Veränderte Kinderbücher"Das Konfektionieren zerstört die Fantasie"

Ein Psychologe erklärt, warum es fatal ist, Geschichten zu glätten. von 

DIE ZEIT: Herr Professor Kasten, wie manipulierbar sind Kinder?

Hartmut Kasten: Wenn sie unter vier sind, kann man sie nach Strich und Faden austricksen. Da sind sie ganz im Hier und Jetzt verankert. Mit fünf, sechs Jahren aber beginnen sie zu reflektieren. Dann ist Manipulation nur noch eingeschränkt möglich, und man muss schon sehr raffiniert sein.

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ZEIT: Ein Kind wird nicht zum Rassisten, weil es in Pippi Langstrumpf vom "Negerkönig" liest?

Kasten: Definitiv: nein. Von Kinderbüchern allein wird sowieso kein Menschenbild geprägt. Die Haltung der Bezugspersonen, der Eltern und Erzieher, fließt ein ins Vorlesen und Lesen. Idealerweise beschäftigen sich die Erwachsenen ja gemeinsam mit dem Kind mit dem Buch – je jünger das Kind, desto intensiver. Dann passiert es automatisch, dass das Kind Fragen stellt. So lernt es, dass es Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe gibt, wie man diese Menschen früher nannte und wie man sie heute nennt, dass es Vorurteile gibt. Unsere Kinder wachsen hinein in eine für sie teilweise unüberschaubare Welt. Die Erwachsenen müssen ihr eine Semantik geben.

ZEIT: Wann entwickeln Kinder überhaupt ethische und moralische Vorstellungen?

Kasten: Es gibt drei Stufen der Moralentwicklung, die den unterschiedlichen Reifungsgraden des Gehirns entsprechen. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres entdecken Kinder ihr Ich, was auch heißt: Sie fühlen sich verantwortlich. Das ist ein erster Schub in der moralischen Entwicklung. Gegen Ende des vierten Lebensjahres gibt es noch mal einen Schub: Dann entdeckt das Kind, dass es eine eigene Innenwelt hat, die sich von der Innenwelt anderer und von der Außenwelt unterscheidet. In dieser Zeit entsteht eine Vorläuferform des Gewissens: ein Gefühl für Gut und Böse. Wenn die Eltern in dieser Phase Werte wie Gerechtigkeit, Toleranz und Offenheit vorleben, ist sehr viel gewonnen. Sind die Eltern vorurteilsbeladen, wird sich auch das übertragen. Die dritte Phase ist die Pubertät, in der sich das Abstraktionsvermögen entwickelt. Dann reichen die Moralvorstellungen über das Persönliche hinaus.

ZEIT: Ab welchem Alter kann ein Kind verstehen, dass man ihm zwar das Wort "Neger" vorliest, dass es diesen Begriff aber nicht verwenden soll?

Kasten: Vierjährige fangen an, "warum" zu fragen. Sie können Empathie empfinden, auch Schadenfreude. In diesem Alter, denke ich, können Kinder auch nachvollziehen, dass das Wort "Neger" früher etwas anderes bedeutete als heute.

ZEIT: In vielen Kinderbüchern gibt es exotische Figuren, etwa die Chinesen in Jim Knopf. Warum?

Kasten: Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.

ZEIT: Was passiert nun, wenn solche exotischen Figuren getilgt und Geschichten geglättet werden?

Kasten: Dieses Konfektionieren zerstört Fantasie und Kreativität. Schablonenhafte Bücher können nicht leisten, was gute Kinderliteratur ausmacht: dass man darin immer wieder neue Facetten entdecken kann. Die politische Korrektheit, die man jetzt – wieder einmal – etablieren will, grenzt an Zensur. Gern heißt es: "Kinder brauchen Grenzen." Diese Regel sollte zumindest durch den Satz "Kinder brauchen grenzenlose Gedankenfreiheit" in ihre Schranken verwiesen werden.

ZEIT: Es gab schon öfter Debatten über den Umgang mit Kinderbüchern. In den siebziger Jahren wurde heftig über die Grausamkeit vieler Märchen gestritten. Man fand damals, sie sei Kindern nicht zumutbar. Später hieß es wieder: Kinder brauchen Märchen! Was stimmt denn nun?

