicht überfrachtetes) modernes Studium zu konzipieren. (Die 20000 Seiten beinhalten sicher Musterklausuren, Muster von Abschlussarbeiten sowie die Prüfungsordnungen, die man ohnehin braucht, um die Studiengänge zu dokumentieren. Der eigentliche Berichtsteil dürfte sich auf ca. 150 Seiten belaufen.) Professoren und Studierende begutachten das Konzept als erfahrene Kollegen und Betroffene, keine Ministerialbeamten wie bei Diplom oder Magister. Denn die alten Studiengänge waren nicht besser, es hat nur niemanden gekümmert.

Kann die Uni nicht selber akkreditieren? Im Prinzip ja, doch wird in der Praxis oft nicht genau hingeschaut, wie ich von einem Familienmitglied weiß, das an einer der wenigen systemakkreditierten Unis studiert: Jeder legt selbst Prüfungsmodalitäten fest, Hausarbeiten werden zu spät korrigiert, Studienordnungen sind unvollständig, nötige Ressourcen werden nicht mit beteiligten Fakultäten/Einrichtungen abgesprochen. - Dann lieber eine gute Akkreditierung!

Notwendig!

Über das Verfahren mag man streiten, die Kosten sehen sehr hoch aus, aber wichtig wäre es zu wissen, ob das einmalige Ausgaben sind, oder ob die Zulassung befristet ist.

Ein Studiengang ist ja nichts fertiges. Selbst in den Traditionsfächern wird ständig geschraubt, und das ist auch richtig so.

Es ist von daher wichtig, dass man ein Mindestmaß an Qualität und vor allem Relevanz mitbringen muss, um in den Kreis der Studiengänge aufgenommen zu werden.
Denn was sonst alles studiert werden würde...
Als Abiturient tut man sich schwer, eine gute Wahl zu treffen, wie denn auch, man weiß ja eben noch nicht, wie es in der Welt aussieht. Daher sollte man zumindest darauf vertrauen können, dass ein Studiengang an einer deutschen Hochschule eine Mindestqualität hat.

Die Gegenargumente kann ich nicht ganz nachvollziehen. Sicher, es mag Arbeit sein, aber das finde ich ist kein Argument. Dafür werden die Leute schließlich auch bezahlt, als Professor gar nicht mal schlecht. Und die Arbeit muss sowieso gemacht werden. Denn für einen vernünftigen Studiengang muss ein vernünftiges Konzept stehen.
Freiheit der Lehre: Heißt mMn nicht, dass jeder Kram doziert werden darf. Eine gewisse Leistung seitens der Dozentenschaft muss schon da sein. Wenn dadurch ein Studiengang nicht zu Stande kommt, hat es ja einen Grund.