PrüfverfahrenSo wird ein Master draus

Wenn Universitäten neue Studiengänge einführen, müssen diese geprüft werden. Das kostet Geld und Zeit. Die Kritik an dem Verfahren nimmt zu. von Andreas Clasen

Knapp 30 Kilo wiegen die 20.000 Seiten, die Frank Slomka und Klaus Murmann am Ende ihrer Arbeit in zwei Umzugskarton packen. Zehn Studiengänge der Fakultäten Ingenieurwissenschaften und Informatik der Universität Ulm sind darauf dokumentiert. Wie Röntgenärzte haben Klaus Murmann, 60, Leiter der Ulmer Servicegruppe Informatik, und Frank Slomka, 47, Studiendekan für Informatik, die Studiengänge in den vergangenen Monaten auf alle erdenklichen Fragen durchleuchtet: Welche Kompetenzen sollen die Studenten lernen, wie und mit welchem Zeitaufwand? Und welche Kapazitäten stehen dafür bei der Universität zur Verfügung? Um die Mammutaufgabe in den Griff zu bekommen, haben die beiden ein Computerprogramm geschrieben. »Allein das Ausdrucken der Seiten hat 2000 Euro gekostet«, sagt Murmann.

Wenn man so will, sind sie Geburtshelfer von Studiengängen. Teils von neuen, teils von solchen, die es schon als Diplom-Studiengänge gab – und die nun als Bachelor- und Mastervarianten wiedergeboren werden sollen. Ob die Geburt wirklich erfolgreich war, erfahren sie erst Monate später. Von einer der zehn Agenturen, die die neuen Studiengänge akkreditieren dürfen. Eine Art TÜV für das, was an den Universitäten gelehrt und gelernt wird.

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Diese Qualitätskontrolle wurde durch einen Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) schon vor über zehn Jahren eingeführt. Ziel: »die Gewährleistung fachlich-inhaltlicher Mindeststandards« an deutschen Hochschulen und »die Überprüfung der Berufsrelevanz der Abschlüsse«.

Das Verfassungsgericht soll das Akkreditierungssystem überprüfen

Durch die Umstellung fast aller Studiengänge auf Bachelor und Master aber mussten die Hochschulen in Deutschland nun eben auch fast alle ihre Studiengänge neu dokumentieren. Noch sind sie mittendrin: Ende des Jahres hatte erst knapp die Hälfte der existierenden rund 7300 Bachelor- und 6800 Masterstudiengänge die Qualitätsprüfungen bestanden. Vor den Hochschulen liegt noch eine Menge Arbeit, deren Sinn sie bereits seit Jahren infrage stellen: Das deutsche Akkreditierungssystem sei in seiner jetzigen Form zu aufwendig, zu bürokratisch, zu teuer und nicht zielführend, kritisieren viele Hochschulvertreter, und außerdem verfassungswidrig.

Voraussichtlich in diesem Jahr wird das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe diesbezüglich Stellung beziehen müssen. Eine Hochschule in Nordrhein-Westfalen hatte 2008 gegen eine Agentur geklagt, weil diese die Akkreditierung zweier Studiengänge verweigert hatte. Richter am Verwaltungsgericht Arnsberg, die den Fall nach Karlsruhe weiterleiteten, deuten in ihrem Beschluss aus dem Jahr 2010 bereits an, dass der Gesetzgeber die wesentlichen Regelungen zur Akkreditierung selbst gesetzlich fixieren müsse. Man dürfe dem Akkreditierungsrat – einer Stiftung, die das deutsche Akkreditierungssystem organisiert – und den Agenturen nicht weitgehend freie Hand lassen. Letzteres sei aber zumindest in Nordrhein-Westfalen der Fall. Das Fehlen wichtiger »gesetzlicher Regelungen über das Akkreditierungsverfahren und über die maßgeblichen inhaltlichen Kriterien« sei unvereinbar mit der im Grundgesetz verankerten Freiheit von Forschung und Lehre, heißt es in der Presseerklärung des Gerichts.

Sollten die Verfassungsrichter der Einschätzung ihrer Arnsberger Kollegen folgen, stände das Akkreditierungssystem wohl nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern in ganz Deutschland auf dem Prüfstand. »Die Rechtsgrundlagen der Akkreditierung in Deutschland sind in den meisten, wenn nicht allen Bundesländern verfassungswidrig«, sagt die an der Universität Heidelberg lehrende Juraprofessorin Ute Mager. »Wir warten mit Interesse auf die Karlsruher Entscheidung«, sagt der Akkreditierungsratsvorsitzende Reinhold R. Grimm. »Ich könnte mir vorstellen, dass das Bundesverfassungsgericht die Länder zum Abschließen eines Staatsvertrags ermuntert, und das wäre dann der Ansatzpunkt, von dem aus man das ganze System mal überdenken könnte.«

Leserkommentare
  1. Es schießen immer mehr Studiengänge, wie Plize aus dem Boden, deren Nutzen und Qualifikation nicht transparent ist. Zum Einen schränken diese doch die Flexibilität bei der Berufwahl doch sehr stark ein. Zum Anderen ist für Außenstehende völlig instransparent, welche Fähigkeiten und Wissen solch ein Absolvent erworben hat.
    Der Charme der Bindestrichstudiengänge: Im Zweifel immer den Schwerpunkt auf der anderen Seite des Striches gehabt. Schaut man von beiden Seiten, dann bleibt nur der Strich übrig.