Kasten: Märchen sind wunderbar, auch weil man sich so schön gruseln kann. Man darf nur eines nicht machen: die Kinder alleinlassen mit dem Fremden, mit ihren Ängsten.

ZEIT: Der Negerkönig in Pippi Langstrumpf allerdings ist gar nicht negativ besetzt.

Kasten: Umso absurder, ihn abzuschaffen. Vor dem Negerkönig fürchtet sich kein Kind. Das Problem sind die Erwachsenen, sie projizieren das hinein.

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Leserkommentare
  1. Weil ihr Erwachsene erklärt haben, dass sie es muss, dass sie sich schlecht fühlen muss, wenn jemand so etwas sagt, selbst wenn sie es nur liest. Ich finde es sehr schlimm, dass hier ein kleines Mädchen als Druckmittel benutzt wird, denn Sie glauben doch wohl selber nicht, dass ein 9 jähriges Mädchen die Zeit liest.

    6 Leserempfehlungen
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    • lxththf
    • 24. Januar 2013 10:16 Uhr

    die Mutter, man spricht darüber, das Kind schnappt es auf, das Kind stellt fragen. Am Kontext ändert es nichts.
    Und um einen konkreten Bezug herzustellen. Ich war noch ausgesprochen jung, als ich zum ersten mal Neger genannt wurde und Affe. Und man musste mir nicht erklären, dass das ein Schimpfwort ist. Mal ganz im Ernst. Die Argumentation ist einfach realitätsfern und der Versuch, dieses Wort positiv zu deuten, oder es als einfaches neutrales Wort darzustellen schon im Ansatz falsch, denn es ist vieles, aber nicht neutral. Vielleicht in vielen Köpfen derer, die es verwenden, aber nicht in denen, die Rassismus begegnet sind. Sind Sie das?

    • Gibbon
    • 24. Januar 2013 11:16 Uhr

    [...]
    Glauben Sie ernsthaft, Sie können Kindern, die in eine Schule mit anderen Kindern gehen müssen, die immer wieder andere und auch bösartige Menschen treffen werden, vor der Realität schützen, indem Sie dafür sorgen, dass einzelne Begriffe verschwinden? Meine Eltern haben mir als unschätzbaren Rat auf den Weg gegeben, dass andere sich oft idiotisch verhalten und dass nichts was ich tue oder sage, etwas daran ändern wird. Das Problem liegt beim anderen. Geben Sie Ihren Kindern das auch mit. Dann brauchen sie sich nicht vor Worten zu fürchten.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/au

  2. 34. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche. Danke, die Redaktion/au

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  3. Es ist doch so, dass in dieser ganzen Debatte zu Hauf darüber diskutiert wird, was nun "unsere Kinder" zu Rassisten macht und was nicht. Wer sind diese denn? Es klingt so, als handle es sich dabei um weisse Kinder, bei denen die einzige Gefahr darin besteht durch Worte wie "Neger" ein irgendwie verschobenes Weltbild zu erhalten, eventuell einmal zu Rassisten zu werden (dies ist definitiv eine wichtige Debatte!).

    Vergessen werden hierbei oft diejenigen Menschen und Kinder, für die diskriminierende Worte nicht eine irgendwie unfreundliche, ausgrenzende und beleidigende Benennung einer Outgroup sind, sonder eine schmerzhafte Beleidigung und Ausgrenzung der eigenen Person! Im deutschen Sprachraum lebend und der deutschen Sprache mächtig sind heute weit mehr Menschen, als weisse deutsche, das Wort deutsch beschreibt schon lange nicht mehr nur weisse, sondern eine bunte Mischung von Menschen unterschiedlichster Herkünfte.

    Für diese Mitbürger sind solche Worte nicht nur ein eventuelles Erziehungsrisiko, sondern Unterdrückung, Ausgrenzung, Beleidigung und Bedrohung. Lass uns in diese Debatte NICHT von einer weissen Norm ausgehen, das wäre entweder anmaßend ignorant oder rassistisch.

    Es gibt eine Stimme zu diese Debatte, der Gehör geschenkt werden sollte, nämlich Ishema. http://www.publikative.or...

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    In der Schule mussten wir Bücher über Jugendliche lesen, die Sex hatten. Als pubertierender Junge fühlte ich mich diskriminiert. Oder wenn in Büchern dicke Figuren vorkamen und gängigen Klischees entsprachen - auch da war ich diskriminiert worden.

    Was bringt es, diese Stellen nachträglich zu kürzen? Und wie soll das überhaupt geschehen? Man muss einfach mit der Wirklichkeit leben lernen, um sie zu verändern: akzeptieren, dass sich die Dinge lange entwickeln mussten, bis sie sich besserten. Wer ihnen diese Entwicklung nicht zugesteht, der wird sehen, dass sie ewig schlecht bleiben werden, auch wenn die Sprache beschönigt und begradigt wird. Vor allem aber müssen Kinder lernen, dass für die Maßstäbe, nach denen wir uns heute beurteilen lassen, beispielsweise die Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen (und nicht allein ihrer Hautfarbe oder Religion!), etwas getan werden musste, dass sie kein selbstverständliches Geschenk sind sondern unsere fortdauernde Aufgabe und Verantwortung als Zivilisation.

    Eine Streichung würde all das kaputt machen. Ja, sie wäre geradezu undankbar gegen die Errungenschaften der Geschichte, die keineswegs Naturgesetz sind, sondern von Menschen errungen worden, die heute abgestraft und moralisch verurteilt werden von denen, die sich auf den Errungenschaften der Geschichte ausruhen.

    Kein freier Mensch stellt sich auf eine Seite, ohne sie zu kritisieren. Das machen nur die, die eines totalitären Geistes Kind sind. Auch wenn Sie sich für Gutes einsetzen.

    • Sikasuu
    • 24. Januar 2013 10:15 Uhr

    .... aus Material aus meinem Regal zu zitieren, das da in dem Kasten mit dem Zettel liegt: Missbrauch von Kindern in totalitären Systemem (Kinder schreiben an den F...)
    .
    Muss ich deutlicher werden!
    .
    Ich hoffe nicht.
    .
    Meint
    Sikasuu

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    • lxththf
    • 24. Januar 2013 10:21 Uhr

    tun Sie sich keinen Zwang an. Vielleicht gehen Sie jedoch auch einfach auf den Inhalt ein, denn der ist leider wahr. Und mit 9 Jahren, dass bestätigt ja auch der Autor, kann man sehr wohl reflektieren. Mit 9 Jahren, weiß man, dass man anders aussieht. Mit 9 Jahren hat man mit Sicherheit schon die ersten rassistischen Erfahrungen gemacht. Mit 9 Jahren interessiert es einen, warum man anders aussieht.
    Vielleicht hat der Vater den Brief geschrieben, vielleicht auch nicht. Inhaltlich hat das Mädchen recht und diese Erfahrung haben sehr viele dunkelhäutige Menschen gemacht. Ich auch, als mir in der Literatur der Begriff "Neger" begegnete. Und das eigentlich amüsante daran ist, dass die ZeitRedaktion diesen Brief auf facebook postet, und am nächsten Tag dieses Interview erscheint, in der quasi der Psychologe dem kleinen Mädchen nochmal erklärt, dass das ja gar nich so schlimm sei. Einem kleinen Mädchen ist es dennoch egal, wenn sie das Buch liest.

    • lxththf
    • 24. Januar 2013 10:16 Uhr

    die Mutter, man spricht darüber, das Kind schnappt es auf, das Kind stellt fragen. Am Kontext ändert es nichts.
    Und um einen konkreten Bezug herzustellen. Ich war noch ausgesprochen jung, als ich zum ersten mal Neger genannt wurde und Affe. Und man musste mir nicht erklären, dass das ein Schimpfwort ist. Mal ganz im Ernst. Die Argumentation ist einfach realitätsfern und der Versuch, dieses Wort positiv zu deuten, oder es als einfaches neutrales Wort darzustellen schon im Ansatz falsch, denn es ist vieles, aber nicht neutral. Vielleicht in vielen Köpfen derer, die es verwenden, aber nicht in denen, die Rassismus begegnet sind. Sind Sie das?