    30 000€ für solch eine Prüfung sind schon ein ziemliches Schnäppchen. Bei 5 Fachleuten macht das 6 000€ pro Nase. Dafür 2000 Seiten durchbüffeln mit den entsprechenden Abstimmungen und Rückfragen. Da reicht das Geld nicht lang.

    5 Leserempfehlungen
  2. Auch hier in England gibt es leider das Akkreditierungsunwesen. Und die Folgen werden in Deutschland wohl aehnlich sein:
    1) Akkreditierung sagt nichts ueber die Qualitaet der Inhalte (auch 'alternative medicine' aka Hoemeophatie wird akkreditiert) oder die Qualitaet der Lehre (die voellig unabhaengig davon evaluiert wird) aus.
    2) Akkreditierung behindert durch ihren Aufwand jede Veraenderung in der Lehre. Wer fuer die Etablierung eines neuen Moduls, welches neue Themen oder Techniken praesentiert erst 1-2 Jahre durch verschiedene Gremien und Berge von Papier muss, ueberlegt es sich zweimal ob man nicht lieber bei den derzeitigen veralteten, aber akkredierten, Modulen bleibt.
    3) Akkreditierung foerdert die Standardisierung von Studiengaengen (z.B. von allen Informatikstudiengaengen werden aehnliche Module verlangt). Dies fuehrt zum Einen zu Monokulturen und zum Anderen zu Studiengaengen die die Schwerpunkte einzelner Unis in der Forschung nicht mehr wiederspiegeln (Studenten kommen erst waehrend eines Masters in Beruehrung mit dem neuesten Stand der Forschung).

    Meiner Meinung nach ist Akkreditierung vollkommen ueberfluessig und positive Effekte fuer Studenten koennten erfolgreich durch Evaluation erreicht werden. Sinnvolle Fragen zur Evaluation sind z.B. Wieviele Studenten haben im Anschluss (innerhalb von 5 Jahren) eine Arbeitsstelle gefunden? Wieviele Studenten sind fachfremd beschaeftigt (Arbeit welche mit dem Studiengang nichts zu tun hat)?

    4 Leserempfehlungen
  3. Habe selbst für mehrere Akkreditierungen und Reakkreditierungen aktiv Unterlagen erarbeitet und Begehungen und Diskussionen mitgemacht. War anfangs auch ein großer Befürworter. Zwischenzeitlich hat sich meine Meinung vollständig geändert. Warum? Die Verfahren und die ggf. anschließenden Auflagen sind vollständig von den Gutachtern abhängig, was inbesondere bei Reakkreditierungen zu schrägen Situationen führt. Was bei der Akkreditierung als unbedingt notwendig gefordert war, spielt bei der Reakkreditierung keine Rolle mehr und vice versa. Oder: Akkreditierung eines neuen Studiengang und gleichzeitige Reakkreditierung eines anderen im gleich Fachbereich. Für war klar, dass beide Studiengänge sehr ähnlich Strukturen haben werden. Nicht so die Sichtweise der Kommissionen - völlig konträr, nicht umsetzbar. Unser Fachbereich ist 46 Jahre alt und wir wissen was wir tun - die Kommissionen jedoch nicht immer. Die Erkenntnis, die wir gewonnen haben, ist die Folgende: Wir lassen uns kaum noch reinreden und beharren aufgrund unserer Erfahrung auf unserer Sichtweise und äußern das auch sehr klar. Unsinniges erfüllen wir nicht und legen dieses schriftlich ggü. der Agentur da.

    Persönlich halte ich die dezeitige Form der Akkreditierung für überflüssig, da sie keine Qualität an sich sichert. Natürlich muss QS betrieben werden, jedoch nicht so.

    3 Leserempfehlungen
    • aatvf
    • 27. Januar 2013 22:46 Uhr

    Ich sitze quasi auf beiden Seiten, aber nicht gleichzeitig.

    Trotz umfangreichen Akkreditierungsunterlagen ist es schwierig innerhalb der gegebenen Zeit den Überblick zu bekommen. Vieles ist nicht genau definiert, inhaltlich unterliegt vieles der Lehrfreiheit. Und Forschung an Universitäten, FHs & in privaten Institutionen unterscheidet sich stark. Magels dessen, dass man weder in die Lehr- noch die Forschungsfreiheit eingreifen darf wird oft einfach der Mainstream gefordert. Das war aber eigentlich nicht die Idee. Also bleiben die vermeintlich harten Fakten, z.B der Studentenwille, geäußert in der Evaluation. Der Student ist aber weder Kunde noch Produkt. Viele bahnbrechende Erfindungen waren nicht Mainstream, die Genies hatten auch nicht immer das Beste didaktische Konzept.