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    • Sikasuu
    • 24. Januar 2013 10:25 Uhr

    .... heute wirst du mit den Worten: Opfer, Schwuler, Türke, Russe oder sogar mit "Deutscher".... diskriminiert!
    .
    Das WORT ist nicht das Problem! Die Gedanken dahinter sind schlimm.
    .
    Wenn 1o Jährige mit WORTEN Andere diskriminieren, ist IHNEN das nicht angeboren. Das haben sie von IHREN Eltern, IHRER Umwelt gelernt!
    .
    "Maximalpigmentierter Mitmensch mit nichteuropäischem Migrationshintergrund" hört sich ja neutral an, ist aber genau so abwertend gemeint wie "Ni..." wenn es die falschen Leute aussprechen.
    .
    Meint
    Sikasuu

    der vieler anderer hier schreibender, die die 'schwarze' Sicht, in Deutschland rassistisch diskriminiert zu werden, darstellen, ist für mich vollumfänglich nachvollziehbar.
    Was ich nicht nachvollziehbar finde, ist, sich von Worten 'jagen' zu lassen.
    In den Kommentarspalten zum gleichen Thema, anderer Artikel, wurde darauf verwiesen, dass die Selbstbezeichnungen immer wieder wechseln würden, auch oder besonders dann, wenn ein Wort 'rassistisch verbrannt' wäre. Diese 'Jagd', dieses, sich das 'Heft aus der Hand' nehmen lassen, kann ich nicht nachvollziehen.

    Ist es nicht viel interessanter zu erfahren, welche Autoren das Wort benutzten, denen man es nicht zutraute, als unbedingt ein Buch zu lesen, mit dem man (wenn auch nur an einer bestimmten Stelle) nicht einverstandne ist?
    Obwohl ich nicht sicher bin, ob hier Lindgren der Vorwurf zu machen ist oder den Erstübersetzern.

    Ich verstehe das Trigger-Problem mit dem Wort. Aber, ey, lasst Euch nicht kaputt machen - von dem Wort, in einem Buch, das vor knapp 60 Jahren geschrieben wurde. Daher kommt das persönliche Problem nicht, sondern aus der Jetzt-Zeit, aus dem Alltagsrassismus. Es ist ein Wort, und der Rassist hätte auch Kuhauge oder Butterblümchen sagen können. Ich wurde mal Kuhauge genannt - negativ. Irgendwann habe ich begriffen, ja ich bin anders, als die meisten in meiner unmittelbaren Umgebung. Irgendwann wurde meine Welt größer und ich sah, dass viel mehr so und ähnlich aussehen und habe es lieben und schätzen gelernt.

    • em-y
    • 24. Januar 2013 10:47 Uhr

    Sie werden doch selber zugeben, dass ein großer Unterschied zwischen den beiden Worten besteht. Das letztere wird ganz offensichtlich als Beleidigung gemeint, wenn es einem Zeitgenossen Ihrer Hautfarbe zugerufen wird. Aber auch, wenn ich es ärgerlich einem Weißen entgegenwerfe (du blöder Affe!) ist das nicht unschuldig. Der Kontext, Tonfall machen doch die Beleidigung aus.
    Vielleicht verpasse ich was, weil ich nicht in Deutschland geboren wurde, aber ich habe 'Neger' immer nur als eine Bezeichnung für Menschen wie Sie verstanden (bis das Wort ganz offensichtlich zum Tabu erklärt wurde). Ich denke, alle Sprachen hatten eine entsprechende Bezeichnung gehabt, die zur Bezeichnung von dem Anderen, dem für uns Exotischen gedacht wurde und absolut nicht mit dem englischen 'Nigger' gleichzusetzen war.
    Ich selber wurde in Polen als Bosch bezeichnet und Kraut, weil ich deutsche Verwandte hatte und in Deutschland bekam ich 'Pollacke' zu hören. Alle diese Worte waren immer und sind immer noch von vorne herein als Beleidigungen gedacht. Aber wissen Sie, ich wurde auch als 'Aussiedlerin' bezeichnet in einem Tonfall, der keinen im Unklaren belassen hat darüber wie es gemeint war: Als Beleidigung, als Bezeichnung eines Menschen, der minderwertig war aufgrund seines Geburtsortes.
    Nun lese ich manchmal in Büchern 'Pollacke'. Es wird Charakteren in den Mund gelegt, um zu zeigen, was für eine Sorte Mensch sie sind. Beleidigt mich das?

    Ich arbeite in einem gemischten Team mit sehr guten asiatischen, afrikanischen, europäischen und amerikanischen Kollegen und verstehe mich mit allen blendend. Es ist nur so, dass ich bisher zwar das Wort Nigger sehr schlimm fand, aber das Wort Neger wirklich eher eine neutrale Bedeutung hatte. Davon abgesehen finde ich, dass man, gerade indem man die Diskussion mit den Kindern um dieses Wort durch Streichung umgeht, verhindert, dass sie die Bedeutung früher und heute erfahren.

    • em-y
    • 24. Januar 2013 10:56 Uhr

    Nein, das tut es nicht, weil es nicht da ist, um mich zu beleidigen, sondern um den im Buch so bezeichneten Protagonisten zu beleidigen. Es gehört zur Handlung, wird benutzt, um eine Geschichte zu erzählen, u.U. eine wichtige Geschichte. Allerdings sollte das Wort in einer Schrift verwendet werden, deren alleinige Daseinsberechtigung (wenn man es denn als solche bezeichnen kann) ist, gegen eine bestimmte Gruppe zu hetzen, würde ich es sehr wohl als Beleidigung auffassen. Sollte statt 'pollacke' in einem solchen Stück Dreck 'Aussiedler' stehen, wäre das Wort in diesem Fall auch als Beleidigung aufzufassen.
    Wenn Mark Twain seine Bücher schreib und 'Nigger' verwendete, Tat er das nicht, weil er ein Rassist war, sondern weil die Zeiten so waren und viele Menschen dieses Wort benutzten zur Beschreibung von Menschen, von denen sie glaubten, weniger Wert zu sein als sie selber. Für manche war dieses Wort ja auch nich Tal eine Beleidigung, sondern einfach ein alltäglicher Begriff zum Benennen von bestimmten Personen. Macht es das Wort weniger schlimm? Nein. Es bedeutet aber, dass Twain das Wort nicht als Beleidigung gebrauchte, sondern um ein zutreffendes und vollständiges Bild seiner Zeit zu kreieren.
    Nun stellen Sie sich mal

    • em-y
    • 24. Januar 2013 11:12 Uhr

    Nun nehmen wir mal an, jemand schickt sich an, einen historischen Roman über die Zeit der Sklavenhaltung zu schreiben, oder auch nur über rassistische Übergriffe in Deutschland auf Menschen wie Sie. Wollte der Autor ein glaubwürdiges Bild der zu schildernden Zeit kreieren, müsste er wohl den Sklavenhaltern 'Nigger' in den Mund legen, heutige deutsche Rassisten würden das eine oder das andere Wort verwenden, oder auch den 'Affen'. Meinen Sie nun, solche Worte in diesem Buch wären als Beweis für den Rassismus des Autors? Was würden Sie sich vorstellen, schleudern die Rassisten in einem solchen Buch ihrem Opfer entgegen? 'Du Person von dunkler Hautfarbe'? (Übrigens wie wuerde ein deutscher Biedermann din den 50ern Jahren jemanden wie Sie bezeichnen, auch ohne beleidigend sein zu wollen. Wie ich das verstehe, wuerde er 'Neger' sagen.)
    Oder meinen Sie, dass Bücher über unrühmliche Momente in der Menschheitsgeschichte sollten überhaupt nicht geschrieben werden? Sollen wir alle Beweise in historischen Archiven vernichten, Kapitel aus Geschichtsbüchern verschwinden lassen?
    Und bitte haben Sie die Güte, mir in Ihrer etwaigen Antwort auf mein Kommentar keinen Rasissmus zu unterstellen. Dass Sie das in den Foren zu dem Thema jedem unterstellen, der sich gegen die Entfernung dieses Wortes aus alten Werken ausspricht, empfinde ich als fast so schlimm als wenn Sie nun einer mit dem N-Wort ansprechen würde.

    • em-y
    • 24. Januar 2013 11:15 Uhr

    Sicherlich gibt es auch Rassisten in diesen Foren. Die Tatsache allein, dass man nicht jeden Gebrauch des Wortes als rasisstisch empfindet, je nach Zeit (geschrieben vor laengerer Zeit) und/oder Kontext (gebraucht der historischen Genauigkeit wegen), macht aber niemanden zum Rassisten.

    wird doch nicht zu einem besseren Menschen, nur weil er ein anderes Wort benutzt.