    Als akkreditierter stellte ich dann fest, dass die Ergebnisse stark von den Gutachtern abhängt. Bei meinem eigenen Akkreditierer gab es Ansichten, die ich als Gutachter nicht so hätte durchgehen lassen. Da der Rechtsweg sinnlos ist, erfüllt man dann doch teils. unsinige Auflagen. Inklusive die Auflage für einen Englischkurs, der überhaupt nicht existiert (war wohl Copy & Paste).

    Früher heißer Befürworter der Akkreditierung bin ich nun geläutert. Außer Kosten & Zeit nichts gewesen.

    2 Leserempfehlungen
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    Habe selbst für mehrere Akkreditierungen und Reakkreditierungen aktiv Unterlagen erarbeitet und Begehungen und Diskussionen mitgemacht. War anfangs auch ein großer Befürworter. Zwischenzeitlich hat sich meine Meinung vollständig geändert. Warum? Die Verfahren und die ggf. anschließenden Auflagen sind vollständig von den Gutachtern abhängig, was inbesondere bei Reakkreditierungen zu schrägen Situationen führt. Was bei der Akkreditierung als unbedingt notwendig gefordert war, spielt bei der Reakkreditierung keine Rolle mehr und vice versa. Oder: Akkreditierung eines neuen Studiengang und gleichzeitige Reakkreditierung eines anderen im gleich Fachbereich. Für war klar, dass beide Studiengänge sehr ähnlich Strukturen haben werden. Nicht so die Sichtweise der Kommissionen - völlig konträr, nicht umsetzbar. Unser Fachbereich ist 46 Jahre alt und wir wissen was wir tun - die Kommissionen jedoch nicht immer. Die Erkenntnis, die wir gewonnen haben, ist die Folgende: Wir lassen uns kaum noch reinreden und beharren aufgrund unserer Erfahrung auf unserer Sichtweise und äußern das auch sehr klar. Unsinniges erfüllen wir nicht und legen dieses schriftlich ggü. der Agentur da.

    Persönlich halte ich die dezeitige Form der Akkreditierung für überflüssig, da sie keine Qualität an sich sichert. Natürlich muss QS betrieben werden, jedoch nicht so.

    • Mike M.
    • 28. Januar 2013 14:23 Uhr

    ... wenn Professoren wegen der sich immer weiter ausbreitenden Bürokratie kaum noch Zeit bleibt. Das zeitraubende Antragswesen nimmt da eine "Vorreiterstellung" ein.

    Vielleicht muss man auch nicht ständig neue Studiengänge erfinden. In jedem Fall sollte das Geld, was in die Bildung gesteckt wird, nicht bei Akkreditierungsagenturen versacken.

    2 Leserempfehlungen
    • TimmyS
    • 27. Januar 2013 18:34 Uhr

    Eine gute Akkreditierung für einen Studiengang sollte es geben, aber bei den Kosten, stelle ich mir die Frage ob eine Akkreditierung etwas über einen guten Studiengang aussagt. Ich sehe das ganze eher so, dass ein guter Studiengang sich erst während er durchgeführt wird als gut herausstellen kann. Nämlich wenn vor allem die Studierenden aktiv erfahren was passiert und wie der Studiengang wirklich umgesetzt wird.
    Ich denke, dass die Erkenntnisse von Hattie auch im Hochschulwesen angewendet werden müsse, gute Lehre zeigt sich erst dann man sie tut, und sie müsse die Chance haben auf Veränderungen reagieren zu können. Ich sehe das vielleicht zu überspitzt, aber ich denke, dass solche doch recht monströsen Verfahren inhaltliche Verbesserungen durch die eigentlich wichtige Interaktion mit Studierenden und Lehrenden behindern.
    Ich fände es gut, wenn sich die Akkreditierung von Studiengängen auf Entwicklungsprozesse über einen bestimmten Zeitraum konzentriert, bei dem Fragen beantwortet werden können, wie die Studierenden und Lehrenden-Zufriedenheit, das Vermögen auf aktuelle Veränderungen reagieren zu können, statt nur veraltete Muster anzuwenden etc.

    Ich würde mir wünschen, wenn im Bildungssystem die andauernde Trägheit allmählich verschwindet. Da gibt es nun einmal einige Verfahren, die eine Überholung bedürfen.

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  4. Die Anforderungen an Studiengänge sind zum Teil sehr realitätsfern. Nun kann man in solchen Anträgen nicht offen schwindeln. Also ist die einzige Chance, die Prüfer mit so viel Material zuzuschütten, dass sie es schlicht nicht komplett durchprüfen können, in der Hoffnung, dass alles was von den Akkreditierungsagenturen nicht so gerne gesehen wird, in der schieren Menge untergeht.

    Wenn realistische Erwartungen an die Studiengänge gestellt würden, wäre diese Technik weitgehend überflüssig und die Anträge würde von sich aus kleiner.

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  • Schlagworte Hochschule | Studiengang | Master | Bachelor | Bürokratie
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