    Er/Sie wird Sie auch in Zukunft diskriminierend behandeln, egal welches Wort gerade dem politisch korrekten Zeitgeist entspricht, und dann verwendet wird, es wird in deren Mund zur Waffe gegen Menschen Ihrer Hautfarbe.

    Ich selbst arbeite u.a. ehrenamtlich in einem Umfeld, in dem ich ständig direkten Kontakt zu Menschen "sogenannter schwarzer" Hautfarbe habe. Da ich weiß, dass ich sie mit dem Wort Neger verletze, verwende ich es nicht.

    Im diesem Kontext finde ich deshalb die Verwendung dieses Wortes für nicht richtig. Auch wenn ich es ehrlicher fände, dieses Wort weiter zu benutzen, da es für mich nicht auf das gesprochene, sonder auf das gedachte Wort ankommen sollte.

    Dieses Wort in Kinderbüchern zu streichen, finde ich hingegen für völligen Blödsinn. Kinder besetzen diesen Begriff anfangs nicht negativ. Alles andere kann man ihnen erklären.

    Für mich ist Politische Korrektheit Zensur, die immer wieder gerne als Deckmäntelchen benutzt wird, um zu zeigen, was für ein toleranter und sensibler Mensch man/frau doch ist.

    In Kinderbücher hat diese Form der Kastration allerdings nichts zu suchen.

    =====
    3 x 3 macht 6 - widdewidde
    Wer will's von mir lernen ?
    Alle groß und klein - trallalala lad' ich zu mir ein.
    =====

    Egal ob schwarz, weiß, rot, gelb, lila, braun, grün ...
    Egal wie sie genannt werden ...

    Alle wurden von Astrid Lindgren willkommen geheißen, und dies sollte auch so "stehen" bleiben.

  4. 21 Kommentare hat es gedauert, bis jemand das Offensichtliche aussprach. Vielen Dank dafür!

    Wobei ich ihre suggerierte Unterscheidung "bildungsbürgerlich" vs "dunkelhäutig", die sicherlich nicht gewollt war, nun auch wieder etwas befremdlich finde.

    Antwort auf "Frage"
  5. Hallo infernum, Sie bringen es auf den Punkt: "Der Denkfehler liegt nicht bei Astrid Lindgren.". Wie denkt jemand, der in den Originaltext oder dessen Übersetzung nachgerade böswillig "schlimme Sachen" reininterpretiert? Was ist bei dessen Wertebildung schief gelaufen und warum? Es ist doch der permanente Versuch, Sachen die einem - warum auch immer - Bauchschmerzen bereiten, umzubenennen. Ich empfehle den Wiki-Artikel http://de.wikipedia.org/w... um sich selbst ein Bild vom Sinn und Unsinn solcher Bestrebungen machen zu können.

    Wach bleiben!

    2 Leserempfehlungen
    • snille.
    • 24. Januar 2013 10:19 Uhr

    soso .. ein alter weisser mann (und der grossteil hier kommentierenden, sehr wahrscheinlich auch weissen) empfindet es also als nicht diskriminierend, das wort "neger" zu benutzen .. na dann ist ja im grunde alles gesagt, oder?

    es ist immer wieder erschuetternd, wie stark verhaftet rassismus doch in den koepfen der ach so gut gebildeten menschen hier ist .. und mit welch absurden vergleichen versucht wird, sich selbst dessen freizusprechen .. peinlich auch fuer die zeit, sich hier immer weiter selbst in die schlange einzureihen ..

    bei den vielen dummen aussagen, die sich hier zu dem thema ansammeln, kann ich mir bei weitem nicht vorstellen, dass ein grossteil der vorlesenden/erklaerenden eltern in der lage ist, wirklich reflektiert an die sache heranzugehen ..

    beim vorlesen so mancher klassiker der kinderbuchliteratur ist mir in den letzten jahren wirklich regelmaessig schlecht geworden .. aber wenn der herr professor sagt, dass sich diese vorurteile ("schwarz/nicht-weiss/fremd" = minderwertig,dumm,gefaehrlich etc.) nicht manifestieren, ist ja allet jut.. brauchen weisse kinder ja auch .. so wegen der abgrenzung und so.

    3 Leserempfehlungen
  • Quelle DIE ZEIT, 17.1.2013 Nr. 04
  • Schlagworte Zensur | Kinderbuch | Psychologie | Rassismus
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